Aktmalerei

Wenn man als Teenager in den frühen fünfziger Jahren wissen wollte, wie nackte Frauen aussahen, gab es nur wenige Gelegenheiten zur persönlichen Weiterbildung. Heute geben die Kiddies bei Google Bilder das Wort nackt ein und bekommen pralle Seiten voll nackter Frauen. Damals gab es nur zwei Möglichkeiten: die Nacktbadestrände auf Sylt und das Studium von Kunstbänden. Von daher ist mir Agnolo di Cosimo (den seine Zeitgenossen Bronzino nannten), der heute vor fünfhundertzehn Jahren geboren wurde, seit Kindestagen ein Begriff.

Es ist erstaunlich, wie häufig nackte weibliche Körper von den Malern auf Holz oder Leinwand gebannt wurden. Die Geschichte von Adam und Eva liefert dem Künstler natürlich einen wunderbaren Vorwand. Und dabei lassen wir mal die alten Griechen weg, bei denen der nackte Körper schon seit dem fünften Jahrhundert vor Christus ein Thema für Malerei und Skulptur ist. Wenn Maler in der abendländischen Malerei eine Eva malen, die ja bekanntermaßen noch keine Designerklamotten trug, sind sie natürlich auf der sicheren Seite. Sie haben den Text der Bibel hinter sich: Und sie waren beide nackt, der Mensch und das Weib, und schämten sich nicht. Wenn die Maler in der Renaissance leben, interessiert die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel nicht so sehr, aber man hat (wie hier Botticelli) das gesamte Reservoir der antiken Mythologie zur Verfügung.

Es scheint auch gar nicht so sehr darauf anzukommen, ob die dargestellte Nackte eine Venus oder eine Eva sein soll, die ➱Venus von Lucas Cranach (der übrigens der Urgroßvater siebten Grades von Goethe ist) sieht beinahe genau so aus wie seine ➱Eva. Dies hier sind seine drei Grazien, die der Louvre 2011 dank der Spenden von Mäzenen aus ganz Frankreich erwerben konnte. Aber ob die nackten Damen nun lasziv oder verschämt züchtig dastehen, ob sich ➱Lucretia aus Scham über den Verlust der Unschuld den Dolch ans Herz hält: Im Grunde geht’s um die Brüste, wie der Direktor des Städel Max Hollein im Radio anlässlich der Lucas Cranach Ausstellung sagte.

Ich finde es sehr komisch, dass die Bild Zeitung damals zur Cranach Ausstellung die reißerische SchlagzeileSensations-Ausstellung im Städel über den ersten Nackt-Maler hatte. Und HR-onlinetitelte Der Maler der ersten Pin-ups. Da wollte die Royal Academy in London ein Jahr später offensichtlich nicht zurückstehen, handelte sich aber mit ihren Plakaten in der Londoner U-Bahn gewaltigen Ärger ein. Offensichtlich stand hier das Prinzip des Sex Sells dem No Sex Please. We are British entgegen.

Agnolo Bronzino wird dem Manierismus zugerechnet, eine Übergangsepoche zwischen der Renaissance und dem Barock. Der Begriff wurde zuerst von Jacob Burckhardt eingeführt, gewann dann aber durch Gustav René Hockes BuchDie Welt als Labyrinth (1958 bei Rowohlt in der Reihe Rowohlts Deutsche Enyzklopädie erschienen) eine größere Verbreitung. Es ist ein erstaunliches Buch, dem Hocke ein Jahr später in der gleichen Reihe noch einen zweiten Band, Manierismus in der Literatur: Sprach-Alchemie und esoterische Kombinationskunst, nachfolgen ließ.

Ich bin jetzt in Versuchung, eine kleine Kunstgeschichte der europäischen Aktmalerei zu schreiben. Doch das lasse ich, weil ich an Kenneth Clark niemals herankommen werde, dessen The Nude: A Study of Ideal Art meiner Meinung nach immer noch das beste Buch zum Thema ist. Kenneth Clark hat als Kunsthistoriker eine Begabung, die nicht viele haben: er kann die kompliziertesten Zusammenhänge so erklären, dass auch ein normaler Leser ihm folgen kann. Millionen Menschen in aller Welt haben seine Fernsehsendung Civilisation: A Personal View by Kenneth Clark gesehen. Angeblich soll ihn die Queen deshalb zum Baron of Saltwood (er besaß das gleichnamige Schloss) gemacht haben. Als die Ernennung anstand, schlug die Satirezeitschrift Private Eye vor, dass er den Titel Lord Clark of Civilisation annehmen sollte.

