von Kügelgen

Die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren für das Rheinland verhängnisvoll geworden. Unter den Hammerschlägen der Französischen Revolution begannen die Stützen des alten Staatenbaues zu sinken. Unordnung und wüster Streit erfüllten das schöne Land, und mancher Mann, der dort zu Hause war, entfremdete seiner Heimat. So auch mein Vater. Von Rom, wo er als Maler seine Studien beendet hatte, zog es ihn nicht zurück nach seinem Vaterlande, vielmehr wandte er sich infolge der Einladung eines Freundes dem Norden zu. Da lernte er in Reval meine Mutter kennen, gewann ihre Hand und zog mit ihr nach Petersburg, wo er viel Arbeit fand. So beginnt der Sohn des Malers Gerhard von Kügelgen seine Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Er neigt da am Anfang zur Übertreibung, sein Vater (der am 27. März 1820 starb) fand in St Petersburg nicht nur Arbeit, er machte da ein Vermögen. Die Zarenfamilie, die er malte, war spendabel. Dies hier ist kein russischer Graf, das ist Christian Friedrich, der Bruder des Malers ➱Caspar David Friedrich.

Dessen Lehrer und Freund Kügelgen gewesen ist. Wenn das Bild überhaupt von Kügelgen ist, es wird vielen Malern zugeschrieben: Kügelgen, Caspar David Friedrich selbst und einem Kopenhagener Maler namens C.Chr. A Böhndel. Es ist ein Bild, das ich liebe. Früher habe ich es jahrzehntelang jede Woche einmal im Kieler Schloß betrachtet, aber da hängt es leider nicht mehr, es ist mit der Sammlung der Stiftung Pommern nach Greifswald gewandert. Dies Bild von Kügelgen zeigt Alexander I als jungen Mann, konventionell gemalt. Aber nicht besonders gut, Franz Krügers ➱Bild von 1824 ist wesentlich besser. Franz Krüger, der Pferde-Krüger, hat ➱hier übrigens schon einen viel gelesenen Post.

Gerhard von Kügelgens Sohn Wilhelm ist auch Maler geworden. Vielleicht ein besserer als sein Vater. Aber man wird ihn wegen etwas anderem im Gedächtnis halten. 1924 schrieb der Herausgeber der Jugenderinnerungen eines alten MannesWenn der bescheidene, zurückhaltende alte Mann es wüßte, was seine Persönlichkeit jetzt, sechzig Jahre nachdem er schwach und krank im stillen Kügelgenhaus zu Ballenstedt mit Bienenfleiß an seinen „Jugenderinnerungen“ feilte, dem deutschen Volke bedeutet, und daß die Selbstbezeichnung, die er mit stiller Resignation und leiser Ironie prägte, ihm längst schon zum in Alldeutschlands Gauen volkstümlichen Ehrennamen geworden ist!! Es ist ein ein erstaunliches Buch (➱hier im Volltext), das die Lektüre immer noch lohnt.

