Thomas Moran

Der amerikanische Maler Thomas Moran wurde am 12. Februar 1837 in Bolton geboren. Das ist das Bolton in England, die einen Fußballklub namens Bolton Wanderers haben. Spielte früher mal in der Premier League. Ich habe die einmal in den fünfziger Jahren gesehen, als sie im Weserstadion gegen Bremen spielten. Von der englischen Mannschaft weiß ich nicht mehr so viel, aber das Vorspiel habe ich nicht vergessen. Da spielten Schüler Bremen gegen Schüler Hamburg. Und bei den Hamburgern war so ein kleiner Dicker, den damals noch niemand kannte. Der aber noch sehr berühmt werden würde. Ich habe darüber schon in dem Post ➱Uns Uwe geschrieben.

Der kleine Thomas Moran, der mit seinen Eltern von Bolton nach Philadelphia zog, ist auch noch sehr berühmt geworden. Ähnlich berühmt wie ein anderer Thomas, der mit seinen Eltern von Bolton nach Amerika gezogen war: Thomas Cole. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms signierte Moran seine Bilder mit T-Y- M, Thomas Yellowstone Moran. Wenn wir dieses Bild vom Grand Canyon des Yellowstone betrachten, wissen wir weshalb. Der amerikanische Kongress hat das Bild gleich für den stolzen Preis von zehntausend Dollar gekauft, um es im Capitol aufzuhängen.

Zwei Jahre später kaufte der Congress auch Chasms of the Colorado von Thomas Moran (wiederum für 10.000 $), um es neben Grand Canyon des Yellowstone zu hängen. Im Gilded Age gibt es jetzt einen großen Bedarf nach großer Kunst. Und mit großer Kunst sind eben solche Bilder gemeint. Große Bilder.

Die Tendenz zu dem Grandiosen, das das amerikanische Publikum offensichtlich mag, hatte schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts angefangen. Es führt ein gerader Weg von Thomas Coles The Course of Empire über Albert Bierstadt, ➱Frederich Church und Thomas Moran bis hin zu Cecil B. de Mille. Irgendwie scheinen die amerikanischen Maler zu glauben, dass das Sublime nur in einem großen Format eingefangen werden kann. Caspar David Friedrich gelingt das mit kleineren Formaten. Die Frage eines Kritikers aus dem Jahre 1876 bleibt bis heute berechtigt: Is it really impossible to express the immensity of the Great West otherwise than in feet and inches, and is it necessary to enlarge on a scale in proportion to the difference in altitude to show that the Nevada towers above the Alleghanies?

Und natürlich werden immer wieder die Sehenswürdigkeiten gemalt, die noch heute touristische Attraktionen sind. John Vanderlyn ist einer der ersten, der die ➱Niagara Fälle malt. Die Maler der Hudson River School wie ➱Thomas Cole malen sich durch die Catskill Mountains. Das American Paradise in God’s Own Country kann jetzt auf God’s Own Canvas bewundert werden. Diese schöne Formulierung God’s Own Canvas habe ich von Laura Cummings, die vor zehn Jahren die Ausstellung der Tate Gallery unter diesem Titel im ➱Observer besprach. Und Frau Schavan, aufgepasst, man klaut nicht einfach so etwas wie God’s Own Canvas, man sagt, wo man es her hat.

Der amerikanische Westen ist noch unentdeckt. Der wird das malerische Terrain von Albert Bierstadt und Thomas Moran werden. Beide haben an wissenschaftlichen Expeditionen teilgenommen. Jahrzehnte, nachdem Jefferson die Captains ➱Lewis und Clark in den Westen geschickt hat, erforscht man den Westen jetzt wissenschaftlich. Die große Wanderung in den Westen hat längst begonnen, der Oregon Trail ist schon etwas, was die Route 66 später sein wird. Zehn Jahre nach dem Goldrausch, der hundertausende in den Westen bringt (wobei die meisten allerdings die Schiffspassage vorziehen werden), begleitet Albert Bierstadt die Expedition von Colonel Frederick W. Lander.

Und gleich nach dem Bürgerkrieg ist Thomas Moran bei der berühmten Expedition von Dr Ferdinand Vandeveer Hayden dabei. Eins ihrer Ergebnisse wird sein, dass es heute den Yellowstone National Park gibt. Man vertraute bei dieser Expedition nicht allein auf seine Zeichenkünste, mit William Henry Jackson begleitet ein Berufsphotograph die Expedition. Jackson war vorher ➱Maler gewesen, nach dem Tod seiner Frau stürzt er sich auf das neue Medium Photographie. Es gibt übrigens keine Konkurrenz zwischen den beiden Herren, sie werden lebenslange Freunde werden. Albert Bierstadt hatte von seinen Brüdern, die Photographen waren, soviel an technischen Kenntnissen mitbekommen, dass er auf der Expedition von Colonel Lander eine eigene Kamera mitführte. Bierstadt vertraut auf die Photographien, Moran auf seine Zeichnungen und Aquarelle.

