18th Century

Spezialisiere Dich auf’s 18. Jahrhundert, sagte mein Freund Peter, als ich mit dem Studium der Kunstgeschichte begann. Vor fünfzig Jahren beschäftigte sich kaum jemand mit dem 18. Jahrhundert. Glücklicherweise bot ➱Peter Nicolaisen in Kiel damals ein Seminar über die englische Lyrik des 18. Jahrhunderts an. Wir waren dreizehn Studenten, er hetzte uns durch ein ganzes Jahrhundert. So etwas wird es nie wieder geben. Kultusminister wie diese Frau ➱Wende werden schon dafür sorgen. Mein Vorschlag, eine Dissertation über englische Landschaftslyrik und englische Landschaftsmalerei im 18. Jahrhundert zu schreiben, stieß Jahre später bei meinem Doktorvater auf keine große Begeisterung. Die heute so vielgerühmte Interdisziplinarität war damals noch ein Fremdwort. Also schrieb ich etwas ganz anderes, vergaß aber das 18. Jahrhundert nie.

Wobei mich an dem Jahrhundert, das Schriftsteller schon früh als Augustan Age bezeichnet haben, Kunst und Kultur eigentlich mehr interessierten als die Literatur. Und so wird es hier nichts über ➱Thomsons The Seasons geben, nichts über die Erfindung des Exportartikels englischer ➱Roman, nichts über James Macphersons ➱Ossian oder ➱Dr Johnsons Dictionary (das Becky Sharp in dieser wunderbaren Szene von Vanity Fair aus dem Kutschenfenster wirft). Aber Leute wie Sir Henry Raeburn (der ➱hier natürlich einen Post hat), der im Alter noch den jungen ➱Walter Scott malt (und der wenige Tage, nach dem er das letzte ➱Portrait von Scott vollendet hat, sterben wird), die interessieren mich natürlich schon eher.

Wenn Sie alles in diesem Blog – oder in meinem Blog mit der Adresse ➱nixwiekunst – gelesen haben, werden Sie dem zustimmen können, dass da viel 18. Jahrhundert in dem Blog ist. Über die Pfingsttage habe ich Bücher ins Regal zurückgestellt, eine schöne und nützliche Tätigkeit. Dabei überlegte ich mir, warum ich nicht einmal einige dieser Bücher vorstelle. Ich habe mir eine Handvoll herausgepickt, vielleicht kommen irgendwann noch einmal mehr. Und meine Bilder beginnen mit Richard Wilson (ganz oben), Sir Henry Raeburn und Joseph Wright of Derby. Es wird Sie jetzt nicht wirklich überraschen, wenn ich sage, dass außer Raeburn auch ➱Joseph Wright of Derby und ➱Richard Wilson hier schon einen Post haben.

Das erste Buch, das ich vorstellen möchte, ist eine Übersichtsgeschichte: Art in Europe, 1700-1830: A History of the Visual Arts in an Era of Unprecedented Urban Economic Growth, geschrieben von Matthew Craske. Es gehörte wohl Mut dazu, dass die Oxford University Press den Band über das 18. Jahrhundert in ihrer renommierten History of Art an einen „jungen Wilden“ vergeben hat. Und ein Manuskript angenommen hat, das man etwas untertrieben als unkonventionell bezeichnen kann. Schon der Untertitel von Art in Europe 1700-1800 ist irritierend: A History of the Visual Arts in an Era of Unprecedented Urban Economic Growth. Craske kümmert sich nicht um etablierte Epochenbezeichnungen wie Rokoko, Klassizismus oder Romantik. Und seien wir ehrlich, was helfen sie eigentlich für das Verständnis der Kunst?

