la belle inconnue

 

Zu dem Bild der belle inconnue von Iwan Kramskoj (der ja auch ➱Tolstoi portraitiert hat) in dem Post, der ➱Tolstoi heißt, erreichte mich eine lange E-Mail von einem Fachmann, von der ich mal eben einen Teil hier wiedergebe: Und damit bin ich dann auch bei Kramskoj und seiner Unbekannten. Die Zeitgenossen waren tatsächlich geneigt, sie mit Tolstojs ‚Anna Karenina‘ zu identifizieren. Aber Sie wissen ja, konkrete Anhaltspunkte dafür gibt es nicht. Die Dame, die den Betrachter „mit dieser hauteur“ anschaut, auf dem Newskij, im Hintergrund das Anitschkow-Palais (bis 1917 Stadtresidenz der kaiserlichen Familie, dann bis 1991 Zentraler Pionierpalast Leningrads) kommt in Kramskojs Aufzeichnungen nicht vor. Seine Tochter behauptete, die Darstellung habe mehrere reale Vorbilder. Auch sie selbst habe ihrem Vater als Modell gesessen. Ilja Repin erinnert sich im Zusammenhang mit dem Bild an ein ausnehmend schönes Modell, das vor der ganzen Horde der Wanderaussteller posierte. Bei den russischen 1860ern kann man ja durchaus Parallelen zu unseren 68ern finden: Eine kleine Gruppe von Terroristen, die vor nichts zurückschreckt, und dann eine breite Masse von unbedarften, aber lauten und aggressiv gestimmten kleinbürgerlichen Sympathisanten, die sich über jeden „revolutionären“ Radau freuen, aber letztlich doch auf Macht und Pfründe aus sind. Das sind die Gruppen, um die es auch in Dostojewskijs Dämonen geht. Und dann gibt es noch Leute, die diesem Milieu durch eine partielle Affinität verbunden sind, aber niemals ganz dazu gehören. Das gilt nicht nur für Repin, sondern auch für Kramskoj, dessen Porträts keine sozialen Typen präsentieren, sondern Charaktere.

Und dann muss ich noch ein Postscriptum hier einfügen. Die Künstlerin Silke Radenhausen hat mir ein Photo eines Objektes geschickt, das in einer Ausstellung in der Kunsthalle Kiel neben der belle inconnue plaziert war. Sie schreibt dazu: Zu diesem Bild von Kramskoi, das ich gerade in Ihrem Text entdecke, habe ich einmal eine künstlerische Arbeit gemacht. Wenn ich mich richtig erinnere, ging es damals um das Inkarnat der (Säulen-) Architektur im Hintergrund als rhetorische Figur (nackte Säulen – völlig bekleideten Dame). Kunst kommt von Kunst, Silke Radenhausen ist eine Meisterin darin, geheimnisvolle Faltenwürfe auf die Flächen zu bringen. Das wollte ich meinen Lesern nicht vorenthalten.

Die Gruppe der russischen Wandermaler (die ja in Kiel durch den Ankauf von einem Dutzend Bilder repräsentativ vertreten sind) hat offensichtlich immer noch Konjunktur. Lesen Sie doch diesen Bericht über die Ausstellung in Chemnitz im letzten Jahr in ➱Russland Heute (mit Video). Diese elegante Dame hier – auch von Iwan Kramskoj photorealistisch gemalt – ist natürlich nicht unbekannt. Es ist die dänische Prinzessin Marie Sophie Frederikke Dagmar, die den russischen Zaren Alexander III geheiratet und nach ihrer Konversion zur russisch-orthodoxen Kirche den Namen Maria Fjodorowna angenommen hat.