Es ist natürlich bei Kenneth Clark das wunderbare Englisch, das seine Bücher zu einer Freude für den Leser werden lässt. Ich gebe einmal ein Beispiel aus The NudeIt is widely supposed that the naked human body is in itself an object upon which the eye dwells with pleasure and which we are glad to see depicted. But anyone who has frequented art schools and seen the shapeless, pitiful model that the students are industriously drawing will know this is an illusion. The body is not one of those objects which can be made into art by direct transcription — like a tiger or a snowy landscape. Often in looking at the natural and animal world we joyfully identify ourselves with what we see and from this happy union create a work of art. This is the process students of aesthetics call empathy, and it is at the opposite pole of creative activity to the state of mind that has produced the nude. A mass of naked figures does not move us to empathy, but to disillusion and dismay. Das Bild oben ist kein Bronzino, es ist von seinem Neffen Allessandro Allodri, der bei Bronzino das Malen gelernt hat. Es ist die gleiche Sorte Malerei, mit diesen gedrechselten Formen.

An einer anderen Stelle seines Buches sagt Kenneth Clark: No nude, however abstract, should fail to arouse in the spectator some vestige of erotic feeling, even if it be only the faintest shadow — and if it does not do so it is bad art and false morals. Ich habe da mal ein schönes Beispiel für bad art gesehen. In einem Antikladen erzählte mir ein junger arbeitsloser Kunsthistoriker, der hier einen schlechtbezahlten Aushilfsjob gefunden hätte, dass sein Chef einen Lambert Sustris (ein Zeitgenosse von Bronzino, der auch dem Manierismus zugerechnet wird) in seiner kleinen Galerie ausgestellt hätte.

Wenn ich wollte, könnte er mir den heute Nachmittag um vier zeigen. Wir müssten da aber um halb fünf raus sein, da käme ein reicher Hamburger, der wolle den eventuell kaufen. Es gibt von diesem Lambert Soustris sicher schöne Bilder wie die Venus und Cupido (oben), die im Louvre hängt, aber dieses Bild der Venus war nur potthässlich. Nichts von dem to arouse in the spectator some vestige of erotic feeling, even if it be only the faintest shadow.

Das Bild in der sogenannten Galerie (die allerdings nichts anderes als ein besserer Hinterhofschuppen war) war eine Variante von jenem Bild, welches das Rijksmuseum in Amsterdam besitzt (Katalognummer A 3479). Aber das Rijksmuseum hält seinen Sustris nicht unbedingt für echt, der Name ist im Katalog mit einem Fragezeichen versehen. Der Antikhändler hatte einen dunkelroten Samtvorhang um das Bild drapiert, und da lag die Venus nun, lebensgroß, schweinchenrosa und potthässlich. Ich habe sie mir trotzdem eine halbe Stunde lang angeguckt, man sieht so etwas ja nicht jeden Tag. Diese Venus hier ist nicht von Sustris, wird aber vom Auktionshaus Bonhams dem Kreis von Sustris zugerechnet.

Und bei diesem Bild wird uns natürlich klar, von wem Lambert Sustris und der unbekannte Maler aus dem Kreis des Lambert Sustris die Idee für ihr Bild haben: dies ist die berühmte Venus von Urbino von Tizian. Man vermutetet (aber man weiß das nicht genau), dass Lambert Sustris im Studio von Tizian gearbeitet hat und für manche Teile im Hintergrund von Tizians Bildern verantwortlich sein könnte.

Aber unsere Ahnenreihe des wer klaut bei wem das Motiv und den Bildaufbau? ist bei Tizian noch nicht zu Ende. Denn er scheint sich wiederum bei seinem Lehrer Giorgione bedient zu haben – wenn er nicht sogar Teile von dessen Schlafender Venus selbst gemalt hat. Wir könnten an dieser Ahnenreihe von auf einem Plümo hingestreckten Nackedeis noch länger herumbasteln. Die Liegende Quellnymphe von ➱Lucas Cranach ähnelt irgendwie diesen Bildern, und natürlich sollte man ➱Natale Schiavoni Venus mit Spiegel und Manets Olympia erwähnen. Und und und. Kunst kommt von Können, sagt man so schön. Aber Kunst kommt auch von Kunst. Der schöne Satz Wissenschaft das ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt, kann leicht auf die Malerei übertragen werden.

Als ich damals rechtzeitig die ‚Galerie‘ mit der von Tiefstrahlern angeleuchteten Venus von Lambert Sustris (wenn das Bild denn überhaupt echt war) wieder verließ, quälte sich gerade ein Jaguar mit einem Hamburger Nummernschild durch das enge Hoftor. Dem Wagen entstieg ein Herr in den besten Jahren, der wie so viele Hamburger, als englischer Landedelmann verkleidet war. Oder was  die Hamburger dank der Einflüsterungen der Verkäufer von Ladage & Oelke dafür halten. Die Verkäufer bei Ladage & Oelke sind sowieso Meister ihres Faches, seit Jahrzehnten verkaufen sie ihren Kunden Jacketts von Eduard Dressler als echt englisch, dazu gehört schon was. Ich nehme an, dass der Antikhändler seinen zweifelhaften Lambert Sustris dem Hamburger auch als echtes Bild anpries. Zwischen dieser Ariadne von ➱John Vanderlyn hier (einem der ersten Aktbilder der amerikanischen Malerei) und dem Bild von Bronzino ganz oben liegen beinahe fünfhundert Jahre.

