Ehemalige

Ich halte nicht so viel von diesen Alumni Organisationen. Ich bin nicht der Typ Vereinsmeier. Ich habe meiner Schule Tschüss gesagt, ohne Zorn, aber ich bin nicht im Verein Vegesacker Gymnasiasten e.V.. Ich bin auch nicht in dem nach amerikanischem Vorbild nachgeäfften Alumni Verein meiner ehemaligen Universität. Ich habe die Uni seit meiner Pensionierung nur ein einziges Mal besucht, weil mich ein Kollege zum Geburtstag eingeladen hatte. Ich schleiche mich auch nicht in die Uni und schreibe Namen und Adresse meines Blogs an die Tafel. Obgleich das für die Studenten, die dieses bescheuerte Bachelorstudium absolvieren müssen, sicherlich eine schöne Alternative wäre.
Natürlich kennen mich viele ehemalige Studis immer noch. Sie sind  inzwischen Lehrer, Professoren, Theaterregisseure, Übersetzer oder angehende Schriftsteller. Einige sind ➱Künstler geworden. Manche sind Journalisten, die meisten bei der Regionalpresse oder bei RSH und NDR. Einer ist bei der Süddeutschen, das freut mich natürlich für ihn. Ich lese seine ➱Kolumne regelmäßig. Ein anderer schreibt die Filmkritiken für eine Hamburger Zeitung und hofft, dass ich den blonden ➱Hollywoodstar, der zu meinen Leserinnen gehört, dazu bringen kann, einen Film mit Fatih Akın (über den er ein ➱Buch geschrieben hat) zu drehen. Eine unserer Studentinnen war bei der Zeit, jetzt ist sie Oberbürgermeisterin von Kiel. Als sie noch bei der ➱Zeit war, hat sie gesagt, dass der beste Weg zu Verschönerung Kiels sei, Teile der Innenstadt zu sprengen: Deutschland ist das Land der kleineren Großstädte, der Städte wie Kiel eben. Wenn man Kiel versteht, kann man Deutschland nicht missverstehen. Ziele für Kiel: Wiedereröffnung des Flughafens. Ansiedlung eines Sternerestaurants und einer seriösen Fischbrötchenbude. Sprengung von Teilen der Innenstadt.
Fand ich toll, darf sie aber heute als Politikerin wohl nicht mehr sagen. Mit prominenten Sportlern kann ich nicht so aufwarten, obgleich ich mal einen Studi hatte, der später Trainer von Heike Henkel wurde. Und einen Fußballer, der aber nur bei Holstein Kiel spielte. Aber da gab es auch eine Europameisterin, deutsche Vizemeisterin und fünffache Beachvolleyballerin des Jahres. Die bei mir eine sehr gute Arbeit über ➱William Faulkner geschrieben hat. Was gegen das Vorurteil spricht, dass blonde Beachvolleyballerinnen keine Intelligenz hätten.

Ich habe gerne unterrichtet. Gelehrt. So sagt man an der Uni. Lehren klingt immer vornehmer als unterrichten, sozusagen unterrichten im Olymp. Also, ich habe das immer gerne getan. Die meisten Hochschullehrer lehren sehr ungerne, obgleich sie eigentlich dafür eingestellt wurden. Die meisten Hochschullehrer haben leider auch keinerlei pädagogische und didaktische Fähigkeiten. Aber dafür setzen sie alle die Power Point Präsentation ein. Mir fehlen die Studenten heute ein wenig, aber ich genieße es auch, keine Arbeiten mehr lesen zu müssen. Keine Prüfungen abnehmen zu müssen und keine Zeit in sinnlosen Kommissionen zu verbringen. Blogger zu sein ist eine schöne Tätigkeit. Ich stelle hier mal eben das Gedicht Lebenswege von Theodor Fontane hin, das natürlich viel besser als mein kleines Résumé ist:

Fünfzig Jahre werden es ehstens sein,
Da trat ich in meinen ersten »Verein«.
Natürlich Dichter. Blutjunge Ware:
Studenten, Leutnants, Refrendare.
Rang gab’s nicht, den verlieh das »Gedicht«,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.

So stand es, als Anno 40 wir schrieben;
Aber ach, wo bist du Sonne geblieben?
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Gen’räle und Chefpräsidenten.

Und mitunter, auf stillem Tiergartenpfade,
Bei »Kön’gin Luise« trifft man sich grade.
»Nun, lieber F., noch immer bei Wege?«
»Gott sei Dank, Exzellenz … Trotz Nackenschläge …«

»Kenn‘ ich, kenn‘ ich. Das Leben ist flau …
Grüßen Sie Ihre liebe Frau.


