Sir John Henry von Schroder

Die Zahl der Deutschen ist so enorm groß, daß man mitunter auf heimathlichem Boden zu sein glaubt und sich wundert, daß nicht auch die Schilder der Kaufläden deutsche Inschriften tragen. Fast nur die Kinder und die Constabler, allenfalls auch noch die Kutscher sprechen englisch; wogegen man jeden Kellner, jeden Commis, jeden Handwerker – namentlich bestimmte Professionen – und jeden Menschen mit unrasirtem Kinn (dies ist das Hauptkennzeichen) deutsch anreden und einer deutschen Antwort gewiß sein kann. Die City ist eine deutsche Handelsstadt wie Hamburg oder Bremen, die eine Hälfte ist deutsch, die andere spricht es wenigstensWer heut zu Tage ein gereister Mann sein will, muß in China Thee getrunken und ächte Nanking-Hosen getragen haben; muß in Australien Goldbuddler und in Califomien ausführendes Mitglied der Lynchjustiz gewesen sein; muß die Größenunterschiede eines Patagoniers und Lappländers aus Anschauung kennen und die Guano-Inseln im stillen Ocean durch einen tüchtigen Beitrag bereichert haben. Wer weniger gesehn hat, kann gleich lieber ruhig zu Hause bleiben und wenn mal renommiert werden soll, sich umgekehrt damit brüsten: nie über Rixdorf hinausgekommen zu sein.

Das schreibt Theodor Fontane in London in sein Tagebuch. Das Bild Londons sieht heute wohl anders aus. Die gelben ➱Nanking Hosen (die noch in ➱Büchners Leonce und Lena auftauchen) werden nicht mehr getragen. Und deutsch spricht man da auch nicht mehr.

Aber wir müssen für einen Augenblick in Fontanes Zeit zurück, als Bremer und Hamburger Handelsherren in London ein Vermögen machten. Wie dieser Sir John Henry Schroder aus Hamburg, den die Königin Victoria zum Baronet ernannt hat. Den Titel eines preußischen Freiherrn hat er auch noch. John Henry Schroder hat eine Bank in London, die sein Vater Johann Heinrich Schröder (Bild) gegründet hatte. Es ist nicht die einzige deutsche Bank in London. Seit den Tagen der Hanse, als die Kaufleute ihren Stalhof hatten, hat es immer wieder deutsche Kaufleute und Bankiers in London gegeben. Die Barings aus Bremen kamen schon im 18. Jahrhundert, die haben seit dem Bankenskandal heute einen schlechten Ruf, deshalb lassen wir die mal weg. Aber angesichts der deutschen Invasion von London verdient es festgehalten zu werden, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Kapital, über das ein Deutscher im British Museum schreibt, fest in der Hand von deutschen merchant bankers und Privatbankiers ist: Baring, Frédéric Erlanger, Frühling & Göschen, Frederik Huth, Rothschild und John Henry von Schroder.

Johann Heinrich Schröder (später von Schröder) ist in Hamburg kein Unbekannter, er hatte im 19. Jahrhundert das Schröderstift für Personen höheren Standes, die dessen bedürfen und unverschuldet in Not geratene Frauen gegründet. Hat ihn eine Million Banko gekostet. Geld ist offensichtlich genügend da. Dies hier ist nicht das von Christian Frederik Hansen gebaute Wohnhaus an der Elbchaussee (das leider abgerissen wurde), dies ist nur ein ein Stallgebäude. Und ein Schloss in Meck-Pomm besitzt man auch noch, aber Groß Schwanensee und das Haus in Othmarschen sind nur für den Sommer. Eigentlich wohnt man in den Großen Bleichen. Der Handel mit Zucker, Baumwolle, Kaffee und Indigo und Bank in London (und die Zweigstelle in Liverpool) bringen das Geld herein, das überläßt er seinem Sohn. Er widmet sich der Familie und den guten Werken. Er wird beinahe hundert Jahre alt werden.

