Thomas Chatterton

 

Es ist eins der ersten Bilder, die Henry Wallis gemalt hat, es ist auch sein berühmtestes Bild. John Ruskin war davon begeistert: Faultless and wonderful: a most noble example of the great school. Examine it well inch by inch: it is one of the pictures which intend and accomplish the entire placing before your eyes of an actual fact – and that a solemn one. Give it much time. Es ist nicht schwer, es inch by inch zu studieren, das Bild in der Tate Gallery ist nicht sehr groß. Die Viktorianer lieben ja diese narrative paintings, im Wasser treibende Ophelias, auf dem Fußboden liegende Ehebrecherinnen und so’n Zeug. Sentimentalität, Melodrama und ein verlogener Appell an die Emotionen kommen im Goldrahmen beim Publikum gut an. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass Augustus Egg, dem wir diese schaurig schöne ➱Past and Present Serie verdanken, das Bild gekauft hat. Ich gebe ja gerne zu, dass ich seit Jahrzehnten auch eine Postkarte von dem Chatterton Bild besitze, ich bin für jede Sorte Kitsch empfänglich. Ich würde es aber, im Gegensatz zu Ruskin, nicht für große Kunst halten.

Das Dachzimmer mit dem Ausblick auf London erinnert ein wenig an das Bild, das ➱Benjamin West von dem General ➱Kosciouszko gemalt hat. Auch da haben wir eine Chaiselongue, die Kathedrale von St Paul’s im Hintergrund und Papier auf dem Boden. Aber hier liegt keine Phiole auf dem Boden, hier verlöscht nicht gerade die Kerze auf dem Tisch. Dicker kann man die Symbolik ja nicht auftragen.  Man kann natürlich noch Cut is the branch that might have grown full straight And burned is Apollo’s laurel bough drunterschreiben, dann hält es John Ruskin für große Kunst. Eine andere Generation würde wahrscheinlich mit der Spraydose live fast, die young, leave a pretty corpse dazu setzen.

Aber man hat das Bild niemals weggeräumt, wie so vielen viktorianischen Kitsch, der im Magazin verschwand. Denn offensichtlich bedeutet der Dichter, den zu seinen Lebzeiten niemand beachtete, nach seinem Tod für jede Generation etwas Neues. Auf jeden Fall seit Keats sein ➱Sonett auf Chatterton und seit ➱Wordsworth I thought of Chatterton, the marvellous Boy / The sleepless Soul that perished in his pride geschrieben hatte. Der Chatterton Kult hat längst begonnen, als Wallis sein Bild malt. Und er hält noch immer an, ich zitiere dazu einmal die köstlich freche Bloggerin Molly Flatt aus dem Blog desGuardianHenry Wallis has a lot to answer for. On exhibition in 1856, his deliciously necrophilic painting of the 17-year-old poet Thomas Chatterton – lolling in a garret, poisoned by his own elegantly consumptive hand and blighted by the unappreciative cruelty of the cold hard world – became instantly, and enduringly, iconic. Forget Benjamin Zephaniah or Carol Ann Duffy; this skinny eighteenth century Emo kid with a penchant for self-harm and a dodgy taste in cornflower blue pantaloons still epitomises most people’s notion of what a poet should be. The stereotype may be romantically appealing, but it’s also alienating and disempowering. In a time when we have such a diverse and modern poetry scene, why does it still have such an abiding hold?

Das Modell für den Dichter auf dem Bild von Henry Wallis ist sein Freund, der damals noch erfolglose Schriftsteller George Meredith,  gewesen. Der hatte gerade mit The Shaving of Shagpat seinen ersten Roman geschrieben. Jetzt schlüpft er in die Rolle von Chatterton und
nimmt für Wallis diese romantische Todespose ein. In der Wirklichkeit hat der tote Chatterton wohl etwas anders ausgesehen: he was found the next morning a most horrid spectacle, with limbs and features distorted as after convulsions, a frightful and ghastly corpse. Wallis wird mit dem Bild berühmt, Meredith mit The Shaving of Shagpat nicht. Wenig später wird Henry Wallis mit Meredith‘ Frau Mary Ellen (hier von ihm gezeichnet) durchbrennen. Da schreibt Meredith The Ordeal of Richard Feverel, einen Roman, in dem die Frau des Titelhelden mit einem Dichter durchbrennt und ihm die Erziehung des Kindes überlässt. Und er verarbeitet seinen Verlust in einem Zyklus von fünfzig ➱Sonetten, derModern Love heißt, und der so beginnt:

