Overbeck

 

Man sollte Friedrich Overbeck, der am 12. November 1869 starb, nicht mit dem Maler Fritz Overbeck verwechseln. Der gleichnamige Worpsweder Maler, der ➱hier einen Post hat, wird im gleichen Jahr geboren, in dem das Haupt der sogenannten Nazarener stirbt. Dieser Friedrich Overbeck ist kein Neuerer wie sein Namensvetter, er ist rückwärtsgewandt. Goethe hat über ihn gesagt: Von Cornelius und Overbeck haben mir Schlossers stupende Dinge geschickt. Der Fall tritt in der Kunstgeschichte zum ersten Mal ein, daß bedeutende Talente Lust haben, sich rückwärts zu bilden, in den Schoß der Mutter zurückzukehren und so eine neue Kunstepoche zu begründen. Talente, die sich rückwärts bilden, im Fall von dem Norweger Odd Nerdrum (der ➱hier einen Post hat) haben wir das heute wieder.

Ich weiß nicht, ob man diese Malerei bewundern muss. Dieser bemühte kleinmeisterliche Realismus des 19. Jahrhunderts zeigt die seltsamsten Formen. Ist dieses Bild des Hamburgers Friedrich Wasmann eine Rückkehr zur naiven Malerei oder ein Vorgriff der Moderne? Gut, Wasmann hat mit Overbeck & Co. nichts zu tun, ich bringe ihn nur mal eben ins Spiel, weil er ebenso wie Philipp Otto Runge einen ganz eigentümlichen, persönlichen Realismus gefunden hat.

Wobei Runge und Wasmann natürlich viel origineller sind, als dieser tiefreligiöse Konvertit Friedrich Overbeck. Wenn man dieses Bild von Overbeck lange genug anschaut, dann merkt man, wie schlecht es ist. Es ist vielleicht der Inbegriff einer speziellen Richtung der deutschen Romantik, dieser ganzen Sehnsucht nach Gotik und Mittelalter. Franz Sternbalds Wanderungen inbegriffen. Doch letztlich ist es nichts anderes als eine Art Disneyland Version (avanti lettera) einer Malerei, die die Brüder van Eyck schon perfektioniert hatten. Irgendwie ist das ganz furchtbar. Und davon haben wir in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts ja wirklich genug.

Dieses ➱Bild heißt Der Triumph der Religion in den Künsten. Darum geht es Overbeck, die Religion in die Kunst zu bringen: Nur das ununterbrochene Herzens-Gebet ist im Stande die Begeisterung des Künstlers festzuhalten; nur ein ordentlicher und unsträflicher Lebenswandel giebt ihm diejenige Ruhe des Geistes und Gemüthes, die unumgänglich nothwendig ist, um wahrhaft reine Werke hervorzubringen. Wie rein mag die Seele des frommen Fiesole [Fra Angelico] gewesen sein, wie so ganz leidenschaftslos, ganz der himmlischen d.i. der christlichen Liebe hingegeben! wie streng und pünktlich sein klösterlicher Lebenswandel! Schön und gut, aber von einem Maler erwartet man etwas mehr als einen ordentlichen und unsträflichen Lebenswandel.
Anton Springer, einer der Begründer der modernen Kunstwissenschaft, hat zu dem Bild gesagt: Es krankt, mit einem Worte, Overbeck’s Bild an der einseitigen Reflexion; es ist mehr mit dem Verstande als mit der Phantasie geschaffen und eben deshalb in unlebendigen, matten Formen durchgeführt. Wenn es sich darum handelt, Overbeck’s biblisch-theologischen Scharfsinn, seine reiche und tiefe Denkkraft zu beweisen, dann wird der Triumph der Religion, immer noch das Beste von allen didaktisch-allegorischen Bildern der Gegenwart, […] zuerst genannt werden müssen. 
 

Als ich klein war und gerade eben soviel lesen konnte, dass ich die Namen der Maler entziffern konnte, da fand ich diese realistische Malerei mit den unlebendigen, matten Formen ganz toll. Ich glaubte auch, dass Peter von Cornelius (hier ein Bild von ihm), ➱Moritz von Schwind und Schnorr von Carolsfeld ganz großartige Maler sein müssten, weil sie adlig waren. Damals war ich fünf, da darf man so etwas glauben. Mein Großvater besaß viele Kunstbände, aber es war nur die Kunst des 19. Jahrhunderts darin repräsentiert. Man sagt immer, dass schlechte Lehrer auch eine gute Schule sind. Schlechte Bilder sind auch eine gute Schule, man kann an Kitsch viel lernen. Aber in den Bildbänden waren auch Bilder von ➱Carl Blechen und ➱Adolph Menzel, und da erkannte ich schon als kleiner Junge, dass dies eine ganz andere Malerei war. So sollte Malerei sein, keine penible Nachahmung von Gewesenem, das die alten Meister viel besser konnten.

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