Thomas Girtin

 

An dem heutigen Todestag von William Turner möchte ich eigentlich nicht noch einmal über ihn schreiben, der letzte Post zu dem Maler (➱William Turner in Kiel) ist erst acht Tage alt. Aber ich möchte einen kleinen, bedeutungsschweren Satz von William Turner zitieren. Als er die Nachricht vom Todes seines Freundes Thomas Girtin bekam, sagte er Poor Tom… If Tom Girtin had lived, I should have starved. William Turner, der ebenso wie Girtin die Kunst des Aquarells zur Vollendung geführt hat, hat Girtin immer bewundert, ganz besonders dessen Aquarell The White House at Chelsea aus dem Jahre 1800.

Das Bild ist nicht groß, das können wir hier sehen. Doch kleine Bilder können eine große Wirkung haben. Es gibt zu dem Aquarell eine schöne kleine Anekdote: A dealer went one day to Turner, and after looking round at all his drawings in the room, had the audacity to say, I have a drawing out there in my hackney coach, finer than any of yours. Turner bit his lip, looked first angry, then meditative. At length he broke silence: Then I tell you what it is. You have got Tom Girtin’s ‚White House at Chelsea‘. Und einem Sammler namens Chambers Hall gesteht Turner: I never in my whole life could make a drawing like that I would at any time have given one of my little fingers to have made such a one. Mehr Lob von einem Künstler kann es nicht geben.

Thomas Girtin was the first to give a full idea of the power of water- colour painting ; the first wholly to change the practice of the art, to achieve in this medium richness and depth of colour, with perfect clearness and transparency, and the utmost boldness and facility of execution ; the first who followed out a procedure the reverse of that which had hitherto prevailed — laying in the whole of his work with the true local colour of the various parts, and afterwards adding the shadows with their own local and individual tints. Sagen die Herren Redgrave und Redgrave in A Century of British Painters, die ihm eine angemessene Rolle in der Geschichte der englischen Kunst zuweisen. Zu der Morpeth Bridge auf diesem Bild habe ich ➱hier eine interessante Internetseite.

Wenn Girtin und Turner die Kunst des Aquarells zu einer frühen Vollendung bringen, muss für einen Augenblick auch daran erinnert werden, dass schon andere diesen Weg beschritten haben. Wie John Robert Cozens (dies Bild ist von ihm), den John Constable the greatest genius that ever touched landscape genannt hat. Auch Cozens‘ Vater Robert, der Zeichenlehrer in Eton ist, ist nicht ohne Einfluss – vor allem auf zukünftige Kunstsammler wie ➱Sir George Beaumont oder ➱William Beckford. Als Girtin und Turner noch für den Sammler und Mäzen (und Amateurmaler) Dr Thomas Monro arbeiteten, haben sie Aquarelle von John Robert Cozens kopiert (das versichert uns die unermüdliche Klatschbase Joseph Farington in seinem Tagebuch), man kann den Einfluss sicher sehen.

Die kleine Malerschule, die ➱Dr Monro unterhält, ist für Turner und Girtin sehr wichtig gewesen (in Sheffield gab es im letzten Jahr dazu eine ➱Ausstellung), aber noch wichtiger für Girtin ist davor seine Bekanntschaft mit James Moore gewesen. Der Tuchhändler und Amateurmaler ist Mitglied der Society of Antiquaries in London (die englischen antiquarians des 18. Jahrhunderts sind Historiker, Kunsthistoriker und Folkloresammler in einer Person). Moore bereist England und zeichnet alle Sehenswürdigkeiten, Girtin nimmt seine Skizzen als Vorlagen für seine kolorierten Zeichnungen. Das Ergebnis sieht dann so aus, die Kathedrale von Ely, immer mit dem Zusatz versehen after James Moore. Girtin verbessert auch die Zeichenkünste seines Arbeitgebers, der bringt ihm im Gegenzug gutes Benehmen und etwas Bildung bei.

Girtin war wahrscheinlich auf dem Höhepunkt seines malerischen Könnens, als er 1802 im Alter von siebenundzwanzig Jahren starb, auf seinem Grabstein stand To the memory of Thomas Girtin, artist, who departed this life November 1, 1802. Heute ist das Grab eingeebnet, da ist nur noch eine Rasenfläche. Kurz vor seinem Tode hatte Girtin geheiratet, sein Sohn Thomas Calvert Girtin wird sein Erbe bewahren und alle Bilder des Vaters sammeln, die er finden kann.

