Thomas Eakins

 

Dies Bild könnte ein Jahrhundert früher gemalt worden, aber das Portrait der Amelia van Buren stammt aus dem Jahre 1891. Es ist das vielleicht konventionellste Bild des amerikanischen Malers Thomas Eakins, der heute vor 170 Jahren geboren wurde. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Dargestellte eine Photographin ist. Eakins photographierte auch – und benutzte wie viele Maler in dieser Zeit Photographien als Vorlage für seine Bilder. Ich habe auf dieses Phänomen schon in dem Post über ➱Lenbach hingewiesen. Da stehen auch die Sätze: Franz von Lenbach ist nicht der einzige, der in seiner Zeit mit der Photographie experimentiert. Degas macht das auch. Und in Amerika Thomas Eakins (über den ich irgendwann noch mal schreibe).

Also gut, jetzt ist es so weit, jetzt schreibe ich über ihn. Ich weiß nicht, wieso ich mich im Jahre 2011 zu dieser Voraussage hinreißen ließ. Ich mag den Kerl überhaupt nicht. Malerisch haben seine Kollegen von der ➱Ash Can School viel mehr zu bieten. Das Portrait von Walt Whitman aus dem Jahre 1887 finde ich allerdings sehr gut. Whitman fand das Bild seines Freundes auch sehr gut: I never knew of but one artist, and that’s Tom Eakins, who could resist the temptation to see what they ought to be rather than what is. Er mochte das Bild auch viel lieber als jenes ➱Bild, welches der Sohn seiner englischen Bewunderin Anne Gilchrist von ihm gemacht hatte. Eakins und Whitman hatten sich Ende der 1880er kennengelernt, sie blieben bis zu Whitmans Tod befreundet. Am Tag nach Whitmans Tod hat Eakins eine Maske des Gesichts abgenommen, die heute in der Houghton Library der Harvard University ist.

Das Bild der Katze seiner Frau ist sicherlich sehr nett, aber dafür brauchte man eigentlich kein Maler zu sein. Mit dieser felinen Studie verlasse ich auch schon die nette Seite der Kunst von Thomas Eakins und komme zu den dunklen Seiten von Thomas Eakins, die eines Tages zu dem Rauswurf aus der Pennsylvania Academy of the Fine Arts führten. Wir bewegen uns da auf schwierigem Terrain. Philadelphia ist ja eigentlich ein ruhiger Flecken Erde. Henry James sagt in ➱The American Scene: Philadelphia then wasn’t a place, but a state of consanguinity, which is an absolute final condition. She had arrived at it, with nothing in the world left to bristle for, or against… she had nothing more to invoke; she had everything; her cadres were full; her imagination was at peace. Der Friedensstörer, der jetzt kommt, heißt Thomas Eakins.

Er hält sich für den größten amerikanischen Maler, allerdings teilt kaum jemand seine Meinung. Bei der Jahrhundertausstellung von 1876 wird dem Werk vom Eakins‘ Zeitgenossen Winslow Homer ein ganzer Saal gewidmet, das Bild The Gross Clinic von Eakins ist irgendwo in einem kleinen Raum im Pavillon der Medizin ausgestellt. Als Eakins dreizehn Jahre später mit The Agnew Clinic eine noch größere ➱Anatomie malt, weigert sich die Society of American Artists, das Bild auszustellen. Wahrscheinlich nicht aus dem Grund, dass sie die Macho Botschaft des Bildes voll verstanden hat. Professor David Lubin hat in seinem Buch Act of Portrayal: Eakins, Sargent, James (Yale University Press 1985) von the depiction of masculinity subjugating femininity does seem an essential component of this work gesprochen. Und schlimmer noch, das Wort gang rape in die ➱Diskussion gebracht. Da ist allerdings etwas dran, der Mann schreibt interessante Sachen. Wer außer ihm wäre auf die Idee gekommen, ein Buch wie Shooting Kennedy: JFK and the Culture of Images zu schreiben?

Eakins bricht alle Beziehung zur Society of American Artists ab. Nicht ohne zu schreiben: I desire to sever all connection with the Society of American Artists. In deference to some of its older members, who perhaps from sentimental motives requested me to reconsider my resignation last year, I shall explain… For the last three years my paintings have been rejected by you, one of them the Agnew portrait, a composition more important than any I have ever seen on your walls. Rejection for three years eliminates all elements of chance, and while in my opinion there are qualities in my work which entitle it to rank with the best in your Society, your Society’s opinion must be that it ranks below much that I consider frivolous and superficial. These opinions are irreconcilable.

