Jan Vermeer

Heute vor 380 Jahren wurde Jan Vermeer in Delft getauft. Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten holländischen Maler, und dennoch wissen wir sehr wenig über ihn. Man ist sich nicht einmal sicher, wie viele ➯Bilder er gemalt hat. Dreiunddreißig? ➯Siebenunddreißig? Vor einigen Jahren hat ein Amerikaner namens Benjamin Binstock in seinem Buch Vermeer’s Family Secrets die These aufgestellt, dass ein großer Teil seines Werkes von seiner Tochter gemalt sei. Wenn dem so ist, dann konnte sie besser malen als der Vermeer Fälscher Han van Megeeren, der sogar Hermann Göring einen gefälschten Vermeer andrehte. Immer wieder hat die stille Kunst Vermeers Dichter und Schriftsteller herausgefordert: ➯Proust, der ihn in Die Suche nach der verlorenen Zeit hineinschrieb, ist vielleicht der berühmteste. Zu diesem Bild eines unbekannten Mädchens mit einem Perlenohrring gibt es inzwischen sogar einen Film, dessen Handlung aber nicht mit dem wirklichen Leben Vermeers verwechselt werden sollte.

Ich bleibe noch einen Augenblick bei dem ➯Kunstfreund Hermann Göring. Der hatte 1939 dem Hamburger Unternehmer Philipp Reemtsma die Genehmigung erteilt, das Bild, das heute Die Malkunst heißt (früher hieß es lange Zeit Der Maler im Atelier oder Modell und Maler), von dem österreichischen Grafen Jaromir Czernin zu kaufen und hatte telegraphisch das Ausfuhrverbot für das Kunstwerk aufgehoben. Göring und Reemtsma kannten sich gut, sie waren ständig geschäftlich miteinander verbandelt. Nach dem Krieg wurde dem Nazi-Profiteur Reemtsma wegen Bestechung und Anstiftung zur Rechtsbeugung der ➯Prozess gemacht, mehr als sieben Millionen Reichsmark soll er an seinen Fliegerkameraden Göring gezahlt haben. Aus dem Verkauf des Bildes an Reemtsma ist nichts geworden, Hitlers Reichskanzlei meldete Vorbehalte an.

Das Bild hatte sich bis zum Tode Vermeers in seinem Besitz befunden. Wie viele Bilder anderer Maler, mit denen Vermeer ziemlich erfolglos zu handeln versuchte. Man weiß nicht, ob er es als Schaustück behalten hat, oder ob er es nicht verkaufen konnte. Das Bild wird in einer Auflistung seiner Frau Catharina Bolnes als een stuck schilderie … waerin wert uytgeheelt de Schilderkonst bezeichnet. Die behauptet zwar, dass ihr das Bild nicht gehöre, weil sie es an die Schwiegermutter des Malers Maria Thins verkauft habe, aber auf solche Schutzbehauptungen lässt sich der Nachlassverwalter und Freund Vermeers, der berühmte Antoni van Leuwenhoeck, nicht ein. Der Vermeer wird verkauft. Er ist auch bald kein Vermeer mehr, weil den niemand mehr kennt – und weil niemand Geld für einen Vermeer bezahlt. Das Bild wird zu einem Pieter de Hooch umfrisiert. Bekommt auch eine schöne neue Signatur. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird es als Vermeer erkannt und anerkannt. Zwanzig Jahre nachdem der Direktor der Berliner Galerie Gustav Friedrich von Waagen das Bild als echten Vermeer identifiziert hatte, wird das Bild von dem Mädchen mit dem Perlenohrring bei einer Auktion in Holland für zwei Gulden verkauft. Vermeer hat noch keine Konjunktur.

Als Waagen – gleichzeitig mitThéophile Thoré – 1860 das Bild identifiziert, ist es das Prunkstück der Sammlung des böhmischen Grafen Johann Rudolf Chernin von und zu Chudenitz (1757-1845), der kurz vor seinem Tod in seinem Wiener Palast eine eindrucksvolle Gemäldegalerie eingerichtet hatte; die sogar, wenn auch in begrenztem Masse, der Öffentlichkeit zugänglich war. Czernin hatte den angeblichen de Hooch 1813 aus der Sammlung des Baron Gottfried van Swieten (ja, das ist der Förderer von Mozart, Haydn und Beethoven) gekauft, es kann sein, dass das Bild schon zuvor dessen Vater Gerard gehört hatte. Bezahlt hatte Czernin damals fünfzig Gulden. Nach dem Tod des ehemaligen Außenministers Ottokar Czernin (1857–1932) gehen die Erben an das Zerstückeln der Sammlung.

