Lord Burlington

Another age shall see the golden ear
Imbrown the slope, and nod on the parterre,
Deep harvests bury all his pride has plann’d,
And laughing Ceres reassume the land.


Who then shall grace, or who improve the soil?
Who plants like Bathurst, or who builds like Boyle?
’T is use alone that sanctifies expense,
And splendour borrows all her rays from sense.


His father’s acres who enjoys in peace,
Or makes his neighbours glad if he increase;
Whose cheerful tenants bless their yearly toil,
Yet to their Lord owe more than to the soil;
Whose ample lawns are not ashamed to feed
The milky heifer and deserving steed;
Whose rising forests, not for pride or show,
But future buildings, future navies, grow:
Let his plantations stretch from down to down,
First shade a country, and then raise a town.
You, too, proceed! make falling arts your care;
Erect new wonders, and the old repair;
Jones and Palladio to themselves restore
And be whate’er Vitruvius was before,
Till kings call forth th’ ideas of your mind
(Proud to accomplish what such hands design’d),
Bid harbours open, public ways extend,
Bid temples, worthier of the God, ascend,
Bid the broad arch the dangerous flood contain,
The mole projected break the roaring main,
Back to his bounds their subject sea command,
And roll obedient rivers thro’ the land.
These honours Peace to happy Britain brings;
These are imperial works, and worthy Kings.

Wenn ich jetzt sage, dass Alexander Pope sich hier bei ➯Richard Boyle, dem Earl of Burlington einschleimt, dann läge ich im stilistischen Register etwas daneben. Aber ich mag nun mal Alexander Pope überhaupt nicht, wenn ich seinen Namen sehe, habe ich als eine Art Pawlowschen Reflex immer eine kleine Sottise parat. Lord Burlington ist ein Hobbyarchitekt, und das ist es, worauf Pope mit den Zeilen Erect new wonders, and the old repair; Jones and Palladio to themselves restore And be whate’er Vitruvius was before anspielt. Den Namen von Inigo Jones haben die Leser meines Blogs (also auf jeden Fall diejenigen, die das hier Tag für Tag lesen) ja schon einmal ➯hier gesehen. Und den guten alten Vitruv setzen wir mal als Allgemeinbildung voraus.
Pope hatte seine ➯Epistle To Richard Boyle, Earl of Burlington mit dem Untertitel Of the Uses of Riches versehen und ihr ein Argument vorangestellt, was nichts als eine Art Inhaltsangabe ist: The vanity of Expense in people of wealth and quality. The abuse of the word Taste. That the first principle and foundation in this, as in every thing else, is Good Sense. The chief proof of it is to follow Nature, even in works of mere luxury and elegance. Instanced in Architecture and Gardening, where all must be adapted to the genius and use of the place, and the beauties not forced into it, but resulting from it. How men are disappointed in their most expensive undertakings for want of this true foundation, without which nothing can please long, if at all; and the best examples and rules will but be perverted into something burdensome and ridicculous. A description of the false taste of Magnificence; the first grand error of which is to imagine that greatness consists in the size and dimension, instead of the proportion and harmony, of the whole; and the second, either in joining together parts incoherent, or too minutely resembling, or, in the repetition of the same too frequently. A word or two of false taste in books, in music, in painting, even in preaching and prayer, and lastly in entertainments. Yet Providence is justified in giving wealth to be squandered in this manner, since it is dispersed to the poor and laborious part of mankind. [Recurring to what is laid down in the first book, ep. ii. and in the epistle preceding this.] What are the proper objects of Magnificence, and a proper field for the expense of great men. And, finally, the great and public works which become a Prince.

Manchen Zeitgenossen war dies alles ein wenig zu dick aufgetragen. Und so gab es schon bald diese ➯Karikatur mit dem TitelTaste, or Burlington Gate, wo Alexander Pope auf dem Gerüst alles mit der weißen Tünche seines taste zupflastert. Es ist ein wunderbar bösartiges Jahrhundert. Richard Boyle, der dritte Lord Burlington (dem Händel mehrere Opern gewidmet hat), hatte bei seiner Italienreise 1714-1715 die Villen von Palladio erstaunlicherweise ausgelassen. Erst als er zurück in London war, und erst unter dem Einfluss der Veröffentlichungen von Colen Campbells ➯Vitruvius Britannicus, Scamozzis L’Idea dell’Architettura Universale und Palladios Four Books of Architecture (die sich ➯Goethe als Facsimile auch gekauft hatte) wird er zur treibenden Kraft dessen, was wir Palladianismus nennen. Jener Stil, der in England Wren und Vanbrugh ablöst und der das 18. Jahrhundert beherrschen wird (auch in Amerika).

Burlington feuert den Architekten James Gibbs und heuert Colen Campbell (dessen Vitruvius Britannicus er vor dem Erscheinen subskribiert hatte) für den Bau von Burlington House an. Das ist auch eine symbolische Handlung. James Gibbs gilt ja in vielem als derjenige, der das von Christopher Wren begonnene Werk stilistisch zu Ende führt. Obgleich sich auch palladianische Elemente in seinen Bauten finden, kann er sich mit der neuen englischen Begeisterung für den Palladianismus nicht so recht anfreunden. Aber sein schottischer Landsmann Colen Campbell, der steht für die neue Mode des Palladianismus, und so kriegt er den Job bei Lord Burlingtons Version von Palladios ➯La Rotonda. Als Lord Burlington noch nicht vom Fieber des Palladianismus befallen war, durfte James Gibbs für ihn noch Teile von Burlington House am Piccadilly umbauen. Sir William Chambers bezeichnete Gibbs‘ Werk am Burlington House als one of the finest pieces of architecture.

