Thomas Gainsborough

 

Der Blue Boy war dem neuen Besitzer zu grün. Der Knabe in seinem ➱Van Dyck suit an der Wand des LuxusschiffesAquitania war viel blauer gewesen, das wusste er genau, dieser Mr H.E. Huntington. Er hatte auf der Aquitania die Gainsborough Suite bewohnt. Und da hing natürlich eine Kopie des Blue Boy an der Wand. Beim Abendessen mit Joseph Duveen entspann sich folgende Unterhaltung:

„Joe,“ said H. E., with the confidence of one who knows that he can get the answer to anything, „who’s the boy in the blue suit?“
Duveen said, „That is a reproduction of the famous ‚Blue Boy.‘ It is Gainsborough’s finest and most famous painting.“
„Where’s the original?“ Huntington went on, with even more confidence. Duveen did not let his inquirer down. „It belongs to the Duke of Westminster and hangs in his collection at Grosvenor House, in London.“
„How much is it?“ asked H. E.
Duveen was discouraging. „It can probably not be had at any price,“ he said.
Huntington, impressed, looked up at the unattainable boy in the blue suit with fresh awe. „It must be a very great painting,“ he said.
Duveen seconded this venture into criticism, and went a step further. „Indeed,“ he said, „it is the greatest work of England’s greatest master and would be the crown of any collection of English pictures.“
In Huntington, aesthetic appreciation was glazing into the enamel of covetousness. „What do you think would be the price if it ever were sold?“ he asked.
After a calculated hesitation, Duveen said it would probably be about six hundred thousand dollars—far more than Huntington had ever before paid for a picture.

„I might see my way clear to paying that much,“ Huntington said.

Er wird das Geld locker machen, aber der Blue Boy ist ihm, wie gesagt, zu grün. Joe Duveen beruhigt ihn: Duveen explained that the greenish tinge of their blue boy was merely the result of a long accumulation of dust and grime. He promised to have that removed, so that the youth would he restored to his pristine azure, and the Huntingtons were appeased. Diese schöne Anekdote findet sich in dem Buch von S.N. Behrman Duveen (mit Zeichnungen von Saul Steinberg), das 1960 in deutscher Übersetzung als Duveen und die Millionäre in der Rowohlt Reihe rowohlts deutsche enzyklopädieerschienen war. Man kann es noch antiquarisch finden, es lohnt sich unbedingt, dieses Buch zu lesen.

Es handelt von dem englischen Kunsthändler Joseph Duveen, der sich später Sir Joseph und noch später Lord Duveen nennen durfte. Sein Geschäft ist es, alles was hier auf der Zeichnung von Saul Steinberg an der Wand bei englischen Adligen hängt, an amerikanische Millionäre zu verkaufen. Der englische ➱Adel braucht ständig Geld. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte der Adel en masse die Töchter amerikanischer Millionäre geheiratet. Was der berühmte englische Journalist W.T. Stead (der mit der Titanic untergegangen ist) als gilded prostitutionbezeichnet hat. Und jetzt sind die Bilder und Kunstwerke in den Schlössern dran. Und das ist die Stunde des Joseph Duveen, selling England by the pound.

Thomas Gainsborough ist am 2. August 1788 gestorben, da dachte ich mir, ich schreibe mal über Gainsborough. Obwohl ich den schon x-mal erwähnt habe, gibt es hier noch keinen riesig langen Artikel zu Gainsborough. Beinahe alle Maler des 18. Jahrhunderts sind hier schon gewürdigt worden, Gainsborough nicht. Das wird sich irgendwann ändern, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Der Herr hier ist Henry Scott, dritter Herzog von Buccleuch und fünfter Herzog von Queensberry. Der englische ➱Wikipedia Artikel hat es hinbekommen, das Bild von Gainsborough verkehrt herum zu präsentieren. Kann man an dem Orden auf seiner Brust sehen. Das ist übrigens nicht der Hosenbandorden, sondern The Most Ancient and Most Noble Order of the Thistle. Den Hosenbandorden hat er zwar auch, aber ein traditionsbewusster Schotte trägt lieber seinen Distel Orden. Das Bild ist übrigens immer noch im Familienbesitz, ist niemals in die USA verkauft worden.