Bei dieser Aufnahme (mit Selbstauslöser) vom Maler mit seinem Modell haben wir doch erste moralische Zweifel. Kunst? Pornographie? Es gab eine Vielzahl von Vorwürfen gegen Eakins. Einer war, dass er sich vor der oben portraitierten Amelia van Buren entblößt hätte, um ihr die Bewegungen des männlichen Beckens zu demonstrieren. Man hat ihn, wie es so schön heißt, gebeten, seine Position an der einst von ➱Charles Willson Peale gegründeten Pennsylvania Academy of the Fine Arts aufzugeben. Als ihm Edward H. Coates, der Mann, der ihn gefeuert hatte (und der The Swimming Hole von ihm gekauft hat), ihm siebzehn Jahre später eine Goldmedaille für das Portrait des ➱Erzbischofs Elder überreicht, sagt Eakins zu ihm: I think you’ve got a heap of impudence to give me a medal. Und verscheuert am nächsten Tag seine Goldmedaille für 73 Dollar. Er brauchte das Geld, die Aufträge bleiben aus. Außerhalb Philadelphias hat er keine Kunden. Die feine Gesellschaft des Gilded Age wird sich von ➱William Merritt Chase, ➱John Singer Sargent oder dem durchreisenden ➱Anders Zorn malen lassen. Man schätzt, dass Eakins in seinem ganzen Leben nur 15.000 Dollar verdient hat.

Für viele seiner Studenten – oder sollte man sagen Jünger? – war er danach ein Held und ein Märtyrer der modernen Kunst. So sah er sich wohl selbst, als er in seinem Abschiedsbrief schrieb: Was ever so much smoke for so little fire? I never in my life seduced a girl, nor tried to, but what else can people think of all this rage and insanity. It is not a rare ambition in a painter to want to make good pupils. My dear master Gerome who loved me had the same ambition, helped me always and has to this day interested himself in all I am doing. My figures at least are not a bunch of clothes with a head and hands sticking out but more nearly resemble the strong living bodies that most pictures show. And in the latter end of a life so spent in study, you at least can imagine that painting is with me a very serious study.

That I have but little patience with the false modesty which is the greatest enemy to all figure painting. I see no impropriety in looking at the most beautiful of Nature’s works, the naked figure. If there is impropriety, then just where does such impropriety begin? Is it wrong to look at a picture of a naked figure or at a statue? English ladies of the last generation thought so and avoided the statue galleries, but do so no longer. Or is it a question of sex? Should men make only the statues of men to be looked at by men, while the statues of women should be made by women to be looked at by women only? Should the he-painters draw the horses and bulls, and the she-painters like Rosa Bonheur the mares and the cows? Must the poor old male body in the dissecting room be mutilated before Miss Prudery can dabble in his guts? Such indignities anger me. Can not anyone see into what contemptible inconsistencies such follies all lead? And how dangerous they are? My conscience is clear, and my suffering is past. Yours, T.E. Wenn Sie jetzt fragen, was dieser aristokratisch aussehende Herr (der vielleicht der Sohn von Talleyrand ist) in diesem Kontext soll, habe ich natürlich eine Antwort. Auch Delacroix hat in seinem Studio Aktaufnahmen gemacht. Er hat sich allerdings nie nackt mit einem nackten Modell im Arm photographiert.

Das hier, das ist Kunst. Das ist keine Pornographie, die in St Pauli entsteht. In Hamburg ist sie schon entstanden, denn das Photo ist von Karin Székessy. So etwas fand man in den sixties mal ganz toll. Vor allem, weil ihr Ehemann Paul Wunderlich die Nackedeis, wenn sie schon mal im Wohnzimmer saßen, auch gleich malte. Ich weiß nicht, ob das Wort Doppelverdiener für Székessy und Wunderlich erfunden wurde, auf jeden Fall reichte das Geschäft für einen schönen weinroten Rolls-Royce. Ich fand das Ganze irgendwie pervers, aber das habe ich schon in dem Post ➱Patti d’Arbanville gesagt. Weshalb der über zwölftausend Mal angeklickt wurde, ist mir nicht so ganz klar.

