Luminism

Der Begriff luminism ist erst im 20. Jahrhundert erfunden worden, um einen bestimmten Stil der amerikanischen Malerei in der Zeit von 1850 bis 1875 zu beschreiben. Die Maler, die so malten, haben sich selbst niemals als Luministen bezeichnet. Ein amerikanischer Professor namens ➱J. Gray Sweeney (dem der Wikipedia Artikel überdurchschnittlichen Raum einräumt) hat unlängst die Meinung vertreten the origins of luminism as an art-historical term were deeply entwined with the interests of elite collectors, prominent art dealers, influential curators, art historians, and constructions of national identity during the Cold War. Klingt fesch. Natürlich ist es eine Plattitüde, dass Sammler und Kunstmarkt immer glücklich sind, wenn man ein Etikett besitzt, das man Bildern verkaufsfördernd aufkleben kann. Zum ersten Male verwendet wurde der Begriff von dem Kunsthistoriker ➱John I.H. Baur im Jahre 1954 zur Beschreibung der Spätphase der amerikanischen Hudson River School. Als ➱John Wilmerding 1980 sein Buch American Light: The Luminist Movement 1850-1875 präsentierte, war luminism ein etablierter Begriff. Das Buch hat das obige Bild von Fitz Hugh Lane auf dem Umschlag, was sicherlich programmatisch war. Denn es ist diese Stille, dieses eigentümliche Licht, dieser gleichsam eingefrorene Moment, durch den der luminismgekennzeichnet wird.

Dieser Professor Sweeney lehrt nicht in Princeton oder Yale, aber nach seiner eigenen ➱Darstellung ist er einer der bedeutendsten Kunsthistoriker der USA. Er hat einen Aufsatz über den Luminismus geschrieben, über den er selbst sagt: In 2003, he completed a ground-breaking 20-year study of the historiography of Luminism in an article entitled ‚Inventing Luminism: Labels are the Dickens‘ for the Oxford Art Journal. Ja, da kreißt der Berg und gebiert ein Mäuslein. Professor Sweeney insinuiert, dass John I.H. Baur, einer der seriösesten amerikanischen Museumsdirektoren, die Forschungen zum Luminismus nur betrieben hätte, um damit den Marktwert der Privatsammlung des Tenors Maxim Karolik zu pushen. Und außerdem macht er Baur noch zu einem McCarthy Anhänger. Es ist erstaunlich, was manche Leute tun, um in die Nachrichten zu kommen. Natürlich wird Maxim Karolik, der die größte private Sammlung amerikanischer Kunst aus der Zeit von 1815 bis 1865 besaß, daran interessiert gewesen sein, dass ein Kunsthistoriker vom Range eines John I.H. Baur diese völlig vernachlässigte Epoche würdigte. Aber Baurs erste Überlegungen zum luminism waren von den Bildern von ➱James Augustus Suydam angeregt, und ein Bild von Suydam – der allgemein als der erste Luminist bezeichnet wird – fand sich nicht in der Sammlung von Karolik.

Ich kenne den Begriff luminism(und natürlich die Bilder, die dazugehören) schon länger als ein halbes Jahrhundert. Weil nämlich der Aufsatz Der amerikanische Luminismus von John I.H. Baur im Heft 9 der Zeitschrift Perspektiven enthalten war. Diese Zeitschrift, die in den fünfziger Jahren in 16 Heften erschien, enthielt das Beste, was Amerika zu bieten hatte: The original project was to do ‚Perspectives‘ in four languages: English, French, German, and Italian. There’d been a big gap during the war when nothing cultural from America came to Europe, and the magazine was planned to fill that gap. We had articles on architecture, art, philosophy, etc., and, of course, stories and poems. The idea was to give a catch-up course in recent American culture. Das hat der Herausgeber James Laughlin imParis Interview gesagt. Für mich bedeutete der catch-up course der Zeitschrift Perspektiven damals den Zugang zur amerikanischen Kultur. Also einer etwas höheren Stufe der amerikanischen Kultur als Wrigleys Chewing Gum, Levis 501 Jeans, Arrow Buttondown Hemden und Sätzen wie Chesterfield machen meine Schwester wild – diese Sorte ➱Kultur, mit der man im amerikanisch besetzten Bremen aufwuchs.

So schön der Begriff American Luminism ist, so unscharf ist er letzten Endes. Viele der Maler, die in dem Wikipedia Artikelaufgelistet sind, kann man auch gut und gerne der ➱Hudson River School zuordnen. Manche, wie ➱Albert Bierstadt, würde ich auch gar nicht in dieser Gruppe sehen wollen. Weil er ein viel zu plakativer, melodramatischer Maler ist, dessen Bilder wenig mit den stillen, feintonig abgestimmten Bildern auf dieser Seite gemein haben.