Wenn es nach der Musikerin und Amateurhistorikerin Jane Clark geht, gibt es noch einen ganz anderen Grund dafür, dass Lord Burlington die Architekten austauscht. Nach ihrer Theorie ist der regierungstreue Whig Lord Burlington (beinahe alle Großgrundbesitzer, die jetzt palladianisch bauen sind übrigens Whigs) in Wirklichkeit ein heimlicher Anhänger der Stuarts gewesen. Und hat einen aktiven Part in der Rebellion der Stuarts gespielt. Wenn der Lord finanziell immer etwas klamm ist, liegt das nicht daran, dass er zuviel baut, sondern weil er die schottische Revolution finanziert. Eine solche Theorie kann natürlich nur entstehen, weil wir über Teile von Burlingtons Leben und über seine politische Haltung nicht so furchtbar viel wissen. Wie alle Verschwörungstheorien ist das Ganze faszinierend, und wie alle Verschwörungstheorien wird das auch in diesem Fall detailreich ‚bewiesen‘.

Wie zum Beispiel durch die Entlassung von James Gibbs durch Burlington. Der ist katholisch und ist angeblich ein Anhänger der Stuarts. Ist er das? Dass der Schotte gut katholisch ist, wird niemand bestreiten. Dass er ein Anhänger der Stuarts gewesen sei, ist immer wieder als Gerücht geäußert worden, es gründet sich wohl darauf, dass John Erskine, der Earl of Mar, einer seiner Gönner gewesen ist – andererseits ist der Duke of Argyll, der den Earl of Mar in der Schlacht von Sheriffmuir schlägt, auch einer der Förderer von James Gibbs. Doch nach der Theorie von Jane Clark entlässt dercloset Jacobite Burlington den Architekten (und schottischen Geheimagenten) James Gibbs, damit nicht herauskommt, dass er selbst auf der Seite der schottischen Thronprätendenten steht. How daft can you get? Jane Clark hat in ihrem Aufsatz Lord Burlington is Herekeinen einzigen wirklichen Beweis für ihre verschrobene Theorien, aber immerhin wird der Unsinn jetzt im englischen Wikipedia Artikel zu ➯Chiswick House referiert. Dieses hübsche Gartentor – um endlich mal wieder zu Lord Burlington zu kommen – ist übrigens nicht von James Gibbs, obgleich der wohl an den Bauten von Lord Burlingtons Chiswick Hall zu Teilen beteiligt war. Das Tor ist auch nicht von Burlington, es ist ein Werk von Inigo Jones. ➯Sir Hans Sloane hatte es Lord Burlington geschenkt, als Beaufort House abgerissen wurde. Und Alexander Pope war gleich wieder mit einem Gedicht dabei. Diesmal aber mit charmanten Versen:

I WAS brought from Chelsea last year,
Batter’d with wind and weather;
Inigo Jones put me together;
Sir Hans Sloane let me alone;
Burlington brought me hither.

Lord Burlington – the Apollo of the Arts – hat bei seiner nächsten Italienreise natürlich die Bauten Palladios studiert, Palladios Bücher hatte er dabei. Er kauft jetzt auch in Italien und England alle Originalskizzen von Palladio auf, deren er habhaft werden kann; so erwirbt er von den Erben von Inigo Jones‘ Schüler John Webb eine Skizze, die einst Inigo Jones in Italien gekauft hatte. Danach macht er sich daran (natürlich mit der Hilfe professioneller Baumeister), Palladios Formen schöpferisch weiter zu entwickeln – selbst der kleine Gartenpavillion von Chiswick House ist eine Homage an Palladio, in den Proportionen ist er vielleicht ein wenig missraten.

Von nun an muss jedes Gebäude eine Kuppel und einen Portikus haben, obgleich die Imitationen von Palladios Bauten nicht immer so gelungen ausfallen wie Lord Burlingtons Chiswick (unten einmal nachts in schwarz-weiß). Dies hier ist Mereworth Castle von Burlingtons Lieblingsarchitekten Colen Campbell. Verglichen mit Palladios Rotonda wirkt es doch etwas schwerfällig. Aber von England bis Amerika (von Jeffersons Monticello bis zum ➯Weißen Haus) wird von nun an palladianisch gebaut.

Andrea Palladio wurde heute vor 504 Jahren geboren, seit Jahren will ich über ihn schreiben, aber es ist mir bisher nicht gelungen. Er kommt in dem Post ➯Oskar vor (der erstaunlicherweise ein Renner bei den Lesern ist), und natürlich auch in ➯Inigo Jones. Von ➯Christopher Wren und ➯Robert Adam ganz zu schweigen. Aber es gibt noch keinen Andrea Palladio Post. Das muss irgendwann mal anders werden. Einen Lesetip hätte ich da natürlich, falls Sie schon dabei sind, eine Geschenkeliste für Weihnachten zusammenzustellen. Es ist das Buch Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio von Witold Rybczynski. Sie werden nach der Lektüre sofort eine Italienreise buchen.

Über jay

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