Kunstraub

Am 19. Mai 1852 begann in Paris die Versteigerung der Kunstsammlung des Marschalls Soults. Nicolas Jean-de-Dieu Soult, Herzog von Dalmatien war im November des Jahres 1851 gestorben, einer der letzten Marschälle Napoleons. Hatte sich nach Waterloo an die Bourbonen rangeschmissen und war sogar noch Generalmarschall von Frankreich geworden. Davon gibt es nicht so viele, Turenne war das gewesen und Maurice de Saxe auch. Moritz von Sachsen kam ➱hier schon einmal vor, Turenne noch nicht. Vielleicht kommt das noch. Sie wissen es inzwischen, ich mag diese kleinen kulturhistorischen Miniaturen. Glücklicherweise viele meiner Leser auch.

Als Soult starb, lebte von Napoleons Marschällen nur noch ein einziger: Auguste Frédéric Louis Viesse de Marmont, der Herzog von Ragusa. Klingt besser als Herzog von Dubrovnik, meint aber das gleiche. Napoleon, der über ihn einmal gesagt hatte: mon fils, mon enfant, mon ouvrage, hatte ihn von der Liste der Marschälle gestrichen, weil Marmont ihn verraten hatte. Das wissen die Franzosen heute noch immer, das Verb raguser ist im Französischen ein Synonym für verraten. Marmont, der am 2. März 1852 in Venedig starb, hat den Verkauf der Kunstsammlung von Soult nicht mehr erlebt. Der ➱Herzog von Wellington schon, er stirbt zwar auch 1852, aber er hat alle Marschälle Napoleons überlebt. Wellington hatte Soult nach Waterloo noch einmal getroffen, er hat ihn am Arm ergriffen und gesagt Aha, I have got you after all these years! Aber das war nur ein kleiner Scherz, Soult war als offizieller Vertreter Frankreichs zu ➱Krönung von Königin Victoria nach London gekommen, nicht um dort Gemälde zu stehlen. So ganz begeistert war man in London von Soult nicht. England, we confidently hope will show more tact in the reception — than France has done in the selection — of the Ambassador Extraordinary! schrieb der London Quarterly Review. Das private Abendessen bei Wellington hat Soult allerdings vorzeitig verlassen, er konnte es wohl nicht ertragen, dass der ganze Raum voll war mit Gegenständen, die einmal seinem Kaiser gehört hatten. Auch Kunsträuber wie Soult haben eine empfindsame Seite.

Die Kunstsammlung des Marschalls Soult (hier ein Zurbaran) ist in ganz Europa berühmt. So hat z. B. der Marschall Soult eine der schönsten Sammlungen spanischer Gemählde, die man nur finden mag; wahrscheinlich haben ihm dieselben nicht viel gekostet, schrieb dasMorgenblatt für gebildete Stände 1815. Sie hat ihn gar nichts gekostet, er hat sie schlichtweg geklaut, a plunderer in the world class hat ihn Michael Glover in dem Penguin-Band The Peninsular War 1807–1814 genannt.

Zurbarans Heilige Apollonia hat er wahrscheinlich in Sevilla aus der Kirche mitgehen lassen. Für den Raffael hat er, wie er gerne erzählt, zwei Mönche bezahlt. Die waren von den Franzosen zum Tode verurteilt worden, Soult schenkte ihnen das Leben, das Kloster schenkte ihm den Raffael. Als der Colonel John Gurwood, der die gesamte Korrespondenz Wellington herausgegeben hat, ihn in seinem Schloss besuchte, sagte Soult vor dem Raffael: I value that picture very much; it saved the lives of two estimable men. Woraufhin sein Adjutant Gurwood zufüsterte: He threatened to have them both shot if they did not send him their painting.

Vor der Februarrevolution in Paris 1848 hatte Soult seine Sammlung nach Brüssel transportieren lassen. Die Bilder wurden in den Stallungen eines belgischen Adligen versteckt, gleichzeitig versuchte Soult, sie in London verkaufen zu lassen. Aber niemand griff bei den Schnäppchenpreisen zu. Diesen riesigen und scheußlichen Murillo (der in Soults Schloss Soultberg von einem grünen Seidenvorhang verdeckt war, den nur er selbst aufziehen durfte), der 1852 586,000 Francs erbrachte, hätte man für ein Viertel des Preises haben können. Ich würde den Murillo ja nicht für geschenkt nehmen. Oder nur, um ihn gegen einige ➱Cotman Aquarelle zu tauschen.

