Carl Otto Czeschka

Als die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit kurz nach dem Krieg das Licht der Welt erblickte, wollte die Redaktion gerne das Hamburger Wappen vorne drauf haben. Allein, die Freie und Hansestadt Hamburg weigerte sich, ihren Wappenschild dafür herzugeben. Der Senat sprach von demMissbrauch eines Hoheitszeichens. Daraufhin entwarf der an der Hochschule für bildende Künste tätige Maler Alfred Mahlau eine Abwandlung des Stadtwappens, die das Stadttor mit geöffneten Türflügeln zeigte. Das kam im Hamburger Rathaus noch weniger an, und da wandte sich die Redaktion in ihrem Zorn über diesen Kleingeist an die schlimmsten Feinde der Hamburger. In Bremen hatte man solche spießigen Bedenken nicht, und der Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen gestattete der Hamburger Redaktion völlig unbürokratisch, den Schlüssel des Bremer Stadtwappens (den das Wappen seit 1366 führt) zu verwenden. Und so ist der Bremer Schlüssel seit dem Jahre 1946 zwischen den beiden Löwen des Großen Hamburger Staatswappens. Unverändert in all den Jahren. Das hat der Erdal Frosch nicht hingekriegt.

Das von Mahlau entworfene Firmensignet vom ➱Niederegger Marzipan hat sich allerdings auch schon seit 1927 gehalten. Über seinen Lehrer Alfred Mahlau (hier mal eben ein Bild von ihm aus dem Jahre 1912, man sieht Bilder von Mahlau ja viel zu selten) hat Paul Wunderlich einmal gesagt: Die Klasse Mahlau war ein wahrhaft exotischer Haufen … aber alle führte Alfred Mahlau ein in die Disziplin des Sehenlernens. Die vielleicht Bekanntesten aus dem exotischen Haufen waren neben Wunderlich der junge Horst Janssen und ein gewisser Vicco von Bülow, den wir als Loriot kennen.

Es ist vielleicht weniger bekannt, dass die endgültige Kopfzeile der Zeit von Alfred Mahlaus Kollegen Carl Otto Czeschka gestaltet worden war. Der Wiener Künstler, der heute vor 52 Jahren starb, war seit dem Jahre 1907 in der Hansestadt Hamburg. Dieses Bild von Koloman Moser zeigt Czeschka im Jahr seiner Berufung an die Kunstgewerbeschule Hamburg. Koloman Moser gehörte zu den Gründern der Wiener Werkstätte, deren Mitglied Czeschka war, und für die er auch noch nach seiner Berufung nach Hamburg gearbeitet hat. Die Hamburger wussten schon, wen sie sich damals holten. Was sie vielleicht nicht wussten, war, dass Czeschka einem gewissen Oskar Kokoschka den Weg zur Malerei geebnet hatte. Kokoschka wird eines Tages eine besondere Beziehung zu Hamburg haben.

1926 war er zum ersten Mal in Hamburg. Er wohnte im Hotel Vier Jahreszeiten und malte dort ein Bild vom Jungfernstieg und der Binnenalster. Ein Vierteljahrhundert später kam er wieder nach Hamburg. Auf Einladung des Direktors der Kunsthalle Carl Georg Heise, um den Bürgermeister Max Brauer zu porträtieren: Einen Bürgermeister wollte ich malen. Fünf hatte ich zur Auswahl. Da habe ich mir den Brauer herausgesucht, weil er der Bürgermeister der größten und zerschlagensten Stadt ist. Jetzt wollen sich alle Bürgermeister von mir malen lassen. Ich bin doch kein Bürgermeistermaler! Wenige Jahre später malte er für Axel Springer ein Hamburg Panorama, das irgendwo im obersten Stock des Springer Hochhauses hing. Unten hing damals ein Plakat (nicht von Kokoschka) auf dem Enteignet Springer!stand.

Und Kokoschka malte dieses Bild, das ich zu hassen gelernt habe, weil ich in Vorlesungen immer daneben saß; das Thermopylen Triptychon, das die Wand des Hörsaals D im Philosophenturm der Hamburger Uni zierte. Ich fand es ja sowas von scheußlich, aber ich habe keine bleibenden Schäden von der Betrachtung davongetragen. Die Altenglisch Klausur, die ich auf der Höhe der Zerstörung Athens (die findet rechts außen statt) schrieb, habe ich mit einer guten Note bestanden. Und dabei war ich wahrscheinlich der einzige im Hörsaal D, der nicht schummelte. Der Altenglisch Kurs war nämlich für die Klausur auf das Doppelte angeschwollen, weil die meisten sich jemanden mitgebracht hatten, der für sie die Klausur schrieb.

Nach dieser kleinen Abschweifung – meine Leser sind ja Digressionen gewohnt – möchte ich doch wieder auf Kokoschkas Lehrer Carl Otto Czeschka zurückkommen. In der Kunsthochschule am Lerchenfeld, die im Volksmund den schönen Namen Li-La-Lerchenfeld trägt, befindet sich eins der schönsten Werke von dem Wiener Künstler, der zu einem Hamburger wurde. Und den man in Hamburg auch nicht vergessen hat, im letzten Jahr widmete ihm die Hamburger Handelskammer eine große Ausstellung Carl Otto Czeschka – Ein Wiener Künstler und die Hamburger Wirtschaft. 