Die englische Königin hat seinen Sohn nicht nur zum Baronet gemacht, sie hat ihm auch den Royal Victorian Order verliehen. Den bekommt nicht jeder, da muss man schon dem britischen Monarchen persönlich gedient haben. Aber das stand schon in der Begründung für die baronetcy, sie sei verliehen as a mark of personal friendship and esteem, and for the help he had given to the household on matters of finance and accounting. Ein Satz, den Bankiers wie Kopper, Breuer oder Nonnenmacher nie hören werden. Schröder hat neben dem Preußischen Kronenorden und dem RVC noch einen Orden, der ihm viel mehr bedeutet als die anderen. Und das ist die Victoria Medal of Honour der Royal Horticultural Society. Er züchtet Orchideen und gewinnt alle Wettbewerbe. Eine südamerikanische Cattleya Art wird zu Ehren seiner Gattin von Heinrich Gustav Reichenbach als Cattleya schroederae benannt.

Schröder erwirbt für sich und seine Frau ein Haus außerhalb Londons, das The Dell heißt. Das Haus aus der Zeit Shakespeares wurde von ihm zu einem repräsentativen Landsitz ausgebaut, architektonisch gibt es in dieser Zeit Schlimmeres. Aber auch Schöneres, wenn man an die Arts & Crafts Bewegung und Architekten wie Charles Voysey denkt. Der Landsitz war bis in die 1980er Jahre in Familienbesitz. Heute ist The Dell ein Hotel, das Savill Court Hotel heißt und einer Hotelkette namens Macdonald gehört. Das Haus seines Vaters (Große Bleichen 21), das einst der Bekannte von Goethe Johann August Arens gebaut hatte, ist heute auch ein Hotel. Die Bank, die Sir John Henry Schroder reich machte, gibt es immer noch.

Die Schröders tun gute Werke, wie so viele Kapitalisten des 19. Jahrhunderts. Der Baronet of The Dell baut kurz vor seinem Tod für die deutsche Gemeinde in London diese Kirche in Knightsbridge. Er finanziert nicht nur eine Kirche in London, er unterstützt auch das Deutsche Hospital in Hackney und stiftet 1909 einen nach ihm benannte Professur an der Universität Cambridge. Die hat zur Zeit Nicholas Boyle inne, von dem wir hoffen, dass er endlich den dritten Band seiner Goethe Biographie fertigstellt. Das alles ist schön und gut, aber es würde mich nicht weiter interessieren (auch seine riesige ➱Sammlung von Gold- und Silberschmiedearbeiten interessiert mich nicht so sehr), wenn dieser Londoner Hamburger nicht noch andere Interessen hätte. Ich kenne ihn sonst nur aus den Briefen von Lichtwark. Und weil ich 1984 in der Ausstellung Ein Hamburger sammelt in London in der Hamburger Kunsthalle war.

Wenn ich ehrlich sein soll: es war furchtbar. Der Mann hat viel Geld aber keinen Geschmack. Und mit dem Wort Geschmack sind wir schon mittendrin im Thema. In einem Nachruf auf den stellvertretenden Direktor der Hamburger Kunsthalle Helmut R. Leppien, der damals die Ausstellung gemacht hatte, schrieb Peter-Klaus Schuster: Zugleich aber, und je länger er an der Hamburger Kunsthalle als stellvertretender Direktor diente, desto mehr respektierte Leppien die hohe Weisheit jener Maxime Alfred Lichtwarks: 

„Aber ein Museum hat es ja zum Glück nicht mit dem Tagesgeschmack zu tun.“ Beim Gang durch die von ihm eingerichtete Ausstellung der Freiherr J. H. von Schröder-Stiftung mit bürgerlicher und zumeist englischer Kunst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die komplett der Hamburger Kunsthalle gestiftet wurde, räsoniert Leppien mit Demut vor dem Ewigkeitsatem des Museums, der alle unsere noch so gut gemeinten Anstrengungen relativiert: 