Craskes Buch ist eine bebilderte Sozialgeschichte, die sich als Kunstgeschichte tarnt, oder vice versa. Obgleich es schon Sozialgeschichten der Kunst gegeben hat, so wie Craske es handhabt, ist dies Konzept völlig neu und originell. This survey comes as a breath of fresh air, urteilte der berühmte Roy Porter (dessen English Society in the Eighteenth Century ein Klassiker ist) über das Buch. Dies ist eine transnationale Synthese aller intellektuellen, philosophischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des 18. Jahrhunderts in Europa, immer wieder festgemacht an Beispielen der bildenden Kunst. Hier wird die Romantik nicht von der Industrial Revolution getrennt, Bilder des englischen Hofes nicht von Hogarth‘ Rake’s Progress. Illustriert wird das Ganze von 188 Abbildungen, vielen davon in Farbe (und das schöne Selbstportrait mit Strohhut von Louise Élisabeth Vigée Le Brun ist natürlich auch drin). Viele der Bilder hatte ich noch nie gesehen. Und dann gibt es noch Fußnoten, eine exzellente Bibliographie, eine Zeittafel und einen Index. Was kann man sich mehr wünschen?

Das nächste Buch habe ich schon einmal erwähnt, als ich über ➱Gainsborough schrieb. Genauer gesagt, steht das da schon drin, was hier folgt. Also können Sie sich den nächsten Absatz sparen, dann sollten Sie allerdings den Gainsborough Post lesen. Die Reihe World of Art bei dem Londoner Verlag Thames & Hudson (in der auch das hervorragende Dictionary of British Art erschienen ist) besticht durch komprimierte Kürze, sehr gute Abbildungen und exzellente Fachleute als Autoren. Sicherlich gibt es voluminösere Bände über diesen englischen Maler, der so gerne ein Landschaftsmaler sein wollte und vom Kunstmarkt gezwungen wurde, Portraitist der feinen Gesellschaft zu sein. Aber es gibt kein Buch, das auf 224 Seiten so umfassend und lesbar in Leben und Werk Gainsboroughs einführt. Reich illustriert mit 172 Abbildungen (davon 68 in Farbe) gibt dieses Buch dem Leser einen schnellen Zugang zum Werk.

Das aber nicht auf Kosten einer seriösen Wissenschaftlichkeit, Vaughan ist auf dem neuesten Stand der Forschung, dies zeigt die Einarbeitung von Forschungsergebnissen, die Ellis Waterhouse bei seinem Katalog von 1958 noch nicht kennen konnte. Und auch die kurze Bibliographie ist ein Meisterstück der Selbstbeschränkung, aber alles Wesentlich steht drin. Professor Vaughan beherrscht nicht nur sein Fach und seinen Gegenstand, er kann auch gut schreiben.

Das ist etwas, was Engländer ja häufig ihren deutschen Kollegen voraus haben. Seine Kunst kam nicht von den Themen der Historienmalerei, sondern direkt aus der Natur, hat Reynolds in einem Nachruf auf Gainsborough gesagt. Und während bei vielen Portraitmalern die Landschaft im Hintergrund nur eine ungeliebte Staffage ist, pulsiert bei Gainsborough mit der Hintergrundlandschaft lebendige Natur ins Bild. Am Schönsten vielleicht in dem Portrait von Mr. and Mrs. Andrews (1750) – ein ewiger Klassiker englischer Kunst, der Constable und die Romantik vorwegnimmt. Diese Liebe zur englischen Natur hat Gainsborough bei den Engländern so beliebt gemacht. Und das gilt bis zum heutigen Tag. Und zu dem Bild von Mr. und Mrs. Andrews gibt es natürlich ➱hier schon einen Post.

Zum dritten Mal in einem halben Jahrhundert hat die Tate Gallery im Jahre 2002 eine Gainsborough Ausstellung veranstaltet. Thomas Gainsborough ist der Katalog der Londoner Ausstellung, die anschließend nach Washington und Boston weiterreiste. Allerdings waren dort nicht alle Exponate zu sehen. Michael Rosenthal und Martin Myrone haben diesen vorzüglichen Band herausgegeben, der etwas unterkühlt englisch daherkommt, aber forschungsmäßig das Neueste enthält, was die Gainsborough Forschung zu bieten hat. Wenn man sich das Selbstportrait des 13-jährigen Gainsborough (unten) betrachtet, möchte man nicht darauf wetten, dass aus ihm einer der berühmtesten englischen Maler werden wird.

