Sir Christopher Wren

Sir Christopher Wren

Said, „I am going to dine with some men.
If anyone calls
Say I am designing St. Paul’s.
Ich musste das mal eben zitieren, dieser über hundert Jahre alte Clerihew ist zu schön. Ich musste auch dieses Bild von Thomas Cole hier plazieren, das den Namen The Architect’s Dream trägt. Es wurde 1840 für den amerikanischen Architekten Ithiel Town gemalt (der Name I.Town findet sich auch auf der Säule im Vordergrund). Dieser Ithiel Town war dafür bekannt, dass er je nach Wunsch des Auftraggebers im neugotischen oder im neoklassischen Stil baute, beides können wir ja im Bild sehen.

Für Christopher Wren (der heute vor 380 Jahren geboren wurde) gab es in dem Punkt keine Diskussion. Seit ➱Inigo Jones die Architektur der italienischen Renaissance nach England gebracht hatte, ist die Rückbesinnung auf klassische Formen in England angesagt, einGothic Revival wird es erst ein ➱Jahrhundert später geben. So ganz stimmt der Satz nicht, denn manchmal wird Wren auch ein wenig mit der Gotik spielen, wie hier bei dem Tom Tower des Christ Church College (ought to be Gothick to agree with the Founders worke). Aber das lassen wir einmal beiseite (obgleich manche Architekturhistoriker hier die Keimzelle für das Gothic Revival des 18. Jahrhunderts sehen). Man muss auch bedenken, dass dies eins der ganz wenigen Bauwerke war, die Wren im privaten Auftrag und nicht im Auftrag des Königs gebaut hat. Da erlaubt man sich schon mal kleine stilistische Freiheiten.

Christopher Wren beginnt seine Karriere von oben, sozusagen von der Säule herab, auf der Thomas Cole seinen Architekten plaziert hat. Er fängt nicht als Steinmetz an wie Andrea Palladio, als Architekt ist er ein Autodidakt. Das war Inigo Jones auch, der als picture maker und Bühnenbildner für die königlichenmasques angefangen hatte. Erstaunlich viele englische Architekten beginnen damals als Autodidakten, John Vanbrugh war Offizier und Bühnenschriftsteller, bevor er Architekt wurde. Und natürlich sind die Herren Gentlemen, keine Handwerker.

Die Geschichte Londons offeriert dem Surveyor of the King’s Works (der vorher Professor für Mathematik und Astronomie gewesen war) eine einzigartige Möglichkeit: er kann nach dem Brand von London (dem Brand, den ➱Samuel Pepys in seinen Tagebüchern beschreibt) die Stadt wieder neu aufbauen. Genau genommen baut er nur die Kirchen (51 an der Zahl), aber beim Bau von allem anderen, achtet man schon genau darauf, was aus dem Office of Works kommt. Und eine Devise ist: Stein statt Holz. Das hatte Wren auf seiner einziger Auslandsreise in Paris gesehen, der größte Teil der Gebäude war dort schon aus Stein gebaut – in London konnte man die Häuser aus Stein schnell zählen. Die vorherrschende Bauweise hatte sich seit den Tagen von William Shakespeare kaum geändert. Außer für repräsentative Bauten, da hatte man die Lektion, die Inigo Jones aus Italien mitgebracht hatte, schon gelernt.

Christopher Wren hatte, das Vorbild Paris vor Augen, kurz nach der Brandkatastrophe einen Plan für London fertig. Aber aus einer Vielzahl von Gründen, ist aus dem nichts geworden: Its ‘Practicability… without Loss to any Man, or Infringement of any Property, was … demonstrated, and all material Objections fully weigh’d and answered. Yet nothing was effected because of ‘the obstinate Adverseness of a great Part of the Citizens to alter their old Properties, and to recede from building their houses again on their old Ground and Foundations; as also the distrust in many, and Unwillingness to give up their Properties , tho’ for a Time only, in to the Hands of publick Trustees, or Commissioner, til they might be dispens’d to them again, with more Advantage to themselves, than otherwise was possible to be effected. Na ja, man führte Krieg gegen die Holländer, und nach Pestepidemie und Feuersbrunst war die Stadt London Pleite, da dachte man nicht an visionäre Pläne. Wahrscheinlich wären sie aber in London heute froh, wenn sie eine so übersichtliche City hätten wie auf dem Plan von Wren.