„Können wir mit dem Freiherrn von Schröder rechten, dass er ein Kind seiner Zeit war, dass er die glänzenden Virtuosen mehr als die Außenseiter schätzte, die oft der Kunst seiner Zeit neue Wege öffneten? Ist es sinnvoll oder müßig festzustellen, dass sich in seiner Sammlung keine Bilder von Courbet oder von Manet befinden? Zumindest müsste man hinzufügen, dass er auch keine Bilder von Frederick Leighton und Adolphe William Bouguereau – Halbgötter seiner Zeit – besessen hat.“ Und hoffte zugleich nicht ohne Bescheidenheit, „dass das, was wir heute an Kunstwerken unserer Zeit erwerben, dermaleinst mit Anstand bestehen wird. Wir sammeln, was uns von der heutigen Kunst als wesentlich erscheint. Dabei haben wir Lichtwark im Ohr: ‚Aber wir können ja keinen Wechsel auf die Zukunft ausstellen‘.“ 

Die drei Bilder, die ich in den Text oben eingefügt habe, sind Bilder aus der Sammlung von 63 Bildern, die der Londoner Millionär seiner Vaterstadt Hamburg geschenkt hat. Hier ist noch eins davon, ein Alma Tadema, ein Maler, den Schröder persönlich kannte und schätzte. Auch ➱Hubert von Herkomer, der ihn und seine Gattin portraitierte, zählte zu seinem Bekanntenkreis. Die drei letzten Abbildungen passen in ein Schema, irritierend bleibt die Frage: warum hat er den Corot gekauft? Ary Scheffers Francesca und Paolo im Wirbelsturm (oben) läßt sich vielleicht noch rechtfertigen, weil der Louvre und die Wallace Collection auch eine Version des Bildes besitzen.

Im Jahre 1910, kurz vor dem Tod von Schröder, besichtigt Alfred Lichtwark die Sammlung und schreibt an die Kommission der Hamburger Kunsthalle: Gestern Abend habe ich die Sammlung gesehen. Ich bin erstaunt, wie viele ausgezeichnete Dinge sie enthält, die zugleich unsere Sammlungen aufs erfreulichliste ergänzen. Fügt aber dieser Begeisterung gleich ein einschränkendes Englische Künstler fehlen freilich ganz. Auch die Turner und Gainsborough oder Constable, von denen gesprochen wurde hinzu. Wenn man schottische Schafe mag, dann ist dieser Weidewechsel von Rosa Bonheur aus dem Jahre 1863 sicherlich sehr hübsch.

Aber Lichtwark weiß auch, dass es bessere Gemälde gibt. Jérômes Gebet in Kairo kommt für ihn nicht gegen die Meissoniers auf, von denen Schröder allein sechs besitzt. Er schließt seinen Brief mit den Sätzen: Das Ganze ist eine wirkliche Bereicherung unseres Museums, wenn auch der Geschmack sich von einigen der Hauptmeister gegenwärtig abgewandt hat oder ihnen doch kühler gegenübersteht. Aber ein Museum hat es ja zum Glück nicht mit dem Tagesgeschmack zu tun. Wenn wir aussondern – es ist nicht viel – was der Sammlung als Ganzes nicht bekommt, bleibt immer noch ein stolzer Kern.

Man hat Bilder ausgesondert, manche auch verkauft. Man hat auch manche der von Lichtwark geschätzten Meissoniera ins Magazin verbannt, aber Ernest Meissoniers Portrait des Sergeanten hat man nie in den Keller getan. Es ist immer noch ein Prunkstück der Kunsthalle. Die Impressionisten haben Meissonier verspottet, aber er hatte seine große Zeit. Er war Salonmaler, Genremaler, Schlachtenmaler. Er hat Napoleon III nach Solferino begleitet und war 1870 als Oberst der Nationalgarde bei der Verteidigung von Paris dabei. Ernst Fischer hat über die Schlachtenbilder den köstlichen Satz gesagt: Ernest Meissonier, dessen elegante Schlachtenbilder so aussahen, als habe Venus den Mars frisiert. 1867 hatte Meissonier Adolph Menzel kennengelernt, erstaunlicherweise schätzten sich die beiden Herren.

