Spargel

Es ist Spargelzeit. Da dürfen hier einige Zeilen über den Spargel nicht fehlen. Und natürlich darf dieses schöne Bild mit dem schlichten Titel Botte d’Asperges nicht fehlen, das Manet dem (Teilzeit-) Bankier und Kunstkritiker Charles Ephrussi verkauft hat. Manet wollte achthundert Franc für das Bild haben, aber Ephrussi hat ihm tausend gezahlt. Er wusste, dass Édouard Manet in finanziellen Nöten war. Da hat sich Manet auf seine eigene Art und Weise bedankt. Hat dem Monsieur Ephrussi schnell noch eine Spargelstange gemalt und sie mit der kleinen Notiz Il en manquait une à votre botte versehen an den Kunstsammler geschickt.

Es ist von Kunsthistorikern bei Manets Spargelbund immer wieder auf den holländischen Maler Adriaen Coorte hingewiesen worden. Dieses Spargelgebinde von Coorte hängt im Rijksmuseum in Amsterdam (der Manet übrigens in Köln im Wallraff Richartz Museum), Coorte hat noch eine Vielzahl anderer Spargelbilder gemalt. Die heute einen erstaunlichen Marktwert haben, ein ähnliches Bild wie dieses wurde bei ➱Christie’s für 2.281.250 £ verkauft. Für drei Dollar fünfzig kann man sich das Bild als ➱Kühlschrankmagneten kaufen.

Und bei der Firma China Art können Sie sich den kleinen Manet (das Original ist 16 x 21 cm groß) in XXL bestellen. Ich finde das immer wieder zu komisch, wie diese Firma ihre Bilder anpreist. Für das Bild mit dem Spargelbund nimmt Manet nimmt auch, wie der Holländer des 17. Jahrhunderts, einen dunklen Hintergrund: Le tableau ‚mère‘ est peint sur fond noir, un peu à la façon des natures mortes hollandaises du XVIIe siècle, sagt der Pariser Manet ➱Katalog von 1983. nature morte ist der französische Ausdruck für einen Bildtyp, den wir im Deutschen Stillleben nennen, und dieses morte fordert ja geradezu einen Satz wie Ce n’est pas une nature morte comme les autres: morte, elle est en même temps enjouéevon Georges Bataille heraus. Was ja nicht viel mehr als ein gehobenercalembour ist, denn dass Manets Bild lebt und Coortes Bild tot ist, das sehen wir alle selbst.

Marcel Proust hat Charles Ephrussi gekannt, er ist für ihn (neben Charles Haas) eine der Vorbildfiguren für seinen Charles Swann gewesen. Und für Proust Fans hätte ich an dieser Stelle noch den Hinweis auf das schöne Buch The Hare with Amber Eyes von ➱Edmund de Waal. Proust hat die Bilder von Manet in Charles Ephrussis Sammlung gesehen, man wird ihm die Anekdote erzählt haben. Er hat sie in seinen Roman hineingeschrieben. Eine Stelle in Du côté de chéz Swann klingt beinahe wie eine Bildbeschreibung, obwohl Anita Albus in ihrem originellen Buch Im Licht der Finsternis energisch zurückweist, dass diese Romanstelle eine Ekphrasis von Manets Bild ist:

Ich blieb an einem Tisch stehen, an welchem das Küchenmädchen grüne Erbsen enthülst und dann in abgezählten Häufchen aufgereiht hatte wie kleine grüne Kugeln für ein Spiel; besonders aber die Spargel hatten es mir angetan, die wie mit Ultramarin und Rosa bemalt aussahen und deren in Violett und Himmelblau getauchte Spitze nach dem anderen Ende zu – das noch Spuren des nährenden Ackerbodens trug – lauter Abstufungen von irisierenden Farben aufwies, die nichts Irdisches hatten. Es schien mir, dass diese himmlischen Tönungen das Geheimnis von köstlichen Geschöpfen enthüllten, die sich aus Neckerei in Gemüse verwandelt hatten und durch ihre aus feinem essbaren Fleisch bestehende Verkleidung hindurch in diesen Farben der zartesten Morgenröte, in diesen hinschwindenden Nuancen von Blau jene kostbare Substanz verrieten, die ich noch die ganze Nacht hindurch, wenn ich am Abend davon gegessen hatte, in den nach Art Shakespearescher Feenkomödien gleichzeitig poetischen und derben Possen wiedererkannte, die sie zum Spaße aufzuführen schienen, wenn sie sogar noch mein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß umschufen. Anita Albus sagt dazu ganz banal: Das Werk von Proust ist nicht malerisch. Wie komme ich nur dazu, dass ich das immer geglaubt habe? Ich dachte immer, dass Joseph Conrads Satz mit dem berühmten to make you see auch für Proust gelten würde.

