William Turner in Kiel

Das wäre ja schön, wenn das der Titel einer Turner Ausstellung wäre. Hamburg konnte sich vor zwei Jahren eine Turner Ausstellung leisten, aber hier in Kiel ist an so etwas nicht zu denken. Und doch ist der Titel des Posts berechtigt: William Turner war einmal in Kiel. Er wollte die Stadt, die im 19. Jahrhundert nicht viel zu bieten hatte (heute wohl auch nicht), nicht als ➱Tourist besuchen. Er wollte sich lediglich im Kieler Hafen nach Kopenhagen einschiffen, die Reise von Hamburg nach Lübeck erschien ihm wegen der schlechten Straßen zu beschwerlich: He chose the road to Kiel in preference to the notoriously bad one to the other possible port, Lübeck, and drew three quick pencil sketches of the church and castle at Kiel in his sketchbook, sagt Cecilia Powell in ihrem Buch Turner in Germany. Eine der Skizzen aus seinem ➱Hamburg and Copenhagen sketchbook sehen Sie hier. Man kann nicht viel darauf erkennen, aber links ist das alte Kieler Schloss und rechts die Nikolaikirche.

Es wäre ja auch schön gewesen, wenn er nicht nur seine Skizzenbücher von Hamburg bis Kopenhagen gefüllt hätte, sondern da auch ein wenig gemalt hätte. Hat er aber leider nicht, er zeichnet da nur. Natürlich das Schloss Rosenborg, vielleicht, weil sich unter Engländern hartnäckig die Geschichte hält, dass es zu Teilen von ➱Inigo Jones gebaut wurde. Dieses schöne Bild ist nicht von Turner, das ist von Christian Clausen Dahl. Zu dem gibt es ➱hier im Blog einen ausführlichen Post. William Turner ist viel gereist. Als junger Mann erkundete er England, Schottland und Wales, mit siebenundzwanzig bereiste er die Schweiz und Savoyen. 1819 war er zum ersten Mal in Italien. Ich habe mehrere Turner Biographien gelesen, aber sie sagen nicht so viel über den Menschen Turner auf seinen Reisen. Anthony Bailey (der vor wenigen Jahren auch eine schöne Biographie von John Constable vorgelegt hat) hat in seiner sonst sehr guten Turner Biographie nur einen einzigen Satz für diese Reise im Jahre 1835 übrig – verweist aber auf Cecilia Powells Turner in Germany (das Buch gibt es übrigens auch in deutscher Übersetzung).

Turner hätte in Kopenhagen den jungen Christen Køpke treffen können (der kam ➱hier schon einmal vor) oder sich von ➱Kierkegaard durch die Stadt führen lassen können. Wenn man ein Buch mit dem Titel Imaginäre Begegnungen schriebe, gäbe Turner in Kopenhagen ein schönes Kapitel ab. Ich würde Turner im Hotel d’Angleterre absteigen lassen, aber ich weiß, dass das nicht seine Welt war.

Cecilia Powell nimmt allerdings in Turner in Germany an, dass Turner im Hotel d’Angleterre abstieg, weil er Skizzen vom Kongens Nytorf gemacht hat. Aber das ist kein echter Beweis, die Innenstadt von Kopenhagen ist klein, und den Kongens Nytorf kann man von allen Seiten erreichen (dies Bild ist nicht von Turner, es ist von dem dänischen Maler Paul Gustave Fischer). Ich war einmal im Hotel d’Angleterre, ich war siebzehn und durfte mir eine Woche Kopenhagen leisten. Habe natürlich nicht im d’Angleterre gewohnt sondern im CVJM. Doch am letzten Tag, da habe ich mir von meinem letzten Taschengeld ein Omelett im d’Angleterre bestellt (war das Billigste auf der Speisekarte), bevor ich im Bahnhof in den Nord-Express (leider ohne ➱Kressin!) stieg.

