Jens Christian Jensen ✝

Die bis dahin etwas provinziell verschlafene Kieler Kunsthalle ist in den siebziger und achtziger Jahren mit ihrer Ausstellungstätigkeit das heißeste Objekt der Kunstszene geworden. Das ist das Verdienst eines einzigen Mannes, Jens Christian Jensen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte ist der Kieler Ordinarius für Kunstgeschichte nicht mehr in Personalunion Direktor der Kunsthalle, man hat jetzt einen eigenen professionellen Direktor.

Darauf war man in meiner Heimatstadt Bremen ja schon siebzig Jahre frühergekommen. Jensen bringt die Kieler Kunsthalle in kürzester Zeit in die Champions League, um es salopp auszudrücken. Sein Nachfolger wird sie in kürzester Zeit in die Bezirksliga führen. Wenn der geht und man denkt, es kann nichts Schlimmeres kommen, wird man eines Besseren belehrt werden. Gewiss ist es ungerecht, diese beiden Herren (die ungenannt bleiben sollen) an den Paulis, ➱Lichtwarks und ➱von Bodes messen zu wollen, aber es finden sich für sie in der Bundesrepublik auch keine Vergleichsgrößen. Wobei Größe eigentlich das falsche Wort ist.

Jens Christian Jensen hat das sichere Auftreten eines Weltmannes, er ist charmant. Er ist immer elegant gekleidet, er ist Kunde bei ➱Kellys, jenem Herrenausstatter gegenüber dem ehemaligen Kunsthistorischen Seminar in der Dänischen Strasse. Er kauft seinen Wein bei Tiemann, das tun die Kenner im Ort. Er kann gut mit der Schickeria und den finanzkräftigen Kunstliebhabern umgehen, sie werden alle für die Kunsthalle spenden, Ausstellungen finanzieren. Natürlich werden diese Leute hofiert. Was ja das täglich Brot für amerikanische Direktoren ist, aber in Deutschland ist dieses Spiel noch nicht so verbreitet. Und Jensen beherrscht es perfekt. Die von ihm initiierte Bürgeraktion wird eines Tages 750.000 Mark zur Finanzierung des Kunsthallenneubaus beitragen.

Mich persönlich ärgert, dass die Kunsthalle bei Ausstellungseröffnungen immer mit Rolls Royces zugeparkt ist. O.K., es sind nur zwei, der blaue von der Gattin des BMW Generalvertreters und der weinrote von Wunderlich, aber die fahren auch immer bis vor die Treppe. Zu Paul Wunderlich hat Jensen ein freundschaftliches Verhältnis, er wird auch Ausstellungen zu Wunderlich machen und Bücher über ihn schreiben. Er schreibt übrigens sehr viel, man wüsste nicht, was der DuMont Verlag ohne ihn machen sollte. Sehr viele seiner ➱Bücher sind noch lieferbar. Er kann nicht nur mit der Kieler Schickeria, er versteht sich auch gut mit den Direktoren von Kunsthallen in Deutschland und den Ländern des Ostseeraumes, er wird Ausstellungen nach Kiel lotsen, über die Hamburg oder Berlin neidisch sind. Einer seiner Nachfolger, wird in einem teuren, bunten, aber wissenschaftlich und kunsthistorisch inakzeptablen KatalogKunsthalle zu Kiel immerhin doch tatsächlich ganze neun Zeilen zu der Ägide Jensen schreiben, dass er sogar die Kunsthallen in Bremen und Hamburg hinter sich ließ. Über seinen Vorgänger, der in acht Jahren überhaupt nichts getan hat (er war mein Nachbar, ich kenne seinen Tagesablauf), hat er mehr Zeilen Lobendes zu sagen. Über sich und sein Katastrophenprogramm See History! natürlich ganze Seiten. Der Spiegel feierte das damals enthusiastisch, aber ich glaube, da haben sie einen Volontär schreiben lassen. Hauptsache neu und schrill ist keine Devise für seriöse Museumsarbeit.