Irgendwann schreibe ich hier einen oder mehrere Thomas Gainsborough Posts, versprochen. Bis dahin hätte ich einen Lektüretip für Sie: ➱Giles Waterfield The Hound in the Left-Hand Corner. Kommt natürlich auch ein Gainsborough drin vor, und ein kleiner Museumsskandal (das ist vor dem Hintergrund der Berliner ➱Gemäldegalerie ganz aktuell). Giles Waterfield kennt sich in der Welt, über die er schreibt, übrigens bestens aus. Er war einmal Direktor der Dulwich Picture Gallery und hat danach eine Vielzahl von Ausstellungen kuratiert.

Wo sich deutsche Kunsthallendirektoren leider inzwischen bemühen, die Amerikaner zu übertrumpfen, um den ganzen van Gogh oder den ganzen Cezanne in Blockbusterausstellungen zu zeigen, schaffen es die Engländer immer wieder, völlig eigenständige und völlig originelle Ausstellungen zu kreieren. Wie zum Beispiel 2003 in der National Portrait Gallery Below Stairs: 400 Years of Servants‘ Portraits, die von Giles Waterfield organisiert wurde. Die Engländer haben ja ein besonderes Verhältnis zu dem Dienstpersonal, ohne die Armee von Dienstboten wäre das viktorianische Zeitalter nicht möglich gewesen. Und ohne ihren Lieblingsbediensteten hätte Viktoria nach dem Tode von Albert keinen neuen Lebensmut geschöpft.

Sie kommen auch überall in der englischen Literatur vor, im Film, im Fernsehen. Von Shakespeare über P.G. Wodehouses Jeeves, von Upstairs, Downstairs bis zu The remains of the day. Der Katalog von Waterfield geht dem Porträt der Diener in der Malerei nach, wobei die Masse der Beispiele englische (und noch dazu so gut wie unbekannte) Bilder sind. Wie vielleicht auch dieses Bild von Gainsborough da oben, das Ignatius Sancho zeigt, der auch einmal ein Diener gewesen ist.

Ich würde den Katalog Below Stairs: 400 Years of Servants‘ Portraits ja gerne zum Kauf empfehlen, aber im Gegensatz zu S.N. Behrmans Buch, das man noch preiswert finden kann, ist dies so gut wie vergriffen. Dagegen kann man das hervorragende Buch Gainsborough von ➱William Vaughan ganz leicht bekommen (Thames and Hudson, Paperback). Und das ist für den Preis das Beste, was man kriegen kann. 224 Seiten, reich illustriert mit 172 Abbildungen (davon 68 in Farbe). Hervorragend geschrieben und auf dem neuesten Stand der Forschung. Ich weiß nicht, wie die Engländer das immer hinkriegen, sie können das einfach.

Und falls Sie wissen wollen, wie das mit dem Kauf des Blue Boy weiterging, hier ist es: Duveen knew many secrets about the owners of fine pictures. His operatives had informed him that this happened to be a moment when the Duke of Westminster was definitely hard up. The Huntingtons, on their way to Paris, got off the Aquitania at Cherbourg; Duveen continued to Southampton, with the comfortable feeling of having sold at a neat profit a picture he didn’t yet own. He deferred all his other engagements and called upon the Duke at Grosvenor House. He found him extremely receptive to the idea of selling ‚The Blue Boy,‘ and anything else in the place. Duveen asked to see what was in stock. Three pieces fixed his attention—’The Blue Boy,‘ Reynolds‘ ‚Sarah Siddons as the Tragic Muse,‘ and Gainsborough’s ‚The Cottage Door.‘ Duveen bought them all, agreeing to pay cash within a few days. The price for the three pictures was slightly more than the figure he had mentioned on the Aquitania for ‚The Blue Boy‘ alone. The moment the deal was set, Duveen made for his London office and telephoned Huntington in Paris to tell him the good news. He had acquired ‚The Blue Boy‘ and would deliver it for six hundred and twenty thousand dollars—the twenty thousand covered the telephone call—but he needed the money as quickly as possible, because the Duke needed it as quickly as possible. Huntington asked for forty-eight hours. Good-naturedly, Duveen let him have that interval. At the end of it, the Duke had his money.

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