Ostern

Ich sah dieses tolle Bild (wir denken uns mal eben Ostereier statt der Äpfel in den Korb) im Blog, der ➱Weimar heißt. Den ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit gerne empfehle. Nicht, weil ich da in der Blogroll zu finden bin, sondern weil dies einer der interessantesten Blogs im Netz ist. Ein erstaunliches Bild, sieht auf den ersten Blick aus wie die Neue Sachlichkeit der zwanziger und dreißiger Jahre – oder vielleicht doch eher wie der Magische Realismus? Denn dies ist keine normale Apfelernte, kein déjeuner sur l’herbe. 

Der englische Kunsthistoriker Timothy Wilcox schreibt in Day in the Sun: Outdoor Pursuits in the Art of the 1930s, einem wirklich originellen Buch über die Kunst der dreißiger Jahre in England, über dieses Bild: The image of the happy courting couple receives an unexpected twist in this painting, as the girl, provocatively toying with a daisy, seems to make herself available to anyone but the boy she is with. Die ländliche Idylle trügt. Wie Frauenherzen. Wir nehmen mal an, dass der junge Mann (hier eine Aquarellversion des Bildes), im Geiste die Blätter zählt: sie liebt mich, sie liebt mich nicht.

Das Gänseblümchen, die ewige Schönheit (Bellis perennis) das hier so prononciert in der Bildmitte ist, heißt im Englischen daisy, was wahrscheinlich von day’s eye kommt (bei ➱Chaucer heißt die Blume eye of the day). Es gibt zu daisy auch ein Lied, das in England im Jahre 1933, als das Bild gemalt wurde, sicher jedermann kannte. Das Lied ist schon über hundert Jahre alt, und seit mehr als einem halben Jahrhundert kenne ich es auch. Weil uns unser Englischlehrer ➱James Tröbs all diese schönen Dinge beigebracht hat, die der Engländer einmal liebte. Wie ➱P.G. Wodehouse oder The Wind in the Willows, wie ➱The ash grove how graceful, how plainly ‚tis speaking oder eben ➱Daisy Bell:

Daisy, Daisy, give me your answer, do, I’m half crazy all for the love of you. It won’t be a stylish marriage I can’t afford the carriage But you’d look sweet on the seat Of a bicycle built for two.

Das Lied spielt auch in dem Roman Sommer in Lesmona eine große Rolle (zu dem Buch gibt es ➱hier schon einen Post), denn diesen Schlager bringt der junge ➱Percy – in den sich die Heldin des Romans unsterblich verliebt – aus London mit. Ich hätte ja jetzt den Text des Liedes als Gedicht des Tages verkaufen können, aber es sollte an Ostern doch etwas mehr sein. Nun hatte ich das schöne, rätselhafte Bild mit dem Titel Amity von Bernard Fleetwood-Walker (dies Filmplakat von Das Gänseblümchen wird entblättert konnte ich natürlich nicht auslassen), hatte aber noch kein Ostergedicht. Ich wollte ja auch nichts nehmen, was schon jeder kennt.

Wenn ich zu Ostern anfange, Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick aufzusagen, bekomme ich bei Bekannten und Freunden sofort Redeverbot. Wofür hat man das eigentlich auswendig gelernt? Also schaute ich mich bei dem amerikanischen Dichter ➱Andrew Hudgins um, den ich ja schon häufiger zitiert habe. Und da fand ich ein ganz wunderbares Gedicht. Es heißt Princesses, es steht in seinem neuesten Gedichtband, der Clown at Midnight: Poems heißt:

Bright eggs lambent in their baskets, they changed

to princesses again, surpassing now

a reverie of Easter, their satin and sateen

belilaced, enrosed, and daisey-ed among the yellow

resurrected dandelions.

                                           ‚Me next!

Me next‘ they ordered, as on my knee I bounced

each beauty, beating hoof beats on my thighs

and assuring one, two, and three they were beautiful,

until I boosted the fourth onto the tiring legs

of Uncle Horse. Gobbets of chocolate

blotted her chin and cotton violets.

Ire stiffened her overbite, and I was slow to lie.

‚You didn’t say I was beautiful!‘ she blurted.

The thunderbolt face of a sunburnt mother turned

‚Of course you’re beautiful!‘

                                             ‚Tell me again!‘

The frantic horse began to gallop. ‚You’re beautiful‘.

‚Again!‘

              ‚Be You Tee Full,‘ I sang.

                                                      ‚Again.‘

Hoof beats, feigned hoof beats, carried us away —

lie, liar, and the undeceived,

abandoning the princesses to beauty.

Ich wünsche all meinen Lesern ein gesegnetes Osterfest. Mögen Sie nicht in diese Lage kommen, in der sich der Sprecher des Gedichts Princesses befindet. Oder in die des Begleiters der jungen Dame auf dem Bild von Bernard Fleetwood-Walker. Aber vielleicht sind unsere Vorahnungen da ja unberechtigt, vielleicht sieht es mit den beiden in wenigen Jahren ja so aus:

Das Bild ist natürlich auch von Bernard Fleetwood-Walker. Diesmal ist ein ein Selbstportrait des Künstlers mit seiner ersten Frau Marjorie White (Mickey) und seinen beiden Söhnen Colin und Guy in Polperro in Cornwall. Seite Frau ist wenige Jahre nach Fertigstellung dieses Bildes gestorben. Alle Bilder des interessanten Malers Bernard Fleetwood-Walker können Sie auf ➱dieser Seite anschauen. Andrew Hudgins‘ Gedichtbände müssten Sie sich schon kaufen. Wenn Sie ihn bei einem Vortrag über das Handwerk des Dichters auf der Sewanee Writers‘ Conference erleben wollen, klicken Sie ➱hier.

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