Richard von Hagn

Er ist so gut wie vergessen, der Maler Richard von Hagn, der heute vor achtzig Jahren in Dresden starb. Er kam aus Husum, einer Stadt, bei deren Nennung mein Vater (der aus dieser Gegend kam) es nie versäumte, die graue Stadt am Meer hinzuzusetzen. Was natürlich aus einem Gedicht von Theodor Storm kommt.  Wenn für Storm seine Geburtsstadt Husum grau, neblig und trist ist, so findet er in den letzten Zeilen des Gedichts auch Schönes in der nordfriesischen Tristesse: Der Jugend Zauber für und für Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, Du graue Stadt am Meer. Ähnlich scheint es dem Husumer Richard von Hagn entgangen zu sein: Ja, in meiner Jugend, da mußte es immer Venedig sein. Erst viel später erkannten wir, daß unsere Heimat ebenso schön, ja eigentlich für uns viel schöner ist. Dies Bild ist um 1891 in Venedig gemalt, erfüllt von der Sonne Italiens.

Der Sohn eines Husumer Maurermeisters hat nach einer Lehre bei einem Schleswiger Dekorationsmaler (und einem dreijährigen Militärdienst) in Dresden, München und Karlsruhe studiert. Danach zog es den Schüler von Leon Pohle für Jahre nach Venedig. Wir wissen, wo er gewohnt hat, eins seiner Venedig Bilder in Flensburg hat rückseitig einen Klebezettel Aus Venedig, Preis 600 Mk R v Hagn z. Zt. Venedig Adr. Casa Kirsch, Riva Degli Schiavoni. Er hat seiner Zimmerwirtin gleich bei seiner Ankunft gestanden, dass er völlig mittellos sei.

Die Jahre 1883-1888 sind nicht der einzige Aufenthalt von Hagns in Venedig. 1890 und 1893, wenn er als Veduten- und Architekturmaler sicher schon soviel verdient, um sein Zimmer sofort zu bezahlen, wird er wieder in diese Stadt reisen. Hätte er seine norddeutsche Heimat um 1890 so gemalt (die Mauseberge an der Mildstedter Chaussee sehen ein wenig wie ein ➱Thomas Herbst aus), dann würden wir sagen: Respekt. Aber zwischen diesen Bildern, Venedig und Husum, liegen beinahe vierzig Jahre. Er schafft es nicht, seinen lichtdurchfluteten, beinahe impressionistischen Stil von Venedig mit nach Hause mitzunehmen.

Er malt damals gerne Interieurs, das machen viele. Das ist ein Bildtyp, der heute niemanden so recht begeistert, es sei denn, man hieße ➱Menzel und malte das Balkonzimmer. Richard von Hagn ist in vielem ähnlich wie der Dresdner Gotthardt Kuehl (der wie er aus Schleswig-Holstein kommt), nur ist der Impressionist und kann besser malen als von Hagn. Ich habe in dem Post ➱Stadtansichten gesagt: Und irgendwann schreibe ich mal über Gotthardt Kuehl, habe das aber bisher nicht wahr gemacht. Ich stelle hier einmal Kuehls Bild vom Kirchenschiff des Hamburger Michels hin – und Sie vergleichen das bitte einmal mit einem ➱Interieur von Richard von Hagn, dann wissen Sie was ich meine.

Vergleiche mit zeitgenössischen Malern gehen für Richard von Hagn nie so gut aus. Diese Straße in Husum (eine Straße, die man dort liebevoll Palmaille nannte) hat er mehrfach gemalt. Es ist jetzt sicher etwas gemein, wenn man diesem Bild die ➱Straße am Wannsee von Max Liebermann gegenüberstellt, aber zwischen den beiden Bildern liegen malerische Welten.