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat vor wenigen Jahren in der Hamburger Kunsthalle (im Rahmen einer Vortragsreihe, in der Schriftsteller über ihre Lieblingsbilder reden konnten) einen Vortrag über das Bild gehalten. Ich nehme einmal an, dass er da das gleiche gesagt hat, was in seinem Buch Als das Reisen noch geholfen hat: Von Büchern und Orten steht. Die einzelnen Beiträge der Vortragsreihe, in der Schriftsteller über ihre Lieblingsbilder reden konnten, gibt es inzwischen unter dem Titel Erstaunliche Einsichten: Schriftsteller über Bilder in der Hamburger Kunsthalle auch als ➱Buch.

Die Leser, die meinen Blog regelmäßig lesen, wissen, dass ich die Bilder (die beinahe alle aus den 1850er und 1860er Jahren stammen) aus der Sammlung des Baronets nicht in mein imaginäres Museum aufnehmen würde. Im Jahre 1863, dem gleichen Jahr, in dem Rosa Bonheur ihre Schafe malt, stellt Alexandre Cabanel diese marzipanschweinchenrosa Venus aus.

Man nimmt an, dass das Bild Manet dazu bewegt hat, sein Déjeuner sur l’herbe zu malen (also mal abgesehen von der nett kopierten Gruppe aus ➱Raffaels Urteil des Paris). Das Bild hieß ursprünglich Le bain, aber eigentlich hatte Manet es La Partie carée nennen wollen. Was, wie Liebhaber des französischen Pornofilms wissen, so etwas wie Der flotte Vierer heißt. Das Publikum fand das Bild pornographisch. Aber Manet hatte es ja auch darauf angelegt, wie Antonin Proust berichtet: Frauen badeten, Manet blickte gebannt auf das Fleisch derjenigen, die aus dem Wasser stiegen. ‚Es scheint‘, sagte er zu mir, ‚dass ich einen Akt malen muss. Nun, ich werde ihnen einen Akt machen. Man wird mich verreißen. Soll man sagen, was man will! Der Pariser Salon lehnte das Bild ab, es landete im Salon des Refusés. Ist dort auch in besserer Gesellschaft.

Das Bild von Manet hätte Schröder nie gekauft. Was hätte da sein Nachbar Prinz Christian von Schleswig-Holstein von ihm gedacht? Aber ist Cabanels Venus oder Jérômes Phryne vor dem Areopag (die Schröder besaß) weniger pornographisch? Leppiens Frage Können wir mit dem Freiherrn von Schröder rechten, dass er ein Kind seiner Zeit war, dass er die glänzenden Virtuosen mehr als die Außenseiter schätzte, die oft der Kunst seiner Zeit neue Wege öffneten? Ist es sinnvoll oder müßig festzustellen, dass sich in seiner Sammlung keine Bilder von Courbet oder von Manet befinden? können wir nicht beantworten.

Lichtwark sagte den Mitgliedern für die Kommission der Verwaltung der Hamburger Kunsthalle: Aber ein Museum hat es ja zum Glück nicht mit dem Tagesgeschmack zu tun. Er muss ihnen die Schenkung mundgerecht machen, deshalb redet er die Bilder schön. Wenn er nicht als Beschenkter, sondern als Einkäufer in England wäre, würde er die dreiundsechzig Bilder wohl nicht mitgenommen haben. Diesen Achenbach hätte er allerdings bestimmt genommen. Ich auch.

Aber wir können ja keinen Wechsel auf die Zukunft ausstellen, der Satz Lichtwarks läßt manche Museumsdirektoren schlecht schlafen. Haben sie das Richtige gekauft? Wir wollen keine Hochrechnungen anstellen, was man in hundertfünfzig Jahren zu heute gepriesenen Künstlern sagen wird. Wahrscheinlich wird man über Neo Rauch ähnlich spotten, wie wir das heute über Ludwig Knaus‘ Leierkastenmann tun. Kaufen Sie lieber keine Neo Rauchs, kaufen Sie die Maler, die Jay empfiehlt! Wenn Sie oben auf der Seite ➱nixwiekunst anklicken, kommen Sie in einen Blog, in dem Sie alle Kunstartikel aus diesem Blog gebündelt finden. Suchen Sie sich in Ruhe ihre Lieblingskunst aus.

Lesen Sie auch: ➱William Etty, ➱Aktmalerei und ➱Spätrömische Dekadenz.

 

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