Johann Adam Ackermann

Ich komme noch mal eben auf ➱Georg Forster zurück. Ich hatte vergessen, eine wunderbare kleine Anekdote im Text unterzubringen. Als Forster an Bord von Captain Cooks Schiff geht, hat der (mit den Erfahrungen der ersten Reise) alles hervorragend vorbereitet, es gibt Sauerkraut gegen die Skorbut und allerlei Neuerungen. Die von der Besatzung mit einem gewissen Misstrauen hingenommen werden, sie bekommen bei ihnen alle den Zusatz experimental. So gibt es experimental waterexperimental beef und experimental beer. Und die Wissenschaftler an Bord, die keine Seeleute sondern gentlemensind, bekommen die Bezeichnung experimental gentlemen. Das finde ich sehr witzig.

Bei meiner Recherche über Georg Forster in Mainz bin ich rein zufällig auf einen Maler gestossen, von dem ich noch nie gehört hatte. Er heißt Johann Adam Ackermann, er ist heute vor 160 Jahren gestorben. Er hatte zu Anfang des Jahrhunderts in Paris studiert und hat wohl zeitweise bei seinem Lehrer Jacques-Louis David im Studio gearbeitet. Paris liegt als Studienort nahe, da man in Mayence jetzt sowieso beinahe französisch ist. Eigentlich hat er dort Historienmalerei studiert, hat aber auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland sehr viel Landschaften an Rhein und Mosel gemalt. Diese Gebirgslandschaft aus dem Jahre 1819 finde ich sehr hübsch.

Es gibt in Mainz noch mehr Maler in dieser Zeit. Eine Generation älter als Ackermann ist das Brüderpaar Johann Caspar und Georg Schneider. Dies Bild hier ist Caspar Schneiders Blick auf Erbach und den Rheingau, hübsch, harmonisch. Aber wo haben die beiden Brüder aus Mainz das her? Gut, ➱Georg hat das Malen von dem älteren Bruder Caspar gelernt. Und der soll dank der Protektion des Mainzer Kurfürsten Unterricht bei dem Maler Joseph Heideloff gehabt haben. Der Kurfürst ist sehr kunstsinnig, einer seiner Hofmaler ist Franz Joseph Kauffmann. Den kennt man kaum, er ist aber der Stiefbruder von ➱Angelika Kauffmann. Einflüsse aus Paris bei Schneider anzunehmen, macht keinen großen Sinn. Als aus Mainz Mayence wird, als Georg Forster glücklich über diese politische Wendung ist (und als Goethe im Gefolge seines Landesherrn bei der Belagerung von Mainz dabei ist), hat er die Gegend längst verlassen.

Die Romantik (insbesondere die ➱Rheinromantik) hat noch gar nicht begonnen, und doch sitzen hier unten Maler, die schon sehr romantische Bilder malen. Hier eine Ansicht von Mainz von Caspar Schneider, der 1797 nach Mainz zurückgekehrt war, als die Reichstruppen Mainz zurückerobert hatten. Er ist dann in Mainz geblieben. Obgleich die Franzosen ja bald wieder da waren, er profitierte sogar von Aufträgen aus dem französischen Kaiserhaus.

Die Stadt Mayence, die mittlerweile zu einer bonne ville de l’Empire und Hauptstadt des Départements Donnersberg Mayence geworden ist, bekommt 1803 von Napoleon sechsunddreißg Gemälde zur Gründung einer Gemäldegalerie geschenkt. Heute haben sie 190 mehr. Dieses Bild ist nicht von einem der beiden Schneiders, sondern von Christian Georg Schütz, den 1750 eine Rheinreise von Mainz bis Koblenz führte. Und der seine Skizzen danach zu Bildern formte. Goethes Vater besaß Bilder von Schütz, und Goethe bemerkte über den Maler, dass er die Rheingegenden ganz in seiner Gewalt habe. Und er sagt weiter über die Bilder: Sie sind von bewunderswürdiger Reinheit; die Darstellung der Rheinufer sei so getreu wie anmutig, und das Gefühl, da den Rheinfahrenden ergreife, werde bei Betrachtung der Bilder mitgeteilt oder wiedererweckt. Schütz malt seine Bilder häufig auch als Bilderpaar, worin ihm viele Maler des Rheins folgen. Ich habe vor zwanzig Jahren in einem Katalog von Sotheby’s einen Doppelpack Rheinlandschaften von Schütz gesehen, der mit 20.000 £ veranschlagt wurde. Ist wahrscheinlich der Goethe-Bonus.

Kunsthistoriker nehmen gemeinhin an, dass Schütz großen Einfluss auf die Schneiders und das Arkadien am Mittelrhein gehabt hat. Das mit dem Arkadien am Mittelrhein habe ich von dem Katalogbuch zur Ausstellung der Bilder von Caspar und Georg Schneider im Mainzer Landesmuseum 1998 geklaut, die Formulierung fand ich irgendwie witzig. Für einen Norddeutschen wie mich, für den südlich von Hannover schon das Ausland anfängt, ist es schwer, dort ein Arkadien zu sehen.

