Albert Pinkham Ryder

Er war alt und hinfällig geworden, doch die jungen amerikanischen Maler der Jahrhundertwende von 1900  verehrten ihn. Zehn seiner Bilder wurden bei der Armory Show ausgestellt. Arthur Davies führte den Ehrengast persönlich durch die Ausstellung. Für den Organisator Walt Kuhn war Albert Pinkham Ryder der Beginn der amerikanischen Moderne: There’s only Ryder in American painting. Die magischen Bilder haben heute viel von ihrer ursprünglichen Farbenkraft eingebüßt, weil Ryder ein schlechter Handwerker war und bedenkenlos mit Farbe und Firnis umging. Die Armory Show, Amerikas Begegnung mit der europäischen Moderne wurde heute vor 100 Jahren in New York eröffnet. Dazu gab es ➱hier vor einem Jahr schon einen langen Post (in dem natürlich auch Albert Pinkham Ryder erwähnt wurde).
Gut, ➱Sir Joshua Reynolds hat auch mit Farben experimentiert. Bei seinen Gemälden fiel häufig die Farbe von der Leinwand, bevor das Bild den Auftraggeber erreichte, aber bei Ryder ist es anders. Er hat hat nicht die richtigen Grundlagenkenntnisse. Max Doerners Buch Malmaterial und seine Verwendung im Bilde kommt zu spät für ihn. Bedenkenlos schichtet er Farbschicht auf Farbschicht, legt noch eine Schicht Firnis dazwischen. Wartet nie, dass es trocken wird. Und dann ist er auch noch der Meinung, dass die Welt viel zu sauber sei und reibt ständig irgendwelchen Dreck in die Farben. Davon hat er in seinem Studio genug, das Studio in dem er manchmal in einen Teppich eingerollt schläft, wird von Zeitgenossen als ein Rattenloch beschrieben. Sein Credo war: The artist needs but a roof, a crust of bread, and his easel, and all the rest God gives him in abundance. He must live to paint and not paint to live. Man kann den schlechten Zustand eines Ryder Bildes an diesem Forest of Arden sehen (der ein wenig vom Geist von Shakespeares Wäldern auf die Leinwand bringt), die Leinwand ist von Craqueluren überzogen. Falls man einen Ryder in sehr gutem Zustand sieht, weiß man, dass er gefälscht ist. Beinahe alle anderen sind übrigens auch gefälscht, es gibt mehr gefälschte als echte Bilder von ihm. Natürlich auch mit allen Craqueluren. Selbst das Metropolitan Museum in New York hat Bilder in seinem Katalog, die mit dem Zusatz formerly attributed to Ryder versehen sind.

Der Kritiker Roger Fry, der das Bild Moonlight Marine 1908 sah (also bevor es den bedauernswerten Zustand von heute hatte), sagte: the quality of the paint has the perfection and elusive hardness of some precious stone. Er hat detailliert die einzigen Farbschichten (the whole effect ist that of some uneven enamel) beschrieben, aber bei aller Liebe für solche Details, verliert er doch das Kunstwerk nicht aus den Augen: Here, then ist the vision recorded for us so absolutely that once seen it can never be forgotten. It has the authoritative, arresting power of genuine inspiration.

