John Singleton Copley in England

 

Ich war zwei Monate mit meinem Blog im Internet, als ich über ➱John Singleton Copley schrieb (hier ein Selbstportrait von ihm). Seitdem ist er in diesem Blog immer wieder erwähnt worden; und so werde ich natürlich seinen Todestag nicht vergehen lassen, ohne ihm einige Zeilen zu gönnen. Damals ärgerte ich mich über den deutschen Wikipedia Artikel, der dem amerikanischen Malergenie gerade mal eben sieben Zeilen widmete. Unten drunter stand auch noch Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888–1890. Was ganz simpel bedeutet, dass man dem Publikum einen über hundert Jahre alten Text servierte, der schon damals nicht sehr inspiriert war. In den zwei Jahren hat sich bei Wikipedia nichts daran geändert.

Sein spektakuläres Bild ➱Knabe mit Eichhörnchen, das er 1766 nach England geschickt hatte, sichert ihm dort frühen Ruhm. Benjamin West und ➱Sir Joshua Reynolds hatten ihm geraten, sofort nach London zu kommen. Aber er hat Angst vor der Überfahrt über den Atlantik. Doch seine Angst vor der amerikanischen Revolution ist noch größer,  und so tritt er die Reise an. Wenn er nun acht Jahre nach dem Bild selbst nach London kommt (Frau und Kinder lässt er erst einmal in Boston), hört er nicht auf den Rat seiner Malerkollegen, jetzt erst einmal den Ruhm auszunutzen und Portraitaufträge anzunehmen. Wahrscheinlich hat er wieder Angst. Er bricht er erst einmal nach Italien auf. Er ist froh, in dem englischen Maler George Carter einen Reisebegleiter gefunden zu haben. In einem Brief an seine Mutter beschreibt er ihn als a very polite and sensible man, who has seen much of the world. Wenig später ist der polite and sensible man zu a sort of snail which crawled over a man in his sleep and left its slime, and no more geworden. Auf der anderen Seite sind Carters Notizen über Copley in seinem Tagebuch auch nicht sehr schmeichelhaft, dieser junge Amerikaner aus dem provinziellen Boston hat an allem etwa herumzunörgeln. Selbst wenn wir abziehen, dass sich die beiden nach wenigen Wochen nicht mehr ausstehen konnten, bleibt an dem unvorteilhaften Bild, das Carter von Copley zeichnet, vieles wahr. Copley hat an allem etwas zu nörgeln, er steht sich selbst im Weg. Das wird sich bis zu seinem Tod nicht ändern.

In Amerika war er ein Originalgenie, die europäische Malerei kannte er nur aus mehr oder weniger guten Stichen und Radierungen. Jetzt kann er sie in Italien sehen. Es scheint ihn zu verwirren, wie das Doppelportrait von Mr und Mrs Ralph Izard (oben) zeigt, das er in Rom malt. Besonders vorteilhaft sieht Alice DeLancey (Mrs Izard) bei Copley mit dieser unnatürlichen Körperhaltung nicht aus. Das Bild von Gainsborough (links) wird ihr besser gefallen haben. Die Portraitkunst, die Copley in Boston perfektioniert hatte, wie zum Beispiel in dem Bild von ➱John Bours oder dem Bild von ➱Margaret Kemble (der Gattin des Generals Thomas Gage), lebte von ihrer Beschränkung auf das Wesentliche. Beim Bild der Izards muss er alles an klassischer Staffage in das Bild packen, was er in Italien gesehen hat. Er hat alles über Bord geworfen, was ihn vorher einzigartig gemacht hat, jetzt will er nur noch die Europäer imitieren.

Und dafür muss er unbedingt auch noch eine Himmelfahrt malen, um mit allen lebenden und toten Malern zu konkurrieren. Es ist eine Art von beinahe perfektem Raffael, was er da produziert. James Thomas Flexner sagt in seinem Buch über Copley: had he wished, he could undoubtedly have been one of the greatest artistic forgers of all time. An dem Satz ist sicher etwas dran, schauen Sie sich doch einmal das Bild von ➱Abigail Bromfield an – alles direkt bei Gainsborough geklaut! Copley weiß nicht so recht, wie es mit ihm künstlerisch weitergehen soll. Zurück in London, wo inzwischen seine Familie aus Amerika angekommen ist, wirft er sich erst einmal auf die Historienmalerei, das Genre, mit dem sein Landsmann ➱Benjamin West berühmt geworden ist. West ebnet seinem Landsmann alle Wege, öffnet ihm alle Türen. Muss aber später mitansehen, dass Copley einen Aufstand der Künstler organisiert, um ihn aus dem Amt des Präsidenten der Royal Academy zu drängen. So groß Copley als Maler ist, so klein ist er als Mensch.

