Ludwigslust

Ich hätte gar nicht anhalten und aussteigen dürfen, das wusste ich. Aber diese seltsame Kirche da in Ludwigslust war ein zu verlockender Anblick. Ich war gerade dabei, sie zu photographieren, als sich auch schon der Ärger in Gestalt einen Volkspolizisten näherte. Man darf auf der Transitstraße Nummer 5 durch die DDR nicht aussteigen, auch jegliche Kontakte der Transitreisenden zur Bevölkerung waren offiziell unerwünscht. Wir sind in den achtziger Jahren, es gibt zwei Deutschlands.

Ich hätte ja die Autobahn von Helmstedt nach Marienborn nehmen können, um nach Berlin zu kommen. Da gab es immer diese gefürchteten Grenzkontrollen, die mit Gänsefleisch begannen. Also in einem Satz wie Gänsefleisch mal ’n Kofferraum uffmachen? Am Ende der ganzen Prozedur kam dann das stereotype gute Weiterfahrt.

Irgendwie war ich die Autobahn leid, ich kannte die Strecke im Schlaf. Wenn man nicht durch die Werbung auf einer Autobahnbrücke aus dem Schlaf gerissen wurde (lesen Sie ➱hier mehr). Diesmal hatte ich also die Fernstraße 5 genommen. In Lauenburg war unser Deutschland zu Ende, dann kamen Orte wie Boizenburg (damals völlig verlassen), Ludwigslust, Perleberg und Kyritz. Der Ort wurde in diesem Blog im Zusammenhang mit ➱Nick Knatterton schon einmal erwähnt, Kyritz an der Knatter ist ein Ortsname, den man nie vergisst.

Mein Rencontre mit der Staatsmacht endete mit einem Happy End. Mein Photoapparat namens Werra (lesen Sie ➱hier mehr dazu), der die gleiche Farbe wie die Uniform des Vopos hatte, erwies sich als deus ex machina. Als ich nämlich meine Ausfuhrbescheinigung präsentieren konnte. Hier war ein Westler, der seine Kamera nicht wie hunderttausend andere aus der DDR geschmuggelt hatte, hier war einer, der sie im Westen gekauft hatte. Der Ton änderte sich völlig, ich durfte photographieren. Bekam natürlich auch Gute Weiterfahrt gewünscht. Devisen verändern alles. Die schwedischen Laster, die von Saßnitz durch die DDR bretterten, brauchten die am Straßenrand in ihren Wartburgs lauernden Vopos nicht zu fürchten.

Die monumentale Stadtkirche, die zuerst eine Hofkirche war, ist ein Teil größerer Bauanlagen, hier hatte sich im 18. Jahrhundert der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin ein Schloss errichten lassen. Ein mecklenburgisches Versailles oder ein Sanssouci des Nordens hat man die Anlage genannt. Der kleine Ort Klenow bekommt 1754 auf Weisung des Herzogs Christian Ludwig den Namen Ludwigslust. Die alte Klenower Kirche wird abgetragen (die dort begrabenen von Klenows werden umgebettet), und der Baumeister Johann Joachim Busch errichtet diesen Bau mit den sechs dorische Säulen für die Vorhalle. Das Ganze erinnert ein wenig an Palladios Villa Rotonda (Bild), aber der Palladianismus breitet sich im 18. Jahrhundert überall aus, nicht nur in ➱England und ➱Amerika. Der Kunsthistoriker Carl von Lorck hat in der preußischen Schlichtheit eine latente Grundstruktur und eine ewige Klassizität gesehen. Und dieser Klassizismus findet sich zuerst im Ostseeraum, bevor er nach Berlin findet.

Die Kirche ist nicht geostet (ich musste dieses selten verwendete Wort mal eben in den Text schmuggeln. Wann kann man es schon mal gebrauchen?), sie ist von Nord nach Süd orientiert. Etwas anderes passte nicht in die Planung. Der Rest von Ludwigslust wurde später um Schloss, Kirche und den barocken Park herum gebaut. Damals wohnten hier nur die Hofbediensteten und die Handwerker, an einer Anlage wie dieser baut man Jahrzehnte. Der Park hat alles, was in der Kunst der Parkanlage damals chic ist, einen Englischen Garten, ein Schweizerhaus (auch von Johann Joachim Busch gebaut, es war der Lieblingsaufenthaltsort der Gattin des Erbprinzen Friedrich) und eine künstliche ➱Ruine. Der heutige Landschaftspark ist eine Zutat des 19. Jahrhunderts, die ursprüngliche barocke Gartenanlage wurde von 1852 bis 1860 durch Preußens berühmten Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné umgestaltet.