Als Maxim Karolik in den dreißiger Jahren amerikanische Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zu sammeln begann, konnte er die billig bekommen. Die Amerikaner wussten mit ihrer eigenen Kunst nichts anzufangen. Und es gab auch kaum amerikanische Kunsthistoriker, das Interesse an der nationalen Kunst wurde von den Kuratoren und Direktoren der Museen geweckt. Ohne einen Mann wie ➱Lloyd Goodrich hätte Künstler wie ➱Winslow Homer oder ➱Edward Hopper wohl nicht diese nationale Berühmtheit erreicht. Das Fach Kunstgeschichte etabliert sich in Amerika erst im größeren Stil, wenn jene Kunsthistoriker kommen, die von Hitler vertrieben worden waren. Und nur wenige von ihnen widmeten sich der Kunst ihres Gastlandes. Ausnahmen waren ➱Alfred Neumeyer und ➱Wolfgang Born (der Halbbruder des Nobelpreisträgers Max Born). Wolfgang Born veröffentlichte 1948 bei der Yale University Press das Buch American Landscape Painting: An Interpretation. Das war das erste Buch über die amerikanische Landschaftsmalerei überhaupt. Der einzige, der damals in Amerika über amerikanische Malerei schrieb, war ein ehemaliger Journalist namens James Thomas Flexner, der niemals Kunstgeschichte studiert hatte. Aber er hatte in Harvard studiert, und er konnte hervorragend schreiben. Was auch durch Auszeichnungen wie den National Book Award und eine Pulitzer Prize Special Citation gewürdigt wurde. Ich kann all seine Bücher (und seine Autobiographie ➱Maverick’s Progress) nur uneingeschränkt empfehlen. James Thomas Flexner war im übrigen der erste seit Henry Tuckermans The Book of Artists (1867), der die Maler der Hudson River School behandelte

Luminism shares an emphasis on the effects of light with impressionism. However, the two styles are markedly different. Luminism is characterized by attention to detail and the hiding of brushstrokes, while impressionism is characterized by lack of detail and an emphasis on brushstrokes. Luminism preceded impressionism, and the artists who painted in a luminist style were in no way influenced by impressionism. Das steht im Wikipedia Artikel, und so, wie es da steht, ist es sicherlich richtig. Aber helfen uns diese Sätze wirklich? Wenn wir bei der Betrachtung von Kunst (oder Literatur) nicht weiterwissen, ist ein schnell in die Diskussion geworfenes Wort, das auf -ismus endet, immer sehr praktisch.

Die Betonung des hiding of brushstrokes ist wichtig, weil so ein glattes, beinahe photorealistisches Bild erzeugt wird, das den Betrachter mit seiner kalten Objektivität nicht in das Bild hineinlässt. Dieses Bild, das auch vom Licht lebt davon, dass man den Pinselstrich erkennen kann. Es lädt uns geradezu ein, das Balkonzimmer zu betreten. Allerdings ist es nicht das Werk eines Luministen, es ist ein Bild von ➱Adolph Menzel, der in seinem Frühwerk ganz locker den Impressionismus vorwegnimmt.

Ich habe meine Abbildungen hier natürlich mit Absicht ausgewählt, weil ich mit diesen Bildern Elemente zeigen möchte, die den umbrella termLuminismus etwas genauer definieren können. Alle Bilder zeichnet eine große Stille und ein besonderes Licht aus, häufig sind die Landschaften auch menschenleer. Sie kommen dadurch auch etwas Geheimnisvolles, was einen manchmal an die Malerei des Magischen Realismus denken lässt. In den Post zu ➱Radziwill und ➱Oelze habe ich schon einmal auf die Lichteffekte hingewiesen, die den Bildern etwas Geheimnisvolles geben. Aber es sind nur die Lichteffekte, sonst haben diese beiden Richtungen nichts miteinander gemein. Die arte metafisica reagiert durchaus auf die politische Realität der zwanziger und dreißiger Jahre, der amerikanische Luminismus blendet den Bürgerkrieg vollständig aus.

Luminist light is indeed one of the key factors of the mode… luminist light has it own specific properties, just as impressionist light has. Luminist light tends to be cool, not hot, hard not soft, palpable rather than fluid, planar rather than atmospherically diffuse. Luminist light radiates, gleams, and suffuses on a different frequency, which is essentially painterly and optical, air circulates between particles of strokes. Air cannot circulate between the matter that comprises luminist light, sagt John Wilmerding in American Light. Man kann die Probe aufs Exempel machen, für alle Bilder hier würden die Sätze von Wilmerding zutreffen. Aber irgendwie treffen sie auch auf ➱Claude Lorrain, manche der alten Holländer und die Amerikaner des Photorealismus der siebziger Jahre zu.

