Friedel Anderson

 

Bis zum Weihnachtsfest wusste ich nicht, wer Friedel Anderson war. Aber dann packte ich Gabis Geschenk aus, das Buch von Friedel Andersson Die Elbe: Eine Malreise von der Quelle bis zur Mündung, 2006 – 2009. Da hat sich ein Maler jahrelang die Elbe entlang gemalt, von der Quelle bis zur Nordsee. Hat vor ihm noch niemand gemacht. Zuerst wollte er die Reisen mit einem Boot oder einem kleineren Schiff machen, hatte dafür auch schon den Sportbootführerschein gemacht, aber dann hat er den Plan doch als unpraktisch aufgegeben.

Im shz Portal habe ich über den Maler gelesen: Von der Seefahrt verstehe er nicht viel, sagt der Maler Friedel Anderson. Er male einfach nur, was er sieht, hört und riecht: Im Schwimmdock, auf der Gorch Fock, im Hafen, am Elbufer, auf Werften in Kiel, Hamburg, Skagen oder Bremerhaven. Friedel Anderson (Jg. 54) interessiert vor allem das Atmosphärische. Seine stärksten Bilder sind die reduzierten, die sich auf Boote im Wasser oder auf die Eisschollen am gefrorenen Glückstädter Fähranleger konzentrieren, auf die Faszination der Wellen, des Himmels und der gezielt gesetzten Lichtpunkte.

Friedel Anderson wurde 1954 in Oberhausen geboren und ist in der Nähe von Itzehoe aufgewachsen, dem Ort, von dem Schiller irrigerweise glaubte, dass er Itzehö ausgesprochen werde. Steht auf jeden Fall so in Friedrich Schillers Wallensteins LagerI freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö, Der lange Peter aus Itzehö?

In Itzehoe lebt und arbeitet der Künstler auch heute. Er hat nach dem Abitur zunächst Kunstgeschichte an der Universität Göttingen studiert und danach Malerei an der Gesamthochschule Kassel bei Manfred Bluth (dessen Einfluss man in seinem Werk durchaus manchmal sehen kann). Das ist ein Name, der mir etwas sagt, weil der einmal einen Zyklus von Lithographien zu Herman Melvilles Moby-Dick gemacht hat.

In dem kleinen schwarzen Katalog der Ausstellung, die von Berlin zum Kennedy Haus in Kiel gewandert war, war zu lesen, Bluth sei ein Romantiker von heute, der über eine seltene, virtuose Treffsicherheit der Zeichnung verfügt, die sich gern auf den Pfaden des Sarkastischen, nicht selten auch des Schwarzen Humors bewegt. Na ja. Kritiker schreiben viel, aber Manfred Bluth (hier ein Bild von ihm), der Mitbegründer der Schule der Neuen Prächtigkeit hat uns damals für die Schleswiger Ausstellung 1976 (lesen Sie ➱hier alles dazu) seine Moby-Dick Lithographien zur Verfügung gestellt.

Es stimmt nicht ganz, wenn ich oben im ersten Satz behauptet habe, ich hätte noch nie Bilder von Friedel Anderson gesehen. Ich hatte schon einmal einige Bilder von ihm gesehen. Das war an einem schönen Spätsommertag 1990 bei der Eröffnung der Ausstellung Realisten der Gegenwart in der Galerie Kirchnüchel. Wir hatten die Nachbarn mitgenommen, die noch nie in einer Kunstausstellung waren und sich erst ein bisschen vor der für sie neuen Welt fürchteten. Es gab aber sogar Kaffee und Apfelkuchen für alle Besucher (und das waren nicht wenige), da fühlten sich die Nachbarn gleich wohl.

Und es waren nur Bilder norddeutscher Realisten an den Wänden, da wusste man, was auf den Bildern drauf war. Das ist bei Kunst ja nicht immer so. Friedel Anderson war mit Bildern vertreten, sein Lehrer Manfred Bluth auch. Und neben vielen anderen eine Frau namens Christine Reinckens, die wilde Akte malte. Bluth war damals wohl der berühmteste der ausstellenden Künstler. Klaus Fußmann, der seit zehn Jahren keine Ausstellung der norddeutschen Realisten auslässt, war damals nicht dabei. Von Manfred Bluth stammte auch das schöne Ausstellungsplakat (➱Strand, Meer und Himmel zeigend), das heute immer noch unter Glas gerahmt in meiner Wohnung hängt.

Wenn es auch neu ist, die ganze Elbe zu malen, muss man natürlich sagen, dass Maler diesen Fluss schon mal gemalt haben (auch wenn der Rhein häufiger gemalt wurde). Und an vielen Stellen des Flusses konkurrieren Anderssons Bilder mit Bildern, die keine Konkurrenz zulassen werden. Wie zum Beispiel diese Ansicht von Dresden im Abendlicht von Christian Clausen Dahl (zu dem es ➱hier einen schönen Post gibt). Und natürlich gibt es auch ➱Bilder von Caspar David Friedrich wie das kleine Elbschiff im Frühnebel im Wallraff Richartz Museum, die unübertroffen sind. Ein so scheußliches ➱Bild wie Ludwig Richters Überfahrt am Schreckenstein läuft natürlich außer Konkurrenz, das würde heute niemand mehr malen. Fand mal den Inbegriff der deutschen Romantik.

Manche Ansichten musste der Maler bei seiner Elbreise wohl malen, wie zum Beispiel die Augustusbrücke in Dresden. Die sieht allerdings – weil er sie auch im Winter malt – wie eine Variation von Gotthardt Kuehls ➱Bild aus. Aber vielleicht ist das auch gewollt, eine ironische Reverenz an den Dresdner Impressionisten. Dass er niemals ein Bild wie ➱dieses malen kann, das wird Andersson klar gewesen sein.

Doch was mäkle ich herum, der Band ist eine Augenweide. Und falls Sie zu Weihnachten einen Buchgeschenkgutschein bekommen haben, wäre das eine schöne Idee. Oder natürlich die Essays von ➱Rudolf Sühnel. Friedel Anderson hat auch einmal Schuhe gemalt. Die sind aber nicht so toll wie das Schuhbild von Gabi, von der ich auch dieses Buch geschenkt bekommen hatte. Die Gabi, die natürlich Kunst studiert hat, hat mal meterweise billig schönen Dekostoff gekauft. Und dann Schuhe darauf gemalt. Weil Sie ja ein Schuhfreak ist, und am liebsten im Laden von Manolo Blahnik in London übernachtet hätte, als sie da zum ersten Mal war. Zuerst hat sie nur high heels in wilden Farben auf den Stoff gemalt, dann hat sich von mir ein Paar orangefarbene Budapester geliehen und die voll realistisch auf den Stoff mit dem floralen Muster gezaubert. Hängt im Goldrahmen (65×130) bei mir an der Wand. Hat niemand außer mir.

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