18th century: America

Verglichen mit einer Kulturmetropole wie London ist in den englischen Kolonien in Amerika nichts los. Doch durch einen erstaunlichen Zufall besitzen die Kolonien, als sie sich vom Mutterland lossagen, mehrere Maler von Rang. Wie John Singleton Copley, Benjamin West oder Charles Willson Peale. Das scheint über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten zu sein. Was auch daran gelegen haben mag, dass die meisten amerikanischen Museen im 19. Jahrhundert die amerikanische Kunst (hier ein frühes Beispiel: Matthew Pratts Bild der amerikanischen ➱Malerschule in London 1765) vernachlässigten. Die großen amerikanischen Museen haben, nicht zuletzt dank der Schenkungen der Millionäre des Gilded Age, im ausgehenden 19. Jahrhundert soviel an europäischer Kunst gekauft, dass das Publikum vergisst, dass es auch einmal amerikanische Maler gegeben hat. Also außer Walt Disney und Andy Warhol.

Ein Fach Kunstgeschichte gab es in Amerika eigentlich gar nicht – das wird sich ändern, wenn die von Hitler vertriebenen deutschen Kunsthistoriker an amerikanischen Universitäten Unterschlupf finden. Doch nur wenige von ihnen widmeten sich der Kunst ihres Gastlandes. Wie zum Beispiel ➱Alfred Neumeyer, dessen Geschichte der amerikanischen Malerei: Von der kolonialen Frühzeit bis zur naiven Malerei im 18. u. 19. Jahrhundert 1974 bei Prestel erschien. Schon 1948 hatte ➱Wolfgang Born (der Halbbruder des Nobelpreisträgers Max Born) bei der Yale University Press sein Buch American Landscape Painting: An Interpretation veröffentlicht. Das war damals das erste Buch über die amerikanische Landschaftsmalerei überhaupt.

Der einzige, der in Amerika über amerikanische Malerei schrieb, war ein ehemaliger Journalist namens James Thomas Flexner, der niemals Kunstgeschichte studiert hatte. Aber er hatte in Harvard studiert, und er konnte hervorragend schreiben. Was auch durch Auszeichnungen wie den National Book Award und eine Pulitzer Prize Special Citation gewürdigt wurde. Ich kann all seine Bücher (und seine Autobiographie ➱Maverick’s Progress) nur uneingeschränkt empfehlen. James Thomas Flexner war im übrigen auch der erste seit Henry Tuckermans The Book of Artists (1867), der die Maler der Hudson River School behandelte. Das Bild von Ralph Earl, einem der ersten amerikanischen Maler (der ➱hier schon einen Post hat) zeigt den Kaufmann und Politiker Elijah Boardman. Gegenüber den englischen swagger portraits ist das Bild sicherlich ein wenig zurückgeblieben, demonstriert aber doch den Reichtum und die Kultur. Mit Büchern wie John Hamilton Moores Voyages and Travels, Shakespeares Werken, Miltons Paradise Lost und Dr Johnsons Dictionary wollen Maler (und Dargestellter) zeigen, dass auch Bildung in den Kolonien ist.

Die Amerikaner heute vergessen schnell, was sie einmal an Kunst und Kultur gehabt haben. Und so wird selbst ein John Singleton Copley Jahrhunderte später beinahe ein Unbekannter sein, wie John Updike in seiner Besprechung der großen Copley Ausstellung in New York 1995 feststellte. Ähnliches hatte ich schon vorher erlebt. Als ich 1988 einem amerikanischen Gastprofessor empfahl, sich die Ausstellung Bilder aus der Neuen Welt in Berlin anzuschauen, kam er mit dem Satz zurück: Gee, Jay, I didn’t know we had all that art. Wir könnten nun belustigt über diesen Amerikaner schmunzeln, doch ich kann diesen wunderbaren kleinen Gag noch übertreffen. Wenn ich nämlich verrate, dass einer der deutschen Kunsthistoriker, die die Ausstellung in Berlin gemacht hatten, mir damals insgeheim gestand, dass er niemals geahnt hätte, dass die Amerikaner wirklich solche Maler besäßen.