Mit diesem ersten Bild beginnt auch der Katalogteil des Bandes, der sich an zwei große Übersichtsessays anschließt. Darauf folgen die Werke (Zeichnungen und Aquarelle inklusive) nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern in einer von den Herausgebern selbst gewählten thematischen Ordnung. Die ist manchmal etwas schwer zu durchschauen und lässt wie zum Beispiel das Kapitel Landscape and the Poor viele Fragen offen. Mir ist bei der Unterscheidung zwischen Portraiture and Fashion und Sensibility inzwischen etwas klar geworden: ist eine elegante Dame ohne Hund dargestellt, landet sie im Kapitel Portraiture, mit Hund ist sie offensichtlich sensibel und kommt ins Kapitel Sensibility. Allerdings sind ➱Mr und Mrs William Hallet, die sehr sensibel wirken und einen Hund beim Morgenspaziergang dabei haben, im Kapitel Portraiture zu finden.

Natürlich macht diese Kategorie geistesgeschichtlich einen Sinn, wenn man an die Bedeutung von Henry Mackenzies The Man of Feeling (1771) denkt. Und natürlich ist der Herzog von Buccleuch, der seinen Wauwi umarmt, in der Rubrik Sensibilty gut aufgehoben (er hätte allerdings auch unter Portraits gepasst). Das letzte Kapitel des Bandes bietet dann die letzten Jahre Gainsboroughs hauptsächlich chronologisch geordnet an. Noch nie war für eine Ausstellung soviel von Gainsborough zusammengetragen worden (und es wird auch nie wieder so viel an einem Ort zu sehen geben), so dass dieser Katalog Gainsborough endgültig jenen Platz zuweist, den ihm viele in seinem Jahrhundert abgesprochen haben. Sie haben gemerkt, dass ich leichte Vorbehalte gegen diesen Katalog habe, der Katalog von Ellis Waterhouse ist für mich noch immer vorbildlich.

Wenn sich Vaughans Buch an jeden Kunstinteressierten wendet und der Katalog von Michael Rosenthal und Martin Myrone vielleicht auch, ist Richard Wendorfs Sir Joshua Reynolds: The Painter in Society schon ein wenig spezieller. Der Direktor des Boston Atheneum hat mit diesem schmalen Band (265 Seiten) einen wertvollen Beitrag zum Verständnis von Sir Joshua Reynolds geliefert. Das Buch will keine Konkurrenz zu den Büchern von Ellis Waterhouse sein oder zu dem unübertroffenen Katalog von Nicholas Penny für die Ausstellung der Royal Academy 1986. Wendorfs Zugang zu Reynolds geschieht über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Die Gesellschaft des Georgian Age verhilft Reynolds zu einer Position, als deren Krönung die Berufung zum ersten Präsidenten der neugegründeten Royal Academy stehen wird.

Und innerhalb dieser Gesellschaft und des Kunstmarktes inszeniert sich Reynolds. Seine Selbstportraits von 1748 und 1780 sind im Stile Rembrandts gemalt, so hat er sich wohl gerne gesehen. Auf den Portraits seiner Malerkollegen ➱Angelika Kauffmann und ➱Gilbert Stuart haben wir einen ganz anderen Reynolds. Im Portrait von dem Amerikaner Gilbert Stuart zeigt Reynolds eine grosse Zurückhaltung, ja eine gewisse Kälte. Nichts von dem smarten Gesellschaftsmaler, der mit der High Society und allen Grössen der Londoner Bühnen bestens zurechtkommt.

