limited and abstracted art

My limited and abstracted art is to be found under every hedge and in every lane, and therefore nobody thinks it worth picking up; but I have my admirers, each of whom I consider an host, schreibt er an Charles Robert Leslie. John Constable, der heute Geburtstag hat, ist von Beginn an in diesem Blog gewesen.

Ich war gerade mal zwei Monate lang Blogger, als ich ➱John Constables Wolken schrieb (und als ich später einen Blog unter der Adresse ➱nixwiekunst einrichtete, schmückte ich die Seite natürlich mit Constables Wolken). Das damals in dem Post erwähnte Buch von Kurt Badt ist trotz intensiven Suchens bisher nicht wieder unter meinen Büchern aufgetaucht. Auf jeden Fall nicht da, wo es stehen sollte. Dafür steht zumindest das Buch John Constable’s Skies: A Fusion of Art and Science von John E. Thornes (das dort und in dem Post ➱Himmel erwähnt wird) an seinem Platz. Der letzte Post, den ich zu Constable schrieb, segelte ein wenig unter falscher Flagge, da er ➱Reynolds heißt. Es lohnt sich aber schon, den zu lesen.

Constable, dem Benjamin West als jungem Mann den Rat gegeben hatte Always remember, sir, that light and shadow never stand still…in your skies… always aim at brightness…even in the darkest effects…your darks should look like the darks of silver, not of lead or of slate, hat lange gebraucht, bis die Engländer seine limited and abstracted art akzeptierten. In Frankreich hätte er schneller berühmt und reich werden können, aber er ist nicht nach Paris gefahren: I would rather be a poor man here than a rich man abroad. I am neither an ambitious man, nor a man of the world. Der französische Schriftsteller Charles Nodier, der in der Royal Academy Bilder von Constable gesehen hatte, schrieb It is water, air and sky; it is Ruysdael, Wouvermans or Constable. Den Namen des Malers Constable kennt man in Frankreich früher als in England, die Maler Eugène Delacroix und Paul Huet, werden alles tun, um den Ruhm des unbekannten englischen Landschaftsmalers zu fördern. Am Ende des Pariser Salons von 1824 verleiht der letzte Bourbonenkönig ihm eine Goldmedaille.

Die Engländer beeindruckt das nicht. Der Kunstpapst ➱John Ruskin schreibt über Constable: And it would tie unjust to English art if I did not here express my regret that the admiration of Constable, already harmful enough in England, is extending even into France. There was, perhaps, the making, in Constable, of a second or third-rate painter, if any careful discipline had developed in him the instincts which, though unparalleled for narrowness, were, as far as they went, true. But as it is, he is nothing more than an industrious and innocent amateur blundering his way to a superficial expression of one or two popular aspects of common nature.

Und dann heißt es irgendwo bei Ruskin auch noch His works are also eminently wanting both in rest and refinement. John Constable musste zweiundfünfzig Jahre alt werden, bis ihn die Royal Academy als Vollmitglied aufnahm. Constable wird 1776 geboren, in dem Jahr sagen sich die amerikanischen Kolonien von ihrem Mutterland los, James Cook bricht zu seiner letzten Weltumseglung auf und Adam Smith schreibt An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Die Industrial Revolution, die das ländliche England bedroht, das Constable malt, hat längst begonnen. Die Romantik auch.

Das 18. Jahrhundert ist in diesem Blog immer wieder erwähnt werden. Dieser kleine Post heute soll darauf vorbereiten, dass demnächst ganz viel zur Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts stehen wird. Und mit ganz viel meine ich auch ganz viel. Ich sollte vielleicht nicht vergessen, die neueste Biographie von Anthony Bailey zu erwähnen. Der hat schon einige Biographien über Maler geschrieben, seine William Turner Biographie Standing in the Sun hat knapp den James Tair Black Memorial Prize verpasst. Und Vermeer: A View of Delft landete nur auf dem zweiten Platz der Whitbread Book Awards. Das will in England viel heißen.

Die Biographie John Constable: A Kingdom of His Own (man kann ➱hier hineinschauen) bietet nichts sensationell Neues, Constables Leben ist, wenn man so will, ein offenes Buch. Seit den Büchern von Charles Robert Leslie (1843 – ➱hier im Volltext) und Sir Charles J. Holmes (1902) ist nicht so furchtbar viel geschehen. Aber es ist die Art und Weise, wie Bailey das Leben von Constable präsentiert, die das Buch zu einem Leseerlebnis macht. Weil Bailey nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch ein Erzähler ist. Ich zitiere einmal als Appetithäppchen den Anfang von John Constable: A Kingdom of His Own, mit dem wir in wenigen Sätzen in Constables Welt versetzt werden:

The lane slopes gently from the village to the river, grassed ridge in the middle and wheel-ruts to either side with muddy spots and slithery patches. Gravity makes the feet go faster. On the right the trees in the lane-side hedge are thinning out. Dark furrows in the ploughed field beyond create long converging lines before vaninishing together in the early morning sun. A pheasant whirrs off over a fence to a pasture where cattle are grazing. A bird’s nest can be seen; the hedge needs re-laying. The leaves have begun to turn and the last blackberries look dry and dusty. For a moment a prospect opens along the broad valley westward and the grey tower of Stratford church comes into view, marking what is still the highway – Colchester south, Ipswich north, outposts of the metropolitan world. 

