Reynolds

 

Vor 290 Jahren wurde der englische Maler Joshua Reynolds geboren. Das sollte uns einige Zeilen wert sein. Es gibt zwar ➱hier schon einen langen Post, und Reynolds ist auch immer wieder in diesem Blog erwähnt worden, aber ein kleiner Post kann ja nicht schaden. Ich fasse mich kurz. Und fange mal mit John Constable an. Der im Jahre 1802 schreibt: l am just returned from a visit to Sir George Beaumont’s pictures with a deep conviction of the truth of Sir Joshua Reynolds‘ observation, that ‚there is no easy way of becoming a good painter‘. It can only be obtained by long contemplation and incessant labour in the executive part … I shall shortly, return to Bergholt, where I shall make some laborious studies from nature – and I shall endeavour to get a pure and unaffected representation of the scenes that may employ me.

Das Bild oben hat John Constable anfangs der 1830er Jahre gemalt. Es ist der Cenotaph, den Sir George Beaumont (den habe ich in dem Reynolds Post schon einmal erwähnt) im Park seines Hauses ➱Coleorton Hall (hier eine Zeichnung des Landsitzes von Constable) hatte erbauen lassen. Der Cenotaph wird flankiert von Büsten von Raphael und Michelangelo (links neben dem Hirschen können Sie einen der beiden sehen), von Claude Lorrain gibt es erstaunlicherweise keine Büste.

Denn das Lieblingsbild des kunstsinnigen Baronets war kein Bild von Raphael, Michelangelo oder Sir Joshua Reynolds, sondern dieses schöne Bild Landscape with Hagar and the Angel von Claude. Das hatte er 1785 gekauft, es war eins der ersten Bilder seiner Sammlung. Er kann sich kaum davon trennen, nimmt es sogar manchmal auf Reisen mit. Dafür hat er extra einen kleinen Koffer anfertigen lassen; wie gut, dass das Bild nur 52 x 42 cm groß ist. Als er es 1823 der National Gallery schenkt, vermisst er es nach wenigen Wochen so sehr, dass er es sich wieder ausleiht und bis zu seinem Tod behält.

Den Cenotaph für Joshua Reynolds hat Constable zum ersten Mal 1823 bei seinem Besuch in Coleorton gesehen, er hat davon diese Zeichnung gemacht, die heute (wie auch das Gemälde ganz oben) im Besitz der National Gallery ist. In the dark recesses of the gardens, and at the end of one of the walks, is a cenotaph erected to the memory of Sir Joshua Reynolds, and on it some beautiful lines by Wordsworth, schreibt er in einem Brief an seine Frau. Im Besitz der National Gallery ist heute auch immer noch der Claude, Sir George hatte mit seiner Kunstsammlung überhaupt erst zur Gründung der National Gallery beigetragen (später werden noch ➱Robert Vernon und viele andere den Bestand vergrößern). Den Claude Lorrain hatte Sir George auch dem ganz jungen John Constable gezeigt, der so gerne Maler werden wollte. I feel that I am indebted to him for what I am as an artist, schreibt Constable nach Beaumonts Tod an William Wordsworth.

Bei einem Besuch von Coleorton Hall hatte sich der junge Constable dieses Bild von Rubens sogar auf sein Zimmer mitnehmen dürfen, damit er es jeden Morgen nach dem Aufwachen betrachten konnte.
Das Bild, das A View of Het Steen in the Early Morning heißt, ist (ein wenig untypisch für Rubens) ein Landschaftsbild, ein Bild seines eigenen Landsitzes. Ich weiß nicht, ob Gainsborough es gekannt hat, aber man könnte sicherlich Ähnlichkeiten zwischen diesem Bild und ➱Gainsboroughs Mr and Mrs Andrews finden. Für den jungen John Constable macht jetzt der Amateurmaler George Beaumont mit seinen Landschaftsbildern von ➱Richard Wilson und den beiden Bildern von Claude und Rubens die Fenster  zur Landschaftsmalerei auf.

Beaumont ist auch der Mäzen von ➱Thomas Girtin, dessen Aquarelle (hier ein Aquarell, das Girtin nach einem Bild von Beaumont gemalt hat) er sammelt: Sir George Beaumont possessed about thirty drawings in water-colours by Girtin, which he advised Constable to study as examples of great breadth and truth; and their influence on him may be traced more or less through the whole course of his practice. The first impressions of an artist, whether for good or evil, are never wholly effaced; and, as Constable had till now no opportunity of seeing any pictures that he could rely on as guides to the study of nature, it was fortunate for him that he began with Claude and Girtin. Vor der Begegnung mit Beaumont hatte Constable kaum Landschaftsmalerei gesehen. Jetzt hat er eine Basis. Der Rest can only be obtained by long contemplation and incessant labour in the executive part.

