Jackson Pollock

In dem Film Pollock war der amerikanische Schauspieler Ed Harris ein beinahe perfektes Double für den Maler. Ich hatte den Film vor einem Jahr kurz erwähnt, als ich über ➱Jackson Pollock schrieb. Das war ein wenig unfair, ich hätte etwas mehr zu diesem außergewöhnlichen Film sagen sollen, also hole ich das heute an Pollocks 101. Geburtstag mal nach. Auch wenn ich Pollock nicht so recht mag. Aber ich mag diesen Film. Ed Harris wurde 1950 geboren, das war das letzte Jahr der kurzen Karriere von Jackson Pollock. Ein Jahr zuvor hatte Life noch gefragt Is he the greatest living painter in the United States?

Der Film Pollock ist die erste Regiearbeit von Ed Harris, der einer der besten (und weithin unterschätztesten) amerikanischen Schauspieler ist. Natürlich spielt er den Maler selbst, schließlich sieht er ja genau so aus wie der Jackson Pollock auf den Photos von ➱Hans Namuth. Und in den beinahe zehnjährigen Vorbereitungen des Filmes, der sich an der Biographie Jackson Pollock: An American Saga von Steven Naifeh und Gregory W. Smith (Pulitzerpreis 1991) orientiert, hat sich Ed Harris in die Gestalt des alkoholkranken psychotischen Malers hineingelebt.

In die Haut anderer zu schlüpfen, scheint seine starke Seite zu sein. So spielte er einen überzeugenden Astronauten John Glenn in der Verfilmung von ➱Tom Wolfes The Right Stuff und den Nasa Flight Director Genre Kranz in Apollo 13(Sie erinnern sich an den Mann mit der weißen ➱Weste). Für diese Rolle wurde er für einen Oscar nominiert, hat ihn aber leider nicht bekommen. Man sollte bei diesen biographischen Filmen seine Rolle als CIA Mann E. Howard Hunt inNixon und seine Rolle als Ehemann von Patsy Kline (Jessica Lange) in Sweet Dreams (Bild) nicht vergessen. Einen ➱Patsy Kline Post gibt es in diesem Blog natürlich schon, einen für Jessica Lange noch nicht, aber vielleicht kommt das noch mal.

Manchmal ist diese Identifikation in Pollock schon beängstigend. Maler in Filmen hat es schon vor Pollockgegeben, seit Charles Laughton Rembrandt gespielt hat. Aber Laughton als Rembrandt, Kirk Douglas als Van Gogh waren Ausnahmen, der Künstlerfilm war noch kein Routinegenre für die Filmindustrie. Doch in den letzten zwanzig Jahren sind biopics von Malern geradezu inflationär häufig gedreht worden, schauen Sie einmal in diese ➱Liste. Man wartet ja noch darauf, dass der Schauspieler Viggo Mortensen den Maler Viggo Mortensen spielt. Zu diesen biopics kommen noch all die Filme, die Künstler verherrlichen, deren Leben einem Roman oder einem Drehbuch entsprungen ist; die kann man kaum zählen (von solchen Filmen ist mir The Horse’s Mouth mit Alec Guinness der liebste).

Und die Wissenschaft scheint sich auch schon des Themas angenommen zu haben, es gibt ein Buch von einer Jennifer Heeling, das Malerei und Film: Intermedialität im Künstlerfilm heißt. An der Uni Mainz gibt es ein ganzes Forschungsprojekt zum Künstlerfilm, wo wir solche Dinge erfahren können wie: Insbesondere in Spielfilmen wird das Leben eines Künstlers nicht wissenschaftlich „neutral“ erzählt, sondern aus der Perspektive eines anderen Künstlers, nämlich des Film-Künstlers. Ein wesentlicher Faktor ist die „doppelte“ Bildlichkeit, die diese Perspektive mit sich bringt: Künstlerische Bilder unterschiedlicher medialer Ausprägung werden in filmische Bilder gefasst, die wiederum einen künstlerischen Anspruch haben. Im Künstlerfilm erfolgt eine Reflexion über die Produktion und Ästhetik von Kunst in einer „Sprache“, die dem reflektierten Objekt in gewisser Weise ähnlich, aber nie identisch ist. Die in unserer Kultur dominante Diskursform des Textes ist im Film um visuelle und auditive Komponenten erweitert. Nee, fragen Sie mich jetzt nicht, was das heißt.

Ed Harris hätte einen Oscar verdient gehabt, hat aber nur eine Nominierung bekommen. Immerhin hat Marcia Gay Harden, die Pollocks Geliebte Lee Krasner spielt, die Academy Award erhalten. Die Special Edition des Filmes – und das ist die, die man unbedingt kaufen sollte – von Ed Harris offeriert den Film in mehreren Sprachen (und mehreren Untertiteln). Und enthält ein hochinteressantes Making of. Gut, so etwas hat inzwischen jede bessere DVD. Aber dann gibt es noch etwas Besonderes, eine Funktion, die man an- oder ausschalten kann: nämlich einen durchlaufenden running commentary von Ed Harris zu dem Film. Man sollte ihn unbedingt zumindest einmal mit diesem Kommentar sehen, weil man hier ein Gefühl dafür bekommt, was in beinahe zehn Jahren des Nachdenkens in diesen Film gewandert ist.

Er hat den Film dann auch sehr schnell abgedreht, als er ihn im Kopf fertig hatte. Es gab nur einmal eine sechswöchige Drehpause, in der er sich zehn Kilo Gewicht angefressen hat und einen Bart wachsen ließ. Robert de Niro hat sich für seine Rolle in Raging Bull ja auch einiges angefuttert. Das sind so die Extreme des ➱method acting. Ed Harris hat auch alle Kunstwerke, die in diesem Film entstehen, selbst gemalt. Wenn ich gehässig wäre, würde ich jetzt sagen: quod erat demonstrandum. Einen Jackson Pollock kriegt jeder hin. Da haben wir dann eine Reflexion über die Produktion und Ästhetik von Kunst in einer „Sprache“, die dem reflektierten Objekt in gewisser Weise ähnlich, aber nie identisch ist.

 

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