Drachenfels

Im April 1816 verließ Lord Byron England zu einer Grand Tour. Er sollte seine Heimat nie wiedersehen. Die Reise mit der Kutsche (lesen Sie ➱hier mehr dazu) führte ihn als erstes zum Rhein, den Rhein lieben die Engländer. Unser deutschester Fluss – Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein? – wird in den 1820er Jahren fest in der Hand englischer Touristen sein. Lord Byrons Zeilen über den Drachenfels in Childe Harold’s Pilgrimage haben sicherlich dazu beigetragen. Auch ➱William Turner (hier sein Rheinfall in Schaffhausen) ist immer wieder hier gewesen. Die Rheinromantik ist inzwischen dank Büchern wie Ursprünge der Rheinromantik in England von Gisela Dischner eine gut erforschte Sache.

Die Grand Tour sowieso. Sie könnten jetzt einmal Grand Tour in das kleine Suchfeld oben links eingeben und alles lesen, was Sie da finden. Am besten fangen Sie mal mit dem Post ➱Ästhetik an. Noch besser wäre es natürlich, wenn Sie von Christopher Hibbert The Grand Tour lesen würden. Hibbert, über den die Times sagte: probably the most widely-read popular historian of our time and undoubtedly one of the most prolific ist nie ein Professor gewesen (einen Ehrendoktor hat er aber mal erhalten), das sagt eigentlich alles über Professoren.

Gut erforscht ist auch die deutsche ➱Italiensehnsucht (lesen Sie im ➱Goethezeitportal mehr dazu). Seit Johann Jakob Volkmann in seinem Italienhandbuch Historisch-Kritische Nachrichten aus Italien schrieb: Ein Reisender, der feine Empfindung genug hat, um durch die Schönheiten, woran die Natur in Italien so reich ist und welche die Kunst weit übertreffen, gerührt zu werden, der trifft in diesem Lande eine Menge von Szenen an, welche ihm die größte Abwechslung darbieten, sind ganze Generationen von Deutschen nach Italien gepilgert.

Was mit Goethes italienischer Reise anfängt, hört vielleicht mit ➱Rolf Dieter Brinkmann auf, der voller Hass nach den zwei Jahren in der Villa Massimo in Rom sagte: Dieses Arkadien ist die reinste Lumpenschau. Seien es die modischen Lumpen oder die antiken Lumpen, ein Mischmasch, das so weit von Vitalität entfernt ist. Tatsächlich, das Abendland gibt nicht nur unter – es ist bereits untergegangen, und nur einer dieser kulturellen Fabrikanten taumelt noch gefräßig und unbedarft herum, berauscht sich an dem Schrott.

Zwischen diesen Positionen liegt noch die deutsche deutsche Begeisterung für Italien in den fünfziger Jahren, die ➱Carl Borgward in Bremen seine Automodelle Isabella und Arabella taufen und die Nation die ➱Caprifischer oder ➱Komm‘ ein bisschen mit nach Italien singen lässt. Und dann ist da auch noch die deutsche Begeisterung für die italienische ➱Mode, die eines Tages deutsche Hersteller bewegen wird, sich Atelier TorinoMario BaruttiBruno Banani oder Sartoria zu nennen.

Die lichtdurchfluteten Italienbilder auf dieser Seite (mit Ausnahme von Turners Rheinfall und Sir John Charles Robinsons Drachenfels) sind von dem deutschen Maler Albert Flamm, der am 9. April 1823 in Köln geboren wurde. Er hatte zuerst Architektur studiert und war dann Maler geworden. Italien ist sein großes Thema, aber er hat noch ein zweites Thema: seine Heimat am Rhein. Er ist nicht der erste deutsche Maler, der den Rhein entdeckt, über Johann Adam Ackermann zum Beispiel habe ich ➱hier schon einmal geschrieben (zu meinem Erstaunen ist das ein vielgelesener Post, der es bei Google auf Platz drei der Ergebnisse gebracht hat).

Mit diesem schönen Blick auf das Siebengebirge von Albert Flamm  komme ich wieder auf den Rhein zurück. Und auch wieder zu Lord Byron. Er ist nicht der erste, der den Drachenfels besingt, aber wohl der berühmteste. Thomas Cook, der eines Tages den britischen Rheintourismus organisiert, wird ihm ewig dankbar sein. Heute trägt ein scheußlich aussehender ➱Ausflugsdampfer den Namen Lord Bryon. Die Zeiten des empfindsamen Individualtourismus sind lange vorbei.

Was die Fahrt auf dem Rhein betrifft, kann ich sogar mitreden. Unsere Schule spendierte uns in der Oberstufe eine mehrwöchige Studienreise nach Köln, Mainz und Trier, und natürlich stand eine Fahrt mit dem Rheindampfer von Köln nach Mainz auf dem Programm. Wir teilten uns das Schiff mit zwei Busladungen älterer Amerikanerinnen. Alle in sommerlichen Blümchenkleidern. Mit Strohhüten. Als der Kapitän über Lautsprecher verkündete, dass wir gleich die ➱Lorelei passieren würde und dazu eine schauerlich krächzende Version von Ich weiß nicht, was soll das bedeuten auflegt, schesten zwei Busladungen amerikanischer Ommas nach Backbord. Ich hatte damals Angst, die Lorelei würde wieder ihre Opfer einfordern.