Der Ausstellungskatalog des Metropolitan Museum New York und des Museum of Fine Arts in Boston 1995 hieß John Singleton Copley in America, er versetzt den Betrachter zurück in die Anfangstage der amerikanischen Revolution, die ja nicht erst mit der Declaration of Independence beginnt. John Singleton Copley, Sohn armer irischer Einwanderer, besitzt wenig außer seinem Talent. Das sich schnell entwickelt, wie man an den chronologisch angeordneten Abbildungen des Kataloges ablesen kann. Man wagt sich nicht vorzustellen, was aus Copley geworden wäre, wenn er in seinen Anfangsjahren alle Bilder in London oder Rom hätte sehen können. Aber 1765, da kann er schon alles, wie die Ölskizze von Henry Pelham (seinem Stiefbruder) zeigt. Von Boy with a Squirrel ganz zu schweigen (➱hier mehr dazu).

Und mit den Portraits von John Bours (oben) oder ➱Margaret Kemble, der Gattin von General Gage, die den Revolutionären militärische Geheimnisse zugespielt haben soll, kann er sich mit allen Portraitmalern Englands messen. Er malt sie alle, englische Offiziere wie Captain John Montresor oder jene Amerikaner wie Samuel Adams und John Hancock, die wenig später die amerikanische Revolution anführen. Von daher ist dieser hervorragend gemachte Katalog auch ein Bilderbuch der Geburtsstunde Amerikas. Und ein Portrait eines der größten amerikanischen Maler.

Die aufziehende Revolution ist dem Loyalisten John Singleton Copley unheimlich. Der bedeutendste Maler der amerikanischen Kolonien stiehlt sich fort und versucht seine Karriere als Maler der besseren Gesellschaft in London fortzusetzen. Frau und Kinder bleiben erst einmal in Boston. Aber der erste in den Kolonien zu sein, bedeutet nicht, dass man der erste in London sein wird, an Portraitmalern gibt es in London nun wirklich keinen Mangel. Und auch das Feld der Historienmalerei ist längst besetzt: Copleys amerikanischer Kollege Benjamin West ist Hofmaler und Freund des Königs. Er wird zwar mit einigen Historienbildern reüssieren: The Death of the Earl ChathamThe Defeat of the Floating Batteries at Gibraltar, September 1782 (zu dem es ➱hier einen langen Post gibt) oder The Death of Major Peirson (Bild), aber den größten Erfolg hat er mit seinen Portraits.

Die sich leider dem englischen Publikumsgeschmack anpassen und nichts mehr von der Frische seiner amerikanischen Portraits haben. Es gibt Ausnahmen wie das bezaubernde Portrait dieser aristokratischen Göre, des Midshipman Augustus Brine. Das Bild der ➱Töchter des Königs ist sicherlich nett, aber es ist ein konventionelles Bild, das von Boy with a Squirrel meilenweit entfernt ist. Copley hätte gern mehr Aufträge vom Hof bekommen, aber Georg III mag diesen schwierigen, sehr langsam malenden Amerikaner nicht.

Der Katalog John Singleton Copley in England von Emily Ballew Neff ist die tragische Geschichte eines brillanten Malers, der mit der englischen Gesellschaft nicht zurecht kommt, von jemandem, der sich selbst im Wege steht. Ihm ist nicht der Erfolg beschieden, den sein Sohn haben wird, der als Baron Lyndhurst Lord Chancellor von England werden wird. Copley könnte vom Talent her malerisch jederzeit mit Reynolds und Gainsborough mithalten  – in dem Bild Mrs. Daniel Denison Rogers imitiert er ja Gainsborough. Das Ergebnis wirkt ein wenig lächerlich, wenn man das Bild mit dem schönen Portrait von John Bours oben vergleicht.

Wo sind die Originalität und die Brillanz des Boy with a Squirrel, die Frische des ➱Bildes Head of a Negro oder die nüchterne Klarheit des ➱Portraits des Silberschmieds Paul Revere geblieben? Copley in England ist ein exzellenter Katalog, aber man sollte ihn, um den ganzen Copley zu verstehen, zusammen mit dem noch besseren Katalog Copley in America lesen. Und Kunsthistoriker werden weiterhin auf den mehrbändigen catalogue raisonné von Jules D. Prown setzen.