Unser erster Kontakt ist ein Telephongespräch, er ruft mich in der Uni an, er hat Fragen, die mein Fachgebiet betreffen und er hat gehört, dass ich daneben auch studierter Kunsthistoriker sei. Ich beantworte ihm alles ausführlich, schicke ihm auch noch weiterführendes Material mit der Dienstpost in die Kunsthalle. Auch wenn die Kunsthalle jetzt einen neuen Direktor hat, ist sie doch seit 1947 Teil der Universität und hängt am Hauspostsystem. Ich bekomme postwendend von ihm einen Katalog geschenkt. Dieses Spiel wird sich über Jahre hinziehen, Telephongespräche, Briefe, kleine Geschenke. Manchmal bekomme ich auch einen Dankesbrief für eine Ausstellungsbesprechung. Ich schreibe nämlich in dieser Zeit in einer linken Universitätszeitschrift, die es leider nicht mehr gibt, eine kleine Kulturkolumne. Zu dieser Zeit ist ganz Schleswig-Holstein in der Hand der CDU, es ist die Zeit von Stoltenberg und Barschel. Normalerweise werden Planstellen an der Uni nach der politischen Gesinnung besetzt, das war schon einige Jahrzehnte vorher so, als dies noch eine nationalsozialistische Vorzeige-Universität der Nordmark war.

Jensen ist in der SPD und er macht für diese Partei auch im Wahlkampf Werbung. Er ist der einzige Museumsdirektor, den ich kenne, neben Joachim Kruse in Schleswig, der in der SPD ist. Wenn man die damalige Stellenvergabepraxis kennt, dann wundert es mich bis heute, dass man ihn genommen hat. Aber eine Parteizugehörigkeit ist natürlich kein Ausweis für die Qualität eines Kunsthallendirektors. Und selbst wenn eines Tages die mit absoluter Mehrheit regierende CDU versucht, eine Art Überdirektor für alle schleswig-holsteinischen Museen zu schaffen, wird dieser eine geschlossene Phalanx von Kunsthallendirektoren jeder politischen Couleur gegen sich haben. Axel Springer hatte es der Landesregierung nahe gelegt, für einen seiner Freunde einen neuen Posten als Landesmuseumsdirektor zu schaffen. ➱Axel Cäsar Springer ist jetzt Schleswig-Holsteiner, er hat ➱Gut Schierensee gekauft und luxusrenoviert (heute gehört es Herrn Fielmann und der ehemalige Ministerpräsident wohnt da). Der Mann hat den Charme eines russischen Panzers, flüstert mir ein Museumsdirektor bei einer Ausstellungseröffnung zu. Obgleich der neue Landesmuseumsdirektor von sich behauptet, dass er 35 Museen neu in Schuss gebracht hat, wird sich seine Tätigkeit hauptsächlich auf das Kloster Cismar beschränken, das er zu einer Dependance von Gottorf macht. In die Kunsthalle lässt sich kein Jensen hineinreden.