Wenn Museen so etwas sammeln, ist das ja O.K. Aber wer wollte sich diesen riesigen, zweifelhaften Lambert Sustris ins Wohnzimmer hängen? Kneipiers aus St. Pauli wären natürlich eine Zielgruppe. Vielleicht verkleiden die sich ja auch bei Ladage & Oelke als englische Gentlemen. Auf irgendeine Art und Weise wird das Genre Aktmalerei diesen Hautgout des leicht Schmierigen nicht los. Wenn heute jemand Venus sagt, meint er wahrscheinlich die internationale Erotikmesse in Berlin. So weit ist es mit der Göttin der Liebe und des erotischen Verlangens gekommen. Haben die korpulenten nackten Weiber von Rubens überhaupt noch etwas mit den elongierten Gliedmassen der Frauen bei Bronzino zu tun? Ist diese pathologische Besessenheit der ➱Viktorianer von nackten Frauenkörpern die gleiche Regung, die Leute antreibt, sich das Photo von Gary Gross von der zehnjährigen zu kaufen? Und damit sind wir bei der Frage, wo die Grenzen zwischen Kunst und Pornographie liegen. Wir gestehen den manieristischen ➱Frauenkörpern von El Greco Kunstcharakter zu, aber was ist ➱Helmut Newtons Big Nudes?

Das Bild hier ist natürlich von Lovis Corinth, es ist hier, damit nach all der kalten Schönheit der Bilder aus Renaissance und Manierismus auch ein wenig Erotik auf diese Seite kommt. Denn, um noch einmal Kenneth Clark zu zitieren: The nude gains its enduring value from the fact that it reconciles several contrary states. It takes the most sensual and immediately interesting object, the human body, and puts it out of reach of time and desire; it takes the most purely rational concept of which mankind is capable, mathematical order, and makes it a delight to the senses; and it takes the vague fears of the unknown and sweetens them by showing that the gods are like men and may be worshiped for their life-giving beauty rather than their death-dealing powers.

Ich habe damals nicht weiter verfolgt, was aus dem Lambert Sustris geworden ist. Aktmalerei interessiert mich nicht wirklich. Ich habe zu Hause einen Halbakt, der hängt im Badezimmer. Hat mich auf dem Flohmarkt mal zehn Mark gekostet. Ist auf das Jahr 1940 datiert und sieht aus, als hätte der Reichsschamhaarmaler Adolf Ziegler (über den Hitler sagte: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt) Eva Braun gemalt. Ich finde das sehr komisch. Dieses großartige Kunstwerk ist nicht von Ziegler sondern von einem gewissen Richard Klein, dessen Hauptwerk ansonsten das Hitler Bild auf den deutschen Briefmarken ist.

Diese Eva des Franzosen Jean Cousin aus dem Jahre 1550 ist etwas interessanter als das Bild von Richard Klein. Hier ist Eva gleichzeitig Pandora, die Frau, die das Unheil über die Welt bringt. Als hätten wir das nicht schon immer gewusst. Aber damit diese ganzen flapsigen Bemerkungen über einen ernsten Gegenstand doch noch ein gewisses Niveau bekommen, habe ich zum Schluss noch ein schönes Gedicht von Robert (von Ranke) Graves, das The Naked And The Nude heißt. Viele Literaturwissenschaftler sind der Meinung, dass Graves das Gedicht (das sein Lieblingsgedicht war) nicht geschrieben hätte, wenn er Kenneth Clarks The Nude: A Study of Ideal Art nicht gelesen hätte.

Hier noch mal eben ein Lambert Sustris, der offensichtlich genau wie Lucas Cranach gesehen hatte, dass man Bilder mit einer nackten Venus gut verkaufen kann. Dass Graves‘ Gedicht eine Art Antwort auf Kenneth Clark ist, kann man leicht sehen, denn der Anfang des Gedichts erscheint wie eine Replik auf die Definition der Aktmalerei bei Kenneth Clark. Darüber schreibe ich noch ein anderes Mal, das wird heute zu lang.

The Naked And The Nude

For me, the naked and the nude 
(By lexicographers construed
As synonyms that should express
The same deficiency of dress
Or shelter) stand as wide apart
As love from lies, or truth from art.

Lovers without reproach will gaze
On bodies naked and ablaze;
The Hippocratic eye will see
In nakedness, anatomy;
And naked shines the Goddess when
She mounts her lion among men.

The nude are bold, the nude are sly
To hold each treasonable eye.
While draping by a showman’s trick
Their dishabille in rhetoric,
They grin a mock-religious grin
Of scorn at those of naked skin.

The naked, therefore, who compete
Against the nude may know defeat;
Yet when they both together tread
The briary pastures of the dead,
By Gorgons with long whips pursued,
How naked go the sometimes nude!
Lesen Sie auch: ➱William Etty, ➱Spätrömische Dekadenz, ➱Penelope Boothby. Kenneth Clark hat zu meiner Überraschung hier noch keinen Post, wird aber in ➱Gainsborough und ➱Sir Nikolaus Pevsner gewürdigt.

Über jay

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