By this he knew she wept with waking eyes:
That, at his hand’s light quiver by her head,
The strange low sobs that shook their common bed
Were called into her with a sharp surprise,
And strangled mute, like little gaping snakes,
Dreadfully venomous to him. She lay
Stone-still, and the long darkness flowed away
With muffled pulses. Then, as midnight makes
Her giant heart of Memory and Tears
Drink the pale drug of silence, and so beat
Sleep’s heavy measure, they from head to feet
Were moveless, looking through their dead black years,
By vain regret scrawled over the blank wall.
Like sculptured effigies they might be seen
Upon their marriage-tomb, the sword between;
Each wishing for the sword that severs all.

Das braucht Mary Ellen Meredith aber nicht mehr zu lesen, denn drei Jahre nach demelopement ist sie schon tot. Yea! filthiness of body is most vile, / But faithlessness of heart I do hold worse. Aber ➱Modern Love ist keine rührselige Abrechnung des gehörnten Gatten, hat nichts mit dem Kitsch zu tun, denn Augustus Egg in Past and Present präsentiert. Hier in der Abbildung die Nummer Eins des vierteiligen viktorianischenrespectability Cartoons.

Modern Love ist eine schonungslose Analyse dessen, was damals den Namen Woman Question bekommt, Mary Shelleys A Vindication of the Rights of Woman: with Strictures on Political and Moral Subjects aus dem Jahre 1792 erweist sich in der viktorianischen Ära als Sprengstoff mit Spätwirkung. John Stuart Mills ➱The Subjection of Women hat seine Wirkung sofort. Meredith, der in seinen Romanen auf viele Leser wie einer dieser viktorianischen Langweiler wirkt, besitzt in seinem Werk (im wirklichen Leben vielleicht nicht) erstaunlicherweise ein feines Gespür für die Fragen der Zeit, wird beinahe zu einem feministischen Schriftsteller. So wenn er in Diana of the Crossways die Heldin sagen lässt: we women are the verbs passive of the alliance, we have to learn, and if we take to activity, with the best intentions, we conjugate a frightful disturbance. We are to run on lines, like the steam-trains, or we come to no station, dash to fragments. I have the misfortune to know I was born an active. I take my chance...

Im kurzen Leben von Thomas Chatterton gibt es keine Frauen. Nur die Mutter und die Schwester, die den kleinen Engel, der ohne Vater aufwächst, abgöttisch lieben und verzärteln. Charles Bonnycastle Willcox, der Herausgeber der Werkausgabe von 1842, sagt im Vorwort: A question arises, from the perusal of this letter, respecting the amatory inclinations of Chatterton. His was scarcely a disposition to fall in love, though he here confesses to three-and-twenty flames. Sparks only they must have been, — not actual flames, with a smoke to them. Und schon 1803 hatte George Gregory, einer der ersten Biographen von Chatterton, geschrieben: He was for a considerable time remarkably indifferent to females. He declared to his sister, that he had always seen the whole sex with perfect indifference, except those whom nature had rendered dear. He remarked, at the same time, the tendency of severe study to sour the temper and indicated his inclination to form an acquaintance with a young female in the neighbourhood, apprehending that it might soften that austerity of temper which had resulted from solitary study. The juvenile Petrarch wanted a Laura, to polish his manners and exercise his fancy. Hat er seine Laura gefunden? Hat er sich bei ihr eine Geschlechtskrankheit geholt, die er mit Arsen und Opium zu bekämpfen suchte?

Thomas Chatterton ist am 25.8.1770 gestorben. Als ich so alt war wie der Selbstmörder, hatte ich eine schlimme Chatterton Phase. Ich las Ernst Penzoldts Der arme Chatterton und Hans Henny Jahnns gerade in Suhrkamps Spectaculum 11 publiziertes Theaterstück Thomas Chatterton. Mein Chatterton Phase ging vorüber. Spätestens, als ich Chaucer las. Der natürlich besser ist als dies schwache Imitat der ➱Rowley Poems. Und was Literaturfälschungen betrifft, kommt das auch nicht an den ➱Ossianheran. Ich habe gestern noch einmal alles von Chatterton gelesen, was in dem kleinen blauen Band der Oxford University Press English Verse: From Dryden to Wordsworth enthalten ist, aber da sprang nix von der alten Magie über. Ich ertappte mich dabei, dass ich anfing, John Dyers ➱Grongar Hill und ➱James Thomsons The Seasons zu lesen. Die Gedichte von the marvellous Boy / The sleepless Soul that perished in his pride hatten den Reiz verloren, den sie einmal gehabt hatten.