Byrons Abreise aus England war einer Flucht gleich gekommen. Der Lord ist ja immer auf der Flucht, vor seinen Gläubigern, vor der Langeweile oder vor den Frauen. Jetzt flieht er vor den Gerüchten, dass die Tochter seiner Halbschwester Augusta sein Kind ist. In Brüssel bleibt er länger, die Kutsche von Charles Baxter streikt: You will be surprised that we are not more ‚en avant‘, and so am I, but Mr. Baxter’s wheel and springs have not done their duty, for which I beg that you will abuse him like a pickpocket (that is — He — the said Baxter being the pickpocket) and say that I expect a deduction. Er hat gut reden, er hat dem Kutschenbauer Baxter noch keinen Shilling von der geforderten Summe von 500 Pfund bezahlt. Er wird die Kutsche übrigens nie bezahlen.

Engländer als ➱Touristen müssen sich immer ➱beklagen; wenn es nichts anderes gibt, dann über die anderen Engländer. So schreibt Horace Walpole: There are swarms of English here, but most of them are going, to my great satisfaction. As the greatest part are very young, they can no more be entertaining to me than I to them, and it certainly was not my countrymen that I came to live with. Byrons Briefe und Aufzeichnungen aus dem April 1816 geben nicht viel her. Er besucht das Schlachtfeld von Waterloo (und trauert dem einst verehrten Napoleon nach) und alle Kirchen und Kunstgalerien in Brüssel. In Köln hat er ein Techtelmechtel mit dem Stubenmädchen eines Hotels. Im Mai ist er schon in Italien. Während er in Belgien und Deutschland den Touristen spielt, der die Bilder von Rubens scheußlich findet, arbeitet es in ihm. Da fängt der Tourist auf der Flucht vor Gläubigern, Frauen und Skandalen an, sich in den empfindsamen Wanderer Childe Harold (Self-exiled Harold wanders forth again, With naught of hope left) zu verwandeln.

Unter dem Lichte Italiens reift er zu dem großartigen Dichter, den wir kennen. Er hatte schon 1812 nach der Veröffentlichung der ersten beiden Cantos (➱hier das ganze Werk im Volltext) sagen können: I awoke one morning and found myself famous. Doch die ersten beiden Cantos waren nur der Grundstein für das, was jetzt noch kommt. Und im dritten Canto bekommt auch der Rhein eine Bedeutung:

Away with these; true Wisdom’s world will be 

Within its own creation, or in thine, 

Maternal Nature! for who teems like thee, 

Thus on the banks of thy majestic Rhine? 

There Harold gazes on a work divine, 

A blending of all beauties; streams and dells, 

Fruit, foliage, crag, wood, corn-field, mountain, vine, 

And chiefless castles breathing stern farewells 

From grey but leafy walls, where Ruin greenly dwells.

Für so prosaische Dinge wie das Zimmermädchen in Köln ist natürlich in dieser Welt kein Raum, für Schönheit der Landschaft und Liebesempfindungen schon. Besonders, wenn er die Ruine auf dem Drachenfels (dies ist ein Gemälde von Sir John Charles Robinson, der die ➱Kunstsammlung des ➱South Kensington Museum aufbaute) beschreibt. Da vermischen sich Liebesgefühle und Landschaftsbeschreibung, die Sache mit seiner Halbschwester Augusta ist offensichtlich noch nicht zu Ende. The lines on Drachenfels originally addressed to you, schreibt er ihr 1817 aus Venedig. Das soll sie nie vergessen:

The castle crag of Drachenfels

Frowns o’er the wide and winding Rhine,

Whose breast of waters broadly swells

Between the banks that bear the vine,

And hills all rich with blossom’d trees,

And fields which promise corn and wine,

And scatter’d cities crowning these,

Whose far white walls along them shine,

Have strew’d a scene, which I should see

With double joy wert thou with me.


And peasant girls, with deep blue eyes,

And hands which offer early flowers,

Walk smiling o’er this paradise;

Above, the frequent feudal towers

Through green leaves lift their walls of gray;

And many a rock which steeply lowers,

And noble arch in proud decay,

Look o’er the vale of vintage-bowers;

But one thing want these banks of Rhine,

– Thy gentle hand to clasp in mine!


I send the lilies given to me;

Though long before thy hand they touch,

I know that they must wither’d be,

But yet reject them not as such;

For I have cherish’d them as dear,

Because they yet may meet thine eye,

And guide thy soul to mine even here,

When thou behold’st them drooping nigh,

And know’st them gather’d by the Rhine,

And offer’d from my heart to thine!


The river nobly foams and flows,

The charm of this enchanted ground,

And all its thousand turns disclose

Some fresher beauty varying round:

The haughtiest breast its wish might bound

Through life to dwell delighted here;

Nor could on earth a spot be found

To nature and to me so dear,

Could thy dear eyes in following mine

Still sweeten more these banks of Rhine!

 

Über jay

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