Sir Joshua Reynolds hatte die Historienmalerei in seinen theoretischen Äußerungen auf die oberste Stufe der Malerei gestellt. So weit die Theorie, in der Praxis hat Reynolds die Historienmalerei kaum betrieben. Copley malt als erstes dieses erstaunliche Bild Watson and the Shark, ein Bild, das einen großen Einfluß in der europäischen Malerei haben wird. Ich zeige heute einmal die dritte Version, die in Detroit hängt, die wird nicht so häufig abgebildet.

Und kaum hat sich London von dieser Sensation erholt, präsentiert Copley das Bild The Death of the Earl of Chatham, an dem er drei Jahre gemalt hatte. Das dauerte so lange, weil da fünfundfünfzig Mitglieder des House of Lords portraitiert sein wollten, die alle dabei gewesen waren, als William Pitt im Parlament einen Schlaganfall erlitt. Als das Ganze fertig ist, mietet Copley ein kleines Gebäude und stellt das Bild gegen Eintrittsgeld aus. 20.000 Londoner haben es gesehen, kaum jemand geht noch in die gleichzeitig stattfindende Ausstellung der Royal Academy. Man hat ausgerechnet, dass er fünftausend Pfund an dem Ganzen verdient hat (man multipliziere es mit 100, um an den heutigen Wert zu kommen), aber wiegt das hunderte von Feinden auf, die sich Copley in der Londoner Kunstszene macht?

Das Bild ist zwar the talk of the town, hat aber doch ein Gschmäckle von billiger Sensationshascherei. Man macht so etwas nicht als Maler, jegliches decorum fehlt, das dem 18. Jahrhundert so wichtig ist. Wenn man Historienbilder malt, dann sollten die Helden lange tot sein, sollten möglichst griechische oder römische Helden sein. Dagegen hatte schon Copleys Landsmann Benjamin West mit seinem ➱Tod des Generals Wolfe verstoßen, Copley geht noch einen Schritt weiter. Er erfindet die Ein-Bild-Ausstellung und malt Ereignisse, die noch in aller Erinnerung sind. Und so malen die beiden Amerikaner in London Bilder, die wie Aufnahmen für Filme von Cecil B. De Mille wirken: Hollywood avanti lettera, Popularisierung um jeden Preis, wie es Fritz Baumgart in Vom Klassizismus zur Romantik so schön formuliert hat.

Das nächste Historienbild, das Copley malt, ist The Death of Major Peirson(oben), zwei Jahre nach dem historischen ➱Ereignis vom 6. Januar 1781 ausgestellt. Eintritt ein Shilling, es gibt sogar ein kleines, von Copley entworfenes Informationsblatt dazu. Der erste, der das Bild sieht, ist der englische König. Der braucht natürlich keinen Eintritt zu bezahlen. Er verweilt drei Stunden vor dem Bild. Der Morning Herald weiß am nächsten Tag zu berichten: His Majesty continued examining it with the minutest attention for near three hours, and in commenting on its various excellencies, in point of design, character, composition, and colouring,  expressed himself in the highest terms of approbation.

Es ist ein riesiges (246 mal 365 cm), perfekt komponiertes Bild, das den Tod des 24-jährigen Majors Francis Peirson zeigt, der gerade einen Gegenangriff gegen die französischen Invasoren der Kanalinsel Jersey beginnen will, als er von der Kugel eines Heckenschützen getroffen wird. Das Bild ist eine einzige Diagonale aus roten Uniformen, Flaggen und Pulverqualm. Vorne rechts flieht die Zivilbevölkerung, für die Copleys Familie Modell stand. Der kleine Junge mit dem vor Schreck erstarrten Gesicht, der direkt in den Betrachten hineinzulaufen scheint, wird eines Tages unter dem Namen Baron Lyndhurst Lord Chancellor von England. In dem Pulverdampf kann man auf auf dem Marktplatz von St Helier auch die vergoldete  Statue von ➱George II erkennen. Dass sie durch alles hindurch scheint, ist natürlich ein Zeichen für den englischen Sieg. Und ganz links oben auf der Hügelkuppe kann man schon die heranrückende Verstärkung der englischen Truppen erblicken. Obgleich Copley eine geradezu übertriebene Genauigkeit auf Details legte, ist er wohl nie in St Helier gewesen. Ich hätte zu diesem Punkt hier einen sehr interessanten ➱Artikel aus der IslandWiki von Jersey. Davon kann sich die deutsche Wikipedia mal eine Scheibe abschneiden.

