Himmel

Der deutsche Maler Adam Elsheimer ist heute vor 402 Jahren gestorben. Gott möge dem Herrn Adam die Sünde seiner Trägheit vergeben, durch die er die Welt der herrlichsten Dinge beraubt hat, hat Rubens gesagt. Der Adam aus Frankfurt, wie er in manchem alten Lexikon genannt wird, hat nicht so viel gemalt: Er starb jung an einem Magenleiden. Man sagt, daß dieses dadurch verursacht wurde, daß er so kleine Sachen mit soviel Sorgfalt malte, wie er sie darauf verwandte: Weil er die Früchte der Tugend pflücken wollte, erkrankte er in der Blüte des Lebens und starb von der Mühsal besiegt.

Er ist auch niemals so reich geworden wie Rubens, wahrscheinlich ist er so früh gestorben, weil er sich von den Strapazen der Haft im Schuldturm nicht erholt hatte. Eines seiner letzten Bilder war die Flucht nach Ägypten, das Bild ist heute im Besitz der Alten Pinakothek in München. Heute flieht niemand mehr nach Ägypten, aber Joseph und Maria hatten ihre Gründe: Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

So steht es in Matthäus II,13, alles andere über die Flucht ist ein klein wenig apokryph. Und bei Matthäus ist auch nirgends die Rede von einer Ruhe auf der Flucht, die vier Evangelisten beschränken sich in ihrer Erzählung auf die wichtigen Dinge. Die Ausschmückung steht im apokryphen ➱Pseudo-Matthäus und in der Legenda Aurea. Und es sind diese Ausschmückungen, die seit dem Spätmittelalter das Thema der Ruhe auf der Flucht für die Maler so interessant machen. Aus Matthäus‘ Satz Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich nach Ägyptenlandist malerisch nicht so viel herauszuholen.

Adam Elsheimers Bild von der Flucht nach Ägypten – ein Werk, das in allen Theilen zugleich und in einem jeden besonderlich ganz unvergleichlich ist, so Joachim von Sandrart – wurde 1609 gemalt, wie die meisten seiner Bilder auf ➱Kupfer. Die Verwendung dieses Untergrunds hat um 1600 ihre Blütezeit. Elsheimer hat diese Sache wahrscheinlich von Johannes Rottenhammer übernommen, der sich in Venedig auf kleinformatige Ölbilder auf Kupfer spezialisiert hatte. Kupfer wird bei Malern irgendwann außer Mode kommen, obgleich wir von ➱Claude Lorrain noch einige Bilder auf Kupfer haben. Doch da ist der Höhepunkt der Malerei auf einer Kupferfläche eigentlich schon vorbei. Bilder auf Kupfer können, wenn sie über die Jahrhunderte gleichmäßig temperiert aufbewahrt wurden, eine lange Lebenszeit haben. Sie können auf jeden Fall nicht vom Holzwurm befallen werden.

Das Bild (von dem es eine Vielzahl von Kopien von fremder Hand gibt) ist nur 30 mal 40 Zentimeter groß. Zu der Zeit bemisst Elsheimers Freund Peter Paul Rubens seine Werke nach Quadratmetern. Aber das kleine Bild hat einen unvorstellbaren Einfluss gehabt. Rubens hat es nach dem Tod von Elsheimer vergeblich aus dem Nachlass zu kaufen versucht. Und die Holländer des 17. Jahrhunderts haben sich (bis hin zu Aert van der Neer, der die Mondscheinlandschaft perfektionierte) bei diesem Bild bedient. Ich wundere mich gerade beim Schreiben, dass ich noch nie über Aert van der Neer geschrieben habe (dass ich letztes Jahr ein Bild von ihm in einer ➱Ausstellung gesehen hatte, das habe ich aber gesagt) – irgendwann wird es hier einen Aert van der Neer Artikel geben. Versprochen. Dieses Bild von Aert van der Neer zeigt keine ➱Mondscheinlandschaft, sondern einen Sonnenuntergang. Es steht auch nur hier, weil es so wunderbar zu dem augenblicklichen Winterwetter passt, bei dem man vom ➱Schlittschuhlaufen träumt.

Elsheimers Bild ist etwas, was die Holländer fortan zu einer eigenen Bildgattung machen werden, es ist die erste Landschaft mit Mondschein. ➱Rembrandt hat es beinahe kopiert, allerdings den Mond, die Sterne und die Milchstraße weggelassen, das hatte ➱Wilhelm von Bode schon frühzeitig erkannt.

Das kleine Bild von Elsheimer enthält nicht nur eine nächtliche Landschaft mit Mond und der heiligen Familie auf der Flucht – wobei der Mond mit seiner Reflexion im Wasser schon ein eigenständiges Bild sein könnte. Dieses Bild enthält auch Sterne. Das ist eigentlich nichts Besonderes, denn Sterne finden sich im Mittelalter schon in der Altarmalerei. Sorgfältig gezeichnet wie mit der Backform von Zimtsternen, auf einem monochromen Hintergrund gesetzt. Sieht ein wenig aus wie Geschenkpapier zu Weihnachten – wie man auf diesem Bild von Meister Francke sehen kann, das in der Hamburger Kunsthalle hängt.

