James Gillray


 IN MEMORY
OF Mr. JAMES GILLRAY,
CARICATURIST,
WHO DEPARTED THIS LIFE
1ST JUNE, 1815,
AGED 58 YEARS
stand auf seiner Grabplatte. Die letzten Jahre seines Lebens hatten mit der Heiterkeit, die seine Zeichnungen erwecken, nichts mehr zu tun. Eher mit Hogarth‘ Beer Street oder ➱Gin Lane. Dazu kommt der graduelle Verlust des Augenlichts und des Verstandes.

James Gillray war der beste politische Karikaturist seiner Zeit, böser als ➱Thomas Rowlandson. Dieses Bild heißt The First Kiss this Ten Years! Or, the Meeting of Britannia and Citizen Francois. Es ist Gillrays Kommentar auf den Frieden von Amiens. Madame, permittez me to pay my profound esteem to your engaging person!— & to seal on your divine Lips my everlasting attachment!!! sagt der schlanke Franzose. Und die dicke Britannia antwortet:Monsieur, you are truly a well-bred Gentleman!— &, tho‘ you make me blush, yet, you Kiss so delicately, that I cannot refuse you, tho‘ I was sure you would Deceive me again!!! An der Wand über den beiden scheinen sich Napoleon und George III die Hände zu schütteln.

Ja, die Franzosen, nichts als schöne Worte und Küsse. Aber kann man ihnen trauen? Dieses I was sure you would Deceive me again!!! bleibt  ja doch ein wenig im Hinterkopf. Wir wissen auch, dass der Friede von Amiens gerade mal ein Jahr gehalten hat. Die Engländer hatten den Marquess Cornwallis als Unterhändler nach Frankreich geschickt. Zwanzig Jahre zuvor hatte der sich mit seiner Armee George Washington und dem französischen General Rochambeau bei ➱Yorktown ergeben müssen, da liebt man die Franzosen nicht unbedingt. Zumal die auch den trickreichen Talleyrand als Verhandlungsführer hatten. I feel it as the most unpleasant circumstance attending this unpleasant business that, after I have obtained his acquiescence on any point, I can have no confidence that it is finally settled and that he will not recede from it in our next conversation, schreibt Cornwallis einmal während der Verhandlungen.

Den Lord Cornwallis hatte Gillray auch schon einmal abgebildet. Es ist aus der Zeit als Lord Cornwallis Generalgouverneur von Indien ist und sich nach der gewonnenen Schlacht nach Bangalore zurückziehen muss. Seinen Truppen fehlt es an Proviant, sein Gegner Tipu Sultan hat gerade die Taktik der verbrannten Erde erfunden. Noch ist die englische Herrschaft in Indien nicht sicher. Wenn er jetzt Cornwallis karikiert, dann nicht, weil der in Indien erfolglos ist. Gillray liebt es nun einmal, das Establishment lächerlich zu machen. Noch ist er politisch unabhängig, wenig später wird er von den Tories für einige Jahre eine geheimgehaltene Pension bekommen.

Das Schöne an Gillrays Bildern ist, dass jedermann sie versteht. Dies hier, das Fashionable Contrasts heißt, wird nicht nur Schuhfetischisten und Modehistoriker begeistern. Die Herzogin von York soll ja sehr kleine Füße gehabt haben. Ich weiß nicht, ob Andy Warhol Gillray zum Vorbild genommen hat, als er seine ➱Schuh-Serie zeichnete, aber besser als Gillray kann er es nicht.

Wenn James Gillray auch vielen Engländern Freude bereitete, so gab es doch einen, der wohl seinen Tod begrüßt hat. Und das ist seine königliche Hoheit der Prince of Wales (der sogar so weit ging, Druckplatten von Gillray aufzukaufen und zu vernichten). Dies Bild zeigt den Prince of Wales nach einer Liebesnacht mit Mrs FitzHerbert. Die sieht da nicht ganz so vornehm aus wie auf dem Bild von ➱Romney, sie möchte ihn noch mal ins Bett kriegen, aber er kann nicht mehr. Die ausgelaufene Weinkaraffe und die Kerze auf dem Tisch symbolisieren seinen Zustand bei diesemMorning After. Wahrscheinlich ist es eine Anspielung auf Hogarths gleichnamiges ➱Bild aus The Marriage à la Mode, das auch einen erschöpften Kavalier zeigt.

Es ist die schöne Zeit des Rude Britannia, man ist immer wieder verblüfft, welche Freiheiten die Presse hat. Im Königreich Hannover, das ja in einer Art Personalunion zu England gehört, gibt es solche Freiheiten nicht. Im Rest der obrigkeitshörigen deutschen Kleinstaaten auch nicht. Hier noch einmal ein Bild des fetten Dandys George. Das Bild an der Wand zeigt den italienischen Philosophen Luigi Cornaro, der das Erreichen seines hohen Alters gesundem Essen und strenger Diät zuschrieb. Wahrscheinlich haben die bei den Weight Watchers alle seine Gesundheitsratschläge abgeschrieben, für den fetten George ist es eh zu spät.

James Gillray hat nicht nur Georgie Porgie ganz oben auf der Liste der Hassobjekte, auch Napoleon kann er nicht ausstehen. Und so hält auf diesem Bild (Death of the Corsican Fox) der englische König den Fuchs Napoleon in der Hand (im Hintergrund galoppiert William Pitt herbei) und wirft ihn seinen Hunden zum Fraß vor. Die Hunde haben Namen am Halsband: sie heißen ➱Horatio Nelson, Marquess Cornwallis, ➱Sir Sidney Smith, Lord Alan Gardner und Lord St Vincent. Cornwallis ist dabei, weil er als Lord Lieutenant von Irland gerade die tausend Franzosen unter General Jean Humbert aus Irland verjagt hat. Wir sind im Jahre 1803, mit dem Tally-ho des Königs ist es noch etwas verfrüht, die Schlacht von ➱Waterloo ist noch nicht geschlagen. Vielleicht hätte Gillray noch einen Hund mehr auf das Bild zeichnen sollen. Einen der Wellington heißt.

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