Richard von Hagn ist nicht in Venedig geblieben, er ist nach Deutschland zurückgekehrt, seit 1888 hat er ein Studio in Dresden. Er ist aber immer wieder in seine Geburtsstadt zurückgekommen. Die haben da viel Kunst in Husum, die sie einem anderen Husumer verdanken, der gleichaltrig mit von Hagn ist: Ludwig Nissen. Der ist nicht nach Venedig gegangen und ein armer Künstler geworden, der ging nach New York und wurde Millionär. Und stiftete seiner Heimatstadt seine Sammlung und Geld für den Bau eines Museums.

Nissen sammelte, was in seiner Zeit gut und teuer war. Auch viel amerikanische Kunst. Und so ist in dem heutigen Nordsee Museum ein Bild von ➱Albert Bierstadt zu sehen. Und im Nissenhaus ist heute auch der Nachlass von Richard von Hagn zu sehen (der Maler hatte ihn kurz vor seinem Tode dem Museum vermacht). Auch das Bild vom Husumer Hafen im Absatz oben. Kein Vergleich mit dem Hafen von Venedig. Viel Schlick, der malerische Urschlamm der Marschen, wie von Hagn sagte.

Die moderne Kunst ist nichts für ihn. Er lebt jetzt in Dresden, wo um 1900 sicher mehr Kunst zu finden ist als in Husum, aber er hofft, dass die solide Richtung zurückkommt, der Realismus, den er erlernt hat (obgleich er mit manchen Bildern seiner Zeit in Vendig ja schon beinahe ein Impressionist war). Nicht diese grässlichen Bilder des Expressionismus und Futurismus, die fast von Irrenhäuslern gemalt sind. Und so malt er seine Heimat wie ein verspäteter Worpsweder, den es nach Husum verschlagen hat, Schlick statt Moor. Er ist da ganz anders als sein Landsmann Hans Peter Feddersen aus Nordfriesland.

Der hat zwar auch im 19. Jahrhundert angefangen, als man diese undefinierbare braune Soße zur Grundierung der Gemälde verwendete, aber der Schüler der Düsseldorfer Akademie hat sich schnell davon befreit. Und ist mit der Zeit gegangen. Zu der Zeit, als von Hagn den Husumer Hafen mit seinem Schlick malt, ist Feddersen schon beim Expressionismus. Und sieht, dass man auch den Himmel malen kann, nicht nur den Schlick. Dies Bild im Besitz der Kunsthalle Kiel sieht aus wie ein abstrakter John Constable.

Die Kunsthalle Kiel besitzt auch einen großformatigen Winter in Nordfriesland, 1904 gemalt und fünf Jahre später vom Künstler erworben. Er hat dieses Thema mehrfach gemalt, wie Sie ➱hier sehen können (➱hier finden Sie auch ein Werkverzeichnis von Feddersen) Ein wunderschönes Winterbild, die Spuren der Schlittschuhläufer sind noch auf dem Eis zu sehen. Es gibt mir immer ein nostalgisches Gefühl, wenn ich das Bild betrachte. Wenn Sie den Post ➱Schlittschuhlaufen gelesen haben, werden Sie das verstehen.

Und da ich mit diesem Winterbild wieder in der Vorweihnachtszeit angekommen bin, hätte ich auch noch etwas Weihnachtliches aus Husum zu bieten. Wenn schon das Gedicht mit der grauen Stadt am Meer bekannt geworden ist, es gibt noch ein Gedicht von Storm, das viel bekannter ist. Nur weiß da meist niemand, dass es von Theodor Storm ist. Es fängt an: Von drauß‘ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr, und früher konnte das Weihnachten jeder Pöks aufsagen.

Lilli Martius hat in ihrem Buch Schleswig-Holsteinische Malerei in 19. Jahrhundert nur einen Satz für Richard von Hagn übrig. Und so gebührt das Verdienst, das erste schmale Buch (Richard von Hagn – Ein Malerleben zwischen Husum und Dresden) über den Maler geschrieben zu haben, dem Schleswiger Museumsdirektor Ulrich Schulte-Wülwer. Bilder von Richard von Hagn tauchen immer wieder im Kunsthandel auf, bei ebay wird gerade eins für 880 € angeboten (ist sehr scheußlich), sie erzielen aber keine Spitzenpreise.

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