Ankläger

 

Es wird nicht mehr in der Ecke hängen, wo es früher hing. Alle Museen und Kunsthallen sind ja mit ständigem Umbauen und Umdekorieren beschäftigt. Früher hing es immer etwas unscheinbar in der Ecke. Die Farben von diesem Bild stimmen nicht, der Hintergrund muss heller sein. Als die Kunsthalle Bremen es 1965 durch eine Schenkung erhielt (von der Bremer Landesbank und der Staatlichen Kreditanstalt Oldenburg zur Tausendjahrfeier des Marktrechts der Hansestadt), war das schon eine Sensation. Denn eigentlich sollte dieses Bild eher in Paris als in Bremen sein. Für Günter Busch war das Bild des Bertrand Barère de Vieuzac ein Schlüsselstück für die Epoche der Französischen Revolution, und man garnierte um dieses Bild herum in dem kleinen Raum mehrere andere Franzosen.

Wir haben in Bremen ja unsere eigene französische Tradition ut de Franzosentid, die uns eine Vielzahl von bremisch-französischen Wörtern bescherte. Wie Muschepuntsüttjepöh (si je peux), schötteldör (j’ai l’honneur) und vrumsi (je vous remercie) und andere schöne Wörter. Aber dieser dandyhafte Bertrand Barère de Vieuzac mit der eleganten roten Weste war kein von den Franzosen eingesetzter Präfekt des Département des Bouches du Weser. Ich glaube, er wusste gar nicht, wo Bremen liegt. Und hätte nie daran gedacht, dass sein Porträt eines Tages hier landen würde.

Aber für Frankreich, da bedeutet dieser Barère eine ganze Menge. Bevor er sich von dem David-Schüler Jean-Louis Laneuville malen lässt, hat ihn David selbst gemalt: als einen von vielen in dem Bild vom Schwur im Ballhaus (das in Wirklichkeit eigentlich eine Tennishalle ist). Das Bild von Laneuville ist lange für ein Bild von Jacques-Louis David gehalten worden, nicht zuletzt deshalb, weil Barère in seinen Briefen mehrmals von seinem David spricht. Vor allem, als er das Bild 1834 einem Monsieur Lebrun in Tarbes schenkte: permettez-moi de vous faire présent d’un grand portrait à l’huile et borduré, qui n’a de prix que parce que c’est l’œuvre de l’immortel David. Lebrun verkaufte es dem Diplomaten Gustave Rohan und nach dessen Tod landet es in der Sammlung des Bankiers Baron Lambert in Brüssel. Günter Busch datiert das Bild in seinem Katalog Die Kunsthalle Bremen in vier Jahrzehnten auf das Jahr 1792, heute gibt die Kunsthalle 1793 als Entstehungsjahr an. Auf dem Bild selbst findet sich eine Jahreszahl – Liberte Egalite Le Vendredi. 4. Janvier 1792 L’an 2e De la Republique francaise une et indivisible / Discours sur le jugement de Louis Capet / Citoyens… – die sich aber nur auf eine Rede Barères bezieht.

Es ist noch nicht das Todesurteil für Ludwig XVI, wie man manchmal in der Literatur lesen kann. Das kommt noch, da wird erst noch ein Jahr lang diskutiert. Heute vor 220 Jahren ist der französische König hingerichtet worden. Unser Dandy mit der roten Weste war daran maßgeblich beteiligt, er ist der Ankläger, er leitet das Verfahren gegen den König. Er stimmt für die sofortige Hinrichtung. Und er sagt den vielzitierten Satz L’arbre de la liberté ne croit qu’arrosé par le sang des tyrans! Solche Sätze hauen die Franzosen ja raus, ohne mit der Wimper zu zucken, Rhetorik ist alles. Der Rechtsanwalt aus der Gascogne ist sprachgewandt, er wird die blumigsten Formulierungen finden, um Todesurteile während der Schreckensherrschaft zu rechtfertigen. Was ihm den schönen Beinamen Anakreon der Guillotine verschafft.

Heute ziert sein Bild Kaffeetassen, Schlüsselanhänger und iPad Hüllen. Der Königsmörder hat den Machtkampf gegen Robespierre gewonnen und ist selbst der Guillotine entgangen. Der Vorsitzende des Nationalkonvents hat sie alle überlebt, ein Vorbild für alle Politiker. Aber die Frage bleibt: was soll sein Bild in Bremen? Man hätte es nach Paris verkaufen sollen, von der Verkaufssumme hätte man sicherlich einen Teil der Umbauten der Kunsthalle in den letzten Jahren finanzieren können. Doch so häßlich, wie die geworden ist, ist es auch gut so, wie es ist.

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