Und dabei war ich sogar schon einmal in Mainz. Und eine Rheinreise habe ich auch gemacht. Meine Schule offerierte unserer Klasse in der Oberstufe ein einmaliges Experiment, eine Studienreise statt einer Klassenfahrt. Sozusagen einexperimental educational journey: Köln, Mainz, Trier, beinahe einen Monat lang. Da hingen aber Bedingungen dran, wir mussten eine richtige Studienarbeit schreiben. Und nein, ich habe nicht über die Mainzer Maler geschrieben (dies hier ist Georg Schneiders Blick von Weisenau auf Kostheim und Hochheim). Aber wenn hier demnächst mal ein unheimlich langer Post über St. Paulin in Trier und die Deckengemälde von Christoph Thomas Scheffler steht, dann wissen Sie, dass ich nach mehr als einem halben Jahrhundert meine alte Studienarbeit wiedergefunden habe.

Ich fand Mainz furchtbar, öde und langweilig. Köln und Trier waren toll. Da könnte ich heute noch als Museumsführer auftreten. Aber Mainz? Ich war die ganze Woche nur im Kino, manchmal dreimal am Tag. Erstaunlicherweise gab es relativ gute Filmkunsttheater in Mainz. Doch heimlich habe ich immer ein schlechtes Gewissen gehabt. Was wäre, wenn da nicht nur der potthässliche Dom gewesen wäre? Und ich die wirkliche Kultur in Mainz nur nicht gesehen hätte? Wann immer irgendwo Mainz und Kultur erwähnt werden, dann lese ich das heute noch. Und nur aus diesem Grunde kenne ich Titel wie ➱Arkadien am Mittelrhein oder ➱Heidrun Ludwigs Die Gemälde des 18. Jahrhunderts im Landesmuseum MainzHier noch ein Caspar Schneider, eine Mittelrheinlandschaft bei Bacharach mit der Ruine von Burg Sooneck, in einem schönen Licht, das bei ➱Claude Lorrain geklaut ist.

So naheliegend der Einfluss des Frankfurter Malers Schütz ist, der ja nach Goethe die Rheingegenden ganz in seiner Gewalt hatte, muss doch noch auf einen Maler hingewiesen werden, der, wie dieses Bild zeigt, die Rheingegenden auch in seiner Gewalt hat. Auf jeden Fall machen das manche Kunsthistoriker. Sein Name ist Herman Saftleven, er kommt aus einem anderen Jahrhundert. Im Zweifelsfall sind es ja immer die ➱Holländer, weil die diese Formel der Landschaftsmalerei mit dem weiten Himmel schon im 17. Jahrhundert perfektioniert haben.

Gut, sie neigen dazu – wie hier noch einmal Saftleven mit einem Blick auf Erbach – die Landschaft etwas vollzupacken. Mit Kühen, Pferden und Menschen, also dem, was der Kunsthistoriker Staffage nennt. Irgendwie sind das noch die Reste der Darstellungen der Weltlandschaft, wo man die ganze Welt abbilden will Aber das wird über die Jahrhunderte abnehmen. Weniger Kühe. Außer bei Jakob Philipp Hackert, den Goethe für einen großen Künstler hielt. Hat sogar bei ihm Malunterricht genommen: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt […]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.

Und Goethe hat auch seinen Nachruf geschrieben: Ein angebornes entschiedenes Talent, durch anhaltenden Fleiß ausgebildet und gesteigert, ein reines ruhiges Gemüt, eine klare Denkweise, eine bei vieler Weltkenntnis und Gewandtheit unbefleckt erhaltene Redlichkeit bezeichneten seine Natur. Sein rastloses Wirken, seine Ausdauer war musterhaft, seine Heiterkeit, sein Gleichmut beneidenswert. Er zeigte durchaus die bereitwillige Anhänglichkeit an seinen Herrn, den König, eine mehr als väterliche Sorgfalt für seine Brüder und eine unverrückte treue Neigung gegen die, welche ihm seine Freundschaft abzugewinnen wussten. Von seiner Denk- und Handelsweise gibt auch seine hinterlassene Lebensbeschreibung, die wir dem deutschen Publikum bald mitzuteilen wünschen, das schönste Zeugnis… Nee, ich hör da mal auf. Aber diese komische zentrale Kuh bei der Ansicht von Pisa, die muss noch eben sein.

Mit Kühen kennen sich die Holländer ja aus, aber auch unsere Mainzer kriegen die aufs Bild. So habe ich hier zum Abschluss noch ein paar schöne Exemplare von Johann Adam Ackermann. Und ich überlege mir, ob ich demnächst mal über die Kuh in der Malerei schreibe, von Philips Wouwerman bis Thomas Herbst, aber wahrscheinlich gibt es das schon. Wenn es schon Bücher über das Schwein in der ➱Weltliteratur gibt, warum nicht auch das?

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