Unter den Kieler Bildern gefällt mir neben Kramskojs schöner Unbekannten dieses Bild von Iwan Schischkin am besten. Es heißt schlicht Landschaft mit Holzbrücke, und man kann ein winziges Detail auf dieser Abbildung leider nicht richtig sehen. Es ist ein entscheidendes Detail, eine kleine Eisenbahn. Da, wo die dunkle Wolkenwand beginnt. Das Bild zeigt eine klare Zweiteilung, links die Zivilisation, rechts die Natur. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein konventionelles Landschaftsbild mit Einflüssen der Düsseldorfer Schule (Schischkin war in Düsseldorf gewesen), bekommt auf den zweiten Blick ein ganz andere Dimension. Ich zitiere dazu einmal den Text von der Seite der ➱Kunsthalle Kiel, der ➱Jens Christian Jensens Malerei des 19. Jahrhunderts aus Russland und Polen (1986) folgt: Die eingestürzte Holzbrücke, die auf das reißende Anschwellen des Flusses hinweist, verweist auf die Gewalt der ungebundenen Natur, die für die „Peredwishniki“ (Wandermaler) beispielhaft für die stürmische, ungebrochene Kraft des russischen Volkes stand. Die bürgerliche Familie mit ihrer Kutsche, die am Pfahl, der die Werstentfernung nach Moskau anzeigt, vor den Tatsachen kapituliert, nimmt sich verloren und hilflos in dieser Landschaft aus. Über der Öffnung der Brücke kündigt die Rauchfahne eines nach rechts dampfenden Zuges die neue Zeit an mit ihrem technischen Optimismus, die Naturkräfte bändigen zu können. Schischkins Sicht ist eher skeptisch, denn der Eisenbahnzug erscheint in der Ferne wie ein Komet, der bald wieder verlöschen wird. Das Bild von Iwan Schischkin ist übrigens im gleichen Jahr entstanden, in dem Tolstois Krieg und Frieden erscheint.

Der amerikanische Professor Leo Marx, der in seinem ➱Buch The Machine in the Garden das Eindringen der Maschine in das American Paradise feinsinnig beschrieben hat, wäre wahrscheinlich über das Bild von Schischkin erstaunt gewesen. Denn in der amerikanischen Malerei wird die Eisenbahn – wie auf dem Bild The Lackawanna Valley von George Innes – geradezu romantisch in die Natur integriert. Das Bild von Innes ist 1855 entstanden, zu dem Zeitpunkt schreibt ein junger russischer Leutnant namens Tolstoi in seinen Sewastopoler ErzählungenSie sehen hier entsetzliche, die Seele erschütternde Bilder, sehen den Krieg in seiner wirklichen Gestalt mit Blut, Qualen und Tod. Tolstoi wird das Erlebnis des Krimkrieges auch durch das Schreiben dieser Berichte aus Sewastopol nicht los, sein Roman Krieg und Frieden hat hier seinen Ursprung.

Es ist auch heute noch ein beeindruckende Lektüre, die den graduellen Wandel Tolstois von einem schwärmerischen Kriegsromatiker zu einem Kriegsgegner aufzeigt. Ernest Hemingway war von den Sewastopoler Erzählungen so begeistert, dass er Tolstoi in die Green Hills of Africa hineingeschrieben hat: It was very hot climbing back up the sandy ravine and I was glad to lean my back against the tree trunk and read in Tolstoy’s Sevastopol. It was a very young book and had one fine description of fighting in it, where the French take the redoubt, and I thought about Tolstoy and about what a great advantage an experience of war was to a writer… Then Sevastopol made me think of the Boulevard Sevastopol in Paris, about riding a bicycle down it in the rain on the way home …

Was den Krieg entscheidet, ist nicht die bescheuerte Aktion von Lord ➱Cardigan, die die Engländer als Charge of the Light Brigade feiern. Was den Krieg entscheidet, ist die Technik. Der Telegraph und der Bau der strategischen Bahnstrecke von der Hafenstadt Balaklawa zu den Truppen vor Sewastopol. Die im gleichen Jahr gebaut worden ist, wie Innes‘ romantisches Bild vom Lackawanna Valley oben. Dieses Bild hier ist zehn Jahre später in Amerika entstanden, Jasper Francis Cropseys Starrucca Viaduct in Pennsylvanien. Da hat der amerikanische Bürgerkrieg gerade angefangen, ein Krieg, bei dem die Eisenbahn von strategischer Bedeutung ist – es muss mal eben an den deutschstämmigen General Hermann Haupt erinnert werden. Buster Keatons Film The General fällt ja jedem ein. Vielleicht befördert die Eisenbahn auf dem Viadukt gerade ein Regiment der Nordstaatenarmee.

Wenn Sie sich jetzt fragen, weshalb ich es heute mit den Eisenbahnen habe, so gibt es da eine einfache Antwort. Und die heißt Anna Karenina. Denn was wäre der Roman ohne die Eisenbahn? Gleich am Anfang, wenn Anna Karenina und Graf Wronskij sich zum ersten Mal treffen (und sich gleich verlieben) geschieht auf dem Bahnhof ein schreckliches Unglück: Ein Weichenwärter – mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu sehr vermummt gewesen sein – hatte den rückwärts sich bewegenden Zug nicht wahrgenommen, und war überfahren worden. Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren. Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen. »O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein Unglück!« rief er aus. Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb vollkommen ruhig. »Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »auch sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche Familie erhalten. Dies ist das Unglück!« –»Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?« frug die Karenina in aufgeregt flüsterndem Tone. Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon.

