Theophil Hansen

 

Wenn ein Architekt in Hamburg schöne Häuser gebaut hat – von der ➱Palmaille in Altona bis nach Blankenese – dann ist dasChristian Frederik Hansen gewesen. Der mit dem Theophil Hansen, der heute vor zweihundert Jahren geboren wurde, nicht verwandt ist. Aber der in Kopenhagen geborene Architekt Theophil Edvard Hansen (der später in Österreich geadelt wurde) und sein Bruder Hans Christian Hansen verstehen es, die Namensgleichheit für ihre Zwecke zu nutzen: sie bauen so, wie der Vorreiter des Klassizismus es vor ihnen getan hat.

Theophil Hansen ist (wie unser ➱Gottfried Semper) ein Architekt des Historismus. Historismus heißt nichts anderes als anything goes, das ist genau so wie mit der Postmoderne. Und so wird jetzt in der Architektur jeder Stil hervorgeholt: italienische Renaissance für das Palais Ephrussi (das sind die Wiener Verwandten von dem Pariser Charles Ephrussi, dem Manet den ➱Spargel malt), die ➱Akademie der Künste und die ➱Börse. Und das Parlamentsgebäude in Wien bekommt dann wieder einen ganz anderen Stil.

Beide Brüder werden sogar dort bauen, wo man eigentlich genügend klassische Architektur hat. Nämlich in Athen. Das ist jetzt ein wenig wie Eulen nach Athen zu tragen. Ich habe dies Phänomen des damals grassierenden Panhellenismus schon einmal erwähnt, als ich den Post ➱Jens Peter Jacobsen schrieb. Selbst Hansens Lehrmeister ➱Karl Friedrich Schinkel beteiligte sich an Traumprojekten, wie der Umgestaltung der ➱Akropolis oder dem Schloss ➱Orianda auf der Krim. Es bleiben schöne Architekturzeichnungen, ich habe sie einmal gesehen und stand fasziniert davor. Auch Theophil Hansens Entwurf für das Achilleion von unserer Sisi bleibt für ihn nur ein Traum, am Ende entscheidet sich die Kaiserin für einen anderen Architekten. Dieses griechisch anmutende Gebäude ist allerdings nicht die Athener Akademie, das ist das österreichische Parlamentsgebäude im neo-attischen Stil, mit dem der Architekt an die Geburtsstätte der Demokratie erinnern will. Das Gebäude hat es sogar in die Literatur geschafft.

… am 10. Sept. 1913 Zwischen den Säulen der Vorhalle des Parlamentes. Warte auf meinen Direktor. Großer Regen. Vor mir Athene Parthenos mit Goldhelm.
6./IX (1913) Fahrt nach Wien. Dummes Litteraturgeschwätz mit Pick. Ziemlicher Widerwillen. So (wie P.) hängt man an der Kugel der Litteratur und kann nicht los, weil man die Fingernägel hineingebohrt hat, im übrigen aber ist man ein freier Mann und zappelt mit den Beinen zum Erbarmen. Seine Nasenblaskunststücke. Er tyrannisiert mich, indem er behauptet, ich tyrannisiere ihn. – Der Beobachter in der Ecke. – 

Bahnhof Heiligenstadt, leer mit leeren Zügen. In der Ferne sucht ein Mann den plakatierten Fahrplan ab. (Jetzt sitze ich auf der Stufe der Herme eines Teophil Hansen) Gebeugt, im Mantel, das Gesicht vergeht gegen das gelbe Plakat gehalten. Vorbeifahren an einem kleinen Terassengasthaus. Gehobener Arm eines Gastes. Wien. Dumme Unsicherheiten, die ich schließlich alle respektiere. Hotel Matschakerhof. 2 Zimmer mit einem Zugang. Wähle das Vordere. Unerträgliche Wirtschaft. Muß mit P. noch auf die Gasse. Laufe angeblich zu sehr, laufe noch stärker. Windige Luft. Erkenne alles Vergessene wieder. Schlechter Schlaf. Voll Sorgen. Ein widerlicher Traum (Malek). 

(Die Frage des Tagebuches ist gleichzeitig die Frage des Ganzen, enthält alle Unmöglichkeiten des Ganzen. In der Eisenbahn überlegte ich es unter dem Gespräch mit P. Es ist unmöglich, alles zu sagen und es ist unmöglich, nicht alles zu sagen. Unmöglich die Freiheit zu bewahren, unmöglich sie nicht zu bewahren. Unmöglich das einzig mögliche Leben zu führen, nämlich beisammen leben, jeder frei, jeder für sich, weder äußerlich noch wirklich verheiratet sein, nur beisammen sein und damit den letzten möglichen Schritt über Männerfreundschaft hinaus getan haben, ganz knapp an die mir gesetzte Grenze, wo sich schon der Fuß aufrichtet. Aber auch das ist eben unmöglich. Letzte Woche fiel mir das einmal vormittag als Ausweg ein, ich wollte es nachmittag schreiben. Nachmittag bekam ich eine Biographie Grillparzers. Er hat das getan, gerade das. (Eben betrachtet ein Herr den Theophil Hansen, ich sitze wie seine Klio) Aber wie unerträglich, sündhaft, widerlich war dieses Leben und doch gerade noch so, wie ich es vielleicht unter größern Leiden, als er, denn ich bin viel schwächer in manchem, zustandebrächte. (Später noch darauf zurückkommen Traum) Abend noch Lise Weltsch getroffen.

Die Leute in Wien haben es immer mit dem Träumen. Ob sie Franz Kafka heißen (von dem dieser Text ist) oder Sigmund Freud, wahrscheinlich nehmen sie das Wien, Wien, nur du allein. Sollst stets die Stadt meiner Träume sein! wörtlich. Dies hier ist ein Plakat für die Theophil Hansen Ausstellung, die man in Wien zum zweihundertsten Geburtstag organisiert hat ( Wagner:Werk Museum Postsparkasse vom 14. Mai bis 17. August 2013) .

Ich weiß jetzt nicht, was der Strichcode da oben bedeutet. Ich nehme mal an, dass daunbegrenzte Haltbarkeit, weil Klassizismus steht. DieseGrecian grandeur, von der ➱Keats in On Seeing the Elgin Marbles spricht, funktioniert – weiß und kalt – doch immer. Dass die Architekten des Neoklassizismus nix Neues produzieren, dass sie nur die alten Griechen, ➱Palladio und ➱Inigo Jones beklauen, das wissen sie schon. Aber in Wien reicht das leicht und locker zum Adelstitel.

Es ist ein Zeitgenosse von Theophil Hansen namens Karl Immermann, der in seinem (etwas überlangen) Roman Die Epigonen das Dilemma auf den Punkt gebracht hat: Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und Hüttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wie mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer ärmer.

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