Bettermann

In den siebziger Jahren zog mein Uni-Institut in einen scheußlichen Neubau, der zusammen mit anderen außerhalb des Campus lag. Die Bauten waren eigentlich als Behördenmehrzweckbauten geplant, die gesamte Uni-Verwaltung, die noch über die Stadt verstreut war, sollte da einen neue Heimat finden. Die Baumaßnahme war, wie immer bei solchen Bauten, auch mit einem kleinen Skandal verbunden, weil der Kultusminister den Bauauftrag einem Parteifreund aus seinem Heimatort hatte zukommen lassen. Irgendwann hatte jemand die Idee, die halbe Uni hier unterzubringen, und die Bauten bekamen den schönen Namen Fakultätenblöcke.

Und damit diese architektonische Tristesse ein wenig schöner wurde, gab es auch diese gefürchtete Kunst am Bau. Unser Institut bekam einen Bettermann, ein Ölgemälde in grellen Farben gespachtelt, das überdimensionierte Sonnenblumen zeigte. Einfach scheußlich. Wir trösteten uns damit, dass wir im nächsten Jahr einen Peter Nagel an der Wand hängen haben würden, denn es war beim Bezug der Gebäude vereinbart worden, dass die Bilder in den einzelnen Stockwerken von Jahr zu Jahr ausgetauscht werden sollten. Unglücklicherweise wurden sie allerdings von Handwerkern, die diese Regelung nicht kannten, eines Tages so in die Wand festzementiert, dass ein Austausch nie mehr möglich wurde. Wäre es dieses Bild gewesen, dass in Flensburg hängt, ich hätte ja nichts gesagt, aber es waren diese gräßlichen Sonnenblumen.

Gerhard Bettermann hat viele Gebäude mit seinen Kunstwerken verschönt. Er profitierte von dieser schleswig-holsteinischen Kunst am Bau Richtlinie, für die er selbst als Initiator mitverantwortlich war. 1954 gründete Bettermann den Landesberufsverband der Bildenden Künstler in Schleswig-Holstein und war bis 1970  dessen Erster Vorsitzender, eine Position, die ihm eine gewisse Macht (und viele Beziehungen) verschaffte. Dieses Mosaik, das eine Schule verschönt, ist gerade abgenommen worden, weil es zu zerfallen droht. Ich weiß nicht, ob man es nach der Restaurierung wieder anbringt. Denn der Ruf von Gerhard Bettermann ist auch ein wenig brüchig geworden.

Ich habe letzte Woche bei der Buchhandlung um die Ecke, wo es mal wieder eine Aktion Ein Kilo Buch für 5 Euro gab, einige Tüten voller Bücher abgeschleppt. War nicht so ergiebig wie vor Jahren, als mir die ganze Literatur zu Charles Darwin zu einem Spottpreis in die Tüte purzelte. War aber doch ganz nett. Für den kleinen Carlo fiel auch ein Buch über Dinosaurier ab; wenn er nicht Indianer oder Pirat ist, interessiert er sich jetzt für Dinos. Eins der Fundstücke war ein Heft derZeitschrift für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein aus dem Jahre 2010. Waren interessante Aufsätze über den Pastoratsgarten in Ulsnis und den Linden-Quincunx in Salzau drin. Der Band enthielt auch zwei Aufsätze über Gerhard Bettermann, passend zum hundertsten Geburtstag des Künstlers. Obgleich mich Bettermann nicht die Bohne interessiert, habe ich das doch gelesen. Weil ich alles über Denkmalschutz lese, was ich in die Finger kriege. Mein Freund Peter hat mich immer über den Denkmalschutz in Bremen auf dem Laufenden gehalten.

Aber was ich da über Gerhard Bettermann las, angeblich einen der bedeutendsten Künstler Schleswig-Holsteins, ließ mich doch erstaunen. Wieder wurde die Geschichte von dem armen unter den Nazis verfolgten Künstler aufgetischt. Konnte kein Bild verkaufen, weil seine Werke zur entarteten Kunst gehörten. Angeblich hat Goebbels persönlich seine Bilder aus einer Ausstellung entfernt. Irgendwie schien es sich noch nicht bis zum Landesamt für Denkmalpflege herumgesprochen haben, dass die ganze Lebensgeschichte von Bettermann ein Phantasieprodukt war. Ich kann da nur empfehlen, diesen ➱Artikel von ➱Nicolaus Schmidt zu lesen.

Als Bettermann Vorsitzender des Landesberufsverbands der Bildenden Künstler wurde, lief der Prozess gegen den Kunstfälscher Lothar Malskat noch (ja, der mit den ➱Truthähnen). Wie muss sich Bettermann damals gefühlt haben? Hat er Angst gehabt, dass seine gefälschte Biographie auch mal aufflog? Aber vor wem sollte er sich fürchten? Schläfrig-Holstein war damals ja noch in der Hand von NSDAP Parteigenossen, mit einem Ex-Nazi als Ministerpräsidenten. Und wir hatten hier den Fall Heyde-Sawade und den Euthanasie-Arzt Werner Catel in seiner schönen Villa am Forstbaumschulenpark. Und dann dieser Theologieprofessor Martin Redeker, dessen Vorlesungen auf Papier mit dem Naziadler geschrieben waren.

Die Bettermann Mosaiken an den Gebäuden zerbröseln überall. Wie die gefälschte Lebensgeschichte des Künstlers. Muss man so etwas mit viel Geld erhalten? Das Geld hätte man auch jungen Künstlern geben können, wäre vielleicht besser angelegt. Für die Redaktion derZeitschrift für Denkmalpflege bedarf es dringend einer Erarbeitung eines Werkverzeichnisses… ein Desiderat, da nicht nur die Arbeiten Bettermanns allzu vorschnell als rein kunsthandwerkliche Dekoration ‚langweiliger‘ Architekturoberflächen abgetan wurden. Waren sie jemals mehr als genau das? Die Zeitschrift für Denkmalpflege hat den schönen Titel DenkMal! Diese Aufforderung sollte man beim Landesamt für Denkmalpflege mal wörtlich nehmen. Das Schöne am Ruhestand ist, dass ich diesen scheußlichen Bettermann neben dem Geschäftszimmer des Instituts nicht mehr jeden Tag zu sehen brauche.

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