New York

Das ist mal wieder eins von diesen Bildern, die ich liebe. Ich bin mit diesen Scheußlichkeiten aufgewachsen. Historienbilder zeigen immer entscheidende Augenblicke der Geschichte, sie suggerieren uns, dass wir dabei gewesen sind. Versichern uns: Genauso hat es ausgesehen.   Dieses Bild haben Generationen von Amerikanern gekannt, dies ist eine Version der Geschichte, mit der die aufgewachsen sind. Amerikas Geschichte in achtundsiebzig Bildern.

Und so fängt alles an, die Pilgerväter feiern mit den amerikanischen Einwohnern das Erntedankfest. Feiert man noch immer jedes Jahr in Amerika. Die Speisefolge scheint seit dem 17. Jahrhundert die gleiche zu sein – das ist bei der ➱Bremer Schaffermahlzeit ähnlich. Allerdings feiert man heute kaum noch mit den Indianern. Der Maler – und das erkennen wir unschwer, dass es derselbe Künstler ist – dieser schönen Bilder heißt Jean Leon Gerome Ferris. Die Bilder sind einem Werk entnommen, das The pageant of a nation heißt und 1932 in Amerika erschien. Ein bibliothekarischer Eintrag auf einer Karteikarte gibt den Inhalt in Kürze wieder: Depicts important moments in U.S. history. For elementary grades.

Hier wird gerade die Declaration of Independence geschrieben. Wir können die verworfenen ➱Entwürfe auf dem Fußboden sehen. Und bewundern die eleganten Klamotten von Thomas Jefferson. Die Founding Fathers kommen schon eleganter daher als die Pilgrim Fathers (lesen Sie ➱hier alles über die Kleidung von George Washington). Das Schulbuch The pageant of a nation erscheint in der Great Depression, Amerika ist auf Sinnsuche. Auf der Suche nach einer usable past, ein Begriff, den Van Wyck Brooks 1915 geprägt hatte. Schlagwörter wie American Dream und grassroots America machen die Runde.

Und da kommt der Maler Jean Leon Gerome Ferris (der mit den Malern Edward Moran und Thomas Moran (der hat ➱hier schon einen Post) zwei berühmte Verwandte hat, gerade recht. Seine Bilder erscheinen nicht nur in dem Schulbuch, sondern werden auch als Postkarten verkauft. Aber welcher Moment der Geschichte ist hier dargestellt? Mit ein wenig Kenntnis der amerikanischen Geschichte, können wir alles aus dem Bild heraus erklären. Wir sind im 17. Jahrhundert. Am 12. März 1664 hat der englische König Charles II seinem Bruder, dem Herzog von York die gesamte Atlantikküste Nordamerikas geschenkt. Allerdings gehört die ihm gar nicht, das ist die Kolonie Nieuw Nederland der  Niederlande. Wir sehen die holländische Flagge auf dem Bild (und die Windmühle im Hintergrund signalisiert uns auch: ➱Holland). Das Pulverfass rechts ist Nieuw Amsterdam beschriftet. Die Engländer haben natürlich einen Grund, um im Hafen von Nieuw Amsterdam aufzutauchen. Invasoren haben immer irgendeinen Grund, das erfahren wir in diesen Tagen wieder einmal. Angeblich haben die Holländer gegen den Navigation Act verstoßen, schon sind die Limeys da. Da ist es natürlich praktisch, dass der Duke of York auch der Oberbefehlshaber der Royal Navy ist.

Der Ort Nieuw Amsterdam (hier eine Ansicht aus dem Jahre 1664) wird nicht mehr lange so heißen. Denn der englische Colonel Richard Nicolls, der die kleine Flotte im Hafen befehligt, wird ihn nach dem Duke of York benennen. Seitdem heißt Nieuw Amsterdam New York. Bis heute. 1673 haben die Holländer mal für kurze Zeit New York zurückerobert und den Ort New Orange genannt, aber das war schnell vorbei.

