Alexander Deineka

 

Ich habe während der verregneten ➱Kieler Woche Schubladen aufgeräumt. Man staunt ja, was man alles über die Jahre gesammelt hat. Ich wäre da nicht freiwillig heran gegangen, aber ich musste zwei Schränke im Flur leer räumen, damit man die leichter bewegen konnte. Weil sonst mein neues Klavier nicht in die Wohnung gepasst hätte. Über das neue Klavier schreibe ich gern ein anderes Mal. Die Hälfte des Inhalts der Schubladen wurde jetzt kurzentschlossen dem Papiermüll überantwortet. Was soll ich mit hunderten von Sonderdrucken von wissenschaftlichen Aufsätzen, die ich vor vierzig Jahren geschrieben habe? Aber es fanden sich auch unverhofft Dinge, die ich in diesen Schubladen nicht vermutet hatte. Wie ein großer Umschlag, der zahlreiche mir gewidmete Sonderdrucke der Baronin von Stoltzenberg enthielt (leider war das vermisste James Joyce Photo nicht dabei). Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem ich gerade diesen ➱Post ins Netz gestellt hatte. Da holt einen die Vergangenheit doch plötzlich ein. Und bei all dem, was einmal wichtig war und von dem jetzt so vieles unwichtig war, fand ich auch eine Abbildung dieses Bildes von Alexander Deineka, das Road to Mount Vernon heißt.

Mir fiel natürlich sofort ein, weshalb ich das jahrzehntelang aufgehoben hatte. Weil es mich an ➱Edward Hopper erinnerte, und ich mir dachte, darüber könnte man mal etwas schreiben. Und so legt man alle Ideen, Photographien und Bilder erst einmal in ein Mäppchen. Und dann in die Schublade. Vielleicht reifen sie da ja. Meistens werden sie vergessen. Wäre ich damals schon Blogger gewesen, hätte ich wenige Tage später ratzfatz einen netten Post über Alexander Deineka und Edward Hopper geschrieben. Aber das Internet, das für uns alle Neuland ist, gab es damals noch nicht. Und an ein Portmanteau Wort wie Web-Log dachte noch niemand.

Es ist ja nicht nur Hopper, an den Denekas Mount Vernon Highway erinnert. Es ist auch ein wenig von ➱Grant Wood ins seinem Bild. Weil diese Straße, die in der Sonne flirrt, etwas Geheimnisvolles hat. Und alle amerikanischen Straßen den Tod bringen. Unsafe at any speed gilt nicht nur für die Produkte Detroits, es gilt auch für amerikanische Autofahrer. Das wissen jene Maler, die schlechte Autofahrer sind. Wie Edward Hopper. Er hatte sich 1927 einen alten Dodge gekauft, erlaubte aber seiner Frau Jo Nivison nicht, den zu fahren.

Die darf nur auf dem Beifahrersitz sitzen. Und vielleicht mal ein bisschen malen. Sie ist eine begabte Malerin gewesen, aber sie kann sich neben dem alten Griesgram nicht entfalten. In den dreißiger Jahren sind viele schlechte Fahrer in Amerika unterwegs. Ein Schriftsteller wie ➱Nathanael West kommt bei einem Autounfall ums Leben. Wahrscheinlich – wie man vermutet – weil er gerade den Tod von ➱F. Scott Fitzgerald im Kopf hat. Der war, wie seine Frau Zelda auch ein schlechter ➱Autofahrer. Ein Freund erinnerte sich an seine Fahrkünste: Neither of them could drive much. Scott used to borrow my car in Montgomery when he was courting Zelda, so I knew fairly well the limits of his ability. As I remember it we went down to the Battery and it was a choice between a new sedan and a second-hand Marmon sports coupe. Of course, they couldn’t resist the Marmon. Well, we bought it and I drove them up to 125th Street. I showed Scott how to shift on the way and both of them knew something about steering. Then they put me out and struck off.

Ich nehme einmal an, dass dieser Dialog aus The Great Gatsby direkt aus dem Leben des Ehepaares Fitzgerald in den Roman gewandert ist:

‚You’re a rotten driver,‘ I protested. ‚Either you ought to be more careful or you oughtn’t to drive at all.‘
‚I am careful.‘
‚No, you’re not.‘
‚Well, other people are,‘ she said lightly.
‚What’s that got to do with it?‘
‚They’ll keep out of my way,‘ she insisted. ‚It takes two to make an accident.‘
‚Suppose you met somebody just as careless as yourself.‘
‚I hope I never will,‘ she answered. ‚I hate careless people. That’s why I like you.‘
Her grey, sun-strained eyes stared straight ahead, but she had deliberately shifted our relations, and for a moment I thought I loved her.‘

Alexander Deinekas kleines Bild (es ist sechzig mal achtzig Zentimeter groß) Road to Mount Vernon ist unten rechts signiert und datiert. 1935, da ist der russische Maler zum einzigen Mal in den USA gewesen (auch nach Frankreich und Italien ist er auf seiner Studienreise von 1935-36 gekommen). Er hat Skizzenblock um Skizzenblock gefüllt, die Bilder kamen dann später (auf ➱dieser Seite können Sie seine Arbeiten aus den dreißiger Jahren sehen). Und wahrscheinlich ist diese Straße nach Mount Vernon (wo George Washington einmal gewohnt hat) in Moskau aus der Erinnerung gemalt worden. Mit diesem leichten Chamoiston hat das Bild etwas von einem verblassten alten Photo an sich. Wie dieses Erinnerungsphoto, das Deineka in den USA zeigt. 1935 ist auch das Jahr, in dem der Film ➱Mein Freund Iwan Lapschin spielt, es ist das Jahr, in dem der große stalinistische Terror beginnt. Ist da eine Sehnsucht nach Amerika in diesem Bild? Take me home, country roads?

Mehr noch als dieses Bild hier, das ich im Internet fand (und das wohl in der gleichen Gegend gemalt wurde), hat die Road to Mount Vernon etwas an sich, was Adam Gopnik in seinem Essay über ➱Audubon quasi in einem Nebensatz beschrieben hat: Audubon’s compositions — the unchanging light, and blank, cloudless skies, and long, uninterrupted horizons are recognizably American without ever being quite situated. This almost mystical idea of Americanness, expressed as a spare, underpopulated thinness, an endless backdrop, begins in Audubon and continues right through to John Ford Westerns and to Georgia O’Keeffe. Das ist schon eine erstaunliche Sache. Da kommt der Hauptvertreter des Sozialistischen Realismus aus der Sowjetunion nach Amerika und erfasst mit wenigen Pinselstrichen den Mythos der open road, diese mystical idea of Americanness. Weil es ihn an die russische Weite erinnert? Vielleicht sind sich Amerikaner und Russen tief in ihrer Seele doch ähnlicher als wir glauben.

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