Girtin liebte wohl, ähnlich wie Turner, die Gesellschaft einfacher Leute. Genauer gesagt, trieb er sich in Kreisen herum, die Turner wahrscheinlich gemieden hätte. Er sprach vielleicht auch gerne dem Alkohol zu. Intemperance and irregularity have no claim to longevity, kann man bei einem gewissen Edward Dayes in The Works of the Late Edward Dayes im Jahre 1805 lesen. Aber ist das wirklich wahr? Ich gebe daraus einmal seine Ausführungen zu Thomas Girtin zum Besten.

This artist died November the 9th, 1802, after a long illness in the twenty-eighth year of his life. Biography is useful to stimulate to acts of industry and virtue; or, by exhibiting the contrary, to enable us to shun the fatal consequences of vice. While our heart bleeds at the premature death of the subject of this paper, it becomes equally an act of justice to caution young people against the fatal effects of suffering their passions to overpower their reason, and to hurry them into acts of excess, that may, in the end, render life a burthen, destroy existence, or bring on a premature old age. Though his drawings are generally too slight, yet they must ever be admired as the offspring of a strong imagination. Had he not trifled away a vigorous constitution, he might have arrived at a very high degree of excellence as a landscape painter.

Gehässig und moralinsauer, man kann das auch Rufmord nennen, Edward Dayes ist einmal der Lehrherr des jungen Girtin gewesen, die beiden haben sich nicht gut verstanden. Wahrscheinlich ist es auch Brotneid gewesen, der Dayes diese Zeilen schreiben ließ, Thomas Girtin verdiente sehr viel mehr als der Gravierer und Illustrator Dayes. Er genoss auch die Protektion des Adels, so zum Beispiel von dem Viscount Malden (der später der Earl of Essex wird). Der besitzt ein Schloss namens Hampton Court in Herefordshire (Turner wird das übrigens auch ➱malen) und infiziert mit seiner Liebe zum Aquarell gleich seinen Nachbarn Edward Lascelles, den Sohn von Lord Harewood.

Den unterrichtet Girtin auch in der Kunst des Aquarells, als Lehrer ist Girtin sehr gefragt. Man schätzt seine Offenheit und seinen Charme, Mulgrave charakterisiert ihn als a good-natured, open-dispositioned man – all das widerspricht ein wenig der negativen Einschätzung Girtins durch Edward Dayes. Girtin hat aber noch einen berühmten Schüler: Sir George Beaumont. Beaumont wird dreißig Aquarelle von ihm kaufen, die er später voller Stolz dem jungen John Constable zeigen wird (mehr dazu ➱hier), die Bilder haben Constable nicht unbeeinflusst gelassen.

Den Winter 1801-1802 war Thomas Girtin in Paris gewesen, er versprach sich davon etwas für seine geschwächte Lunge: I am so very ill that I am advised to go into the country for a little while. Paris scheint eine erstaunliche Wahl, vielleicht ist die Luft dort sauberer als in London, wo man die Stadt ja selten wie ➱Wordsworth All bright and glittering in the smokeless air sehen kann.

Paris ist gerade bei den Engländern angesagt, der Friede von Amiens ist noch nicht geschlossen aber paraphiert, die Touristen können kommen. Im Herbst 1802 zählt man zehntausend Engländer in der Stadt. Wir finden auch in der deutschen Literatur Hinweise darauf, so heißt es in Heinrich Christoph Steinharts Meine Reise nach Frankreich in den Jahren 1800 und 1801‚Sie sind kein Franzose,‘ sagte das ältere Frauenzimmer; ‚darf ich fragen, ob Sie ein Deutscher oder ein Engländer sind?‘ — O liebe Mutter — fiel die kleine Brünette ihr rasch ins Wort — itzt kommen ja noch keine Engländer nach Paris, aber es wird bald Friede werden. Und – dann –. ‚Nun, und dann?‘ sagte die MutterDas Mädchen zupfte an den Franßen ihres Shawls, schlug erröthend die Augen nieder und schwieg… Wenn Sie weiterlesen wollen, klicken Sie ➱hier.