Von manchen Studenten habe ich die Email-Adressen. Ich habe auch immer eine Visitenkarte mit meiner Blogadresse dabei, die ich Studenten in die Hand drücke, gedruckt für billig Geld von dieser holländischen Firma Vistaprint. Das können die Holländer ja, billige Visitenkarten und billige Tomaten. Manche Studis sehen mich nicht so gerne. You can’t win them all. Manche wechseln die Straßenseite, wenn sie mich auf der Straße sehen. Es ist ja ein wenig peinlich, wenn man ein aufstrebender Politiker ist und einem Rentner begegnet, der alles über die kläglichen Leistungen an der Uni weiß. Was ist, wenn Wowereit in Berlin jenem pensionierten Richter begegnet, der einst für seine Referendarausbildung verantwortlich war? Also, den kenne ich, aber ich werde Wowis Noten natürlich nicht preisgeben.

Und da ich gerade bei Politikern bin: Haben Sie gelesen, dass mein Schulkamerad Bernd Neumann seine Meinung in der Frage der Berliner Gemäldegalerie geändert hat? Wahrscheinlich hat er ➱diesen Post gelesen. Oder die Liste der Namen auf der Petition vom Harvard Professor Jeffrey Hamburger hat ihn doch beeindruckt. Allen, die auf seiner Liste unterschrieben haben, schickte Hamburger gerade eine Mail: Dear petitioners: we have won! See. This unexpected victory is due entirely to your persistent and impassioned support, for which I am deeply grateful. Never in my wildest dreams did I expect that our protest could achieve such results. Although I have moved on to another battle and would be grateful for your support on that front as well, for now it only remains for me to thank each and every one of you! Best wishes, Jeffrey Hamburger.

So, jetzt bin ich da, wo ich hin wollte. Nein, nicht bei Bernd Neumann, über den rege ich mich nicht mehr auf. Ich wollte zu den Gemälden. Auch wenn das jetzt ein wenig dem riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs ähnelt. Mein Ziel nach dem gewundenen Weg, in dem ich vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen bin, ist heute die französische Malerei. Gerade schickte mir ein ehemaliger Student (den ich schon einmal in einem ➱Post erwähnt habe, weil der der einzige in meinem James Bond Seminar war, der Sean Connery persönlich erlebt hatte) aus Frankreich einen dicken Briefumschlag. Ich dachte zuerst, dass da dieses schöne französische ➱Dandy Magazin drin sei, das ich schon mehrmals von ihm bekommen hätte, aber es war eine Kunstzeitschrift. In der ich dieses Bild von Jean-Louis Forain aus dem Jahr 1884 fand.
Es heißt Le Pêcheur, ich hatte das Bild noch nie zuvor gesehen, ich wusste nicht einmal, dass es Jean-Louis Forain gab. Wenn ich mal genauer hingeguckt hätte, hätte ich natürlich wissen sollen, dass die Kunsthalle Bremen seit 1960 einen Forain besitzt (und gerade einen ➱zweiten geschenkt bekommen hat). Das Bild Le Pêcheur ist eine Mischung aus impressionistischer Lichtstudie – den Einfluss seines Freundes Manet kann man sicher erkennen – und Karikatur. Das liegt nahe, Forain war auch Karikaturist wie Daumier, mit dem er befreundet war. Und dessen Einfluss man in dieser ➱Gerichtsszene sehen kann.

Das Bild verlangt geradezu nach einer Interpretation. Hat es einen tieferen Sinn oder ist es nur eine idyllische Abendstimmung? Wird diese Planke halten, auf der der Angler sitzt? Kann er schwimmen? Daniel Couty schrieb zu dem Bild in der ➱Tribune d l’Art: il ne se départisse jamais de son esprit frondeur… qui dit toujours plus qu’il ne peint. C’est ainsi le cas de son Pêcheur (ill. 6) présentant dans un cadre de rivière désolée un bourgeois endimanché digne des romans de Céard, perdu sur une planche avec un chien qui est autant fasciné par le spectacle que celui qui regarde le tableau : le degré zéro de l’émotion et du plaisir. Die Abbildungen im Internet fallen in den Farben immer anders aus, wahrscheinlich ist es in der Wirklichkeit etwas dunkler als die erste Abbildung (die mir aber am besten gefällt). Die Southampton City Art Gallery hat das Bild 1936 für 150 Pfund Sterling gekauft. Zum ersten Mal tauchte es als Lot 78 in der Auktion auf, in der William Merritt Chase 1912  einen Teil seiner Sammlung verkaufte (es gibt ➱hiereinen ausführlichen Post zu William Merritt Chase). In Southampton vermutet man, dass das Bild nicht aus der William Merritt Chase Sammlung, sondern aus der des Kunstsammlers Dr Albert C. Barnes stammt.

