Ralph Earl

Es ist ein erstaunlicher Brief, den der Colonel Marinus Willett aus New York an den Präsidenten George Washington schreibt. Er lehnt es ab, einen Feldzug gegen die Indianer zu führen: It has been my uniform opinion that the United States ought to avoid an Indian war. I have generally conceived this to be our wisest policy. The reasons alleged in support of the present Indian war have never brought conviction to my mind. From my knowledge and experience of these people, I am clear that it is not a difficult thing to preserve peace with them. That there are bad men among them and that these will at times do acts which deserve punishment is very clear. But I hold that to go to war is not the proper way to punish them. Though they are not free from chicanery and intrigue, yet if their vanity is properly humored, and they are dealt justly by, it is no difficult matter to come to terms with them. The intercourse I have had with these people, the treatment I have myself received from them, and which I have known others to receive, makes me an advocate for them. To fight with them would be the last thing I should desire.Wir wissen aus der Geschichte, dass sein Beispiel leider keine Schule gemacht hat. Washington hatte schon Jahre zuvor Willett zu seinem Sonderbevollmächtigten für die Verhandlungen mit den Indianern ernannt, und Willett hat mit den Creek Indianern 1790 den Vertrag von New York ausgehandelt. Man datiert daher das Bild da oben auch auf das Jahr 1790 (oder später), weil im Hintergrund Indianer zu sehen sind.

Das Portrait des Marinus Willett wurde von Ralph Earl gemalt, einem der ersten amerikanischen Maler. Er wurde am 11. Mai 1751 geboren, war aber in der Revolution nicht auf der Seite der Revolutionäre (sein Vater schon). Der königstreue Ralph Earl ist nach England geflohen und zählte da zu den ersten Studenten von Benjamin West. Dieses Bild von Matthew Pratt heißt The American School, es zeigt junge Amerikaner, die bei ihrem berühmten Landsmann in London lernen. Nach einem halben Jahr bei West versucht Earl sein Glück als selbständiger Maler. Aber fern von London, in der Hauptstadt hätte man jemanden, der Bilder wie das von ➱William Carpenter malt, sicherlich ausgelacht. Earl kehrt nach anderthalb Jahren reumütig in den Haushalt von West zurück. Einen Assistenten hat der schon, den jungen Amerikaner Gilbert Stuart, so bleibt für Earl nur die Rolle des Schlattenschammes in Wests Studio. Earl hat es in England nicht lange ausgehalten (er hielt es nirgends lange aus), er ist 1785 nach Amerika zurückgekehrt. Um all die Personen der amerikanischen Revolution zu portraitieren, deretwegen er aus Amerika geflohen war. Mit Hilfe desQuartermaster von Gentleman Johnny ➱Burgoyne (☚ falls Sie diesen Post vor zwei Jahren verpasst haben sollten, lesen Sie ihn doch jetzt, der ist wirklich nett). Dieser Captain John Money (nicht Morney, wie im Wikipedia Artikel steht), der Earl zur Flucht verhilft, hat es noch in die Literatur geschafft, ich kann die Lektüre von Hilaire Belloc ➱A Norfolk Man nur empfehlen.

Auf dem Schwert von Marinus Willett stehtCongress to Col. Willett, Oct. 11, 1777. Dies ist eins der zehn ➱elegant swords, die der amerikanische Kongress für Heldentaten während des Revolutionskrieges vergeben hat. Marinus Willett ist der Held von Fort Stanwix. In Herman Melvilles Familie sah man das anders, da gilt Willetts Vorgesetzter ➱Peter Gansevoort als der Held von Stanwix. Willett trägt auf diesem Bild den Orden der Society of the Cincinnati, deren Mitbegründer er in New York gewesen ist.