Und wenige Zeilen später heißt es: Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die Thränen unterdrückte. »Was ist dir, Anna?« frug er. »Ein böses Anzeichen.«. Es ist ein böses Omen, auch Anna Karenina wird auf den Schienen sterben. Frauen, die aus der Gesellschaft ausbrechen, sterben im Roman des 19. Jahrhunderts immer: Emma Bovary, Anna Karenina, Effi Briest. Anna Karenina, hier verkörpert von Kira Knightley, lebt natürlich bei den Lesern weiter. Wenn wir wissen, dass Anna Karenina eine fiktive Person ist, die in der realen Welt nicht existiert, warum weinen wir dann über ihre Not oder sind zumindest tief bewegt angesichts ihres Unglücks? fragt Umberto Eco in seinem ➱Essay Weinen über Anna Karenina. 

Bei Tolstoi kommen immer wieder Eisenbahnen vor. So in Krieg und Frieden, wo es heißt: Ein Zug fährt. Man fragt: wie kommt es, daß er sich bewegt? Der Bauer meint: es sei der Teufel, der ihn bewege. Ein anderer sagt, der Zug fahre deshalb, weil sich Räder an ihm drehten. Ein dritter erklärt, die Ursache der Bewegung sei der Rauch, der vom Winde fortgetrieben wird. Obgleich die Eisenbahn für den Roman Anna Karenina von Bedeutung ist und obgleich ➱Die Kreutzersonate in einer Bahn spielt, geliebt hat Tolstoi die Eisenbahn nicht. Für ihn ist die Eisenbahn, mit der oftmals der Fortschritt dargestellt wurde, auch ein Symbol für den Einzug der westlichen Mentalität und des Rationalismus in Russland. Die Lokomotiven waren Vorboten des Endes der einfachen russischen Traditionen, und für Tolstoi etwas Bedrohliches und Schädliches, ist in dem Büchlein Das Motiv der Eisenbahn in der russischen Literatur am Beispiel ‚Anna Karenina‘ von Kathleen Grimm zu lesen. Für Tolstoi war die Eisenbahn für das Reisen, was das Bordell für die Liebe ist – ebenso bequem, aber auch ebenso unmenschlich mechanistisch und von tödlicher Gleichförmigkeit. Der Mensch sollte lieber zu Fuß gehen, barfuß oder (wie er selbst) in selbst geschusterten Stiefeln.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Leo Tolstoi bei seiner Flucht vor seiner Frau und aus dem, was er als Luxusleben empfand, auf dem Bahnhof von Astapowo gestorben ist. Man hatte den Fieberkranken in das Häuschen des Bahnhofswärters gebracht. Die Söhne und Töchter reisten an, tranken mit den russischen Reportern und den Schaulustigen in der Bahnhofsschenke, die Ehefrau kam mit einem Sonderzug. Das Sterbebett lag verkehrsgünstig. Wieviel Erde braucht der Mensch? Am Ende bleibt ihm nur das mit einem Tuch verhängte Bett im Haus eines Bahnhofswärters, während draußen die Züge fuhren und die Familie, Journalisten und Beamte der geheimen Staatspolizei auf den Tod warteten. Kirchliche Würdenträger waren angereist, in der Hoffnung den exkommunizierten Schriftsteller in den Schoß der orthodoxen Kirche zurückführen zu können. Er wollte seine Frau nicht sehen, sie musste von draußen in das Sterbezimmer schauen. Die Reporter waren dabei und haben es festgehalten. Sie heißen noch nicht Paparazzi, aber es gibt sie schon. Ist das sterbende Wesen, das vor seinen Augen zugrunde geht, ein Mensch wie er selbst und noch dazu ein geliebter Mensch, dann empfindet er außer dem Entsetzen über die Vernichtung eines Lebens einen Riß und eine Wunde in der Seele.

Das Wärterhäuschen an der Bahnstation Astapowo ist zum hundertsten Todestag des Schriftstellers saniert worden. Die Außenwand vor dem Sterbezimmer ist durch eine Panzerglasscheibe ersetzt. Aus dem Zimmer mit dem schlichten Stahlbett scheint Tag und Nacht Licht. Wie auf dem Flughafen Berlin Brandenburg. Die Zeiger der Bahnhofsuhr stehen seit dem 20. November 1910 still. Der Zug, der Tolstoi heißt, fährt nicht durch Astapowo, der fährt als 032AJ von Moskau nach Helsinki. Manche Leser fanden es etwas zu wenig, was ich am Todestag von Tolstoi geschrieben habe, deshalb liefere ich dies heute nach. Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.

 

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