Und natürlich gibt es eine Art von poetischer Gerechtigkeit in dem ganzen Gewusel von britischem Heldentum. Hier erschießt gerade der schwarze Diener von Major Peirson den hinterlistigen französischen Scharfschützen. Ob das in der Wirklichkeit so war, ist sehr fraglich, aber die Folklore wollte das so: Schwarze sind immer treue Diener, sie rächen ihren Herrn. Uncle Tom ist schon geboren. Der Schwarze tut auch immer, was der weiße Mann ihm sagt:  links von ihm ist der Hauptmann Malcolm McNeil, der ihm den Übeltäter zeigt, der jetzt erschossen werden soll.

Als Copley The Death of Major Peirson, 6 January 1781 ausstellte, gab es Namen unter dem Bild, damit man wußte, wer wer ist. Nur der Schwarze in seiner Phantasieuniform hatte keinen Namen. Er hieß schlicht Major Peirson’s Black Servant. In Copleys erstem Entwurf von 1782 stand an dieser Stelle übrigens ein britischer Soldat. Das Modell für den Schwarzen war der Diener von James Christie (der von dem gleichnamigen Auktionshaus). Den kannte Copley, weil James Christie sein Nachbar war (Joshua Reynolds auch), als er noch in der Nummer 12 der Leicester Fields (heute Leicester Square) wohnte. Kunsthistoriker nehmen heute an, dass der farbige Diener (ebenso wie der unbekannte Farbige in der Mitte des Bootes vonWatson and the Shark) nur eine romantische Zugabe ist. Rousseausedler Wilder lässt grüßen. Wer dieser Mann hier auf dem Bild von 1777 oder 1778 ist, das wissen wir leider nicht. Es ist eins der besten Portraits von Copley. Es suggeriert eine intime Nähe zu dem Dargestellten, befreit von Kostümen, Konventionen und Bildungsanspielungen (wie auf dem Bild der Izards). Eine solche Nähe wird Copley erst zehn Jahre später gelingen, wenn er nach Hannover reist, um General de la Motte und seine Stabsoffiziere zu malen. Der uns hier auf dem Bild – das im Nachlass seines Sohnes als Head of a Favourite Negro bezeichnet wird –  anschaut, ist ein freier Mann. Seit 1772 – also seit dem Somersett Case – gibt es in England keine Sklaven mehr. Jetzt sind sie Diener.

Aber so durchkomponiert The Death of Major Peirson, 6 January 1781 ist, es ist ein kaltes Bild, ein tableau von Personen, ein eingefrorener Moment der Geschichte. In den Schlachtenbilder von Copleys Landsmann ➱Colonel John Trumbull (der ein schlechterer Maler als Copley ist) ist mehr Leben. Zwei Monate lang können die Londoner am Haymarket den Tod des Major Peirson bewundern, der für einen Tag lang Lieutenant Governor der Insel gewesen ist. Das Gefecht am 6. Januar 1781 war übrigens die letzte Kampfhandlung, die auf englischem Boden stattgefunden hat.

Copley hat sich mittlerweile von der City of London den Auftrag für sein größtes Werk (knapp 23 Quadratmeter groß) The Defeat of the Floating Batteries at Gibraltar, September 1782 gesichert. Ein Bild, das man sich offensichtlich auch als Tapete kaufen kann, Darüber schreibe ich in der nächsten Woche, das wird hier sonst zu lang. Einen Namen für den Post habe ich schon – er wird Hoya heißen. Wenn Sie sich jetzt fragen, was der kleine Ort südlich von Bremen mit Copleys Bild von der Belagerung von Gibraltar zu tun hat – es wird darauf eine Antwort geben. Stay tuned!

 

Über jay

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