Und auf eine bestimmte Art der amerikanischen Photographie, wie wir sie bei Joel Meyerowitz (links) oder Stephen Shore finden. Ich weiß, das passt nicht ganz hierher, doch wir müssen bei den Bildern der amerikanischen Luministen bedenken, dass die Photographie schon erfunden ist. Und dass viele Maler mit dem Medium Photographie experimentieren (Wilmerdings Buch über den Luminismus hat auch das Wort Photographs im Untertitel). Wenn wir diesen Gedanken mit dem Photoapparat erst einmal im Kopf haben, wird man sehen, dass manche der Gemälde wie künstlich kolorierte Schwarzweißphotos aussehen.

Auf der ➱Internetseite von Professor Roann Barris (Radford) habe ich etwas gefunden, was mir ganz gut in das Argument passt: Rather than saying that they seem to anticipate surrealism, as some books suggest, I would describe their style as a type of super- or hyper-realism, with a degree of intensity that makes the paintings seem almost impersonal. This is a poetry of things, in which the poet becomes almost anonymous. The landscape and nature become a smooth, mirror-like world/surface, clarified by the artist and seemingly rationalized. These paintings create a very purified and planar effect at the same time that they appear to render nature accurately. The sense of the brush stroke is nearly eliminated; there is a linear clarity in addition to the sense of planes–the planes recede into distance but there is no overlapping. Das Bild oben stammt von keinem der Luministen des 19. Jahrhunderts, es ist aus unseren Tagen. Der Maler heißt ➱Philip Juras, er ist nicht der einzige, der so malt.

Ich müsste an dieser Stelle noch einmal auf ➱Odd Nerdrum (der seine Gefängnisstrafe jetzt doch antreten muss) hinweisen. Würde es jemandem auffallen, wenn wir ein Bild wie dieses in eine Ausstellung amerikanischer Luministen schmuggeln würden? Die amerikanischen Luministen haben zur Zeit Konjunktur, das ist nur gerecht, weil man sich Jahrzehnte lang nicht um sie gekümmert hat. Manche der Maler wurden überhaupt erst dadurch bekannt, weil sie in der Ausstellung Romantic Painting in America 1943 im Museum of Modern Art gezeigt wurden. Und es fehlt nicht an diesen wunderbaren Geschichten (die leider nie Ihnen oder mir zustoßen), wo jemand auf einem Flohmarkt für ein paar Dollar ein Bild kauft, das wenig später bei Sotheby’s eine Million bringt. Im Fall von Martin Johnson Heade ist das mehrfach geschehen.

Inzwischen sieht die Lage der Literatur zur amerikanischen Kunst des 19. Jahrhunderts ganz anders aus als im Jahre 1948, als Baur seinen AufsatzEarly Studies in Light and Air by American Landscape Painters im Brooklyn Museum Bulletin veröffentlichte oder 1954 als sein Aufsatz American Luminism: A neglected aspect of the Realist Movement in nineteenth-century American Painting in Perspectives erschien (und damit einem größeren Publikum bekannt wurde). Ich hätte da natürlich einige Literaturempfehlungen, wobei ich auf die  ground-breaking 20-year study von Dr Sweeney leicht verzichten kann. Das Standardwerk ist natürlich ➱John Wilmerdings American Light: The Luminist Movement 1850-1875 (Princeton UP 1989), das braucht man nicht zu diskutieren.

Weiterhin ist das Buch von Barbara NovakAmerican Painting of the Nineteenth Century (Harper & Row 1979) das Beste, was man zu amerikanischen Malerei des 19. Jahrhunderts lesen kann; surely the best book ever written on the subject,schrieb Hilton Kramer im The New York Times Book Review. ➱Barbara Novaks Buch Nature and Culture ist in seinem Ansatz noch weitreichender. John I.H. Baur hat es The most important contribution to the understanding of nineteenth-century American art that has been written in our timegenannt. Es ist längst ein Klassiker der American Studies, dessen Status aber auch schon von jüngeren ➱Wissenschaftlern, von deren wissenschaftlicher Leistung man noch nie etwas gehört hat, angezweifelt wird. So etwas finde ich immer sehr komisch, nicht nur Papier ist geduldig, das Internet ist noch viel geduldiger.

Über die Luministen schreibe ich irgendwann noch einmal. Als Appetitanreger gibt es schon mal ein Bild von Martin Johnson Heade mit einem geheimnisvollen Licht, schrieb ich am 4. März 2011 in dem Post ➱The Peacable Kingdom. Tut mir leid, dass Sie so lange darauf warten mussten.

Die Abbildungen im Text sind (in der Reihenfolge von oben nach unten) von: ➱Fitz Hugh Lane, ➱James Augustus Suydam, Fitz Hugh Lane, ➱Martin Johnson Heade, John Caleb Bingham, ➱Francis A. Silva, Odd Nerdrum und Martin Johnson Heade.

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