An einer anderen Stelle derRecherche wird direkt auf den Kauf des Bildes von Manet durch Ephrussi angespielt, wenn Proust den Herzog von Guermantes sagen lässt: Swann hatte tatsächlich die Stirn, uns zum Kauf eines Spargelbundes zu raten. Wir haben das Bild daraufhin sogar ein paar Tage im Haus gehabt. Es war nichts weiter als das darauf, ein Bund Spargel, genau wie die, die Sie gerade schlucken, die Spargel von Herrn Elstir aber habe ich nicht geschluckt. Er verlangte dreihundert Francs dafür. Dreihundert Francs für einen Bund Spargel! Einen Louisd’or höchstens sind sie wert, und auch das nur, solange es noch die ersten sind. Und es gibt noch viel mehr Spargel in Prousts Werk. Lesen Sie dazu doch ➱Luzius Keller (von dem ich das wunderbare BüchleinProust im Engadin gelesen habe) in der Neuen Zürcher Zeitung. Leider hatte ich meinen Post schon geschrieben, bevor ich das entdeckte. Was diesen Post natürlich ein wenig wie ein Plagiat aussehen lässt. Was er aber eigentlich nicht ist.

Weil ich diese ganze Geschichte schon kannte. Weil mir ein Freund (Proustianer und Kunsthistoriker) vor Jahrzehnten eine Photokopie von John Cockings ➱Aufsatz Proust and painting gegeben hatte. Irgendwie scheint die Proust Diskussion diesen englischen Gelehrten, der 1956 ein Buch über Proust veröffentlichte und 1982 den ➱Band Proust: Collected Essays on the Writer and his Art in der Reihe Cambridge Studies in French präsentierte, ein wenig zu vernachlässigen. Es gibt zum Thema Proust und Spargel noch diese Stelle mit dem schwangeren Küchenmädchen, das allergisch auf Spargel reagiert und davon Asthmaanfälle bekommt. Und das von der herrschsüchtigen Haushälterin Françoise mit ständigem Spargelschälen gequält wird, bis sie das Haus verlässt: Françoise trouvait pour servir sa volonté permanente de rendre la maison intenable à tout domestique, des ruses si savantes et si impitoyables que, bien des années plus tard, nous apprîmes que si cet été-là nous avions mangé presque tous les jours des asperges, c’était parce que leur odeur donnait à la pauvre fille de cuisine chargée de les éplucher des crises d’asthme d’une telle violence qu’elle fut obligée de finir par s’en aller. Asthma und Spargel, damit sollte Proust sich auskennen.

Das hier ist ein Röntgenbild von Manets Spargelbund. Man muss ja immer alles sezieren und zergliedern. Die Konnotationen von Spargel, Sexualität (und Asthma) sind der Wissenschaft natürlich auch schon aufgefallen. So notiert Ulrike Sprenger in ihrem Proust-ABCunter dem Stichwort Spargel:Von allen Möglichkeiten, das Motiv des Spargels als obszöne Anspielung einzusetzen (‚Veronika, der Spargel wächst…‘), gelingt Proust vielleicht die hübscheste und vielschichtigste: Während der kleine Marcel die zarten Farben der Stangen bewundert und es ihm scheint, ‚daß diese himmlischen Tönungen das Geheimnis von köstlichen Geschöpfen enthüllten, die sich aus Neckerei in Gemüse verwandelt hatten‘, leidet das schwangere und spargelallergische Küchenmädchen beim Schälen die gleichen Höllenqualen wie bei ihrer Niederkunft: Die gestaltliche Ähnlichkeit dessen, was sie in der Küche quält, mit dem, was sie in ihren (von Françoise mißbilligten) ‚Zustand‘ gebracht hat, liegt auf der Hand. Vollends offensichtlich wird diese Assoziationskette, die sich zwischen der Schönheit des Spargels, die ’nichts Irdisches hatte‘, und äußerst irdischen Anzüglichkeiten bewegt, dort, wo Proust – als vermutlich erster und einziger Autor der abendländischen Literatur – auf die besonderen Qualitäten des Urins nach Spargelgenuß zu sprechen kommt: Die himmlischen Spargelgeschöpfe schienen Marcel ’nach Art Shakespearescher Feenkomödien gleichzeitig poetische und derbe Possen aufzuführen, wenn sie sogar noch mein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß umschufen‘.

Ich habe mir das Zitat von Ulrike Sprenger von einer wunderbaren Seite geborgt, die ➱Neuer Physiologus heißt. Weil ich mein Exemplar vom Proust-ABC verschusselt habe und nicht wiederfinden konnte. Falls dies zufälligerweise jetzt ein Studiosus liest, der bei Frau Professor Dr Ulrike Sprenger die Vorlesung Marcel Proust, À la recherche du temps perdu: Eine Einführung hört, habe ich einen simplen Rat: Verschusseln Sie ihr Exemplar von Proust-ABC nicht, dann können Sie ganz bestimmt am 19. Juli die Abschlußklausur in Raum C 425 bestehen! Etwas nuancierter als imProust-ABC kann man die Sache mit dem Spargel bei Jeanine Parisier Plottel in Intertextuality: new perspectives in criticism (19878) lesen. Der Text, in einem ➱Blog abgedruckt, rief folgenden Kommentar hervor: This went over my head:) Embarassed to say never heard of Proust. Will look him up. Das sind die Kommentare, die man sich als Blogger herbeisehnt.

Mehr Proust? Klicken Sie ➱hier. Mehr Spargel gibt es auf dem Wochenmarkt.

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