Doch eine solche symbolische Wiedergabe reicht den Malern bei der Entwicklung vonLandscape into Art (das gleichnamige Buch von Kenneth Clark ist immer noch ein Klassiker zu diesem Thema) nicht mehr aus. Die Himmel werden immer eindrucksvoller, wie hier bei Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht (achtzig Jahre vor Elsheimers Flucht nach Ägyptengemalt). Sonne, Mond und Sterne, alles auf einem Bild. Eine solche Weltlandschaft will Elsheimer nicht malen, nicht so etwas, was ➱Joachim Patinir gemalt hat. Elsheimers Bild hat beinahe etwas Privates. Nicht die große Geschichte. Altdorfers Bild nimmt ja beinahe schon Cecil B. deMille vorweg – man wagt angesichts der Großartigkeit des Bildes nicht an den alten Pennälerscherz dreidreidrei: bei Issos Keilerei zu denken.

Bei Elsheimer gibt es nicht nur Sonne, Mond und Sterne. Es gibt auch noch die die Milchstraße, die auf dem Bild eine Diagonale markiert. Zum ersten Mal in der Geschichte der Malerei eine Milchstraße! Ein Jahr bevor Galileo Galilei seine Nachrichten von den neuen Sternen publiziert, hat der deutsche Maler sie schon auf dem Bild. Maler gucken jetzt nicht mehr nach oben in den blauen Nachthimmel, sie benutzen Fernrohre und werden jetzt schon beinahe zu Naturwissenschaftlern. Mit John Constable und seinen Wolken ist das ja ähnlich.

Die Alte Pinakothek München, die den kleinen Elsheimer besitzt, hatte vom 17. Dezember 2005 bis zum 26. Februar 2006 eine Ausstellung rund um dieses Bild gemacht und alle Bilder versammelt, die Elemente von Elsheimers Bild aufnehmen und zitieren. Daraus ist ein Katalogbuch entstanden: Von Neuen Sternen. Adam Elsheimers ‚Flucht nach Ägypten‘.  Herausgegeben von Reinhold Baumstark, Katalogteil von Marcus Dekiert. Dieses überreich illustrierte Buch ist eins der schönsten und bezauberndsten Bücher, die seit Jahren aus einer Ausstellung heraus entstanden sind. Man kann es mit etwas Glück noch ganz preiswert im Antiquariat (oder hier bei ➱Frölich und Kaufmann) finden. Alles, was man je über den Sternenhimmel und die Wisssenschaft zur Zeit Elsheimers wissen wollte, steht hier drin.

Und an diesem Punkt komme ich noch einmal zu John Constable zurück (das hier ist kein Elsheimer, das ist ein Constable), zu dem es auch so ein erstaunliches Buch gibt: John Constable’s Skies: A Fusion of Art and Science. John E. Thornes, der Verfasser von John Constable’s Skies, ist kein Kunsthistoriker. Er ist der Leiter einer Forschungsgruppe an der School of Geography and Environmental Sciences der Universität von Birmingham. Thornes hatte 1978 in der Zeitschrift Weather den Vorschlag gemacht, Wetteraufzeichnungen zur Datierung von Constables Gemälden heranzuziehen. Was natürlich nur unter der Prämisse funktioniert, dass Constable wirkliche Wolken malt, keine Phantasiegebilde. Thornes hat das dann noch einmal 1979 in einem kurzen Aufsatz im renommierten Burlington Magazine wiederholt. Die Kunsthistoriker, die die englische Constable Ausstellung von 1991 organisierten, sprachen ihn auf seinen Aufsatz an, ob er den nicht auf den neuesten Stand bringen wollte?

Thornes machte ein ganzes Buch daraus. Und es ist eins der originellsten Bücher, das je zu Constable geschrieben wurde. Goethe hat ja viel von der Verbindung von Kunst und Wissenschaft geredet, er konnte das tun, weil er von beidem nichts verstand. Wenn man Jacob Philipp Hackert für einen bedeutenden Maler hält, glaubt man auch an die selbst gestrickte Farbentheorie. Aber hier bei John A. Thornes wird die Fusion of Art and Science Wirklichkeit. Und es gibt da noch dieses wunderbare vierte Kapitel, das eine Übersicht über den Himmel in der abendländischen Malerei gibt. Das erspart Kunstgeschichtsstudenten ganze Vorlesungen. Und ist für den normalen Leser verständlich geschrieben, eine solch hervorragende Einführung in das Thema Maler und Himmel findet man selten.

Adam Elsheimer gab es ➱hier letztes Jahr schon mal. Hatte ich vergessen, ist mir peinlich. Aber dies heute ist (bis auf ein paar Wiederholungen) was ganz Neues.

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