Dies hier ist, wenn man so will, Wrens einziges Bauwerk außerhalb Englands. Es ist das Wren Building der William und Mary Universität in Williamsburg (Virginia), das nach Wrens Plänen gebaut wurde. Sie werden von mir jetzt sicher nicht erwarten, dass ich hier eine Besprechung des Gesamtwerks von Wren liefere, dafür gibt es genug Bücher über englische Architektur. Ich zitiere lieber ein wunderbares Gedicht aus dem Jahre 1928 von Hugh Chesterman. Der Schriftsteller und Buchillustrator, der 1941 als Leutnant der Royal Berkshires starb (er war schon im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen), hat leider keinen Wikipedia Artikel. Aber man kennt offensichtlich immer noch seine köstlichen Gelegenheitsgedichte. Und sein Gedicht Christopher Wren ist ebenso gut wie der kleine Clerihew am Anfang:

Clever men like Christopher Wren
Only occur just now & then.
No one expects
In perpetuity

Architects of his ingenuity.
No, never a cleverer dipped his pen
Than clever Sir Christopher – Christopher Wren.
With his chaste designs
On classical lines.
His elegant curves and neat inclines.
For all day long he’d measure and limn
Till the ink gave out or the light grew dim:
And if a plan
Seemed rather Baroque or too „Queen Anne“
(As plans well may).
He’d take a look
At his pattern Book
And do it again in a different way.
Every day of the week was filled

With a church to mend or a church to build
And never an hour went by but when
London needed Christopher Wren.
„Brides in Fleet Street lacks a spire,“
“Mary-le-Bow a nave and a choir“
„Please to send the plans complete
For a new St Stephen’s, Coleman Street“
„Pewterers‘ Hall
Is far too tall
Kindly lower the North West wall“.
„Salisbury Square –
Decidedly bare,
Can you put one of your churches there?“
„Dome of St Paul’s is not yet done.
Dean’s been waiting since half-past one.“
London Calling
From ten to ten
London calling
Christopher Wren.

Für den Fall, dass Sie nun doch noch mehr über englische Architektur wissen wollen, hätte ich noch einige Literaturtips. Falls Sie lieber auf das Internet setzen, können Sie ➱hier eine einstündige Vorlesung über die Zeit von Wren hören. Und ➱hier gibt es noch ein Transkript dazu, beides kommt vom Gresham College, wo Wren einst lehrte. Aber so schön solche Internetveranstaltungen sein können, es geht doch nichts über ein gutes Buch. Wenn Sie noch preiswert antiquarisch ein Exemplar von ➱John Betjemans A Pictorial History of English Architecture finden, haben Sie eigentlich alles, was für die Erstinformation nötig ist. Und das schöne Begleitbuch von Roy Strong zu der BBC Serie Spirit of the Age: Eight Centuries of British Architecture (BBC Classics) kann man bei Amazon.co.uk ganz billig bekommen. Neben John Betjeman, den zu lesen es immer lohnt, gibt es noch seinen Intimfeind ➱Nikolaus Pevsner. In seinem bei Prestel erschienenen Buch Europäische Architektur: Von den Anfängen bis zur Gegenwart steht auch eine Menge zu Sir Christopher Wren.