Das Fenster von Czeschka ist 1914 auf der denkwürdigen Kölner Werkbundausstellung (für die ein junger Politiker namens Konrad Adenauer bei der Stadt Köln fünf Millionen Goldmark lockergemacht hatte) gezeigt worden. Köln hatte damals für die moderne Kunst eine große Bedeutung. Wenige Jahre zuvor hatte es in Köln schon die Sonderbund Ausstellung gegeben, die einen noch größeren Einfluss hatte, da ihre Exponate zu großen Teilen in die amerikanische ➱Armory Show gewandert waren. Der Hamburger Ausstellungsraum und besonders das Glasfenster von Otto Czeschka fanden große Anerkennung, obwohl die Werkbund Ausstellung vorzeitig abgebrochen wurde. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Aus Konrad Adenauers Plan, zehn Jahre später wieder eine Ausstellung des Deutschen Werkbunds zu zeigen, wurde nichts. Nach dem verlorenen Krieg hatte man kein Geld mehr für die Kunst.

Das Kunstwerk in der Hochschule ist ein beinahe sieben Meter hohes fünfteiliges bleiverglastes Hellglasfenster, das den Titel Die Botschaft der Schönheit hat. Es sieht, und das kann man auf diesen beiden Aufnahmen schon sehen, je nach Lichteinfall immer ein wenig anders aus. Die drei mittleren Fenster werden von den äußeren Fenstern gerahmt, die in kunstvollen Jugendstil-Lettern einen Text tragen. Das ist ein Gedicht von Wilhelm Niemeyer, der als Kunsthistoriker an der Kunstschule tätig war. Er war aber auch Dichter. Und vieles mehr. Er war ein Freund von Franz Radziwill (dieser Link führt zu einem Post, der in den letzten zwei Jahren einige tausend Mal gelesen wurde), den er immer gefördert hat. Und dem er den wichtigen Dresdenaufenthalt bezahlt hat. Und er hat in der Kunstwelt vieles in Bewegung gebracht:  Als Dozent der Kunstschule in Düsseldorf, die Peter Behrens, der Architekt, leitete, konnte ich der Zeitmalerei dienlich sein, als ich als Juror der großen Ausstellung von 1910 Georges Braque und Kandinsky aufnahm. Ich wurde dann an die Hamburger Landeskunstschule berufen und konnte so der neuen Malerei weiter mancherlei Hilfe leisten.

Leider gibt es über ihn nicht so furchtbar viel ➱Literatur, einen Wikipedia Artikel schon gar nicht. Doch die Zeit gratulierte ihm natürlich 1954 mit einem ➱Lebenabriß (von ihm selbst geschrieben) und einen Gedicht (auch von ihm selbst geschrieben) zum achtzigsten Geburtstag. Das Gedicht, ein Sonett, hat den Titel Im Poseidontempel zu Pästum:

Marmorstämme wuchsen goldnen Hain, 
um ein heilig Dunkel zum umhüllen,
wie Geschmeide hält den Farbenstein,
den metallen Trunkenheiten füllen.

In die Dunkel war der Gott geengt,
daß er glüher dort die Erde träume,
tief in seine Willen war gedrängt
Prunk der Meere, Glanz der Küstenschäume.

Er verging, doch dir, der sinnend schaut
durch der Säulen leere Zwischenhellen,
die wie lichte Luftgefäße schwellen,

scheint, daß süßer das Gebirge blaut,
Meer erduftet, frommer grünt der Rasen,
da sie leuchten in den edlen Vasen!

Das ist nun ein wirklich schönes Gedicht, irgendetwas zwischen Hölderlin, Rilke und Benn, aber ganz anders, als das, was auf den Glasfenstern steht. Denn das stammt noch aus der Phase Niemeyers, als er ein expressionistischer Dichter war. Und so treffen auf diesen Glasfenstern Expressionismus und später Jugendstil zusammen:

Wir verkünden euch:
Der Sinn der Erde ist der Schönheit sich als Leib zu bünden

Traum des Seins und Traumeslustgebärde selig in des Lichtes Flur zu gründen
Schöpfungsliebesglanz und Morgenfülle blühen Klänge Maasse Formen Lieder
Der Notwendigkeit Demant Gefieder
Aus des Weltengrunds krystallner Stille
zünden sich zu Gleichniss Glanz und Spiegel irdischer Gesichte Allgestalt
und am Gram des Nichts der ewige Riegel
ist der Schönheit heilige Gewalt

Wir entsenden euch:
Der Sinn der Erde soll in euch sich neuer Klarheit zünden
Hehrer Schönheit herrische Gebärde sollt ihr streng der dumpfen Welt verkünden
Denn verheissen ward:
Der Ewigkeiten erster Ring ist feierlich vollendet
wenn dem fernsten Ding und allen Welten ward des Schönen Botschaft zugesendet
Seid ihm Boten!
Traumgeführt umflogen von der Lustgesichte Schwingenschlag
Seid ihm Künder!
Bis in trunkne Wogen schönheitsselig sinkt der Weltentag

Ich weiß jetzt nicht so recht, ob die Studis an der Kunsthochschule in Hamburg diese Botschaft der Schönheit heute für sich so akzeptieren. Friedensreich Hundertwasser, der einmal die Räume mit einem roten Strich an der Decke verzierte (ach, lesen Sie ➱dies doch noch einmal!), bestimmt nicht, aber den hat man an der Hochschule ja auch gefeuert.