James Thomas Flexner hat 1948 eine schmale Biographie von Copley verfasst, die sicherlich nett ist, aber man wünschte sich doch etwas Genaueres. Also zum Beispiel etwas wie Robert C. Alberts Benjamin West: A Biography. Über die Harold E. Dickson von der Penn State University schrieb: This book is doubly welcome, as a masterly work of biographical craftsmanship, and because it meets a need of long standing in the field of art-historical writing. With the materials gathered and set in order, the wonder grows that in the more than a century and a half since he died in 1820 there has been no whole-length treatment of the extraordinary career of Benjamin West. Robert C. Alberts has struck an author’s bonanza, and has exploited to the full its plenteous riches.

Als Hitler an die Macht kommt, ist der Freiherr Helmut von Erffa schon lange Amerikaner. Nach einem Studium am Bauhaus war der junge Maler 1923 nach Amerika gekommen, wo er in Harvard und Princeton studierte. Die kleine Ausstellung, die das Swathmore College, wo er Professor für Kunst wurde, zum zweihundertsten Geburtstag von Benjamin West (hier von Gilbert Stuart gemalt) organisierte, regte ihn zu einer lebenslangen Beschäftigung mit dem Maler an. An deren Ende The Paintings of Benjamin West stand. 608 Seiten dick, und das im Großformat. Mehr geht nicht. Helmut von Erffa hat das Erscheinen des Katalogs nicht mehr erlebt. This epic tome is as much a monument to Erffa as it is to West, schrieb der Punch 1986. In diesem Blog ist Benjamin West mit den Posts ➱Benjamin Wests ‚Thaddäus Kosciuszko‚, ➱Horatio Nelson und ➱Angelika Kauffmann ganz gut repräsentiert.

Während Copley und West mit Katalogen und Biographien in den letzten vierzig Jahren reichlich bedacht worden sind und auch Gilbert Stuart mit der von Carrie Rebora Barratt und Ellen Gross Miles kuratierten Ausstellung im Metropolitan Museum gewürdigt wurde, ist die Lage der Literatur zu Charles Willson Peale und anderen amerikanischen Malern des 18. Jahrhunderts nicht ganz so großartig. Immerhin haben ➱Ralph Earl, ➱Gilbert Stuart und ➱Peal in diesem Blog schon einen Post, aber natürlich gibt es einiges in Buchform. Der Ur-Urenkel von Peale, Charles Coleman Sellers, hat ein Buch über seinen Verwandten geschrieben und vor seinem Tod noch die Peale Ausstellung des Metropolitan Museum vorbereitet. Er ist auch einer der Beiträger in dem hervorragenden Sammelband New Perspectives on Charles Willson Peale, der zum 250. Geburtstag des Malers bei der University of Pittsburgh Press erschien.

Doch das alles wäre für die amerikanischen Kunsthistoriker, wenn sie sich wirklich für ihre nationale Kunst interessieren würden, noch kein Grund, sich zurückzulehnen. Man hat die großen und berühmten Maler seit den siebziger Jahren abgefeiert (nachdem man sie zuvor beinahe zwei Jahrhunderte vernachlässigt hatte), aber was ist mit den vielen anderen, die in Alfred Neumeyers Buch erwähnt werden oder die in American Paintings: A Catalogue of the Collection of the Metropolitan Museum of Art: Vol. 1, Painters Born by 1815 von Albert TenEyck Gardner verzeichnet sind? Thomas Sully ist mit diesem schönen Bild von George Washington ➱hier schon einmal erwähnt worden. Die amerikanische Kunsthistorikerin Elizabeth Johns gaukelt in ihrem Forschungsbericht (in American Studies International 1984) vor, dass die Forschungslage viel besser sei, aber sie hat es nicht nötig, die Bücher von Born oder Neumeyer zu zitieren.

