Robert Vernon

Es gibt keinen Wikipedia Artikel für ihn. Sein Name wird zwar in den Artikeln National Gallery und Tate Gallery erwähnt, aber that’s all. Irgendwie ist das erstaunlich. Robert Vernon ist am 22. Mai 1849 in seinem Haus in der Pall Mall gestorben. Wenn man in der Mitte des 19. Jahrhunderts Pall Mall als seine Adresse angeben kann, hat man es ganz nach oben geschafft. Wenn man dann auch noch wie Vernon im Jahre 1838 in den Athenaeum Club aufgenommen wird, dann ist man im gesellschaftlichen Himmel der englischen Gesellschaft angekommen. Vernon wurde in Ardington in Berkshire beerdigt, weil er dort Grundbesitz hatte. Und einen nicht eben kleinen Landsitz, ➱Ardington House, den er 1833 gekauft hatte.

Dieses Bild von Sir Edwin Henry Landseer hängt heute in der Tate Gallery, die heute ja eher dafür bekannt ist, dass sie in Formalin eingelegte Kühe von Damien Hirst ausstellt (die aktuelle ➱Damien Hirst Ausstellung geht übrigens noch bis zum September). Das Bild hat den Titel A Dialogue at Waterloo, und Sie ahnen schon, dass der ältere Herr rechts niemand anders als der Herzog von Wellington sein kann. Hier erklärt er seiner Schwiegertochter die Schlacht von Waterloo, eine Szene, die es nur in der Phantasie des Malers gegeben hat. Das Bild stammt aus der Privatsammlung von Robert Vernon. Ich habe es deshalb ausgesucht, weil das, was hier dargestellt wird, etwas mit Vernon zu tun hat.

Der Turner stammt auch aus der Sammlung von Robert Vernon, aber es hat nur etwas mit ihm zu tun, weil er es direkt vom Künstler gekauft hat. Ohne die Beratung durch Kunsthändler, nur seinem eigenen Urteil vertrauend. Dabei hatte er nie studiert, gehörte nicht jener englischen Klasse aufgewachsen, die Gemäldesammlungen in ihren Landsitzen besitzen. Über die Alexander Pope in seinem satirischen Gedicht A Man of Taste schrieb:

In curious matters I’m exceeding nice,
And know their several beauties by their price;
Auctions and sales I constantly attend,
But choose my pictures by a skilful friend;
Originals and copies much the same,
The picture’s value is the painter’s name
.

Dies Bild von John Frederick Herring, das The Frugal Meal heißt, ist auch aus Vernons Sammlung. Er wird es mit Vergnügen gekauft haben. Es ist zwar nicht in der gleichen Liga wie der Turner, aber der Maler war in seiner Zeit sehr geschätzt, selbst Königin Victoria bestellte Bilder bei ihm. Lebte er heute noch, würde Elizabeth II bei ihm Pferdebilder bestellen. Mit Pferden kennt Vernon sich aus, er hat sein Vermögen mit ihnen gemacht. He amassed a large fortune as contractor for the supply of horses to the British armies during the wars with Napoleon, steht im ➱Dictionary of National BiographyEs wundert mich nur, dass er keinen ➱George Stubbs in seiner Sammlung hatte.

Wenn man die Armee des Herzogs von Wellington mit Pferden beliefert, dann muss man natürlich auch einen Landseer besitzen, auf dem der Duke of Wellington, Waterloo und Pferde drauf sind. Pferdehändler (und ihre modernen Nachfahren die Autohändler) haben ja im Volksmund einen etwas zweifelhaften Ruf. Wir können sicher sein, dass jemand, der einer der größten Armeelieferanten zur Zeit Napoleons ist, mit allen Wassern gewaschen ist. Aber Vernon kauft seine Bilder nicht, um damit einen Reibach zu machen. Er kauft Kunst, um Künstler zu unterstützen. Er braucht keine Berater, er braucht keine Kunsthändler. Und keine Kunstkritiker mit ästhetischen Theorien. Maler sind ihm dankbar dafür. He sees more in my pictures than I ever painted, hat Turner über Ruskin gesagt. Das Bild von Constable oben, ➱The Valley Farm, hat er in Constables Studio gesehen und es sofort gekauft. Stunden vor ihm war ein Kunstkritiker bei Constable, der den Maler mit feinsinnigen Theorien genervt hat. Robert Vernon sieht das Bild und kauft es, obgleich es noch nicht ganz fertig ist. He saw it free from the mustiness of old pictures – he saw the daylight purely – and bought it – it is his – only I must talk to you about price for he leaves all to me,schreibt Constable einem Freund. Vernon hatte Constable gefragt, ob das Bild für jemand bestimmten gemalt sei, und Constable gab zur Antwort: Yes, sir, it is painted for a very particular person, – the person for whom I have all my life painted. Maler malen erst einmal für sich selbst. Vernon wird Constable dreihundert Pfund für das Bild bezahlen, so viel Geld hat der Maler mit keinem seiner Bilder verdient.

