George Whiting Flagg

Der amerikanische Maler George Whiting Flagg wurde heute vor 197 Jahren geboren. Wenn Sie ihn nicht kennen, haben Sie nichts verpasst. Es gibt auch im 19. Jahrhundert interessante amerikanische Maler, dieser Historien- und Genremaler gehört allerdings nicht dazu. Und die anderen Flaggs auch nicht, es ist erstaunlich, wie viele aus dieser Familie gemalt haben. An einen wird man sich wegen seines Portraits von ➱Mark Twain erinnern. George Whiting Flagg bekommt hier auch nur eine kurze Erwähnung, weil dieses herzzerreißende Bild The Match Girl(da müssen wir doch gleich an Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen denken) inzwischen ein zweites Leben bekommen hat.

Es ist jetzt nämlich auf dem Buchdeckel von John Baileys The Lost German Slave Girl (vor zehn Jahren bei Macmillan erschienen) verewigt, und da passt es auch hervorragend. Wenn Sie mich jetzt fragen, was dieser Titel bedeuten soll, muss ich Ihnen sagen, dass es wirklich dieses lost German slave girl gegeben hat. Es ist die Geschichte von ➱Sally Miller, einer Frau, deren Leben amerikanische Rechtsgeschichte geschrieben hat. Die ja so häufig eine Unrechtsgeschichte ist. Die Story selbst, die im Untertitel The Extraordinary True Story of Sally Miller and Her Fight for Freedom in Old New Orleans heißt, ist nichts sensationell Neues, schon im 19. Jahrhundert hatten sich amerikanische Schriftsteller des Themas angenommen. George Washington Cable erwähnt den Gerichtsfall in seinem Buch ➱Strange True Stories of Louisiana. Aber manche Geschichten müssen immer mal wieder erzählt werden.

Der Australier ➱John Bailey ist Lehrer und Rechtsanwalt gewesen, bis er den Mut gefasst hat, sich völlig dem Schreiben zu widmen. Inzwischen hat er sechs Bücher geschrieben, von denen die letzten drei Sachbücher The Lost German Slave Girl, Mr Stuartís Track (über John McDouall Stuart, der als erster Australien durchquerte) und Into the Unknown (über den preußischen Entdecker Ludwig Leichhardt) wohl die besten sind. John Bailey hat seine eigenen Ziele beim Schreiben: My purpose in writing is to get people interested in what I am interested in. For example, the law of slavery, like all law, is complex and some would say, tedious. However, if the injustice and illogicality of slave law is exemplified in an individual case, then it becomes interesting and vital. My intended audience is the general public, the average reader. Thus in all my books, I make detours to expand on bare historical sources to inject a sense of the times and to reflect upon the thoughts of the persons involved. All historians do this; I do it more than most. Academics claim they never do it. This is not to say that I have let fancy fly. My books are not works of fiction. They are as true as I can make them, as I understand the truth of what happened.

Gut, das alles ist nicht ganz neu. Seit Thomas Babington Macaulay seinen Zunftgenossen empfohlen hat, so wie Sir Walter Scott zu schreiben, haben viele englische und amerikanische Historiker begriffen, dass eine Geschichtsschreibung auch einen guten Erzähler braucht. Und das können ja viele auch, von Christopher Hibbert bis Simon Schama. Zu deutschen Historikern fällt mir da gerade niemand ein. Was aber auch daran liegen könnte, dass ich die meisten gar nicht erst lese. Meine Idealvorstellung wäre, dass wir ganz viele Wolfgang Schivelbuschs hätten, aber das haben wir leider nicht. Was mir zur Zeit am besten gefällt, sind solche Bücher wie Julia Blackburns The Emperor’s Last Island: A Journey to St Helena (das ich noch einmal las, als ich St Helena in dem Post ➱scrimshaw erwähnte) und diese Bücher, die ich in dem Post ➱Biographien vorgestellt habe.

Von daher gesehen, ist ein Autor wie John Bailey sicher interessant. Leider ist er kein wirklich guter Erzähler, zu dem ihn manche Rezensenten emporschreiben wollen. Manchmal hat man bei The Lost German Slave Girl das Gefühl, dass man in einem Illustriertenroman ist: This much we know: that on a bright, spring morning in 1843, Madame Carl Rouff left her timber-framed house in Lafayette to travel across New Orleans to visit a friend who lived in the Faubourg Marigny. It was a distance of four miles, following the bend of the Mississippi as it turned abruptly on itself in its winding course to the Gulf. She caught the mule-driven omnibus along Tchoupitoulas Street to the city, a journey of an hour and a quarter, swaying gently as she watched the unloading of the keelboats, skiffs, and packets anchored alongside the levee. She had allowed herself plenty of time, so it was without urgency that she alighted and crossed the expanse of Canal Street to enter the Vieux Carré. She had only a vague idea of how the streets fit together in the narrow grid at the back of the Place d’Armes, so doggedly she followed Bourbon Street, hoping eventually to run into Esplanade Avenue, which would guide her to her destination….

Soweit, so gut. Straßennamen und ein wenig Atmosphäre in das literarische Potpurri hinzuwerfen, macht sich immer gut. Und der ganze sentimentale Ton passt auch hervorragend zu dem Cover mit dem Bild von George Whiting Flagg (Sentimentalität hat Carol Wilson nicht nötig, die kurz nach Bailey ein ➱Buch über Sally Miller herausbringt). Aber nachdem wir von Bailey leicht sentimental und leicht atmosphärisch eingestimmt sind, meldet sich, die Erzählillusion durchbrechend, abrupt ein zweiter Erzähler zu Wort: Over a century ago, two Louisiana writers, J. Hanno Deiler (a professor at Tulane University in New Orleans) and George W. Cable, working independently of each other, told the story of the Lost German Slave Girl. Deiler’s article appeared as a pamphlet in a German-language newspaper in New Orleans in 1888. Cable’s version appeared in The Century Magazine of 1889 and was later included as a chapter in his Strange True Tales of Louisiana. Since neither spoke to either Madame Carl or Mary Miller, their reports of the conversation between the two women were clearly imaginative creations, derived from hand-me-down renditions supplied by relatives. The version presented here is adapted from both these sources and from the notes of evidence of the trial when Salom Mller sought her freedom in the First District Court of Louisiana in 1844. Da klappert die Mechanik des Erzählens doch arg, unser australischer Autor muss stilistisch wohl noch etwas üben. Vielleicht sollte er einmal The French Lieutenant’s Woman lesen, in dem John Fowles uns zeigt, wie man so etwas macht.

Das Bild vom Bayou in New Orleans weiter oben ist nicht von George Whiting Flagg, das ist von William Henry Buck, der ab 1860 in Louisisana malte. Was für jemanden, der in Norwegen geboren wurde, eigentlich eine erstaunliche Sache ist. Ein Bild von George Whiting Flagg hätte ich dann doch noch. Wenige Jahre, bevor Sally Miller ihren ersten Prozess führt, malt Flagg dieses Bild, das den Titel The Chess Players: Checkmate hat. Achten Sie auf die Person im Hintergrund. Da gehört sie hin, in den Hintergrund. Wo kommen wir da hin, wenn Sklaven  – schwarz oder weiß – in Amerika vor Gericht klagen wollen?

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