Ralph Earl war Autodidakt, und so ganz hat ihm Benjamin West diese steife puritanische Linienkunst, mit der Earl aufgewachsen war, nicht austreiben können. Etwas ungelenk sitzen die Portraitierten bei Earl auf ihren harten Stühlen – kein Vergleich zur Portraitkunst von John Singleton Copley, wenn wir dies Bild des Roger Sherman (That is Mr. Sherman, of Connecticut, a man who never said a foolish thing in his life, hat Jefferson über ihn gesagt) einmal mit Copleys Bild von der Gattin des Generals ➱Gage vergleichen. Beide Bilder stammen aus der gleichen Zeit, und doch scheinen, malerisch gesehen, Jahrhunderte zwischen ihnen zu liegen. Maler, die so malen wie Ralph Earl bevor er in Europa etwas Rokoko-Eleganz kennenlernte, nennt die amerikanische Kunstgeschichte limner.

Und damit meint man Maler wie diesen anonymen limner, der um 1670 das Bild der kleinen ➱Alice Mason gemalt hat. Es ist eine beinahe naive Malerei wie wir sie siebzig Jahre zuvor auch im England der Königin Elizabeth finden, diese Art der Malerei wird sich in Amerika lange halten. Auch wenn Ralph Earl in seinen Jahren in London gelernt hat, halbwegs wie die Engländer zu malen (das Bild von Marinus Willett wäre ein Beispiel), kehrt er doch gerne in seinen Portraits zu dieser Art Kunst zurück. Die Amerikaner werden diese Kunst immer lieben, seien es die Bilder von ➱Edward Hicks oder von Grandma Moses. Oder die naive folk art des 19. Jahrhunderts, die vielleicht die Wurzel der Pop Art ist.

Wenn Ralph Earl 1785 nach Amerika zurückkehrt (hier einer seiner ersten Kunden, der Kapitän ➱John Callahan und seine Töchter), lässt er erst einmal in New York eine Anzeige in The Independent Journal or the Gen. Advertisersetzen: Last Sunday arrived in town from England, by way of Boston, Mr. Ralph Earl, a native of Massachusetts: he has passed a number of years in London, under those distinguished and most celebrated masters in Painting, Sir Joshua Reynolds, Mr. West, and Mr. Copley. This gentleman now proposes to enter upon his profession in this city. Dass er sein Handwerk bei ➱Sir Joshua Reynolds oder ➱John Singleton Copleyerlernt hätte, ist natürlich eine freche Lüge. Dem englischen Apotheker Dr Joseph Trumbull, den er ➱portraitiert hatte, schrieb er: …the picture Which I have began and finished scince You was heir is the best that eaver I painted, I intend to offer it to Copely to coppey for his improvement. Das ist nun wirklich eine komische Vorstellung, dass John Singleton Copley ein Bild von Ralph Earl kopieren soll, um seine Malkunst zu verbessern.

Schon als er in Boston angekommen war, hatte er gleich einer Zeitung folgenden Text diktiert: To the Patrons of the Fine Arts. The Portrait Paintings by Mr. RALPH EARL, in this town, do him honor as an American, and as an artist of great taste and ingenuity—Connoisseurs in this truly noble and refined art, pronounce several of his performances the most masterly every exhibited in the United States. Mr. Earl was pupil to the celebrated West; and acquired great reputation in London by his Pencil;—and possessing a lively imagination, and pure talent in the principles of his profession, we cannot doubt, and hope, that in this age of refinement, the „well-born and well-bred“ of his countrymen will patronize him in the road to Fame. Some of his Paintings are admirably finished, and display that similarity and expression, as would seem to start them into life—though inanimate they speak. An Selbstbewusstsein und showmanship mangelt es ihm nicht.

Ralph Earl braucht Kunden, die sich von ihm malen lassen (wie hier Elizabeth Schuyler, die Gattin von Alexander Hamilton), er hat nie Geld. Er hatte in England geheiratet und hat zwei kleine Kinder. Dass er schon in Amerika verheiratet war, scheint ihn nicht zu bekümmern. Ein Jahr nach seiner Ankunft in New York sitzt er seiner Schulden wegen im Gefängnis. In Bezug auf Geldschulden und Alkoholkonsum ähnelt er seinem Kollegen ➱Gilbert Stuart, nur dass der ein besserer Maler ist. Er wird lange im Schuldgefängnis sein, erst im Januar 1788 kann er es verlassen. Aber man lässt ihn da malen, seine Gefängniszelle wird zum Studio. Ähnlich war es ➱Colonel John Trumbull ergangen, als man ihn in London als angeblichen amerikanischen Spion zur Zeit der ➱Major André Affäre arretiert hatte. Die Zeit im New Yorker Gefängnis ist die produktivste Zeit von Ralph Earl gewesen. Wahrscheinlich gab es da keinen Alkohol.