Der Herr, der seinen Hut im Zorn zu Boden geworfen hat, ist natürlich niemand anderer als Peter Stuyvesant. Man erkennt ihn an seinem schön gedrechselten Holzbein. Stuyvesant (den man hierzulande nur als Zigarettenmarke kennt), möchte kämpfen. Aber seine Landsleute wollen nicht. Sie flehen ihn an, der Aufforderung zur Kapitulation (die er in der Hand hält) nachzugeben. Er wird nachgeben. Kehrt nach Holland zurück. Aber kommt eines Tages wieder und lebt auf seinem Bauernhof in Manhattan bis zu seinem Tod im Jahre 1672. Ein Bauernhof heißt im Holländischen bouwerij. Der Name hat sich erhalten, in New York gibt es immer noch eine Straße namens Bowery.

Richard Nicholls ist im gleichen Jahr wie Stuyvesant gestorben. Von einer Kanonenkugel in der Seeschlacht von Solebay getroffen. Die Kanonenkugel (oben in dem kleinen Tympanon) ziert immer noch sein Prunkgrab in der Kirche von Ampthill in Bedfordshire. Unter der Kanonenkugel findet sich die Inschrift instrumentum mortis et immortalitatis, das kann man auch mit ein wenig Küchenlatein leicht übersetzen. Die Kugel ist die Ursache für seinen Tod, aber auch für seine Unsterblichkeit. Und dann gibt es noch eine amerikanische und eine englische Flagge, keine holländische. Für die Holländer finden sich auf dem Gedenkstein nur die Worte belgis expulsit.

Die Holländer, die hier als Belgier bezeichnet werden, sind über den Verlust ihrer amerikanischen Kolonie nicht wirklich böse. Obgleich sie gerade mal wieder in einem Seekrieg mit den Engländern sind. Wir kennen das, ich schrieb schon in dem Post über ➱Samuel Pepys: seit der Admiral Tromp einen Besen an dem Großmast seines Schlachtschiffs befestigt hatte, um den Engländern zu zeigen, dass er sie aus dem Ärmelkanal fegen wollte, ist es mit der englischen Seeherrschaft nicht so weit her. Rule Britannia! Britannia rule the waves! kann man erst im nächsten Jahrhundert singen. Und ganz still und unauffällig, sozusagen hinter den Kulissen haben sich Holland und England dann geeinigt – die einen behalten Amerika, die anderen bekommen Surinam.

Der Duke of York kommandiert nicht nur die Royal Navy, er steht auch der Royal African Company vor, die wunderbar am Transatlantischen Sklavenhandel verdient. James wird unter dem Namen James II nach dem Tod seines Bruders König werden. Seine Stellung ist vom ersten Tag an unsicher. Denn da gibt es gleich die Monmouth Rebellion (lesen Sie dazu doch die Posts ➱Stuarts und ➱Monmouth, Theodor Fontanes Lied des James Monmouth wird da natürlich auch zitiert), und wenig später ist seine Herrschaft (die Macaulay als tyranny which approached to insanity bezeichnete) in England auch schon zu Ende. Man wirft ihn aus dem Land. Er verbringt den Rest seines Lebens in Frankreich. Frankieboys ➱New York, New York mit der Zeile If I can make it there, I’ll make it anywhere, hat er natürlich nicht gekannt. Er war nie in New York, er könnte bestenfalls mit Udo Jürgens singen: Ich war noch niemals in New York.

Sie wollen noch ein wenig Literatur zu dem Thema? Bitteschön: Robert C. Ritchie, The Duke’s Province: A Study of New York Politics and Society, 1664-1691 und Kenneth T. Jackson (ed), The Encyclopedia of New York City wären meine Empfehlungen. Das erste Buch ist etwas langweilig, aber der zweite Titel ist mit seinen 1.350 Seiten eine Fundgrube. 

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