Als Leser von Thomas Mann wissen wir, dass natürlich nur Der Zauberberg in solchen Fällen helfen kann, nicht Paris. Und für Asthmakranke ist Paris im November wohl auch nicht der ideale Platz.Vielleicht ist es aber auch eine Flucht aus England, seine Frau steht kurz vor der Niederkunft und die Royal Academy (wo er 1794 zum ersten Mal ausstellte) hat ihn gerade als Associate Member abgelehnt.  Er bekommt keine einzige Stimme, Aquarellisten mag man da ganz und gar nicht. Die Zeit ist noch nicht gekommen. Jahre zuvor hat man John Robert Cozens Arbeiten noch mit dem Hinweis not proper art abgelehnt.

Als er nach England zurückkommt, geht es ihm schlechter als zuvor. Da hat Sir George Beaumont einen Plan, der vielleicht die Rettung hätte sein können, er will Girtin einen Kuraufenthalt auf Madeira finanzieren. So schreibt er ihm am 25. Oktober 1802: you will there find ample materials for your pencil, and the air is the most …you will there find ample materials for your pencil, and the air is the most salubrious in the world. I have no doubt but you will secure good impressions for me; and if you will send me a line to let me know you receive this, I will return you a note for the money. Aber die gute Idee kommt zu spät, Thomas Girtin stirbt am 9. November 1802 in den Armen seiner Frau in seinem Studio, wahrscheinlich an einem Asthmaanfall.

Vor Cozens, Girtin und Turner hatte das Aquarell nur für topographische Darstellungen von Bauwerken oder im Zuge der Begeisterung für das ➱sublime berühmt gewordene Landschaften gedient. Jetzt tritt der Gegenstand völlig in der Hintergrund, nur die Handhabung des Lichtes und des Atmosphärischen zählt für Girtin: In Girtin’s views of Kirkstall Abbey, for example, the ruined building which would previously have been considered as the only object of interest (for Antiquarian reasons) becomes no more than becomes no more than the focal point in a rendering of light and air, low hills, trees and water. The ‚White House‘ from which his famous view of Chelsea Embankment takes its name, is of still name, is of still more purely visual significance. The little painting is a poetic evocation of sunset light, an almost abstract composition of translucent pigments. Schöner als Hugh Honour das in Romanticism sagt, könnte ich’s nicht sagen.

We were friends to the last, although They tried to separate us, hat Turner, hat Turner im Alter dem Reverend Henry Scott Trimmer über den Mann gesagt, mit dem er in der Jugend zusammengearbeitet hat. Mit dem They meint er wohl die Kunstwelt und die Eifersüchteleien der Konkurrenten. Denn wir sollten keinen Augenblick vergessen, dass Turner und Girtin zwar Freunde sind, aber auch um Aufträge konkurrieren. Doch er hat seinen Freund nie vergessen, auf einer Zeichnung von Regensburg schreibt er 1840 den Namen Tom Girtin auf einen Stein im Vordergrund. Und im gleichen Jahr kritzelt er auf eine Zeichnung der Alpen Girtin White House.

Eine Flusslandschaft, die manche Kritiker an Rembrandt (Girtin’s homage to Rembrandt steht auf der Seite der Tate Gallery) denken lässt, ein tief gelegter Horizont, wie ihn die ➱Holländer in ihren Bildern liebten. Es gibt auch wirklich ein weißes Haus auf dem ➱Bild The White House at Chelsea, links von der Mitte. Klein und weiß, die einzige weiße Fläche im Bild, die sich von der sinkenden Sonne beschienen im Wasser spiegelt. Das häufig verwendete Wort highlight trifft hier zu. Wir vergessen diesen kleinen Fleck nie wieder, es ist wie mit der petit pan de mure jaune bei ➱Proust. Ein Augenblick der aufleuchtenden Schönheit, bevor sich die Szenerie der Themse verdunkeln wird (auf dem ➱Kupferstich von dem Bild kann man das deutlich sehen). John Stoddart wird von a brilliant note introduced into a sweet melody sprechen. Wir könnten auch Keats (der auch nicht älter als Girtin wird) zitieren: A thing of beauty is a joy forever.

 

Lesen Sie auch ➱Richard Parkes Bonington, ➱John Sell Cotman.

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