Witzigerweise liest die Landesregierung sogar die kleine linke Universitätszeitung, für die ich schreibe. Mein Artikel über die Eröffnung des Erweiterungsbaus der Kunsthalle provoziert sogar eine Gegendarstellung des Landesbauamts. Weil ich ihre Leistungen angeblich nicht genügend gewürdigt und stattdessen nur die Verdienste des Architekten Diethelm Hoffmann gelobt hätte. You can’t win them all. Meine Besprechung der Ausstellung Vor hundert Jahren: Dänemark und Deutschland 1864-1900. Gegner und Nachbarn wird Jensen nach Berlin weitergeben, wohin die Ausstellung wandert. Die den Text vergrößern und gleich neben den Eingang hängen. Meine Mutter ruft mich aus Berlin an und sagt: In Charlottenburg hängt Dein Artikel direkt neben dem Eingang. Ich hab’s photographiert. Ich bin für fünf Minuten berühmt. Als ich für die gleiche Zeitung mein Lobesgedicht über die wunderbare ➱Anders Zorn Ausstellung schreiben will, werde ich von einer kleinen skandinavistischen Fachzeitschrift namens norröna abgeworben, die zwar auch kein Honorar zahlen, aber meinen Artikel mit Kusshand nehmen. Indirekt bekomme ich doch ein Honorar, weil meine HiFi Anlage, die ich mir gerade zusammenstelle, dadurch billiger wird. Der Mann, der sie mir verkauft, ist (und das ist kaum zu glauben) ein Anders Zorn Fan. Er bekommt natürlich ein Exemplar von norröna, handsigniert. Jensen wird auch den ständigen Kontakt zu Polen suchen, nur so kann er 1973 die Ausstellung ➱Warschau seit Canaletto: Glanz, Verwüstung, Wiederaufbau und 1978 die Ausstellung ➱Polnische Malerei von 1830 bis 1914 vorstellen.

Und eine ganze Sammlung russischer Gemälde (dies schöne Bild von Iwan Kramskoi war auch dabei) fügt er dem Bestand der Kunsthalle zu. Mit Norwegen wird es eines Tages einen kleinen diplomatischen Konflikt geben. Der norwegische Botschafter weigert sich, die Ausstellung Norge Idagzu eröffnen, solange das Bild Die Ermordung von Andreas Bader von ➱Odd Nerdrum an der Wand hängt. Dieser Nerdrum ist ein seltsames Phänomen, er malt wie Rembrandt. Und das im Jahre 1981, ich bin fasziniert von den drei Bildern in der Ausstellung. Jensen nimmt die Bilder nicht von der Wand, der norwegische Botschafter spricht nicht. Nerdrum ist inzwischen weltberühmt, er bezeichnet sich neuerdings alsthe King of Kitsch, amerikanische Museen zahlen sechsstellige Beträge für seine Bilder und Botho Strauß hat ihn 2002 im Spiegel gefeiert. Jensen ist das Ganze etwas peinlich, er wird lange mit dem Botschafter sprechen. Er ist um Vermittlung bemüht, nicht um Konfrontation.

Er wird auch 1976 einem etwas ratlosen Ministerpräsidenten Stoltenberg die Ausstellung amerikanischer Kunst nach 1945 erläutern, die er zusammen mit Berlin organisiert hat. Er holt Buchheims ganze Sammlung der Expressionisten nach Kiel. Buchheim kommt auch, allerdings ohne U-Boot. Dabei hätte das vor der Kunsthalle anlegen können, denn die Kunsthalle verfügt über den schönsten Blick auf die Kieler Förde. Jensen bekommt für eine Ausstellung große Teile der Sammlung Georg Schäfer mit der ganzen deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts (er wird von den Schäfers auch Bilder erwerben, wie den schönen ➱Johan Christian Clausen Dahl mit dem Hafen von Kopenhagen im Mondschein). Zu der Familie Schäfer hat Jensen die besten Beziehung, und er wird nach seiner Pensionierung als Kurator der Sammlung Schäfer nach Schweinfurt gehen.