Die beiden Haupterben Eugen Czernin (1892–1955) und sein Neffe Jaromir Czernin (1908–1966) einigen sich 1933 bei der Verteilung der Latifundien in der Tschechoslowakei und in Österreich und bei der Aufteilung des Kunstbesitzes. Der Vermeer wird mittlerweile auf eine Million Schilling geschätzt, der gesamte Rest der Sammlung (hervorragende Bilder von ➯Tizian und ➯Dürer eingeschlossen) auf nicht einmal ein Viertel dieser Summe. Jaromir Czernin erbt vier Fünftel des Vermeers, er möchte ihn sofort verkaufen. Angeblich hat er ein Angebot von einer Million Golddollar von ➯Andrew W. Mellon. Wenn da nur dieses Ausfuhrverbot für Kunstwerke nicht wäre, dass es seit 1923 gibt! Aber als Kurt Schuschnigg durch seine zweite Ehe sein Schwager wird, hat Czernin die Hoffnung, dass der das Ausfuhrverbot kippen könnte. Doch kurze Zeit später marschieren die Nazis ein, und Schussnigg ist Gefangener der Gestapo. Glücklicherweise meldet sich just in diesem Moment, in dem die Verkaufsverhandlungen mit Philipp Reemtsma gescheitert sind, ein uneigennütziger Landsmann, der bereit ist, mehr als anderthalb Millionen Reichsmark für das Bild zu bezahlen. Und auch noch die Steuern in Höhe von 500.000 Mark zu tragen.

Sie ahnen schon, wer dieser österreichische ➯Kunstfreund ist. Ich bitte, meinen aufrichtigsten Dank entgegennehmen zu wollen. Mit dem Wunsche, das Bild möge Ihnen, mein Führer, stets Freude bereiten, schrieb Graf Czernin 1940 an den neuen Besitzer. Na ja, so lange währt die Freude von dem gescheiterten Kunstmaler an dem Bild von der Malkunst nicht, das die Nummer 1096 in der Führersammlung hatte. Im Herbst 1945 stellt Graf Czernin seinen ersten Antrag auf Restitution, er sei zu dem Verkauf zu einem viel zu niedrigen Preis gezwungen worden. Im Januar 1946 wird dieser Antrag zurückgewiesen, auch zwei weitere Versuche von Czernin, das Bild zurückzubekommen (oder mehr Geld zu bekommen), scheitern. 2009 werden seine Erben noch einmal einen ➯Versuch machen, sich als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen, aber es wird – trotz eines international großen Echos – nichts bringen. Das Bild bleibt im Besitz Österreichs. Eugen Czernin hat wahrscheinlich völlig unspektakulär das bessere Geschäft gemacht, er hat Anfang der fünfziger Jahre den geerbten Dürer, den Tizian und einen anonymen holländischen ➯Meister an die Sammlung Samuel H. Kress verkauft.

Die junge Dame im Hintergrund von Vermeers Bild lächelt seit Jahrhunderten stillvergnügt vor sich hin (nun gut: auf diesen beiden postmodernen Werken von Sophie Matisse und Gerhard Gutruf lächelt sie nicht, weil sie gar nicht im Bild ist). Der Trubel, der durch die Betrachter vor dem Bild ist, stört sie nicht. Was würde Vermeer zu diesen Bildern einer ➯Wiener Ausstellung sagen? Die Landkarte von Holland hinten an der Wand ist inzwischen veraltet. Für die Invasion Hollands konnte Hitler sie nicht gebrauchen. Beeinflusst es unsere Sicht des Bildes, wenn wir daran denken, dass es einmal Adolf Hitler gehört hat? Warum wollte er unbedingt dies Bild haben? Für kein Kunstwerk hat der verhinderte Kunstmaler Hitler mehr gezahlt, als für diesen Vermeer. Wo immer das Geld herkam. Den nächsten Vermeer in seiner Sammlung, ➯De astronoom, hat er nicht bezahlt, den hat er in Paris einfach klauen lassen. Aber der Baron de Rothschild, dem er gehörte, hat ihn nach dem Krieg zurückerhalten. Viele enteignete Besitzer von Kunstwerken haben nicht dieses Glück.

Wahrscheinlich spielen künstlerische Erwägungen bei dem Banausen Hitler keine Rolle; es ging ihm nur den finanziellen Wert des Bildes von der Malkunst, denn wie schon Martin Borman wusste: An sich hat dieses beste Bild des Vermeer einen internationalen Wert, der weit über den bewilligten Preis hinausgeht. Es geht wie bei vielen Kunstverkäufen um Geld, nicht um den Kunstgenuss. Einen Satz wie ‚Der Maler in seinem Atelier‘ in Wien. Wie gern hätte ich dieses Bild gesehen! hat man von Hitler nicht gehört, dieser Satz stammt von Auguste Renoir. Kriege kommen und vergehen, was bleibt, sind einzig die Werke der Kultur. Daher meine Liebe zur Kunst, Musik und Architektur! dieser Satz ist von Hitler, der davon träumte, als großer Kunstsammler in die Geschichte einzugehen.

Mehr Vermeer im Blog SILVAE findet sich bei ➯Malkunst, ➯Bilder und ➯Holländer.

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