In dem vorzüglichen Goethezeit Portal ist über das Buch zu lesen: Wilhelm von Kügelgens „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“, 1870 postum erschienen, anvancierten bis weit in die 1920-er Jahre zu einem wahren Kultbuch des deutschen Bürgertums. Der vermeintlich idyllische Rückblick auf eine scheinbar ‚besonnte Vergangenheit‘, wie die Autobiografie des ehemaligen Hofmalers und Kammerherrn des letzten Herzogs von Anhalt-Bernburg rezipiert wurde, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch nicht nur “als Bilderbuch alter Erinnerung”, sondern auch als Memorial des Todes, dem Toten-Gedenken und Todes-Gedanken zugleich eingeschrieben sind. Dabei wird deutlich, wie sehr Kügelgen seine “Genickblicke” kunstvoll ordnet und durchkomponiert. Wenn Sie den ganzen Artikel von Anton Philipp Knittel lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Und da ich gerade ich gerade bei der Familie von Kügelgen bin, möchte ich noch einen Kügelgen vorstellen, den Kieler Medizinprofessor ➱Alkmar von Kügelgen. Dessen Urgroßvater ein Vetter von Wilhelm von Kügelgen war. Den habe ich im Blog schon einmal erwähnt, als ich über ➱Dinkelacker Schuhe schrieb. Ich zitiere die Passage mal eben: Mein Gesprächspartner aus München war nach Kiel gekommen, weil er hier Medizin studiert und den Laden von ➱Kelly’s noch in guter Erinnerung hatte. Die Medizin besaß ja an der Kieler Universität einen guten Ruf. Vor ➱1970 war Kiel für viele die einzige Chance auf ein Medizinstudium. Weil da der berühmte Alkmar von Kügelgen (ein Nachfahre von dem Goethe-Kügelgen) lehrte. Und der beurteilte die Studienplatzbewerber nicht nach ihren Noten, sondern nach ihrer charakterlichen Eignung. Wenn jemand Geige spielte, wenn jemand gebildet war und ein interessantes Hobby hatte, spielten Schulnoten für Alkmar von Kügelgen keine große Rolle. Englische und amerikanische Spitzenuniversitäten haben bei der Auswahl ihrer Studenten immer ähnlich gehandelt. Viele, die nach ihrem Abizeugnis niemals hätten Medizin studieren können, bekamen in Kiel eine Chance. Sie sind genau so gute oder schlechte Ärzte geworden, wie die, die einen Notendurchschnitt von 1,0 hatten. Viele sind Alkmar von Kügelgen heute noch dankbar, er genoss bei der Studentenschaft (obgleich er ein strenger Prüfer war) großes Ansehen. Sein Schüler Eckhard Schiffer hat ihm in Der kleine Prinz in Las Vegas: Mit spielerischer Intelligenz den Herausforderungen unserer Zeit begegnen ein kleines Denkmal gesetzt.

Nach Alkmar von Kügelgen sollte derjenige, der Medizin studieren und ein tüchtiger Arzt werden wollte, als Junge ein Segelflugzeug gebastelt haben, in einer Kammermusikbesetzung Cello bis zum frühen Haydn gespielt haben und möglichst nicht sitzengeblieben sein. Das mag elitär klingen, ist aber nichts anderes, als ein Auswahlverfahren, das englische und amerikanische Universitäten schon immer bevorzugt haben. Gut, in Amerika kann man auch als football Star ein Stipendium bekommen (➱Tommy Lee Jones hat seins in Harvard wohl deshalb bekommen), aber das allgemeine Prinzip, dass man extracurricular activities bei Bewerbungen stark berücksichtigt, das gilt schon. Mein Bruder hat in keiner Kammermusikbesetzung Cello bis zum frühen Haydn gespielt, aber ein Hochseesegelschein und eine Radtour ganz um die britische Insel gaben im Gespräch mit Alkmar von Kügelgen den Ausschlag. Er ist sicher ein guter Arzt geworden, trotz der Defizite in Kammermusik.

Unser augenblickliches Bildungssystem, das von einer Bildungsministerin, die ihren Doktortitel dem gezielten Betrug verdankte, als Erfolgsgeschichte gerühmt wurde, lässt keinen Raum mehr für extracurricular activities. G-8 und BA-Studium sind das Ende der Bildung. Es ist schade, dass es Menschen wie Alkmar von Kügelgen nicht mehr gibt. Vielleicht wäre es Zeit für eine Rückbesinnung. Und damit der Schluss (hier illustriert durch Kügelgens Allegorie der Trauer) nicht zu pessimistisch ausfällt, habe ich noch eine kleine Anekdote, die sich in Oxbridge zugetragen haben soll. Ein gelangweilter Professor gibt einem Kandidaten bei einem Prüfungsgespräch eine Aufgabe. Sagt Surprise me! und setzt sich dann hinter sein Pult und beginnt, in der mitgebrachten Sunday Times zu lesen. Der Kandidat schaut sich das einen Augenblick an, geht dann leise nach vorne und zündet die Sunday Times an.

Alle Bilder (bis auf das Selbstportrait von Wilhelm von Kügelgen) sind von dem Maler Gerhard von Kügelgen.

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