Es gäbe da noch Dutzende interessanter Maler, wie hier John Smibert mit seinem Bild The Bermuda Group: Dean Berkeley and his Entourage. Der Maler selbst ist links auf dem Bild. Der Plan von George Berkeley, in Bermuda ein College for the better supplying of churches in our foreign plantations and for converting the savage Americans to Christianity zu gründen, konnte nicht realisiert werden. Berkeley, den wir besser unter dem Namen Bischof Berkeley als einen der bedeutendsten Philosophen des 18. Jahrhunderts kennen, blieb nur wenige Jahre in Amerika.

Doch der Schotte John Smibert, der blieb in Amerika. Und wurde zu dem ersten bedeutenden Portraitmaler Amerikas. Von seinem Bild The Bermuda Group haben viele Amerikaner lernen können. Von dem konventionellen Portrait von Berkeley vielleicht nicht so viel. Berkeley hatte Smibert in Italien getroffen (die Grand Tour von Berkeley – auf der er 1717 auch einen Ausbruch des Vesuv beobachtete – ist wohl die längste von allen Bildungsreisenden gewesen) und ihn überredet, mit ihm nach Amerika zu gehen. Hatte ihm sogar eine Professur an dem neuen College versprochen. Gut, es ist anders gekommen. Smibert zieht nach Boston und wird dort ein begehrter Maler der Bostoner Gesellschaft.

Amerika verdankt dem Bischof Berkeley noch mehr, als dass er den ersten akademisch ausgebildeten europäischen Portraitmaler in die Kolonien gelockt hätte. Berkeley hat ein Gedicht geschrieben, das den ➱Titel Verses on the Prospect of Planting Arts and Learning in America hat. In dem sich die Zeile findet Westward the course of empire takes its way, die im 19. Jahrhundert zu dem Slogan des Winning the West wird (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Und wenn Amerikas erster Portraitmaler und der Slogan Westward the course of empire takes its way noch nicht genug wären, Berkeley gibt Amerika (außer seinen Namen für die Stadt in Kalifornien) noch etwas: diese Tür in seinem Haus mit dem Namen Whitehall in Newport (Rhode Island) ist vielleicht das erste Beispiel für den ➱Palladianismus, der bald in Amerika grassieren wird.

Die amerikanische Malerei kam in meinem Studium der Kunstgeschichte nicht vor. Dass es 1988 in Berlin eine Ausstellung amerikanischer Malerei geben würde (und 2007 eine weitere: Neue Welt: Die Erfindung der amerikanischen Malerei im Hamburger Bucerius Forum) konnte niemand ahnen. Als ich mich bei Professor ➱Wolfgang J. Müller für das Rigorosum anmeldete, spielte ich einen Augenblick mit dem Gedanken, ihm die amerikanische Malerei der Romantik vorzuschlagen.

Das Buch Die Maler der Romantik in Amerika von F.M. Huebner und V. Pearce Delgado konnte ich auswendig. Ich hatte alle Aufsätze zur amerikanischen Kunst gelesen, die in der ➱Zeitschrift Perspectives waren, und das Kennedy Haus hatte mir alles besorgt, was innerhalb des Leihverkehrs der Amerika Häuser zugänglich war. Aber ich habe das mit der amerikanischen Kunst als Prüfungsthema gelassen. Obwohl Müller das vielleicht sogar akzeptiert hätte. Als ich viele Jahre später einen Aufsatz über Thomas Cole und ➱William Cullen Bryant geschrieben hatte, schickte ich ihm natürlich einen Sonderdruck.

Und bekam wenig später einen langen Brief, in dem er schilderte, wie er bei seinem ersten Besuch in Amerika versucht hatte, die Stelle zu finden, von der aus Cole den Katerskill Wasserfall gemalt hatte. Er legte noch die Photokopie eines Artikels (Naomi Bliven: Searching for Kaaterskill Falls) aus dem New Yorker bei. Ich glaube, er war damals der einzige deutsche Professor für Kunstgeschichte, der sich für amerikanische Malerei interessierte. Vielleicht ist das heute ja anders.

 

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