Im Park gibt es eine Grabplatte für einen russischen Major aus dem napoleonischen Krieg, den Grafen Mussin Puschkin aus dem Isumschen Husarenregiment (ich nehme einmal an, dass er ein Verwandter des Dichters ist). Der war 1813 in dem Gefecht von Lüneburg gefallen, er hatte sich ein Grab in der Nähe einer russisch-orthodoxen Kirche gewünscht. Er wird es bekommen. So notiert der Erbprinz von Mecklenburg in seinem ➱Tagebuch im Jahre 1813: d. 4ten Aprill. Heute waren viele Menschen hier von Schwerin. Abends Ball. In Wismar hat der Dänische Consul officiel bekannt machen lassen daß von Dänischer Seite die Schiffarth völlig frey sey. Man sagt auch daß ein bedeutendes corps Dänen zu den Russen stoßen wird. Ein Schwedischer adjutant war gestern hier um den Durchmarsch von 20 – 30 000 Schweden anzuhalten welche alles baar bezahlen werden. Die guten Nachrichten folgen eine auf die andere. Gott gebe sein Gedeihen.

Der Ball endigte nicht sehr erfreulich, indem ein Detaschement Russischer Husaren ankam welches auf morgen die Ankunft der Leiche des Majors Grafen Mussin Puschkin meldete welcher in der glänzenden affaire von Luneburg blessirt und heute in Boitzenburg gestorben war. Die Leiche soll hier nach den Gebräuchen der Russischen Kirche begraben werden. d. 6ten Aprill. Diesen Morgen ist der Major Mussin Puschkin in meinem Garten nahe an der griechischen Capelle beerdiget worden. Die Ceremonie war äusserst angreifend und rührend, der Schmerz des unglücklichen Bruders war gränzenlos u. hat mich tief erschüttert. Nachmittags bin ich nach Schwerin gereiset. Das schöne Bild, das François Gérard vom Erbprinzen Friedrich Ludwig zu Mecklenburg gemalt hat, habe ich ➱hier schon einmal abgebildet.

Gérard hat die meisten seiner Portraitierten mit diesem verträumten romantischen Gesichtsausdruck gemalt, aber hier ist es schon richtig, Friedrich Ludwig war kein wirklicher Soldat. Seine Uniform ist keine Kostümierung, er war schon ein General. Aber wie ein Biograph schreibt: Friedrich Ludwig hat nie ein besonderes Interesse für militärische Angelegenheiten gehabt, hat auch deshalb, weil er selbst seine Unkenntnis auf diesem Gebiet erkannte, immer vermieden, eine praktisch-tätige Rolle, wie sie sonst einem Thronerben zuzukommen pflegte, zu spielen, und nur eine repräsentative eingenommen, sobald auch diese nicht zu umgehen war. So blieb auch diese Generallieutenants- und Regimentschefstellung eine reine Titelsache.

Friedrich Ludwig hat auch eine russische Generalsuniform, der Zar hat ihn zum Generallieutenant ernannt, als er dessen Tochter Elena Pavlova (hier im Portrait von Joseph Grassi) heiratete. Jahre später wird er bei Napoleon um Schonung seines Landes nachsuchen, Talleyrand fragt ihn, in welchem Militärdienst er sich befände, ob er in russischen Diensten sei? Darauf konnte Friedrich Ludwig nur entgegnen, daß Kaiser Paul ihn seinerzeit nur aus Gründen der Verwandtschaft zum Generallieutenant ernannt und ihm ein Regiment verliehen habe, dessen Uniform er abwechselnd mit der mecklenburgischen trage. In russischen Diensten sei er nie gewesen, er sei überhaupt militärischen Dingen abgeneigt. Doch als es im Freiheitskrieg wirklich darauf ankommt, ist Friedrich Ludwig der erste deutsche Landesherr, der Napoleon die Gefolgschaft aufkündigt und sich mit den Russen verbündet. Viel kann er den Russen an Truppen nicht anbieten, das Mecklenburg-Strelitz’sche Husaren-Regiment (aus dem das 1. Großherzoglich Mecklenburgisches Dragoner-Regiment Nr. 17 hervorgeht) ist gerade erst von Ernst Friedrich Wilhelm von Warburg gegründet worden. Die Verbundenheit mit den Russen wird in Ludwigslust bis 1992 dauern, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Erbprinz hatte für seine Gattin eine kleine Kapelle eingerichtet, da hatte sie es besser als ihre Schwester Alexandra, die einen Habsburger heiratet und der in Wien nur Feindschaft entgegenschlägt, weil sie nicht auf ihren Glauben verzichten will. Aber die kleinen deutschen Fürsten sind in Glaubensdingen flexibler: Bei der Ankunft Ihrer Kaiserlichen Hoheit, der Frau Großfürstin Helenen Pawlowna, Erbherzogin von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust Jahre 1800, wurde ein Zimmer im hiesigen Schloß zu einer griechischen Kapelle eingerichtet und hierin wurde der Gottesdienst bis zum Tode Ihrer Kaiserlichen Hoheit bis zum Jahre 1803 durch die von Rußland mitgebrachten Geistlichen, namentlich durch den Hofprediger Gabriel Dankow, und die Cantoren Stephan Maliutin, Joachim Rewin und Paul Dankow verrichtet. Im Jahre 1804 kehrten der Pope Dankow und der Cantor Dankow nach Rußland zurück.

