Arnold Böcklin

Endlich, endlich verstehe ich Böcklin und Feuerbach! sagt ein deutscher Maler bei einem Aufenthalt in Florenz. Wenige Jahre zuvor hatte er dieses Bild von Böcklin gekauft. Der Maler, der da traumverloren von der Piazzale Michelangelo auf Olivenhaine und Zypressen herunterblickt, fühlt sich den beiden nahe. Weil sie (wie er selbst) verkannte Genies gewesen sind. Er ist nicht nur Maler, er ist auch Sammler. Einen Feuerbach hat er natürlich auch schon. Gerade überlegt er sich, ob er sich in diesen politisch unruhigen Zeiten einen ➱Vermeer zulegen sollte. Kriege kommen und vergehen, was bleibt, sind einzig die Werke der Kultur. Daher meine Liebe zur Kunst, Musik und Architektur!

Ich weiß jetzt nicht, ob das Bild, das gemeinhin Die Toteninsel heißt (Böcklin selbst sprach immer nur von der Gräberinsel), darunter leidet, wenn ich den Namen des ehemaligen Besitzers nenne – den  Sie wahrscheinlich längst erraten haben. Dies hier ist nicht von Böcklin, das ist das Bühnenbild von Richard Peduzzi für die Inszenierung von Wagners Der Ring des Nibelungen durch Patrice Chéreau. Das hätte unserem Maler sicher gefallen, wenn er seinen Böcklin in Bayreuth auf der Bühne wiedererkannt hätte, zumal er doch der größte Verehrer von Wagner seit Ludwig II. war. Aber er konnte diese Aufführungen, die inzwischen Jahrhundertring heißen, leider nicht mehr sehen, denn in den siebziger Jahren war er schon lange tot. Richard Peduzzi hat mit der Verwendung des Bildes von Böcklin  eins natürlich instinktiv erkannt: die Toteninsel ist kein Gemälde, das ist ein Bühnenbild, eine Theaterdekoration.

Ich kann ja Wagner nicht ausstehen (ebenso wenig wie Feuerbach), aber die Inszenierung von Chéreau habe ich im Fernsehen gesehen.  Ich hatte damals einen klitzekleinen Farb-Portable, da musste man schon nah an den Bildschirm heran, was das Erlebnis sehr intensiv machte. Fand ich toll, obgleich ich ja Wagner Hasser bin. Mittlerweile habe ich sogar eine DVD Cassette von der Inszenierung. Und einen größeren Fernseher (der in der Gegend von Bayreuth hergestellt wurde). Dies hier ist auch ein Böcklin, aber nicht der Böcklin von unserem Malergenie aus Braunau. Seinen Böcklin hat heute die Nationalgalerie in Berlin. Dieser hängt in Leipzig, ich mag ihn, weil er so schön düster ist. Wenn schon morbide, dann aber richtig.

Es gibt die Toteninsel insgesamt fünf Mal. Wäre es nach dem Kunsthändler Fritz Gurlitt gegangen (von dem auch der Name Toteninsel stammt), dann gäbe es noch viel mehr Versionen dieses Bildes. Die Toteninsel werde großes Aufsehen machen, schrieb Gurlitt an Böcklin. Der Sohn des Landschaftsmalers aus Altona vermarktet Böcklin jetzt exklusiv (er verkauft übrigens auch Bilder von Feuerbach), ginge es nach ihm, würde Böcklin sofort eine Serienproduktion von Toteninseln aufnehmen. Eine Art Andy Warhol des fin de siècle. Böcklin verdient während der Jahre, die er sich an Gurlitt bindet, auch zum ersten Mal richtiges Geld. Gurlitt verdient allerdings noch viel mehr. Das da oben ist die zweite Version der Toteninsel, gemalt für die Witwe Marie Berna, die fünfzehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes (gerade vor ihrer Hochzeit mit dem Grafen von Oriola stehend) sich bei Böcklin in Florenz ein Bild zum Träumen bestellt hatte. Am letzten Mittwoch ist das Bild ‚Die Gräberinsel‘ an sie abgegangen. Sie werden sich hineinträumen können in die Welt der Schatten, bis sie den leisen lauen Hauch zu fühlen glauben, den das Meer kräuselt. Bis sie Scheu haben werden die feierliche Stille durch ein lautes Wort zu stören, schreibt ihr der Maler Ende Juni 1880. Was für Träume hat man angesichts dieses Bildes? Würde ein Psychiater sich davon eine Reproduktion in die Praxis hängen?