Wenn er das Gefängnis verlassen darf, wird er zum ➱itinerant painter, er wird überall hinreisen, wo man ein Bild von ihm haben will. Und er wird seine Kundschaft in ihrem eigenen Zuhause malen, keine diffuse Dekoration mehr im Bildhintergrund. Das ist sicherlich eine Neuerung in der Malerei. Auf diesem charmanten Bild von Oliver und Abigail Ellsworth sitzt das Ehepaar im eigenen Wohnzimmer, mit einem Ausblick auf ihren Besitz. An dieser Stelle wird es nun ein wenig irritierend: das, was wir aus dem Wohnzimmerfenster sehen, ist nicht das Nachbarhaus. Das ist das Haus, in dem das Ehepaar Ellsworth gerade sitzt. Ist das eine Rückkehr zur mittelalterlichen Malerei, in der die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben waren? Das ➱Haus steht heute übrigens immer noch, man kann es auch ➱besichtigen.

Dieses Bild von Elijah Boardman ist sicherlich der Höhepunkt der Kunst von Ralph Earl in der zweiten Hälfte der 1780er Jahre. Er hat den englischen Stil aufgegeben, in dem er den Colonel Marinus Willett, den General Gabriel Christ (der da oben mit gelber Weste und gelben Hosen) und Mrs Alexander Hamilton gemalt hatte. Er ist wieder zu einem gemäßigten amerikanischen Kolonialstil zurückgekehrt, seine Kundschaft mag das offensichtlich. Es ist ein schöner Mann, der da vor uns steht. Elegant gekleidet, leicht elongiert. Es könnte ein englischer Lord sein, aber wie der Ausblick in hintere Räume zeigt, ist es ein Kaufmann. Ein gebildeter Kaufmann, zu dessen Büchern Moore’s Travels, ein Dictionary of the Arts and Sciences und das London Magazine vom Jahr 1786 gehören. Wenn man eine Person nicht mit drei Pinselstrichen charakterisieren kann wie Sir Joshua Reynolds, dann legt man viel Wert auf das Detail. Offensichtlich mag das auch die Kundschaft, wenn die weißen Seidenstrümpfe so gemalt sind wie hier. Für Modehistoriker ist Ralph Earl interessanter als andere Maler in dieser Zeit.

Bei dem Bild von Elijah Boardman (wie auch hier bei dem Bild von seinem Bruder Daniel mit einem schönen Landschaftsausblick) hat sich Ralph Earl besondere Mühe gegeben, die Familie Boardman gehört zu seinen wichtigsten Mäzenen. Doch obgleich es dem Chronisten der jungen amerikanischen Republik an Aufträgen nicht mangelt, kommt er auf keinen grünen Zweig. He had considerable merit — a breadth of light and shadow — facility of handling, and truth in likeness, but he prevented improvement and destroyed himself by habitual intemperance, schreibt William Dunlap in seiner History of the rise and progress of the arts of design in the United States. Er hat 73 Seiten für John Trumbull übrig, 70 für Stuart, aber für Earl nur einen kleinen Absatz mit diesem Zitat. 1801 ist Ralph Earl in Bolton (CT) gestorben, er bekam ein Armengrab auf dem Gemeindefriedhof. Heute steht da (seit dem Jahre 1935) ein würdiger  ➱Gedenkstein.

Marinus Willett lebte damals noch, 1807 wurde er noch Bürgermeister von New York. Er ist sehr alt geworden, neunzig Jahre. Als er 1840 stirbt, lebte nur noch ein Stabsoffizier aus dem Revolutionskrieg, der Maler Colonel John Trumbull, der noch bei ➱Bunker Hill dabei war.

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