Auf dem Weg nach Kopenhagen ist sein Schiff an den Kreidefelsen von Moen vorbeigefahren (das Fährschiff macht fahrplanmäßig einen Halt auf den Inseln Falster, Lolland und Moen), denn die Kreidefelsen finden sich mehrfach in seinem Skizzenbuch. Was mir Gelegenheit gibt, auf den wirklich schönen Post ➱Kreidefelsen hinzuweisen (da ist es wieder: das hartnäckige Selbstzitat). Die Fahrt von Kiel nach Kopenhagen mit dem in Kopenhagen gebauten Fährschiff Frederik VI (es war das erste in Dänemark gebaute Dampfschiff) dauert nicht lange. Morgens um halb acht fährt man aus Kiel ab, vierundzwanzig Stunden später ist Turner in Kopenhagen. Die Berlingske Tidende verzeichnet seine Ankunft, niemand reist mehr unerkannt. Die Erwähnung von Fährschiffen in der dänischen Südsee (ja, die heißt wirklich so) weckt in mir immer nostalgische Gefühle. Ich war im Januar 2010 noch keine Woche Blogger, da schrieb ich in dem Post ➱In skovens dybe stille ro schon über eine Fähre. Und auch in dem Post über den Dichter ➱Gerhard Neumann musste ich das Thema Fähren thematisieren. Ging nicht anders. Wenn man an der Weser aufwächst und überall von Schiffen umgeben war, hat man ein nostalgisches Verhältnis zu tuckernden Schiffen.

Ich habe leider kein Bild von der Frederick VI, aber ich habe ein Bild des Vorgängers auf der Linie Kiel-Kopenhagen. Das war der in England gebaute ➱Schaufelraddampfer Caledonia, das erste Dampfschiff auf der Ostsee! Wir sehen ihn hier auf seinem Weg in die Kieler Förde, im Hintergrund ist die Seebadeanstalt Bellevue. Es wird nicht nur die schlechte Chaussee zwischen Hamburg und Lübeck gewesen sein, die Turner nach Kiel reisen ließ, die gute Fährverbindung von Kiel nach Kopenhagen ist englischen Reisenden durchaus bekannt.

Diese Ansicht von Kiel ist natürlich nicht von Turner, das Bild von Johann Heinrich Hintze (das ich schon in dem Post über ➱Eduard Gaertner abgebildet hatte) zeigt Kiel und die Kieler Förde, wie sie zur Zeit von Turners Besuch ausgesehen haben. The passage occupied three days, and on the morning of the 9th, having passed the night at Copenhagen, we proceeded to Kiel, in the same steam-boat which had before brought us from Lubeck [sic]. On our passage we passed between the richly-cultivated islands of Falster and Moen, and were almost within a stone’s throw on either side. The bay of Kiel is too well known to render it necessary for me to record its beauties ; the noble expanse of waters — the deep wood which intercepts the view of the town on entering the bay — the trees feathering their branches to the very edge of the water, and the picturesque scenery which surrounds it, were not, however, lost upon us. We passed but a few hours at Kiel, which in itself has little or no attractions.

Das schreibt ein Engländer namens John Barrow in seinem Buch Excursions in the north of Europe, … in 1830 and 1833, das ➱Buch erschien 1834 in London. Turner kann es also gelesen haben. Dann hat er natürlich auch den letzten Satz – Kiel, which in itself has little or no attractions – gelesen. Der Satz stimmt noch immer, außer der Ostsee und der frischen Luft ist hier nicht viel. Diesen schönen Wolperding (nicht zu verwechseln mit dem Wolperdinger) mit der Ansicht von Kiel hat das Kieler Stadtmuseum gerade von Herrn Fielmann geschenkt bekommen. Wenn man bedenkt, dass das Bild vor Jahren bei einer Auktion für 3.000 € zugeschlagen wurde, hat Herr Fielmann bei diesem Geschenk beinahe nichts dazugezahlt. Den Kieler Maler Friedrich Ernst Wolperding hätte Turner übrigens auch in Kopenhagen treffen können, der studierte dort an der Akademie.

William Turner übernachtet, passend zu seinem Reiseziel, im Gasthof Stadt Kopenhagen. Er wird einige Brocken Deutsch gesprochen haben, er war schon mehrmals in Deutschland. In der Zeitung, die alle Gäste in der Stadt verzeichnet, taucht er als Jurner mit der Berufsbezeichnung Particulier auf. Niemand weiß, dass er in seinem Heimatland ein berühmter Maler ist. In Deutschland kennt man ihn sowieso nicht. Ungefähr so wie auf diesem Bild aus den 1840er Jahren wird Turner damals ausgesehen haben. Vielleicht nicht so elegant. Seine Zeitgenossen beschreiben ihn häufig als leicht verwahrlost, Constable fand ihn uncouth. Der Maler Charles Hutton Lear beschrieb Turner als a little man dressed in a long tail coat, thread gloves, big shoes, and a hat of most miserable description… thus clad and with his hands behind him appeared in outward form the greatest landscape painter that ever existed.