Seine Gattin Elena Pavlova ist früh gestorben, der Erbprinz baut ein Mausoleum für sie. Mit dem von vier Säulen getragenen Portikus sieht es ein wenig wie eine Miniaturausgabe der Stadtkirche aus (oben). Das Mausoleum ist eben das, welches Friedrich Ludwig in seinem Tagebuch als seine griechische Capelle bezeichnet. In dessen Nachbarschaft er den russischen Grafen Mussin Puschkin beerdigen läßt. Die Pläne für das Mausoleum lieferten der Däne Joseph Christian Lillie (der das Lübecker Behnhaus gebaut hat und die Inneneinrichtung für Schloss Liselund entwarf) und der damals in Hamburg lebende Franzose Joseph Ramée. Die Hamburger erinnern sich an diesen Franzosen gern (an ➱Davoût und ➱Bourienne weniger), nicht zuletzt, weil er Baurs Park angelegt hat. Diese kolorierte Zeichnung des Innenraums des Mausoleums stammt von Johann Heinrich Suhrlandt. Der auch im Auftrag seines Landesherren die Hofkirche Ludwigslust ausgemalt hat.

Das Gemälde habe ich an jenem Sommertag Ende der siebziger Jahre nicht sehen können. Suhrlandt hatte mit dem monumentalen Gemälde etwas vollendet, was sein Vorgänger der Hofmaler Johann Dietrich Findorff (der Bruder des Moorkommissars ➱Jürgen Christian Findorff) Jahrzehnte zuvor begonnen hatte. Ein mehrdimensionales Gemälde, das die Verkündigung der Hirten darstellt. Mit mehr als 350 Quadratmeter Fläche überspannt es den den gesamten Altarbereich, hinter den auf Karton gemalten Ebenen des Bildes sind die Orgel und die Sängeremporen verborgen. Da feiert das Barock seinen letzten Triumph, draußen Klassizismus, innen Barock.

Ich habe in der letzten Woche das Buch Die Stadtkirchen in Mecklenburg von Horst Ende, 1984 im Auftrag der Evangelischen Kirche der DDR gedruckt, für einen Euro antiquarisch gefunden. Faszinierend. Ich bin zwar in meinem Studium bei zwei Exkursionen zum Thema norddeutsche Backsteingotik gewesen, aber damals war Deutschland für uns hinter Lübeck zu Ende, sodass ich vieles gar nicht kannte. Beim Durchblättern des Buches sah ich plötzlich die Kirche von Ludwigslust, da fiel mir die Sache mit meinem Photo wieder ein. Und dann musste ich natürlich alles darüber lesen. Um ein wenig darüber zu schreiben. Der Fremdenverkehrsverein Ludwiglust wird mir dankbar sein. Es ist heute natürlich alles schöner als an jenem Nachmittag, als ich die Kirche photographierte. Die russische Garnison ist abgezogen, die Wilhelm Pieck Straße heißt wieder Schlossstraße, der ICE hält hier und einen Tatort Mord in Ludwigslust gab es auch schon.

Und für die Literaturfreunde sei noch angemerkt, dass das die Vorlage für das kleine Fürstentum von Thomas Manns Roman Königliche Hoheit (ja, das sind natürlich ➱Dieter Borsche und Ruth Leuwerik) wahrscheinlich Mecklenburg-Strelitz ist. Der Film wurde aber nicht in Schwerin oder Ludwigslust gedreht, sondern in Göttingen und Fulda. Aber ein schönes Gedicht auf Ludwigslust habe ich noch, geschrieben von Gertrud von le Fort, die ihre Jugend hier verbrachte. Lesen Sie ➱hier Meine kleine Stadt und ich. Peter Maffays Konzert in Ludwigslust erspare ich Ihnen mal

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