Wenn man sich die Photos von William Henry Jackson betrachtet, muss man natürlich sagen, dass die Ölbilder von Moran eindrucksvoller sind, als die Schwarzweißphotographien von Jackson. Wenn Sie diese ➱Seite anklicken, dann können Sie dasselbe Motiv einmal als Bild und einmal als Photographie bewundern. Heute kann die Farbphotographie die ➱Liberty Cap ähnlich ins Bild setzen wie auf dem Bild von Moran. Aber damals sind die Photographen ja schon glücklich, wenn sie überhaupt unter diesen schwierigen Bedingungen ein gutes Bild auf die Glasplatte ihrer sperrigen Großbildkamera bekommen. Das Bild oben zeigt übrigens den Berg, der nach Thomas Moran benannt wurde. Auch nach Dr Hayden wurde ein Berg benannt (nicht nur einer), der Photograph William Henry Jackson hat keinen abbekommen.

Im Gegensatz zu Albert Bierstadt malt Thomas Moran keinen Kitsch. Dieser Berg, der ➱Mount of the Holy Cross ist konventionell gemalt. Den Bach und den Wasserfall gibt es nicht, den hat Moran frei erfunden – die europäische Malerei hat so etwas im Baukasten des Landschaftsbildes. Moran hat dazu auch gesagt: I place no value upon literal transcripts from Nature. My general scope is not realistic; all my tendencies are toward idealization….Topography in art is valueless. Dass da in den Rocky Mountains ein Berg ist, auf dessen Flanke man (allerdings nur aus einem bestimmten Winkel) ein riesiges Kreuz aus Schnee sehen kann, hatte kaum ein Amerikaner gesehen, bevor das riesige Bild von Moran in der Centennial Exhibition 1876 ausgestellt wurde.

Allerdings hatte Samuel Bowles schon 1869 in seinem Buch ➱The Switzerland of America davon berichtet: Over one of the largest and finest, the snow fields lay in the form of an immense cross, and by this it is known in all the mountain views of the territory. It is as if God has set His sign, His seal, His promise there–a beacon upon the very center and height of the Continent to all its people and all its generations… Ja, so wollen die Amerikaner ihre Natur haben, als Zeichen Gottes. Art is in fact mans lowly imitation of the creative power of the Almighty, hatte Thomas Cole gesagt. Für Henry Wadsworth Longfellow wird das Bild von Moran der Auslöser, sein Gedicht ➱The Cross of Snow zu schreiben.

Was Thomas Moran malt – und er malt sehr viel, mehr als anderthalb tausend Bilder – lässt sich natürlich gut verkaufen. Und es sind nicht nur die Ölbilder, von jedem Bild werden Stiche und Reproduktionen angefertigt. Hätte er nur
den Mount of the Holy Cross gemalt, dann hätte er wahrscheinlich von den Lizenrechten – vom Druck bis zur Postkarte – leben können. Er hat da einen Deal mit Louis Prang, der farblich erstklassige Chromolithographien von seinen Werken herausbringt – was sicherlich eine Art der Demokratisierung der Kunst ist. An dem Deal verdienen beide Seiten sehr gut. Das Ganze prägt natürlich auch, wie Joni L. Kinsey mit Thomas Moran’s West: Chromolithography, High Art, and Popular Taste zeigt, den Geschmack einer Nation.

Es hat Thomas Moran, der zur gleichen Generation amerikanischer Maler wie ➱William Merritt Chase, ➱Franck Duveneck und Albert Pinkham Ryder gehört, immer wieder in den Westen gezogen. Aber er hat da nicht gewohnt, in den 1880er Jahren hatte er sich ein großes Landhaus auf Long Island gebaut. Als die Hamptons noch nicht von der Schickeria überlaufen waren. Und so aussahen, wie es auch auf Sylt oder in ➱Skagen in dieser Zeit hätte aussehen können.

Kurz nach der Jahrhundertwende (er hatte gerade wieder den Grand Canyon besucht) schrieb Thomas Moran: On a recent visit to the Grand Canyon of Arizona I was more than ever convinced that the future of American art lies in being true to our own country, in the interpretation of that beautiful and glorious scenery with which nature has so lavishly endowed our land. Er hat natürlich in diesem ➱Artikel ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen: My chief desire is to call the attention of American landscape painters to the unlimited field for the exercise of their talents to be found in this enchanting south- western country; a country flooded with color and picturesqueness, offering everything to inspire the artist, and stimulate him to the production of works of lasting interest and value.

Ein klein wenig pikant ist allerdings das Folgende: It has often occurred to me as a curious and anomalous fact, that American artists are prone to seek the subjects for their art in foreign lands, to the almost entire exclusion of their own … The English have painted England as nobody but an Englishman could. The same can be said of the French, the Dutch, the Spanish, and so on. Our countrymen seem to ignore this fact. Ja, aber: dies auf Long Island gemalte Bild sieht aus wie ein verspäteter ➱John Constable, es könnte ebenso irgendwo in England sein.

Hier schreibt jemand, der (ebenso wie Thomas Cole) in England geboren wurde. Und der 1862 William Turner bis zum Abwinken kopiert hat (hier seine Kopie von Turners ➱Cockermouth Castle) – seine Kopie von ➱Ulysses Deriding Polyphemus stand immer in seinem Studio. Er hat auch jeden ➱Claude Lorrain, den er sehen konnte, genau studiert hat. Jetzt sieht er die amerikanische Landschaft mit den Augen der europäischen Landschaftsmaler. Und alles wird in das milchig-sonnenflirrige Licht Turners getaucht. Wenn die grandiose amerikanische Landschaftsmalerei God’s Own Canvas ist, dann wurde die Leinwand aus Europa geliefert.

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