William Etty hat für das scheußlich kitschige Bild, das Constable nur the bumboatnannte (lesen Sie doch den ➱William Etty Post, das bilde ich nicht noch mal ab), wahrscheinlich noch mehr erhalten. Er konnte dem Bündel Bargeld, dass Vernon nach dem Abendessen auf den Tisch legte, nicht widerstehen. Vernon lädt in vielen Fällen die Künstler zum Essen ein und lässt danach die Pfundnoten knistern, eine etwas zivilisiertere Form des Pferdehandels. These men were not buying ’safely‘ – there was plenty of more conservative painting around to decorate their houses. They were buying with the panache with which they made their money; but they weren’t throwing their money away, sagt Anthony Bailey in seiner William Turner Biographie über Männer wie Robert Vernon, Jacob BellElhanan Bicknell, Benjamin Godfrey Windus und John Sheepshanks. Andere würden alte Niederländer oder Italiener kaufen. diese Männer kaufen englische Kunst.

Sheepshanks hat sein Vermögen als Tuchfabrikant in Yorkshire gemacht, er wird fünfhundert Bilder für eine neu zu gründende Nationalgalerie stiften. Sheepshanks und Vernon sind jetzt eine neue Sorte Sammler, das Sammeln von Kunst wird in den Anfangstagen der Herrschaft von Königin Victoria nicht mehr die Sache des Adels (oder der Kunsträuber wie ➱Marschall Soult) sein. Jetzt sammeln die entrepreneurs. Und sie sammeln nicht für sich, sie haben das Ziel, der Nation eine Sammlung englischer Gegenwartskunst zu verehren. Ab 1844 war Vernons Sammlung für die Öffentlichkeit zugänglich, 1847 wird er sie der National Gallery stiften, von wo sie eines Tages in die Tate Gallery wandern wird.

Vernon hat seine Herkunft gerne im Dunklen gelassen und sich als self-made man stilisiert. So ganz stimmt diese from rags to riches nicht. Schon sein Vater hatte ein gut gehendes Fuhrgeschäft (und eine kleine Gemäldesammlung), Robert Vernon macht daraus einen florierenden Kuschenverleih. Also so etwas wie Sixt für die ➱Regency Zeit. Für die Dandies, die mal gerade eben ihren Schneider bezahlen können, aber keine eigene Kutsche wie ➱Lord Byron besitzen. Dann kommt der Krieg gegen Napoleon, an einem Krieg kann man immer verdienen. Wellington hat allerdings sein Lieblingspferd Copenhagen nicht bei Robert Vernon gekauft.

Auf dem Portrait von Henry William Pickersgill (ganz oben) hat Robert Vernon eine beinahe militärische Haltung angenommen. Als wolle er den Herzog von Wellington imitieren. Es ist die Pose eines viktorianischen Gentlemans mit einem touch von Dandy, der sich hier mit einem seidenen Morgenmantel über der Gesellschaftskleidung und dem kleinen King Charles Spaniel auf dem Schoß sehr privat gibt. Die Anpassung an die oberste Klasse der sich in dieser Zeit immer stärker formierenden englischen Klassengesellschaft ist perfekt.

Natürlich ist Robert Vernon in der Geschichte der Kunst kein Unbekannter, auch wenn das Fehlen von Wikipedia Artikeln das suggerieren könnte. Robert Hamlyn hat ihn in dem Büchlein Robert Vernon’s Gift: British Art for the Nation 1847im Jahre 1993 gewürdigt. Es ist eine Sammlung, die einen Zeitgeschmack wiedergibt, das macht sie besonders interessant. Vergleichbar mit der Sammlung des in England lebenden Hamburger Millionärs ➱Gustav Christian Schwabe, die die Hamburger Kunsthalle leider nach der letzten Ausstellung 1970 in den Keller verbannt hat. Über diese Sammlung schreibe ich gerne noch einmal.

Alle Bilder im Text sind aus der Sammlung von Robert Vernon. Man kann die ganze Sammlung auf der ➱Seite der Tate Gallery bewundern. Hoffentlich schreibt mal jemand einen schönen Wikipedia Artikel für Vernon, arbeitslose Kunsthistoriker muss es doch auch in England geben. In dem hübschen kleinen Roman The Clothes on Their Backs von Linda Grant (der knapp den Booker Prize verfehlte) bewirbt sich die Heldin bei der National Gallery und wird dort abgelehnt. Als sie empört dort anruft, bekommt sie die Antwort, man hätte hier promovierte Kunsthistoriker, die an der Kasse Ansichtskarten verkaufen würden. Ich fand die Romanstelle beim Lesen sehr komisch, aber es ist wahrscheinlich auch ein bisschen wahr.

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