Viele seiner Bilder sehen aus, als hätte sich William Blake in ein anderes Jahrhundert verirrt. Dieses Glühen, das in ➱Blakes Zeilen Tyger, tyger burning bright in the forests of the night ist, brennt auch in Ryders Bildern. Manches sieht auch ein wenig aus wie bei dem Engländer ➱Samuel Palmer in seiner mystischen Phase. Wahrscheinlich könnte man Ryder am besten mit dem neumodischen Ausdruck er macht sein eigenes Ding beschreiben. Ungebändigte Licht- und Schattenmassen beherrschen seine Bilder, Meer und Mond hat er geliebt. Er braucht die Abstraktion, er ist ein schlechter Zeichner. Die zeichnerischen Fähigkeiten, die seinen Zeitgenosse ➱Winslow Homer auszeichnete, hat Ryder niemals besessen.
Doch was immer er malt, es übt auf den Betrachter eine große Wirkung aus. Und es hat für jüngere Generation amerikanischer Maler eine große Bedeutung. Marsden Hartley wäre ein Beispiel, the painter/poet of the immanent in things hat er Ryder genannt. Und da wäre noch dieser Maler, dessen Bild T.P.’s Boat in Menemsha Pond aus dem Jahre 1934 doch sehr nach Albert Pinkham Ryder aussieht. Es ist übrigens von dem jungen Jackson Pollock, the only American master who interests me is Ryder, hat er 1944 gesagt. Natürlich kann man bei diesem Bild auch den Einfluss von Pollocks Lehrer Thomas Hart Benton sehen, aber, wie John Russell (der Kunstkritiker der New York Times und der Sunday Times) einmal so schön sagte: Thomas Hart Benton borrowed from Ryder as often as he could. Doch mit Pollock ist das Ende des Einflusses von Ryder noch nicht erreicht. Wenn Sie wollen, können Sie hier eine interessante ➱Rede lesen, die der Maler Bill Jensen vor zehn Jahren gehalten hat.
Dies hier ist natürlich wieder von Albert Pinkham Ryder, wieder ein Seestück. Sehen Sie das da links im Hintergrund? Denken Sie jetzt an den Fliegenden Holländer? Dann liegen Sie richtig. Die Wagner Begeisterung des 19. Jahrhunderts schwappt offensichtlich auch nach Amerika über. In New York wird in den 1870er und 1880er Jahren viel Wagner in der Oper gegeben, Albert Pinkham hat viele Wagner Opern gesehen. Wahrscheinlich wäre das Bild noch eindrucksvoller, wenn es die originalen Farben besäße.
Da ich Wagner einmal erwähnt habe, obgleich der in diesem Blog selten vorkommt (weil dieser Blogger ihn nicht mag), will ich auch dieses Bild nicht verheimlichen: Siegfried and the Rhine Maidens. Ryder hatte zwei Tage nicht geschlafen und nicht gegessen (I had been to hear the opera and went home about twelve o’clock and began this picture. I worked for forty-eight hours without sleep or food), als er dieses Bild malte. Vielleicht hätte Wagner seine Freude an dem Bild gehabt. Das Gemälde ist, wie die meisten Bilder des Malers ziemlich klein, ungefähr fünfzig mal fünzig Zentimeter. Aber bei Ryder gilt: kleine Bilder – große Wirkung. Das Glühen der Vision ist nicht an die Details oder ein Bildformat gebunden: The artist should fear to become the slave of detail. He should strive to express his thought and not the surface of it. . . The artist has only to remain true to his dream and . . .must see naught but the vision beyond. . . Have you ever seen an inchworm crawl up a leaf or twig, and there clinging to the very end, revolves in the air, feeling for something to reach? That’s like me. I am trying to find something out there beyond the place on which I have a footing.

Er arbeitet lange an seinen Bildern, malt sie über Jahre immer wieder Schicht für Schicht um. Es ist auf der Suche nach dem something out there beyond the place on which I have a footing. Viele Szenen auf seinen Bildern haben irgendeinen Bezug, kommen aus einer Wagner Oper, aus einem Stück von Shakespeare, aus einer Geschichte von Poe (➱The Temple of the Mind soll auf Poes The Fall of the House of Usher anspielen). Selten ist die Bedeutung eines Bildes so rührend klar wie bei diesem Jona. Gott, das Boot, Jona und der Wal (das schwarze Etwas rechts in dem Gewusel), alles ist auf dem Bild. Wir können uns die Geschichte dazu ausmalen.

Das ist weit entfernt von der Behandlung des Themas in der europäischen Malerei, obgleich die Wolken von Paul Bril eigentlich schön zu Ryder passen. Man wäre bei Ryder manchmal geneigt, ihn in der Kategorie naive Malerei abzulegen. Aber es gibt da in Amerika eine ganz eigene Tradition, die sich wenig um europäische Traditionen kümmert. Naive Maler wie Edward ➱Hicks, Landschafts- und Marinemaler wie ➱Thomas Chambers, Symbolisten wie ➱Ralph Blakelock oder ➱Elihu Vedder. Washington Allstons ➱Thunderstorm at Sea von 1804 hat viel mit Albert Pinkham Ryders seascapes zu tun.

Ich habe die oben genannten Maler jeweils mit einem Link versehen, wenn Sie die Links anklicken, werden Sie verstehen, was ich meine. Ich könnte das noch länger ausführen, aber dies wird eh schon zu lang. Aber ich schreibe ein anderes Mal noch darüber. Man kann sich natürlich bei irgendwelchen Händlern in China seinen Albert Pinkham Ryder für das Wohnzimmer bestellen. Aber diese viel zu große Constance (das Original in Boston ist 72 x 92 cm groß) sieht irgendwie lächerlich aus. Das Wohnzimmer auch.

Einen echten Ryder für das Wohnzimmer zu bekommen ist schwierig. Unter 40.000 Dollar für ein Bild in der Größe 30 x 40 geht gar nichts. Man schätzt sein Werk (das er selten datierte oder signierte) auf einhundertfünfzig Bilder. Schon bei seinem Tod gingen Experten davon aus, dass es das Zehnfache an Fälschungen gab. Heute ist das leider etwas mehr geworden. Aber wahrscheinlich ist ein gut gefälschter Ryder immer noch besser als ein Neo Rauch an der Wand.

Advertisements

Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Albert Pinkham Ryder

  1. Pingback: Evangelization and Hope - Ignitum Today

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s