Christian Heineken

Dat is een Perd, dat is ’n Katt un dat is een Kerkturm und dat do is ’n Seilschipp, sagt die Amme dem Kind. Am nächsten Tag kann das Kind die Wörter wiederholen und im Bilderbuch auf die richtigen Sachen zeigen. Das Kind heißt Christian Heineken, es ist zehn Monate alt. Mit zwei Jahren beherrschte er außer dem Plattdeutschen auch das Hochdeutsche. Und Französisch und Latein. Ich konnte schon lesen und schreiben, als ich zur Schule kam. Wenn der Opa sich langweilt, weil er gerade als Lehrer pensioniert ist, dann kann man das. Aber in dem Alter, in dem man in die Schule kommt, war der kleine Christian Heineken schon tot. Hatte jedoch mit drei Jahren eine Geschichte Dänemarks geschrieben. Angeblich. Dabei war das arme kranke Kind zu schwach, um einen Bleistift zu halten. Und schreiben konnte er erst mit vier Jahren.

Jean Paul hat ihn in seiner Selberlebensbeschreibung erwähnt: Nun glaub‘ ich meine Pflicht als selbhistorischer Professor in Rücksicht auf das Erziehdörfchen Joditz so erfüllt zu haben, daß ich in der nächsten Vorlesung mit dem Helden und den Seinigen in Schwarzenbach an der Saale einziehen kann, wo freilich der Vorhang des Lebens um mehre Schuh hoch aufgeht und man vom Hauptspieler schon etwas mehr zu sehen bekommt als die bloßen Kinderschuhe, wie leider bisher. Denn in der Tat aus der heutigen Vorlesung schicken wir ihn in die nächste als einen mehr als zwölfjährigen Menschen mit zehnmal weniger Kenntnissen als der dreijährige Christian Heinrich Heineken hatte, da ihn nach dem Examen die Amme wieder an den Busen legte – so ohne alle Natur- und Länder- und Weltgeschichte ausgenommen das Teilchen davon, welches er selber war – so ohne alles Französische und Musikalische – im Lateinischen nur mit ein bißchen Lange und Speccius angetan – kurz als ein solches leeres durchsichtiges Skelett oder Geripplein ohne gelehrte Nahrung und Umleib, daß ich mit Ihnen allen kaum Zeit und Ort erwarten kann, wo er doch einmal anfangen muß, etwas zu wissen und das Gerippe zu beleiben in Schwarzenbach an der Saale. Ach ja, und trotzdem ist etwas aus ihm geworden.

Kant hat Christian Heineken ein frühkluges Wunderkind von ephemerischer Existenz genannt und von Abschweifungen der Natur von ihrer Regel gesprochen. Das Kind wurde überall herumgereicht. Was hat das kleine Kerlchen vom Leben gehabt? The true freak, however, stirs both supernatural terror and natural sympathy, since unlike the fabulous monsters, he is one of us, the human child of human parents, however altered by forces we do not quite understand into something mythic and mysterious, as no mere cripple ever is, sagt Leslie Fiedler in seinem Buch Freaks. Ein gewisser (oder besser gewissenloser) Christian von Schöneich, der das Kind zu einem kleinen Pseudo-Gelehrten dressiert hat, wird ihn in einem Buch verewigen: Merkwürdiges Ehrengedächtniß von dem Christlöblichen Leben und Tode des weyland klugen und gelehrten Lübeckischen Kindes, Christian Henrich Heineken: In welchem dessen Gebuhrt, seltene Erziehung, wunderwürdiger Wachsthum seiner Wissenschafften, glücklich abgelegte rühmliche Reise nach- und von Dännemark, samt seinem seligsten Abschiede aus dieser Sterblichkeit, umständlich enthalten. Der Hamburger Musikdirektor Georg Philipp Telemann wird ihm einen Nachruf widmen:

Kind, deßen gleichen nie vorhin ein Tag gebahr! 
Die Nach-Welt wird Dich zwar mit ew’gen Schmuck umlauben
Doch auch nur kleinen Theils Dein großes Wißen glauben, 

Das dem, der Dich gekannt, selbst unbegreiflich war

Christian Heinrich Heineken ist heute vor 287 Jahren in Lübeck gestorben. Man hatte ihn, mit einem Lorbeerkranz bekrönt, zwei Wochen lang auf einem Todten-Gerüst aufgebahrt, damit Tausende ihn bestaunen können. Der schlesische Edelmann Christian von Schöneich notiert in einem Büchlein all die Namen der Leute, wahrscheinlich nicht Hinz und Kunz, nur die Prominenz. Bild Zeitung und Buntehaben schon ihre Vorgänger

Der Geigenvirtuose Ruggiero Ricci, der auch ein Wunderkind war, hat im hohen Alter gesagt: Zuerst sollte man die Eltern aller Wunderkinder erschießen und dann das Kind an die Wand stellen und Schluss machen! Sicherlich eine etwa unorthodoxe Lösung. Aber den Christian von Schöneich hätte man schon als ersten erschießen sollen. Riccis Kollege, der Cellist ➱Janos Starker, hatte für die Wunderkinder nur die Bezeichnung dressierte Affen übrig. Und dem jungen Thomas Mann nötigten sie eine ironische Skizze mit dem Titel ➱Das Wunderkind ab.

