Raffael

 

Das Bild kennen wir alle. Vielleicht auch nur wegen der beiden kleinen Puttenfiguren, die sich da unten gelangweilt auf der Fensterbank lümmeln. Sie haben längst ein Eigenleben in der Werbung gefunden, schmücken die Dosen des ➱Dresdner Christstollens, Postkarten, Hundehalsbänder und ➱RegenschirmeWenn wir für jeden Abdruck nur einen Cent bekämen, unser Haus würde im Geld schwimmen, hat Martin Roth, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gesagt. Das Bild hängt heute in ➱Dresden, weil der Kurfürst August ein Kunstliebhaber war. Der mit der Hilfe seines Premierministers Heinrich Graf von Brühl seine Kunstschätze vermehrte. Und sein Land ein klein wenig ruinierte. 1745 hatte August III. die wertvollsten Bilder aus der Galerie des Herzoges Francesco III. von Modena gekauft, jetzt musste noch ein Raffael her. Dafür war er sogar bereit, seinen Thron zur Seite zu räumen.
Platz für den großen Raffael! soll er gesagt haben, und hat eigenhändig seinen Thron zur Seite geschoben. Adolph Menzel hat es hundert Jahre später im Bild festgehalten. Das Bild aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg wurde natürlich im letzten Jahr bei der ➱Ausstellung in Dresden ständig zitiert, da war Raffaels Sixtinische Madonna fünfhundert Jahre alt geworden.

Vor dem spektakulären Ankauf durch den sächsischen Kurfürsten hatte das Bild nicht die Aufmerksamkeit der Dichter auf sich gezogen, es war überhaupt weithin unbeachtet geblieben (ich lasse jetzt mal Giambattista Marino aus, der Gedichte auf Bilder von Raffael geschrieben hat). Es war definitiv noch kein Kultbild, zum dem es im letzten Jahr durch die Ausstellung in Dresden erklärt  wurde: Die schönste Frau der Welt wird 500. Die Sixtinische Madonna – Raffaels Kultbild feiert Geburtstag. Es fällt heute nicht schwer, Dichter zum Thema Sixtinische Madonna zu zitieren. Zumal die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden auf einerSeite eine Handvoll Gedichte vereint haben. Die können wir natürlich nicht nehmen, es muss etwas Besonderes her. Da geht auch Hebbels allzu bekanntes ➱Gedicht Auf die Sixtinische Madonna nicht. Ich könnte William Bell Scotts ➱Raphaels’s Madonna Di San Sistonehmen, aber das wäre etwas weit hergeholt. Oder auch nicht, weil der Dichter und Maler zu den Präraffaeliten gezählt wird. Nein, ich bleibe im Lande und zitiere das Gedicht eines deutschen Philosophen, das dieser im Jahre 1815 geschrieben hat.

Es ist der junge Dr. Arthur Schopenhauer, der nach einem Streit mit seiner Mutter nach Dresden gezogen ist und jetzt der eifrigste Besucher der königlichen Bibliothek und der Dresdner Kunstsammlungen ist. In seinen frühesten Aufzeichnungen beschäftigt ihn die Kunst immer wieder, so notiert er 1814 (er ist gerade in Dresden angekommen): Mit einem Kunstwerk muß man sich verhalten wie mit einem großen Herrn: nämlich sich davor hinstellen und warten daß es Einem etwas sage. Ich finde das einen sehr schönen Satz, das ist sehr viel sinnvoller, als sich von einem an der Museumskasse gemieteten Tonbandgerät irgendetwas ins Ohr säuseln zu lassen. Die ständigen Museumsbesuche haben den jungen Philosophen geprägt, die Kunst wird auch seine Philosophie beeinflussen. Lesen Sie doch mal das dritte Buch von ➱Die Welt als Wille und Vorstellung.

Aber leichter verständlich ist natürlich sein Gedicht mit dem Titel Auf die Sixtinische Madonna:
Sie trägt zur Welt ihn:
und er schaut entsetzt
In ihrer Greu’l chaotische Verwirrung,
In ihres Tobens wilde Raserei,
In ihres Treibens nie geheilte Torheit,
In ihrer Qualen nie gestillten Schmerz –
Entsetzt: doch strahlet
Ruh und Zuversicht
Und Siegesglanz sein Aug‘, verkündigend
Schon der Erlösung ewige Gewißheit.

Aber was wäre ein Philosoph, der sich von Gefühlen überwältigen lassen würde? Ein Jahrzehnt später können wir bei ihm den Satz lesen: Jetzt, da ich alt bin, che vä mancando l’entusiasmo Celeste (heut bin ich 38 Jahr) kann es geschehn, dass ich vor Raphaels Madonna stehe, und sie sagt mir nichts! Wenn der l’entusiasmo Celeste fehlt, kann man vor dem Bild warten daß es Einem etwas sage, es redet dann einfach nicht mit einem. 

Raffael, auch Raffael da Urbino, Raffaello Santi, Raffaello Sanzio oder Raphael ist am 6. April 1520 gestorben. Seine Sixtinische Madonnawird weiterleben. In der ein oder anderen Form.

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