Todessehnsucht, Zivilisationsflucht – Italien statt der Professur in Weimar – es ist ein seltsames Leben. Es ist auch ein Malerleben gegen die wirkliche Malerei: Adolph Menzel ist revolutionärer als Böcklin (der mochte ihn auch gar nicht: Dieser Mensch ist an dem ganzen Unfug schuld, der jetzt in der Malerei getrieben wird, hat er über Böcklin gesagt). Der Schweizer Professor Schmid, der sich seit Böcklins Tod (16. Januar 1901) mit Katalogen und Büchern auf Böcklins Werk konzentriert hat, sagt uns dagegen: gerade die Bedeutendsten und Einflußreichsten, haben schließlich nicht in Frankreich, sondern in Italien im Umgang mit den Werken der alten Kunst die entscheidende Richtung für ihr ganzes Leben gefunden und diese im Umgang mit Kollegen und Schülern weitergebildet. Obgleich einer der selbständigsten und eigenartigsten unter diesen Künstlern, ist Böcklin auch am meisten verschrieen und verhöhnt worden. Zu Unrecht?

Ich glaube nicht, dass heutzutage noch ein Kunsthistoriker so etwas über Böcklin schreiben würde, was Henry Thode ➱1901 ungehemmt aus der Feder floss. Wo der Kunstwissenschaftler Henry Thode noch di­tyram­bisch eine Vermählung von Hellas und Germanien sah, da spricht Bram Dijkstra in Idols of Perversity: Fantasies of Feminine Evil in Fin-de-siècle Culture knochentrocken von den colossal crudities of German symbolist art. Irgendwie ist Böcklin nicht totzukriegen. Dachte man 1964 bei der ➱Ausstellung in Frankfurt, nun ist es aber genug, da gab es es knapp ein halbes Jahrhundert später zu seinem hundertsten Todestag schon wieder eine große Retrospektive.

All die prallen Weiber im Wasser, Najaden und Nereiden, all die potenten Faune, Pan und Triton, was sind sie mehr als ein Softporno in Gemäldeform für das bürgerliche Publikum des fin de siècleDie Malerei sollte stets nur Erhebendes und Schönes oder doch unbefangene Heiterkeit darstellen wollen und nie Elend. Unbefangene Heiterkeit? Davon redet auf der anderen Seite des Ärmelkanals natürlich niemand, da sind die Nackedeis in mythologischen Szenen für die ➱Viktorianer mit dem double standard natürlich alle nur klassische Bildungszitate. Wir in Deutschland haben dank Nietzsche im Zweifelsfall noch so ein schönes Begriffspaar wie Apollinisch-dionysisch zur Rechtfertigung von dem mythologischen Schmuddelkram.

Und wo sind die Grenzen zur Pornographie? Ist es diese lasziv sich räkelnde Nereide? Ist Arnold Böcklin die Vorwegnahme von ➱Jeff Koons? Das ist jetzt ein langer Weg von den Töchtern des Nereus zu italienischen Pornodarstellerinnen. Böcklins Ruf beginnt nach seinem Tod sehr zu leiden. Vier Jahre nach den hehren Gedenkworten von Henry Thode und dem ersten Werkverzeichnis von Heinrich Schmid, kommt die Streitschrift ➱Der Fall Böcklin von Julius Meier- Graefe. Der Kunstkritiker Ferdinand Avenarius (der Karl May bekämpft und Sylt für die Schickeriea entdeckt) schrieb, dass über dieses Buch ein Vierteljahr lang in allen Monats- und Wochenschriften und Tagesblättern, die im deutschen Zeitungswalde grünen und gilben, ein großes Gerausch ertönt ist. Man versteht den Frontalangriff auf Böcklin, der ja angeblich der deutschen Kunst ihre Seele wiedergegeben hat, als einen Angriff auf das Deutsche in der deutschen Kunst.

Weil von den Fremdlingen jenseits der deutschen Grenzen (so Ferdinand Avenarius) dieSeelengewalt, die den Hochwerken aller Kunst entströmt, fast niemals ausgegangen sei, so Walther Rathenau in Von neuzeitlicher Malkunst. Denn wer in dem Spargelbund von Manet mehr als ein geistvolles Paradigma und einen subtilen Nervenreiz sehe, der zeige nur, daß eine unsterbliche Seele ihm nicht verliehen wurde. Mir persönlich ist Manets Spargelbund ja lieber als der größte Teil von Böcklins Werk, aber gegen das Argument mit der unsterblichen Seele kann man nix machen. Da kann man nur noch den Dichter Stefan George mit seinem ➱Böcklin-Gedicht zitieren:

Nicht arm im dunkel schluchzen war dein walten
Du nur verwehrtest daß uns (dank dir wächter!)
In kalter zeit das heilige feuer losch.

 

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