Tischbein

 

Johann Friedrich August Tischbein, den man auch den Leipziger Tischbein nennt, ist heute vor 201 Jahren gestorben. Seinem Onkel, dem Kasseler Tischbein, habe ich hier vor einiger Zeit schon einen langen ➱Post gegönnt. Obgleich ich ihn ja nicht so sehr mag. Aber den Leipziger Tischbein finde ich eigentlich ganz charmant. Der Herr auf diesem 1791 gemalten Bild heißt Nicolas Châtelain. Er ist ist gerade einundzwanzig Jahre alt und ist das, was man vor hundert Jahren einenElegant genannt hätte. Das Wort steht natürlich noch in Heyses Fremdwörterlexikon von 1903, das ich von meinem Opa geerbt habe. Mit der schönen Definition: ein Stutzer, Modeherrchen. Das Wort Modeherrchen gefällt mir ganz besonders. Es ist leider ein wenig aus der Mode gekommen, wie all diese schönen Synonyme für den ➱Stutzer: Geck, Fant, Zierbengel, homo elegans, Prunkebold, Modeherrchen, Zierling, Monsieur Alamod, Damoiseauund gallant. In Zeiten, in denen ein Kapuzenshirt und eine Basecap modische Highlights sind, nimmt das nicht wunder.

Monsieur Chatâtelain hat keine Lust, ins heimatliche Frankreich zu reisen, da beginnt jetzt die Revolution. Er lebt lieber in Rolle im Kanton Waadt (wo er im Alter von 87 Jahren auch sterben wird). Und was tut er den ganzen Tag? Er schreibt. Nichts Originales, er imitiert andere Schriftsteller wie zum Beispiel Voltaire oder Madame de Sevigny. Aber so perfekt, dass man seine Werke für das Original hält. Man kann sie heute noch kaufen Pastiches: Ou, Imitations Libres Du Style De Quelques Écrivains Des Xviie Et Xviiie Siècles ist bei Amazon noch lieferbar. Er will sich bei seiner Tätigkeit auch nicht mit fremden Federn schmücken, er heißt nicht ➱Guttenberg. Er ist ein Kleinmeister des Pastiche, und er macht das zu seinem eigenen Vergnügen. Und viele seiner Zeitgenossen goutieren das.

Nicolas Châtelain hat diesen schönen französischen Namen, aber er ist in Rotterdam geboren, wo sein Vater Daniel Zacharias Châtelain Pastor war. Und seine Mutter, und das überrascht dann doch ein wenig, heißt Johanna Jacoba Smidt und kommt aus Bremen. Na, da können wir Butenbremer den eleganten Nicolas Châtelain ja beinahe als einen von uns betrachten. Die Châtelains waren natürlich einmal Franzosen, aber wie so viele hugenottische Glaubensbrüder haben sie Zuflucht in den Niederlanden gefunden. Ein Zacharias Châtelain ist Buchhändler und Verleger in Amsterdam gewesen und hat 1705 den berühmten ➱Atlas Historique verlegt. Wahrscheinlich ermöglicht der Reichtum der fleißigen Hugenotten es unserem jungen Dandy Nicolas, ein sorgenfreies Leben in der Schweiz zu führen. Und sich von dem Leipziger Tischbein malen zu lassen.

Der wirklich manchmal große Momente hat. Wie auf diesem Bild des Leipziger Kaufmanns Jacob Ferdinand Dufour Feronce. Und natürlich auf dem Bild mit unserem Dandy Châtelain. Beide Bilder haben einen Hauch von der englischen Portraitmalerei – gut, er kommt nicht an ➱Gainsborough, ➱Reynolds oder ➱Raeburn heran, das weiß ich auch. Solch Gedanke wurde offensichtlich auch in dem Leipziger Katalog 3 x Tischbein und die europäische Malerei um 1800 geäußert. Was aber Richard Hüttel hier geschrieben hatte, konnte den Rezensenten von ➱Sehepunkte nicht überzeugen: Johann Friedrich August Tischbein hat endlich in der Gattung Porträt einen späten, aber dafür glanzvollen Auftritt und die hier in unvermuteter Fülle aufgeführten Vergleichsbeispiele der englischen Bildnismalerei (Reynolds, Gainsborough, Romney) dienen vor allem der kunsthistorischen Einordnung seines Œuvres. Die genauere Bestimmung dieses Einflussverhältnisses bleibt indessen unklar. So legt die These, Johann Friedrich August Tischbein sei von Gainsboroughs Technik sichtbarer Farbschraffuren („hatchings“) beeinflusst worden (Kat.-Nr. 68), eine intime, historisch nur schwer zu rekonstruierende Kenntnis von dessen Werk nahe (Gainsborough hat England nie verlassen, Johann Friedrich August Tischbein hat es nie betreten). Soweit zu sehen, hat der als Porträtist viel beschäftigte ‚Leipziger Tischbein‘ seinen Auftraggebern nirgendwo einen derart kühnen, leicht als ‚unfertig‘ misszuverstehenden Farbduktus zugemutet.

Ach, ich weiß nicht. Auch wenn Gainsborough England nie verlassen hat, Johann Friedrich August Tischbein es nie betreten hat, es gibt jetzt im 18. Jahrhundert alle Sorten von Stichen. Und so weit wie der Leipziger Tischbein gereist ist, wird er bestimmt auch mal den einen oder anderen Engländer an der Wand einer Sammlung gesehen haben. Wenn irgendetwas im 18. Jahrhundert international ist, dann ist das die Malerei. Johann Friedrich August Tischbein ist über Jahrhunderte der unterschätzteste der Tischbeins gewesen. Das kann man noch heute bei dem musée imaginaire sehen, das Google unter seinen Bildern anbietet. Dürftig, dürftig.

Ich finde das Bild vom Künstler mit seiner Familie ganz reizend. Zwischen dem Familienbild und dem Bild der Töchter als Allegorien von Malerei und Musik (Caroline ist ja auch Künstlerin geworden) liegen einige Jahre. Die Töchter sind groß geworden. Haben sie wirklich so sexy ausgesehen wie auf dem Bild da unten? Oder ist das alles nur schöner Schein? Wie dieses Familienbild, das die jüngste Tochter später radikal beschneiden ließ. Und eine Übermalung des Vaters im Hintergrund verlangte (der ist erst durch eine Restaurierung nach langer Zeit zum Vorschein gekommen): Der Ausdruck ihres Vaters, der ein sehr heftiger, jähzorniger Mann gewesen war, rief so viele Jugenderinnerungen in ihr wach, die ihr nicht angenehm waren. Schein und Realität. Oder wie ➱Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit sagt: Und damit kommen wir zum innersten Kern des Rokokos: es war eine Welt des Theaters. Niemals vorher oder nachher hat es eine solche Passion für geistreiche Maskerade, schöne Täuschung, schillernde Komödie gegeben wie im Rokoko. Aber wollen wir wirklich wissen, wie es hinter den Kulissen aussieht? Wir lassen lieber Nicolas Châtelain in seiner schönen Pose stehen, lassen die Familie des Malers heil und die Töchter schön und sexy.

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