Eduard Daege

Der deutsche Maler Eduard Daege wurde heute vor 107 Jahren geboren. Wenn Sie ihn nicht kennen, ist das wahrscheinlich nicht schlimm. Er ist Direktor der Berliner Akademie und der Nationalgalerie Berlin gewesen, und seine Malerei ist, sagen wir, akademisch. Er war ein Schüler von Karl Wilhelm Wach, dessen Bild der ➱Königin Luise aus dem Jahre 1812 berühmt geworden ist. Daege hat hauptsächlich Genrebilder und religiöse Bilder (auch als Wandmalerei) gemalt, also all dies Zeug, was die Malerei des 19. Jahrhunderts so schrecklich macht. Ich zitiere mal eben Meyers Großes Konversations-Lexikon zu Daege: Durch ein anmutiges Bild: Die Erfindung der Malerei, nach Plinius (1832, Berliner Nationalgalerie), machte er sich zuerst bekannt. Später malte er eine Reihe von Altarbildern und nahm auch an der Ausmalung der Kapelle des königlichen Schlosses zu Berlin und der Halle des Museums daselbst teil. Hervorragender als diese Werke sind seine Genrebilder, wie: Der wohltätige Mönch, Der Mesner von einem Knaben durchs Wasser geleitet (in der Berliner Nationalgalerie), Die Einkleidung der Nonne, Die Zuflucht zum Altar u. a. Mit Malern wie ➱Franz Krüger oder ➱Eduard Gaertner kann er nicht konkurrieren. Irmgard Wirth hat in ihrem Standardwerk über die Berliner Malerei des 19. Jahrhunderts gerade mal sieben Zeilen für ihn übrig. Am besten gefällt mir noch dies Jugendbildnis, wahrscheinlich wegen des schönen Huts.

Ein Paradestück von Daege war dieses Bild: Die Erfindung der Malerei von 1832. Hier malt die Töpferstochter Debutades den Umriss des Schattens nach, den ihr Geliebter an die Wand wirft. Denn der muss in den Krieg, Schwert und Helm liegen schon parat, ansonsten ist der Grieche bekanntlich immer nackt. Die Geschichte der Töpferstochter, deren Vater nach dem Schattenriss ein Tonrelief anfertigen wird – und die Moral: erst kommt die Malerei, dann die Plastik! – steht bei Plinius. Daege ist mit seinem Bild kein bisschen originell, ein halbes Dutzend Berliner Maler hatte das Thema seit 1800 schon dem Publikum serviert.

Telling it again and again, das ist bei der akademischen Malerei das Grundprinzip. Und natürlich das Beklauen von Kollegen. Dies Bild hier, dessen Aufbau große Ähnlichkeit mit dem Bild von Daege hat, wurde von dem Belgier Joseph-Benoît Suvée im Jahre 1793 gemalt. Soviel zur Originalität von Professor Daege. Dennoch ist sein Bild nicht so ganz unwichtig, weil es vielleicht auch ein Programm der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts ist. Die deutschen Maler des Klassizismus mögen diese Geschichte von der Töpferstochter Debutades, weil sie aus ihr folgern können, dass sich die Malerei von der der Zeichnung ableitet, nicht etwa aus der Farbe heraus. So malt Daege sein Bild mit knallharten Linien, die Farben klar (und tot) mit einer high key Ausleuchtung. Und so haben wir diese Linienkunst in Deutschland, vom Klassizismus bis zum Biedermeier und noch darüber hinaus. Wir haben nur wenige Maler wie ➱Blechen oder den frühen ➱Menzel, deren Bilder aus der Farbe heraus leben.

Hätte Eduard Daege das Gedicht Der Maler von Christian Fürchtegott Gellert gekannt und verstanden, dann hätte er sein Bild sicherlich von der Leinwand gekratzt:

Der Maler

Ein kluger Maler in Athen,
Der minder, weil man ihn bezahlte,
Als, weil er Ehre suchte, malte,
Ließ einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn
Und bat sich seine Meinung aus.
Der Kenner sagt ihm frei heraus,
Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte,
Und daß es, um recht schön zu sein,
Weit minder Kunst verraten sollte.
Der Maler wandte vieles ein:
Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen
Und konnt’ ihn doch nicht überwinden.

Gleich trat ein junger Geck herein
Und nahm das Bild in Augenschein.
„Oh!“ rief er bei dem ersten Blicke:
„Ihr Götter, welch ein Meisterstücke!
Ach welcher Fuß! O wie geschickt
Sind nicht die Nägel ausgedrückt!
Mars lebt durchaus in diesem Bilde.
Wie viele Kunst, wie viele Pracht,
Ist in dem Helm und in dem Schilde
Und in der Rüstung angebracht!“

Der Maler ward beschämt gerühret
Und sah den Kenner kläglich an.
„Nun“, sprach er, „bin ich überführet!
Ihr habt mir nicht zuviel getan.“
Der junge Geck war kaum hinaus,
So strich er seinen Kriegsgott aus.

Wenn Deine Schrift dem Kenner nicht gefällt,
So ist es schon ein böses Zeichen;
Doch, wenn sie gar des Narren Lob erhält,
So ist es Zeit, sie auszustreichen.

Mit diesem Gedicht hat es eine besondere Bewandtnis, der Dichter hat es 1760 dem preußischen König Friedrich II. vorgetragen. Aber lassen wir ihn selbst berichten, so wie er das Gespräch in seinem Brief an ➱Johanna Erdmuth Schönfeld wiedergegeben hat:

Der König: Weis er keine von seinen Fabeln auswendig?
Ich: Nein.
Der König: Besinne er sich. Ich will etliche mal im Zimmer auf u. abgehen.
Ich: Nunmehr kann ich Ihrer Majestät eine sagen. Ich sagte ihm die Fabel vom Maler in Athen. Als ich bis auf die Moral war, sagte er: Nun die Moral? Ich sagte die Moral.
Der König: Das ist gut; das ist sehr gut! Ich muß ihn loben. Das habe ich nicht gedacht; nein, das ist sehr schön, natürlich, gut u. kurz. Wo hat er so schreiben lernen? Es klingt fein; sonst hasse ich die deutsche Sprache.
Ich: Das ist ein Unglück für uns, wenn Sie die Deutschen Schriften hassen.
Der König: Nein, ihn lobe ich.
Ich: Das Lob eines Kenners u. Königs ist eine große Belohnung.
Der König: Der König wird wohl nicht viel dazu beytragen.
Ich: Ja, wenn der König ein Kenner ist: so wird das Lob vollwichtig.
Der König: Wenn ich hier bleibe, so besuche er mich wieder u. stecke er seine Fabeln zu sich und lese er mir welche vor.

Das Gedicht handelt nicht nur von der Kunst, es handelt auch vom Krieg. Denn schließlich ist es der Kriegsgott, der da zum Schluss ausgestrichen wird. Es ist mutig von Gellert, dem preußischen König eine ➱Friedensbotschaft vorzutragen. Das Thema Krieg und Frieden wird im Gespräch mit dem König noch einmal angesprochen:

Der König: Sind itzt böse Zeiten?
Ich: Das werden Ew. Majestät besser bestimmen können, als ich. Ich wünsche ruhige Zeiten. Geben Sie uns nur Frieden, Sire
Der König: Kann ich denn, wenn Dreye gegen Einen sind?
Ich: Das weis ich nicht zu beantworten. Wenn ich König wäre, so hätten die Deutschen bald Frieden.

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