Das ist der Baron Louis-Auguste Schwiter, wie ihn Delacroix gemalt hat. Wie die Tate Gallery sagt, hat der anglophile Delacroix sein Ideal eines englischen Gentleman in dies Bild gemalt. William Turner sieht definitiv nicht so aus, der Dandyismus der Nachfolger von Beau Brummell interessiert ihn überhaupt nicht. The demeanour of Schwiter, who was a 21 year old painter, is that of a dandy aspiring to perfection through the simplicity of his impeccable dress. What a disappointment for Delacroix then, when Turner visited him in 1829, to discover that far from having the appearance of ‘un gentleman’, the English artist looked like a ‘farmer with his rough black coat and heavy boots.’ It was a pity that Turner’s ungainly appearance and clumsiness of speech prevented a friendship between two artists who shared so many interests, not least their fascination with colour. Appearance was very important in an age where people believed that the way you looked was the way you were.

Delacroix, der the taste of English style in footwear and clothing bewunderte, war besonders über das Schuhwerk Turners entsetzt.Den Satz  appearance was very important in an age where people believed that the way you looked was the way you were, den hat Turner nie begriffen. Oder der Cockney visionary (wie ihn ➱Peter Ackroyd genannt hat) hat sich souverän darüber hinweggesetzt. Er ist nicht der einzige. Der Kunstsammler John Sheepshanks (der uns zuletzt in dem Post ➱Francis Danby begegnete) wird einmal aus dem Erster Klasse Abteil der Bahn geworfen. Der Millionär (der auch Turners Bilder kauft) hat zwar einen gültigen Fahrtausweis, aber er sieht völlig abgerissen aus.

Das viktorianische Zeitalter ist die Zeit, wo der Schein das Sein überlagert. Nathaniel Hawthorne, inzwischen amerikanischer Konsul in Liverpool, mokiert sich über die schmutzigen Hemden, die ➱Herman Melville in seiner carpet bag hat: I was in a villain’s garb with travel –had not shaved in a week–dirty shirt &c. Melville kümmert das wenig, wenn man auf Schiffen auf allen Weltmeeren gesegelt ist, dann kommt man auf seiner Grand Tour durch Europa bis ins Heilige Land auch mit einer carpet bag aus. Und schmutzigen Hemdkragen. Es kommt darauf an, wer in den Kleidern steckt. Das gilt für Melville wie für Turner. Man kann wie Delacroix ein Dandy sein – wenn man ein guter Maler ist. Doch man kann so elegant wie der Baron Schwiter sein, das macht niemanden zum guten Maler (werfen Sie hier doch einmal einen Blick auf ein Bild des Malers Schwiter).

Turner, der die Themse und die Schiffe liebt, hat noch ein zweites Leben. Da lebt er als Mr Booth mit der Witwe Sophia Caroline Booth in Chelsea. Es ist eine seltsame Beziehung, er zahlt ihr kein Haushaltsgeld, aber er schreibt ihr Gedichte. Ja, erstaunlicherweise hat Turner auch Gedichte geschrieben. Sein Biograph Jack Lindsay hat sie 1966 unter dem Titel The Sunset ship herausgegeben

Manchmal nennt man ihn da in Chelsea manchmal Admiral Booth, er hat so etwas Seemännisches an sich. Er könnte für den Kapitän eines Themsedampfers durchgehen. Er redet auch gerne mit den Hafenarbeitern, lieber als mit seinen Kollegen von der Royal Academy: In the 1840s, the street boys of Chelsea were familiar with a local figure. He was “an elderly gentlemen, short and stout, with a red face and a curious prominent nose” whom they knew as “Puggy” Booth, and was called, with greater respect, “Admiral” Booth by the local tradesmen. He lived with a widow, presumed to be his wife, in a little house on the waterfront in an area known as the World’s End. Und so nimmt es nicht Wunder, dass bei seinem kurzen Aufenthalt in Kiel (auch eine Art von world’s end) seine Skizzen alle in Reichweite der Kieler Förde und des Hafens entstanden sind.