Beaumont ist in Kunstdingen nicht irgend jemand, er hat das Talent zum Landschaftsmaler gehabt. Sein Zeichenlehrer ist kein Geringerer als Alexander Cozens gewesen. Der hatte auch den Prince of Wales und ➱William Beckford unterrichtet, die waren allerdings nicht so begabt wie Beaumont. Dieser schöne dramatische Himmel auf  Beaumonts Bild von Peel Castle in a Storm stammt einwandfrei aus dem ➱Wolkenrepertoire seines Lehrmeisters Cozens. William Wordsworth hat über dieses Bild sogar ein ➱Gedicht geschrieben Elegiac Stanzas Suggested by a Picture of Peele Castle in a Storm, Painted by Sir George Beaumont.

Es wird nicht das einzige dichterische Zeugnis für diese Freundschaft zwischen dem dilettierenden Aristokraten (der ja auch Vorfahren in der Literaturszene hat: Francis Beaumont, der Zeitgenosse Shakespeares gehört zur Familie) und dem romantischen Dichter bleiben. Wordsworth bedichtet seinen Mäzen 1811 in einer langen ➱Epistle, und für das Geschenk dieses Aquarells bedankt er sich mit einem Sonett:

Praised be the Art whose subtle power could stay 
Yon Cloud, and fix it in that glorious shape; 
Nor would permit the thin smoke to escape, 
Nor those bright sunbeams to forsake the day; 
Which stopped that Band of Travellers on their way, 
Ere they were lost within the shady wood; 
And shewed the Bark upon the glassy flood 
For ever anchored in her sheltering Bay. 
Soul-soothing Art! whom Morning, Noon-tide, 
Even Do serve with all their changeful pageantry! 
Thou, with ambition modest yet sublime, 
Here, for the sight of mortal man, hast given 
To one brief moment caught from fleeting time 
The appropriate calm of blest eternity.

Sir George – der selbst der Meinung war, dass Poetry was superior to Painting – bedeutet in diesen Jahren sehr viel für Wordsworth. Und so kann es nicht verwundern, dass Wordsworth 1811 auch die Verse schreibt, die dann auf den im nächsten Jahr vollendeten Cenotaph für Sir Joshua Reynolds eingemeißelt werden:

Ye Lime-trees rang’d before this Hallowed Urn 
Shoot forth with lively power at Springs return 
And be not slow a stately growth to rear 
Of Pillars branching off from year to year 
Till ye at length have framed a Darksome Isle 
Like a recess within that sacred Pile 
Whare Reynolds – mid our countrey’s noblest dead 
In the last sanctity of fame is laid 
And worthily within those sacred bounds 
The excelling Painter sleeps-yet here may I 
Unblamed upon my patrimonial Grounds 
Raise this frail tribute to his memory 
An humbler follower of the soothing Art 
That he professed – attached to him in heart 
Admiring – loving – and with Grief and Pride 
Feeling what England lost when Reynolds died

Im Park von Coleorton Hall, den Sir George ab 1808 von dem berühmten Uvedale Price hatte entwerfen lassen (später durfte Wordsworth hier wohnen und die Anlage des Gartens beaufsichtigen), findet sich noch ein zweites Monument für einen Maler. Das fällt etwas schlichter aus als der Cenotaph für Reynolds. Es ist ein Felsen, zu dem Joseph Farington (das Plappermäulchen der Kunstwelt – was wären wir ohne ihn?) in seinem Tagebuch 1820 notiert: removed a huge stone from a disance of 1/2 mile & placed in the Shrubbery to commemorate Richard Wilson, the Landscape painter. George Beaumont hatte diesen Felsen ausgesucht, weil er ein wenig dem Felsen auf seinem ➱Bild von Wilson glich. Constable hat den Felsblock im November 1823 gezeichnet, eine kleine Hommage an den Mann, dem er als Landschaftsmaler so viel verdankt.

George Beaumont war nicht nur ein Schüler von Alexander Cozens, er war auch jemand, der die Kunstlehren von Joshua Reynold energisch verteidigte. Natürlich hat er sich von ihm ➱malen lassen. Natürlich hat er Bilder von Reynolds gekauft. Er lässt nichts auf Reynolds kommen. Und er hat dem jungen Maler John Constable bei dessen erstem Besuch in Coleorton auch eine Vielzahl von guten Ratschlägen gegeben (die von Constable nicht so begeistert aufgenommen wurden). Zum Beispiel, dass in der Landschaftsmalerei immer ein brauner Baum im Bild sein müsse. Da zitiere ich doch einmal diese hübsche Anekdote aus C.R. Leslies Memoirs Of The Life Of John ConstableAgain, Sir George, who seemed to consider the autumnal tints necessary, at least to some part of a landscape, said, ‚Do you not find it very difficult to determine where to place your brown tree?‘ And the reply was, ‚Not in the least, for I never put such a thing into a picture.‘ 

Aber für das Bild von Reynolds‘ Denkmal im Wald hat er dann doch a brown tree gemalt, sogar ganz viele davon.

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