Das Leben von Chatterton hat von den Romantikern bis Peter Ackroyd immer wieder Schriftsteller angeregt, über ihn zu schreiben. Die Romantiker waren ja ganz hin und weg von ihm, sie werden alle über ihn schreiben (außer Byron, der hält sich bedeckt). Um noch einmal Molly Flatt zu zitieren: However, it was the self-mythologising 19th-century Romantics, with their trembling apprehensions of the sublime, who really cemented the impression that a poet’s life must be as incompetent as his art is transcendent. Chatterton hat Glück, dass sein Tod mit dem Höhepunkt des Geniekults zusammenfällt. Wenn man erst einmal zum Genie erklärt worden ist, kann einem das niemand mehr nehmen. Und ein früher Tod macht einen Dichter natürlich für die Nachwelt interessant, das ist schon, wie Molly Flatt richtig sagt, ein Stereotyp geworden: The stereotype may be romantically appealing, but it’s also alienating and disempowering. In a time when we have such a diverse and modern poetry scene, why does it still have such an abiding hold?

Die Hälfte der englischen Dichter der Romantik wird nicht sehr alt. We Poets in our youth begin in gladness; But thereof comes in the end despondency and madness, sagt Wordsworth, der sie alle überlebt. Keats wird sechsundzwanzig, Shelley ertrinkt mit dreißig, und Lord Byron stirbt mit sechunddreißig. Am Strand von Viareggio begraben zu werden oder in Missolonghi im griechischen Freiheitskampf am Wundfieber zu sterben, ist natürlich viel spektakulärer als in London in einer Dachkammer in der Brook Street zu sterben. Bei Amazon.com kann man für 29.95 $ ein Photo Jigsaw Puzzle of Chatterton’s House, Brook Street, 1857 kaufen. Ich weiß jetzt nicht, für welche Zielgruppe das kalkuliert ist.

I find, for example, that they exaggerate the cases of Hegesippe Moreau, Chatterton, and others in an unwarranted manner. Hegesippe Moreau was a second-rate poet. His great cleverness was in dying as he did. If he had lived no one, perhaps, would have known his name. You can pity the poor devils whom literary ambition kills in the garrets ; but it is silly to regret their talent. It is a crime to support the pride of men of no ability. The writer who is big with a world always brings forth that world. Das sind böse Worte, die Emile Zola hier sagt – aber schon Baudelaire konnte der Dichtung von Hégésippe Moreau, dem französischen Chatterton, nicht abgewinnen. Doch man sollte den Gedanken von Zola nicht beiseite schieben. Was würden wir von dem dichterischen Werk Chattertons halten, wenn er nicht mit siebzehn in der Dachkammer in der Brook Street gestorben wäre?

Es ist keine Schande, wenn ein deutscher Leser nicht weiß, daß es einen englischen Dichter Thomas Chatterton (1752 bis 1770) wirklich gegeben hat, beginnt Ernst Penzoldt 1928 sein Nachwort zu dem Roman Der arme Chatterton: Geschichte eines Wunderkinds. Wenn Ihnen der Name Chatterton bisher überhaupt nichts sagte und Sie heute bei mir eine von diesen hübschen kleinen Lebensskizzen vermissen, die ich sonst immer so schreibe, kann ich Ihnen nur Niels Höpfner ans Herz legen. Als ich seinen hervorragenden Artikel ➱Ein Wunderkind aus England: Zum 250. Geburtstag von Thomas Chatterton aus dem Jahre 2002 im Netz entdeckte, sagte ich mir: mit dem konkurrierst du nicht. Den empfiehlst du zur Lektüre. Und was ich natürlich unbedingt zur Lektüre empfehle, ist Ernst Penzoldts Roman Der arme Chatterton. Auf die Gefahr hin, dass ich das in dem Post über ➱Penzoldt schon einmal gesagt habe: man kann gar nicht genug Ernst Penzoldt lesen. Und er ist auch viel netter zu Chatterton als ich: Es gibt Engel. Chatterton konnte einer sein, einer von den flügellosen Engeln, jenen halb wirklichen, halb jenseitigen Wesen, die Gesichte, manche (nun quälende) Fähigkeiten und Sehnsucht (des Fliegens etwa) behalten haben aus dem andern Reich.

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