Ich hätte es nicht gewusst, dass Turner jemals hier in Kiel gewesen wäre. Wenn ich nicht den Aufsatz William Turner in Kiel 1835 von Kerstin Dronske in der ➱Festschrift für Jürgen Jensen gelesen hätte. Den ich natürlich nicht abgeschrieben habe, ich bin nicht der Baron von und zu Guttenberg oder die Frau Schavan. Und: Ehre, wem Ehre gebührt, es ist ein sehr guter Aufsatz, penibel recherchiert. Es geht dabei vielleicht weniger um William Turner als um die Rekonstruktion des Kiels, das Turner im September 1835 vorfindet. Das ist methodisch mit dieser slice of life Methode ähnlich wie ➱Erich Trunz‚ Ein Tag aus Goethes Leben, man nehme sich ein Datum und rekonstruiere alles drum herum.

Im Gegensatz zu seinem Namensvetter Jens Christian Jensen (der im Blog häufig erwähnt und ➱hier ausführlich gewürdigt wurde) ist der Kieler Stadtarchivar und Gründungsdirektor des Stadtmuseums Warleberger Hof Jürgen Jensen, der sicherlich ebenso verdienstvoll ist wie der Kunsthallendirektor, hier noch nie so recht behandelt worden. Erwähnt wird er in dem Post ➱Friedrich Mißfeldt, wo es heißt: Seit vierzig Jahren ist das Stadtmuseum hier untergebracht, das in den letzten Jahrzehnten unter der Leitung von Jürgen Jensen (und seit 2004 unter der von Doris Tillmann) eine Vielzahl von wunderbaren Ausstellungen präsentierte. Ich glaube, ich habe sie alle gesehen, und ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass dieses Haus ein kulturelles Juwel ist.

Den schönen Aufsatz William Turner in Kiel 1835 von Kerstin Dronske, die die Leiterin der Museumspädagogik im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum ist, kann man nicht im Internet lesen, nur in der Festschrift für Jürgen Jensen. So praktisch es ist, mit einem ➱Klick in das Buch von John Barrow zu kommen, wir müssen immer daran denken, dass der größte Teil des Wissens der Welt in Büchern steht und nicht digitalisiert ist. Das sollten wir nie vergessen. Bibliotheken haben ihren Sinn.

Astonishing as it is there is to this day not even a biography of him that is both reliable and organized as a readable Life, hat der Direktor der Tate Gallery Sir John Rothenstein vor fünfzig Jahren gesagt. Rothenstein hat bei dem Oldbourne Verlag in ihrer Pocket Art series 1962 auch ein kleines Buch über Turner veröffentlicht. Ich zitiere das mit einer gewissen Nostalgie, es war mein erstes Buch über Turner.

Das nächste Buch folgte wenige Jahre später, es war auch ein kleiner Paperback Band von Michel Kitson in der Humboldt Kunstreihe. Mit 24 mehrfarbigen und 30 einfarbigen Tafeln, mit hunderten von Bleistiftannotationen von mir durchgearbeitet.  Heute, da ich alle wesentlichen Turner Kataloge besitze, kann ich über diese kleinen Büchlein lächeln. Aber es gab damals nichts anderes, und man fängt immer klein an.

Was die Biographien betrifft, hat sich die Lage durch die Bücher von Jack Lindsay und Anthony Bailey sicher gebessert. Ich wollte dem Post hier heute eigentlich noch einen kleinen Forschungsbericht beifügen – besprechen, welche Biographien es zu William Turner gibt und womit man zu lesen anfangen sollte. Aber dann merkte ich plötzlich, dass ich den vor zwei Jahren ➱hier schon im Blog stehen habe. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen, außer, dass ich das Buch William Turner von Monika Wagner noch erwähnen sollte (➱hier eine Leseprobe). Und vielleicht – für die ➱Peter Ackroyd Fans – Peter Ackroyds Buch in der Reihe Ackroyd’s Brief Lives.

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