Dieses Bild hat Soult natürlich nicht besessen. Dieser Delacroix ist ein Bild der Revolution von 1830, die Soult in Lyon niedergeschlagen hat. So etwas würde er sich nicht an die Wände hängen. Er hat auch schon vor den Verkaufsversuchen von 1848 Bilder verkauft. Zwar ist er seit 1830 Kriegsminister oder hat die Präsidentschaft im Kabinett, aber er braucht Geld. Er hat viel Geld bei Börsenspekulationen in den dreißiger Jahren verloren. Für seine Familie wird nach seinem Tod noch etwas übrigbleiben, der Verkauf der Kunstsammlung im Jahre 1852 wird 15 Millionen Francs erbringen. Den Delacroix hat übrigens die neue Regierung 1831 für dreitausend Francs gekauft, das Bild sollte im Thronsaal des Bürgerkönigs Louis Philippe hängen, um ihn immer daran zu erinnern, wie er an die Macht gekommen war. Aber das war denn doch irgendwie zu politisch, und Delacroix hat sich sein Bild wieder zurückgeholt.

Der Herzog von Wellington besaß auch eine Sammlung spanischer Kunst, also das Portrait von Goya mal ausgenommen, das 1961 von dem pensionierten Busfahrer ➱Kempton Bunton aus der National Gallery geklaut wurde. Da wissen wir ja, dass das bei Dr No gelandet ist. Wellingtons Sammlung kann man noch heute im Apsley House besichtigen. Die hat er aber nicht auf die gleiche Weise „erworben“ wie Soult zu seinen Bildern gekommen ist. Die Bilder hatte Joseph Bonaparte, von Napoleon ernannter König von Spanien, in Madrid geklaut, und Wellington (beziehungsweise ein Captain Wyndham) hatte sie ihm nach der Schlacht von Vitoria abgenommen. Er wollte sie dem spanischen König Ferdinand VII zurückgeben, erhielt sie aber dann als Geschenk.

So schreibt ihm der spanische Gesandte Graf Nunez 1816: Most Excellent Sir, Esteemed Duke and friend,  I hand you enclosed the official reply which I have received from the Court, and from the same I gather that His Majesty, touched by your delicacy, does not wish to deprive you of that which has come into your possession by means as just as they are honourable. Such is my view of the case, and thus I believe you ought to let the matter rest where it stands and to refer to it no longer. At any rate, whatever may have been your intention, I shall always be ready to act according to your wishes, not alone in this, but in all other matters in which I can be of assistance to you.

Your devoted friend and Affectionate cousin, who salutes you,
Fernan Nuñez

Spanien konnte wohl nicht anders handeln. Wellington hatte die Bilder 1813 nach England gesandt, da wusste er noch nicht, wem sie gehörten. Und nach der Schlacht von Waterloo konnte man in Spanien dem Mann, der Napoleon besiegt hatte, schlecht die Bilder wieder wegnehmen. Eine detaillierte Geschichte der Sammlung (zusammen mit einem Katalog von Wellingtons Bildern) finden Sie auf dieser schönen ➱Seite.

Eins seiner Bilder hat unser Marschall Soult allerdings bezahlt. Es ist ein Portrait, das ➱Friedrich Georg Weitsch 1808 von ihm in Stettin gemalt hat (der bei dieser Gelegenheit noch vier napoleonische Generäle gemalt hat).Weitsch ist heute nicht mehr so bekannt, aber er war in seiner Zeit ein begehrter Portraitist. Wir verdanken ihm dieses schöne Bild von Alexander von Humboldt (links). Das lebensgroße Portrait des Marschalls war für den Salle des Maréchaux in den Tuilerien bestimmt, Napoleons Marschälle denken immer schon an die Nachwelt. Das Bild des Marschalls Soult ganz oben wurde von Louis Henri de Rudder im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts nach einem Original von Jean Broc gemalt. Wo das Portrait von Weitsch abgeblieben ist, weiß ich leider nicht.

Bei der Gelegenheit bestellte Soult sich auch noch eine monumentale, auf fünf Meter Breite angelegte Darstellung einer Parforcejagd mit Soult in seiner Eigenschaft als Großjägermeister von Frankreich als Hauptfigur. Dazu fällt mir jetzt irgendwie nur ein anderer Marschall und Kunsträuber ein, der auch Reichsjägermeister war. Das riesige Werk mit der Parforcejagd ist allerdings glücklicherweise nicht über das Stadium einer Skizze hinausgelangt.

Es gibt aber in der Geschichte von Krieg und Kunstraub manchmal auch rühmliche Ausnahmen. Als Johann Friedrich Adolf von der Marwitz das Jagdschloss Hubertusburg der Kurfürsten von Sachsen auf Befehl von Friedrich dem Großen ausplündern sollte, sagte er seinem König es würde sich allenfalls für den Offizier eines Freibataillons schicken, nicht aber für einen Kommandeur Seiner Majestät Gensdarmes. Und ersuchte um seinen Abschied aus der Armee. Sein Neffe Friedrich August Ludwig von der Marwitz hat über ihn gesagt, er sein ein sehr braver und in großer Achtung stehender Soldat, ein feiner und sehr gebildeter Weltmann, ein großer Freund der Literatur und der Kunst gewesen. Und ließ auf seinen Grabstein die Sätze setzen: Sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in all seinen Kriegen. Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.

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