Wenn dem so ist, dann gehörte es zu den Bildern, die der amerikanische Maler William Glackens für ihn in Paris gekauft hatte Der hatte ihm zuvor unumwunden gesagt, dass die Sammlung die typische Sammlung eines Milionärs sei: I know what you have. A couple of Millets, red heads by Henner, a Diaz, and fuzzy Corots. They are just stinging you as they do everybody who has money to spend. Barnes gab William Glackens 20.000 Dollar, und der kaufte dafür in Paris dreiunddreißig ➱Bilder. Nicht alle waren zur Begeisterung des Dr.med. Barnes, der in der pharmazeutischen Industrie sein Vermögen gemacht hatte. Er behielt zwanzig. Unter denen war ein Renoir, ein Cézanne, ein Van Gogh und ein Picasso. Glackens war beim Kauf wagemutig gewesen. Dies hier ist keins von ihnen, das ist ein Glackens. Über den Maler schreibe ich irgendwann, da ich ja über ➱John French Sloan eh schon einmal geschrieben habe, der mit Glackens auf der Kunstakademie war.

Der Angler in der Abenddämmerung (hier die dunklere Version) bleibt ein rätselhaftes Bild. Auch der Maler bleibt ein kleines Rätsel. Als ihn Le Courrier Français1888 um einen Lebenslauf bat, lieferte er nur einen einzigen Satz. Dass er am 23. Oktober 1853 in Reims geboren sei und das Ballet liebte. Das kann man in vielen ➱Bildern sehen, Hupfdohlen kann er genau so gut malen wie Degas, mit dem er befreundet ist. Degas hat über ihn gesagt: Le petit Forain ? Il me tient encore par le pan de mon habit mais il ira loin s’il le lâche.

Auch die Pferderennbahn, ein anderes Sujet von Degas, findet sich bei Forain. Man kann an diesem Bild sehen, dass er sich nicht so recht entscheiden kann. Will er ein Impressionist oder ein Karikaturist sein? Er ist mit den meisten Impressionisten befreundet, stellt auch zwischen 1879 und 1886 auf ihren Ausstellungen aus. Aber im Herzen bleibt er ein Karikaturist. Er war zu seinen Lebzeiten nicht ohne Erfolge, ist Präsident von allen möglichen Künstlervereinigungen geworden. Kurz vor seinem Tode hat ihn die Royal Academy den französischen Patrioten, der im Ersten Weltkrieg in der Section de Camouflage Kriegsgerät bemalte, noch zum Ehrenmitglied gemacht.

Viele haben ihn bewundert. Joris-Karl Huysmans, der ein Portrait bei ihm bestellte, zählte dazu. So sah einer der Väter des Dandyismus aus. Nicht so wie man sich einen Dandy vorstellt. Also zum Beispiel ➱Robert de Montesquiou-Fézensac. Nein, dies ist der Schöpfer von À rebours. Aber immerhin muss man sagen, dass Huysmans auf dem Bild von Forain besser aussieht, als auf seinem ➱Photo. Die große Welt ist unserem Maler mit dem satirischen Blick nicht fremd.

Dies ist sein sein Bild der Comtesse de Noailles, die in der Welt von Marcel Proust eine große Rolle spielt. Das Bild von Robert de Montesquiou-Fézensac hätte Forain auch malen können, ein Meister der Oberfläche ist er ebenso wieGiovanni Boldoni. Aber wahrscheinlich wäre dann der Karikaturist in ihm wieder durchgekommen, und das Bild des Comte wäre noch entlarvender geworden, als es bei Boldoni schon ist. Neben Joris-Karl Huysmans gibt es noch einen Bewunderer von Forain, der eines Tages berühmt werden wird.

Jemand, von dem wir es vielleicht nicht vermuten. Es ist Henri de Toulouse-Lautrec, der gesagt hat: Je ne suis d’aucune école, je travaille dans mon coin, j’admire Degas et Forain. Und wenn man genauer hinschaut, dann kann man den Einfluss von Forain auf Toulouse-Lautrec auch sehen. Dies hier ist übrigen kein Toulouse-Lautrec, das ist ein Forain. Lange Jahre hat man den petit Forain, der sich längst vom Rockzipfel von Degas gelöst hat, nicht so recht beachtet. Aber in den letzten Jahren hat sich das geändert, vor zwei Jahren gab es in Paris eine große ➱Ausstellung.

Und Sie kennen ihn jetzt auch ein wenig. Was wir nur einem meiner ehemaligen Studenten verdanken, der mir aus Rouen diese schöne Heft der ➱Connaissance des Arts geschickt hat. Wenn Sie noch mehr Bilder von Jean-Louis Forain sehen wollen, klicken Sie ➱hier.

Und dann hätte ich zum Schluss noch eine Frage an die Oberbürgermeisterin von Kiel (der ich auch mal ein Kärtchen mit meiner Blogadresse gegeben habe): Wird das noch was mit der Sprengung der Kieler Innenstadt?

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