Die Gesellschaft ist dankbar, die Rolle des Patrons für den Maler übernehmen zu können, der ihre Bedürfnisse nach Repräsentation so vorzüglich bedient. Dieses exzellente Buch enthält nicht so viele Abbildungen, nur die, die Wendorf für seine Darstellung braucht. Wie zum Beispiel den Anzug, den Reynolds beim Besuch des Hofes trägt. Das Buch zeigt uns weniger den Malerfürsten als den privaten Mann hinter der Maske. Und es gibt einen vorzüglichen Einblick in Kunstmarkt und Gesellschaftsstruktur des Augustan Age. Sie könnten jetzt neben den Posts zu Angelika Kauffmann und Gilbert Stuart noch die Posts ➱Sir Joshua Reynolds und ➱Banastre Tarleton lesen.

Der Autor von Conversation Pieces: A Survey of the Informal Group Portrait in Europe and America ist kein Kunsthistoriker. Mario Praz ist Professor für Englische Literatur in Rom gewesen, und er hat als Fachgelehrter eine Publikationsliste, die in die tausende von Titeln geht. Er hat auch eine Vielzahl englischer und amerikanischer Schriftsteller, über die er geschrieben hat, persönlich gekannt. Sein Buch The Romantic Agony (deutsch: Liebe, Tod und Teufel: Die schwarze Romantik) ist zu Recht zu einem verbreiteten Klassiker der Literaturwissenschaft geworden.

Aber es gibt noch einen zweiten Mario Praz, den Kunstsammler, der in einem italienischen Palazzo wohnt (der heute ein Museum ist) und der alles über Möbel von Empire und Regency weiß. Er hat seine Wohnung in dem wunderbaren Buch The House of Life beschrieben. Ich war einmal für ein Jahr als Assistent an einen Professor ausgeliehen worden, der gerade emeritiert war und bei uns den verwaisten Lehrstuhl für Anglistik vertrat.

Der erzählte mir, dass er während des Krieges in Italien von seinem Wehrmachtsstab ausgebüchst und eine Woche lang Gast von Mario Praz in dessen Villa war. Das hat mir sehr imponiert. Aber der Mann hatte sowieso Stil, wie man ihn bei den Anglistikprofessoren vor einem halben Jahrhundert nicht unbedingt fand (wenn Sie nicht gerade ➱Rudolf Sühnel hießen). Er trug Schneideranzüge, bestellte sich seinen Rotwein bei Reidemeister & Ulrichs in Bremen und seine cookies bei Fortnum & Mason in London. Als ich ihm gestand, dass ich alles von Mario Praz gelesen hatte, sind wir trotz der anfänglichen Schwierigkeiten (man schrieb das Jahr 1968, und ich war ein wenig aufmüpfig) sehr gut miteinander ausgekommen.

Das Buch Conversation Pieces ist eine Übersetzung eines italienischen Titels für die Pennsylania University Press (in England erschien es bei Methuen), und es ist absolut einmalig. Niemals zuvor hat es eine kunsthistorische Betrachtung des Gruppenportraits von solcher Bandbreite gegeben. Über 380 Bildbeispiele aus der Welt der Bourgeoisie präsentiert Mario Praz, viele davon waren selbst professionellen Kunsthistorikern unbekannt. Diese Bilderwelt der Aristokratie und des Bürgertums, mit Kindern, mit Frauen, Musikinstrumenten, Pferden (hier ein George Stubbs) und Hunden hat sich von den Anfängen dieser Gattung, der sacre conversazione ein wenig entfernt. Aber dies ist eines der schönsten (und auch amüsantesten) Werke zur Geschichte der europäischen (und amerikanischen) Kunst.

Der Appetit kommt beim Essen. Oder beim Schreiben: ich mache das wahr, was ich angekündigt habe: es wird hier demnächst eine Fortsetzung geben. Ich habe noch nicht fertig.

Die nächsten Posts zum 18. Jahrhundert werden Georgian Era und Grand Tour heißen.

Über jay

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