Und da ich gerade bei Pevsner bin, kann ich natürlich das Penguin Dictionary of Architecture von Sir Nikolaus Pevsner, John Fleming und Hugh Honour nicht auslassen, das in deutscher Bearbeitung alsLexikon der Weltarchitekturauch bei Prestel (und später bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft) erschienen war. Die deutsche Ausgabe ist sogar besser als die englische, Sir Nikolaus war mit der deutschen Überarbeitung und Erweiterung sehr zufrieden.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum ich nicht einfach das beste Buch zu Christopher Wren empfehle, kann ich nur mit Hamlet sagen Ah,there’s the rubJohn Summerson, einer der besten Kenner der englischen Architektur, hat in der hervorragenden Reihe von Pelican, The Architect and Society, ein Buch über Inigo Jones geschrieben, aber leider keins über Christopher Wren. Aber er hatte 1953 bei Collins ein kleines Buch über Wren veröffentlicht (das in den sechziger Jahren noch einmal aufgelegt wurde), es lohnt sich, danach zu suchen. Gibt es bei Amazon Marketplace für ganz billig oder ganz teuer. Aber so ein ein richtig gutes – und lieferbares – Buch zu Christopher Wren, das gibt es nicht. Über Palladio gibt es meterweise Literatur, bei Wren sieht es dünn aus. Adrian Tinniswoods Biographie ➱His invention so fertile: a life of Christopher Wren entfachte vor Jahren kein Feuer der Begeisterung bei den ➱Rezensenten. Peter Ackroyd hätte solch ein Buch schreiben können, aber der hat stattdessen einen wilden Roman geschrieben, der den Namen von Wrens Assistenten Hawksmoor hat.

Irgendwie finde ich den Mangel von leicht erreichbarer guter Literatur zu Wren sehr seltsam. In Hugh Brauns A Short History of English Architecture – immerhin bei Faber erschienen – bekommt Wren mal gerade einen Absatz. Und dann muss man noch Sätze wie diesen lesen: Wren was more of an engineer than an architect. Oder: The only thing he could possibly do was to make some sort of copy of the great churches of the Italian Renaissance. That is what St. Paul’s cathedral really is. Braun ist Architekt gewesen, Mitglied des RIBA, er war 1933 bei den Ausgrabungen von Ninive dabei und war Fachmann für die Architektur Maltas, aber für Christopher Wren hat er kein Händchen. Oder liegt es daran, dass die Engländer überhaupt keine großen Architekten sein können? Ich las letztens bei ➱Georg Forster die wunderbaren Sätze zu Chatsworth: Das Schloß ist ganz eines so großen Englischen Peers würdig. Auf die Architektur mag ich mich nicht einlassen; die ist nun einmal in England, auch da, wo sie Geld genug gekostet hat, nicht fehlerfrei.

Die Kirche in Old Lyme, die ➱Childe Hassam vielfach gemalt hat, ist natürlich nicht von Christopher Wren gebaut. Aber es ist eine Kirche, die Kunsthistoriker als den Wren-Gibbs Typ bezeichnen, und wie Christopher Wren und James Gibbs (der in seinen Gebäuden vieles zu Ende führt, was Wren angedacht hatte) dabei zusammenkommen und weshalb dies der beliebteste Kirchentyp in Neuengland war, darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal. Heute gebrauche ich das Bild nur als Beispiel dafür, wie Christopher Wren überall weiterwirkt. Auf seiner Grabplatte in St Pauls steht: LECTOR SI MONUMENTUM REQUIRIS CIRCUMSPICE. Man braucht sich nur umzuschauen, sein Werk ist überall noch zu sehen.

Christopher Wren ist über neunzig Jahre alt geworden, er hat ein halbes Dutzend Monarchen erlebt. Beinahe die Hälfte seines Lebens hat er an St Paul’s gebaut. Als er starb, war er als Architekt so gut wie vergessen. Niemand hat ihn zu Lebzeiten auf eine Säule gemalt, von der aus er sein London betrachten kann. Aber beinahe gleichzeitig mit Thomas Coles Bild für Ithiel Town malt Charles Robert Cockerell diesen Tribute to Sir Christopher WrenLector si monumentum requiris circumspice.

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