Und wenn Sie jetzt alles über das Fenster wissen wollen, es gibt ein ➱Buch dazu: Bettina Berendes Carl Otto Czeschka – Die Schönheit als Botschaft. Das Glasfenster der Hamburger Kunstgewerbeschule. Ich kenne das Buch, weil mir die Astrid damals das Manuskript zum Lesen gegeben hat. Denn dies Buch hat eine eigentümliche Geschichte, zu der mir nur die lateinische Sentenz Habent sua fata libelli einfällt. Das Buch war eine Examensarbeit im Fach Kunstgeschichte, mit der Bettina Berendes ihr Examen bei Professor Adrian von Buttlar bestanden hat. Und kurz darauf ist sie gestorben, einfach so, sie hatte ein schwaches Herz. Sie wurde nur dreißig Jahre alt.

Aber der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar hat dafür gesorgt, dass diese Arbeit nicht irgendwo in der Ablage des Dekanat verschwand. Er hat Geld für den Druck aufgetrieben und die Astrid, die die beste Freundin von Bettina war, gebeten, dass Manuskript einmal für den Druck zu überarbeiten. Das hört sich dann in seinen zurückhaltenden Worten im Vorwort so an: Die aus einem Seminar über Architektur und Kunst der Wiener Sezession hervorgegangene Magisterarbeit von Bettina Berendes (1967-1997) würdigt erstmals dieses bedeutende Kunstwerk monographisch und entfaltet – trotz aller Einschränkungen, die ein fachwissenschaftlicher Erstling mit sich bringt – so viele Facetten seiner historischen, technischen und künstlerischen Bedeutung, daß sich das Kunsthistorische Institut der Christian-Albrechts-Universität zu der nun vorliegenden Veröffentlichung im Rahmen seiner Publikationsreihe »Kieler Beiträge zur Kunstgeschichte« entschlossen hat. Mein Dank gilt in erster Linie Astrid Nielsen, die parallel über ein Wiener Jugendstil-Thema gearbeitet hatte und als enge Freundin der Verstorbenen dankenswerterweise die schwierige Auf- gabe übernahm, den Text redaktionell zu überarbeiten, mehrere Passagen – namentlich zum literaturhistorischen Hintergrund des Textes – zu vertiefen und eine adäquate Fotodokumentation einzuarbeiten. Sie hat freundlicherweise im Auftrag des Kunsthistorischen Institutes die Herausgabe der Schrift übernommen.
   Zu danken ist auch der Familie Berendes für vielfältige Unterstützung des Projektes. Die Peter-Hirschfeld-Stiftung der CAU hat durch einen Druckkostenzuschuß die vorliegende Publikation ermöglicht, die über ihren fachwissenschaftlichen Wert hinaus ein ehrendes Andenken an Bettina Berendes darstellt.

Ich finde das immer noch bewundernswert und erstaunlich. Ein halbes Leben an der Uni hat mir gezeigt, dass das, was Adrian von Buttlar da getan hat, leider nicht die Regel ist. Den wenigen Lehrenden, die ihre pädagogische Verpflichtung gegenüber ihren Studenten Ernst nehmen, stehen große Zahlen von solchen „Lehrern“ gegenüber, die sich keinen Deut darum scheren, was aus ihren Studis wird. Dahin sind wir gekommen, und das wird mit diesen ganzen Bologna Studiengängen nicht besser. Es ist für die Astrid (hier auf einem Photo, das bei einer Reportage des ➱Merian über die Dresdener Kunstsammlungen gemacht wurde) nicht leicht gewesen, die Arbeit von Bettina Berendes für den Druck zu überarbeiten. Doch das ➱Ergebnis kann sich sehen lassen, es ist ein wunderbar gedrucktes Buch. Die Botschaft der Schönheit hat so eine adäquate Buchform gefunden. Und diesem Nachdenken eben haben wir eine Menge neuer Ideen zu danken, die in der ganzen Materie von der Schönheit ein Licht anzünden, das man nur von einem Manne erwarten konnte, dem auf der Seite des Gelehrten eben so wenig, als auf der Seite des Künstlers fehlte, das sagt kein Rezensent über Carl Otto Czeschka. Das sagt Lessing in seiner Besprechung der Zergliederung der Schönheit, die schwankenden Begriffe von dem Geschmacke festzusetzen von William Hogarth. Bei Zeno hat man auf der Seite von Lessings ➱Rezension eine Buchempfehlung für das Buch von Bettina Berendes plaziert. Normalerweise hasse ich ja Werbung auf Kulturseiten, aber dies finde ich wirklich gut.

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