Das Lübecker Wunderkind hatte übrigens einen Bruder, der ein ganz normales Lebens geführt und in der Welt etwas geworden ist. Und der auch sehr lange gelebt hat, er ist 84 Jahre alt geworden. Er hieß ➱Carl Heinrich (von) Heineken und hat es zum Privatsekretär des Grafen Brühl gebracht. Und hat das Dresdener Kupferstichkabinett und die Kunstsammlungen der sächsischen Kurfürsten kenntnisreich vermehrt. Er ist der heimliche Leiter aller Dresdener Galerien und Kabinette, die der Graf Heinrich von Brühl als Oberkämmerer nur dem Namen nach führt. Der Tod des Grafen Brühl bedeutete auch den Sturz seines Günstlings Heineken. Als er in die Dienste Brühls trat, war er mittellos gewesen, bei Brühls Tod gehörten ihm die Rittergüter in Altdöbern, Bollendorf, Kleinjauer und Muckwar sowie das Dresdner Palais am Taschenberg. Man klagt ihn an wegen Veruntreuung und Bereicherung auf Kosten des Staates, aber das ist nur eine vorgeschobene Sache, mit der man sich von dem System des Grafen Brühl befreien will (der, obwohl tot, auch angeklagt wird). Der den Staat Sachsen zwar durch Kunst und Bauwerke verschönt (die berühmte Brühlsche Terasse steht ja immer noch), aber so ganz nebenbei auch ein klein wenig ruiniert hat. Man wird Carl Heinrich von Heineken nichts Unrechtmäßiges nachweisen können und wird ihn eines Tages rehabilitieren. Er verkauft sein Dresdener Stadtpalais und zieht in sein Schloss Altdöbern (oben).

Und er beherzigt das Il faut cultiver notre jardin von Voltaires Candide und widmet sich seinen Gärten und dem Obstanbau. Den Wissenschaften und den Künsten sowieso. 1737 hatte er Longinus‘ Schrift Vom Erhabenen ins Deutsche übersetzt (Dionysius Longin vom Erhabenen, Griechisch und Teutsch, nebst dessen Leben, einer Nachricht von seinen Schrittten, und einer Untersuchung, was Longin durch das Erhabene verstehe), was für die ➱ästhetische Diskussion des 18. Jahrhunderts ein Meilenstein war. Er wird das erste alphabetische Künstlerlexikon in deutscher Sprache beginnen. 80.000 Graphikblätter hat er für das Kupferstichkabinett gekauft, aber er kaufte in Holland und Hamburg auch Gemälde: Elsheimer, Rembrandt und van Dyck. An der Echtheit der Sixtinischen Madonna hatte er Zweifel. Und Winckelmann konnte er nicht ausstehen, das macht ihn mir sehr sympathisch. Ein Urteil also, welches bloß ein Gelehrter in Kunstsachen fällt, ist nicht eher anzunehmen, als bis man überzeugt worden, daß er auch ein Kenner ist, hat er geschrieben. Das hat ➱Wilhelm von Bode auch so gesehen.

Zwei Brüder, zwei Leben. Es ist eine seltsame Geschichte. Der eine wird ein frühkluges Wunderkind von ephemerischer Existenz, der andere wird ein wirklicher Gelehrter. Dafür braucht es etwas Zeit, ein ganzes Leben. Und zu dem kleinen Christian Heineken geben wir ➱Michel de Montaigne mal das letzte Wort:

Ce que nous appellons monstres, ne le sont pas à Dieu, qui voit en l’immensité de son ouvrage, l’infinité des formes, qu’il y a comprinses. Et est à croire, que cette figure qui nous estonne, se rapporte et tient, à quelque autre figure de mesme genre, incognu à l’homme. De sa toute sagesse, il ne part rien que bon, et commun, et reglé : mais nous n’en voyons pas l’assortiment et la relation.
Quod crebro videt, non miratur, etiam si, cur fiat nescit. Quod ante non vidit, id, si evenerit, ostentum   esse censet.
Nous appellons contre nature, ce qui advient contre la coustume. Rien n’est que selon elle, quel qu’il soit. Que cette raison universelle et naturelle, chasse de nous l’erreur et l’estonnement que la nouvelleté nous apporte.

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