Der größte Erfolg beim Publikum wird die Ausstellung Die Idylle sein, die ich beinahe täglich besuche. In diesen Jahren gibt es mindestens in jedem Jahre eine große Ausstellung (von kleinen feinen Ausstellungen wie der zu Ekkehard Thieme 1977 ganz zu schweigen). Wenn die SPD nach dem Tode von Dr.Dr. Barschel an die Macht kommt, wird die ganze linke Schickeria plötzlich in der Kunsthalle sein. Der neue Ministerpräsident Björn Engholm wird Ausstellungen mit schönen Reden eröffnen,Barschel hätte das nicht gekonnt, flüstert mir ➱Kurt bei einer Ausstellungseröffnung zu. Kann sein, aber ich halte diesen Zustrom von Politikern für keinen Ausdruck einer wahren Begeisterung für die Kunsthalle, sondern eher für ein modisches Phänomen. Gut die bleierne Zeit ist vorüber. Hier hat es einen Ministerpräsidenten gegeben, der noch in Naziuniform Bürgermeister von Eckernförde war. Und der Geist der fünfziger und sechziger Jahre ist ja immer noch so, Alt-Nazis im öffentlichen Dienst en masse, Alt-Nazis als Professoren an der Uni. Und die ganze kriminelle Ära Barschel. Und jetzt kommt der JFK Verschnitt Engholm, und seine Pressesprecher schreiben schon mal das Gebäude der Landesregierung, die ehemalige Militärakademie der kaiserlichen Marine, zum neuen Camelot um.

Es ist natürlich eine Günter Grass Ausstellung, die Engholm eröffnet. Günter Grass wird anwesend sein. Er trägt einen weißen Leinenanzug, wie Mark Twain. Ich photographiere ihn mit meiner alten Leica. Das ist photographischer Purismus, Schwarzweißphotos mit einer alten Leica zu machen. Die Photos werden gut, Björn Engholm wird sie an Günter Grass schicken. Meine Ex kennt ihn, er schickt ihr seine Romane mit Widmung. Ist doch gar nichts, sagt mein Freund Jimmy,Seine Frau war meine Freundin, bevor sie ihn heiratete. Die Welt ist klein. Ich mag ➱Grass als Schriftsteller nicht so sehr, obgleich ich viel von ihm gelesen habe. Das einzige, was ich von ihm wirklich überragend finde, ist sein Fontane Roman Ein weites Feld. Reich-Ranicki hin oder her.

Neben der Ausstellungstätigkeit vernachlässigt Jensen die Kunsthalle nicht, Kataloge der Neuerwerbungen werden zum ersten Mal regelmäßig erscheinen. Und der Kustos Johann Schlick wird 1973 einen Katalog der Gemälde vorlegen (der auf der Vorarbeit von Lilli Martius beruht), der erste seit dem kleinen Katalog von Richard Sedlmaier und Lilli Martius 1958. ➱Lilli Martius hat sich in ihrer Tätigkeit um die Kunsthalle verdienter gemacht als die meisten ihrer männlichen Kollegen im 20. Jahrhundert. Ihr Wirken wird auch glücklicherweise anerkannt: Ehrenbürgerin der Universität, Honorarprofessorin, eine Festschrift zum achtzigsten Geburtstag, der Kulturpreis der Stadt Kiel, der dänische Dannebrog Orden. Der Kunstverein wird eines Tages für ein Gemälde sammeln, das ein Geschenk zum 90. Geburtstag wird. Lilli Martius wird es natürlich umgehend der Kunsthalle überlassen. Immer wenn ich davorstehe, kann ich sagen, dass ich diese kleine Wolke da rechts oben von Knud Baades ➱Einfahrt ins Naerøtal (1837) finanziert habe.

Jens Christian Jensen ist am 6. April in Hamburg gestorben. Was hier als Nachruf steht, ist eine kleine Hommage, die ich vor Jahren in meine vorerst beiseite gelegten Memoiren mit dem Titel Bremensien hinein geschrieben hatte. Ich hatte ihm das Kapitel über die Kunsthallen und das Kapitel über ➱Wolfgang J. Müller (den er sehr schätzte) im letzten Jahr nach Hamburg geschickt. Er hat mir einen langen Brief geschrieben. Mit dieser kleinen Handschrift, die ich sofort wieder erkannte, einen Computer hat er nie besessen. Er hatte die beiden Kapitel mit nostalgischem Vergnügen gelesen, aber er meinte, dass dies alles zu viel des Lobes für ihn sei. Nein, es war eigentlich nicht genug.

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