Horace Vernet

My ancestors were country squires, who appear to have led much the same life as is natural to their class. But, none the less, my turn that way is in my veins, and may have come with my grandmother, who was the sister of Vernet, the French artist. Art in the blood is liable to take the strangest forms, erzählt Sherlock Holmes in der GeschichteThe Greek Interpreter seinem Dr Watson.

Das ist schön, dass wir das endlich einmal wissen. Der französische Maler Horace Vernet (der heute vor 150 Jahren starb) malt zwar am liebsten Schlachtgemälde, aber seit er einmal auf Kosten der französischen Regierung im gerade eroberten Algerien war (Delacroix war da schon ein Jahr früher), ist er von der fremden Welt fasziniert. Spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und den Bildern von Delacroix und Vernet macht sich ein Orientalismus überall in Europa breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert seine Salambo (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Ingres malt Odalisken, und selbst in Deutschland gibt es Orientmaler wie Gustav Bauernfeind (einen so schlimmen Maler wie ➱Ferdinand Max Bredt wollen wir lieber nicht erwähnen).

Auf dem Selbstportrait oben hat Vernet, der übrigens im Louvre geboren wurde, sich in irgendeiner orientalischen Tracht in seinem Studio dargestellt. Man kann nicht umhin festzustellen, dass es eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen Vernet und Holmes gibt. Wir wollen lieber nicht wissen, was er da in der Pfeife raucht. Ob sein Großonkel nun Opium raucht oder nicht, Sherlock Holmes schmöckt das natürlich nicht.

I suppose, Watson that you imagine that I have added opium-smoking to cocaine injections, and all the other little weaknesses on which you have favoured me with your medical views, sagt Sherlock Holmes, als Dr Watson ihn in einer Londoner Opiumhöhle findet. Aber da ist Holmes natürlich nur, weil er inThe Man with the Twisted Lip in einem Fall ermittelt. Nicht wegen des Opiums in der Pfeife. Which is it to-day, fragt Dr Watson in The Sign of Fourmorphine or cocaine? Und bekommt zur Antwort It is cocaine, a seven-per-cent solution. Would you care to try it? Aber vielleicht ist das alles nur eine Inszenierung, ebenso wie diese Lithographie der Firma Grégoire & Deneux, die Horace Vernet an der Wasserpfeife zeigt. Seit Thomas De Quinceys Confessions of an English Opium-Eater ist das Opium ja sozusagen gesellschaftsfähig.

In A Study in Scarlet fasst Dr Watson in einer Liste mit dem Titel Sherlock Holmes—his limits kurz zusammen, was seinen neuen Lebensgefährten auszeichnet:

1. Knowledge of Literature.—Nil. 2. Philosophy.—Nil. 3. Astronomy.—Nil. 4. Politics.—Feeble. 5. Botany.—Variable. Well up in belladonna, opium, and poisons generally. Knows nothing of practical gardening. 6. Geology.—Practical, but limited. Tells at a glance different soils from each other. After walks has shown me splashes upon his trousers, and told me by their colour and consistence in what part of London he had received them. 7. Chemistry.—Profound. 8. Anatomy.—Accurate, but unsystematic. 9. Sensational Literature.—Immense. He appears to know every detail of every horror perpetrated in the century. 10. Plays the violin well. 11. Is an expert singlestick player, boxer, and swordsman. 12. Has a good practical knowledge of British law.

Punkt Nummer fünf ist sicherlich für Gartenfreunde von Bedeutung. Dr Watson, der keinen französischen Maler als Großonkel hat, rührt diese ganzen Rauschmittel ja nicht an. Der kommt nämlich gerade aus Afghanistan zurück. Dort ist heute immer noch Krieg (oder sollte es besser schon wieder heißen?), über  die Notwendigkeit dieses Krieges ist viel gesagt worden. Für George Bush war es a crusade against terror, für Peter Struck war es unsere Sicherheit, die auch am Hindukusch verteidigt wird. Selten hört man in dieser Diskussion das Wort Opium. Das Opiumgeschäft in Afghanistan blüht übrigens auch während des Krieges, besser als zuvor. 1966 gab es einmal einen Film mit dem Titel Mohn ist auch eine Blume. Das war ein James Bond Film ohne ➱James Bond (die Story stammte von Ian Fleming, der Regisseur war Terence Young), den die United Nations in Auftrag gegeben hatten. Sollte ein Aufklärungsfilm sein. Hat er etwas geändert? Ebensowenig wie die Bundeswehr in Afghanistan. Das Land ist der größte Opiumproduzent der Welt.

Und wenn ich jetzt noch einmal von Afghanistan nach Algerien zurückkomme (keine Sorge, ich mute Ihnen den über zwei Stunden langen algerischen Film ➱L’Opium et le Bâton nicht zu), da hätte ich noch einen berühmten Franzosen aus Algerien, der etwas mit Opium zu tun hat. Die französischen Maler des 19. Jahrhunderts haben mit ihrer Hinwendung zum Orientalismus eine eigene künstliche Exotik geschaffen. Mit willigen Haremsdamen und diesem ganzen schwülstigen Quatsch.

Und irgendwie scheint es da in Frankreich eine Tradition zu geben. Denn der drogensüchtige junge Mann aus Algerien, der nach Paris geht und dort in der Pariser Modewelt reüssiert, bringt eines Tages ein Parfüm mit dem schönen Namen Opiumauf den Markt und bewirbt es auf diese Weise. Embarrasant. Aber endlich hat die femme pulpeuse von dem Bild des Sklavenmarktes von Horace Vernet (oben) ihren Weg auf die Opium Werbung von Yves Saint-Laurent gefunden.

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