Was hier beschrieben wird, ähnelt einer Bildbeschreibung. Charles Darwent schrieb dazu im IndependentHe doesn’t just describe Constable’s pictures, he writes them, each spare word like a stroke of the artist’s brush. At the end of ‚John Constable: A kingdom of his own‘, you feel less that you’ve read a biography than that you’ve seen a self-portrait – or maybe heard Constable’s voice, soft and unadorned like his painting. ‚Poema pictura loquens‘ said Plutarch: poetry is talking pictures. Swap poetry for prose and you get Bailey’s drift.

Das erste Buch, das ich vor einem halben Jahrhundert über Constable las, war ein kleiner Band (90 Seiten) in der Humboldt Kunstreihe, der einfach Constable hieß. Damals wusste ich noch nichts von dem traurigen Leben der Autorin ➱Dr Phoebe Pool. Ich habe das Buch beinahe auswendig gelernt, und ich muss sagen, dass es nach fünfzig Jahren immer noch ein sehr gutes Buch ist. Das kann ich über das nächste Buch, das ich damals las, auch sagen. Graham Reynolds‘ Constable: The Natural Painter ist ein zwar äußerlich ein schmaler Band (142 Seiten), aber das täuscht. Der Inhalt ist schon gewichtig.

Arthur Graham Reynolds, der im Victoria & Albert Museum zuerst Kurator des Department of Prints and Drawings war und dann auch noch Kurator für die Gemälde wurde, ist ein Constable Experte gewesen. Er hat 1960 den zweibändigen Katalog der Constable Collection veröffentlicht. Und danach dieses Buch geschrieben, mit der Souveränität eines Mannes, der alles darüber weiß, worüber er schreibt. Sachlich und unaufgeregt, in gutem Englisch. Das Bild hier von Willy Lotts House musste ich mal eben abbilden. Wenn man den kleinen Hund (der auf den Betrachter zuzurennen scheint, als wolle er ihn begrüßen) genauer betrachtet, besteht er nur aus drei hingetupften Farbflecken. Faszinierend.

Graham Reynolds ist beinahe hundert Jahre alt geworden. Als er Constable: The Natural Painter schrieb, kam eine neue Art der Kunstbetrachtung auf. Alles musste jetzt irgendwie marxistisch und ideologiekritisch sein. Der Gentleman Reynolds (hier ein schönes Photo aus der National Portrait Gallery von Lucy Anne Dickens), der nicht nur elegant gekleidet ist, sondern auch viel von der Geschichte der Mode verstand (er hat den Band Elizabethan and Jacobean, 1558-1625 in der Reihe Costume of the Western World geschrieben), hat diesen Unsinn gehaßt.

Sie können etwas von diesen Auseinandersetzungen – dargestellt an John Bergers Attacke auf Sir Kenneth Clark – in dem Post ➱Gainsborough lesen. Aber seien wir ehrlich, von dem ganzen revolutionären Geschreibsel der sogenannten 68er Revolution ist wenig Substantielles geblieben. Wahrscheinlich wollten wir damals nicht lesen, dass da schon unsichtbar das Verfallsdatum auf den Büchern aufgedruckt war. Das gilt allerdings nicht für die Bücher von Phoebe Pool und Arthur Reynolds, die haben kein Verfallsdatum.

Als der Direktor der National Gallery Charles Saumarez Smith das Buch von Bailey 2006 im Observer rezensierte, schrieb er zum Schluss: What one doesn’t gain is any sense of how Constable composed his pictures, how he converted his oil sketches into finished works, how he responded to the landscape of his youth and the extent to which his subject matter was influenced by Tory nostalgia. For a proper understanding of his work, it is better by far to go to the exhibition of Constable’s six-footers, now at Tate Britain, and stand in awe at his depiction of the intensity of evening light on the cornfields near East Bergholt. Vielleicht sollte man das machen. Vielleicht sollte man auch die six-footers vermeiden und die ganz kleinen Bilder von dem second or third-rate painter angucken.

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