Also, Thomas Eakins macht künstlerische Aktaufnahmen. Viele Männer, wenig Frauen. Wie sagte doch Coco Chanel? Ja, richtig, das war’s: Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle. Oder mit den Worten von Eakins: When a man paints a naked woman he gives her less than poor Nature did. I can conceive of few circumstances wherein I would have to paint a woman naked, but if I did I would not mutilate her for double the money. She is the most beautiful thing there is — except a naked man. Die Photographien von Eakins sind. eine Tristesse der Nacktheit. Wenn Sie für die Photos von Wilhelm von Gloeden schwärmen, dann sind Sie bei dem Macho aus Philadelphia richtig. So ein klein wenig hat der praktizierte Körperkult und die ästhetische Inszenierung der Nackheit von Eakins auch mit der Welt jenes Fidus zu tun, der in dem Post ➱Lichtgebet behandelt wird.

Dieses Bild, The Clinic of Dr Gross, gilt als ein Hauptwerk des Malers. Der Kritiker der New York Daily Tribune schrieb über dieses Bild, es sei: one of the most powerful, horrible, yet fascinating pictures that has been painted anywhere in this century – a match, or more than a match for David’s ‚Death of Marat‘ or for Gericault’s ‘Raft of the Medusa‘ But the more one praises it, the more one must condemn its admission to a gallery where men and women of weak nerves must be compelled to look at it, for not to look at it is impossible. Die Klinik, in der der dargestellte Dr Samuel Gross damals wirkte, hatte das Bild damals für zweihundert Dollar gekauft. Medizinstudenten hatten dafür gesammelt. Vor Jahren wollte sie es für 68 Millionen Dollar an die National Gallery verkaufen, aber der ganze Staat Pennsylvania begann wieder einmal zu sammeln, damit das Bild (das sich in einem sehr schlechten ➱Zustand befindet) im Staat blieb. Weil es inzwischen als Meisterwerk der amerikanischen Kunst angesehen wird. Als Eakins starb, hatten nur drei amerikanische Museen Bilder von ihm, heute reißen sie sich nach ihm.

Wenn der anonyme Kritiker der New York Daily Tribune mit Jacques-Louis David und Théodore Géricault zwei französische Maler als Vorbilder zitiert, hätte er ebenso zwei amerikanische Maler nennen können, die mit dieser Art der sensationslüsternen Malerei lange vor den beiden Franzosen angefangen haben. ➱Benjamin Wests Death of General Wolfe und John Singleton ➱Copleys The Death of the Earl of Chatham hatten die Historienmalerei verändert. Beide Bilder wurden ebenso wie die Gross Clinic von den Zeitgenossen als Skandal empfunden. Doch auf den Bildern fließt kein Blut, hier sieht man die blutige Hand des Chirurgen – ebenso wie die goldene Uhrenkette, die für bürgerliche Wohlanständigkeit steht.

Es ist die Zeit, in der mit der Yellow Press die ersten Vorläufer der Bild Zeitung in Amerika erscheinen. Es ist die Zeit des Naturalismus, die Zeit von Zola und Stephen Cranes Roman Maggie, a Girl of the Streets. Es ist die Zeit der Muckrakers und Jacob Riis‚ How the Other Half Lives. Auf den Bildern von Eakins (hier ein Detail aus The Agnew Clinic) schimmert die schmutzige Seite Amerikas durch, die Kehrseite des Gilded Age.

Das ist Eakins‘ Freund Max Schmitt als Ruderer. Wenn man so will, erfindet Eakins einen Bildtyp, der Sportler darstellt (er hat ja auch Bilder vom Baseball gemalt). Doch das Bild, das einen schönen Sommertag wiedergeben soll, ist irgendwie trist und tot. Ein Kritiker schrieb: While manifesting a marked ability, especially in the painting of the rower in the foreground, the whole effect is scarcely satisfactory. The light on the water, on the rower and on the trees lining the bank indicates that the sun is blazing fiercely, but on looking upward one perceives a curiously dull leaden sky.

Auf der anderen Seite des Atlantik entdecken die Impressionisten das Wasser. Die Personen auf den Bildern von Monet (1) und Caillebotte (2) wirken wie wirkliche Menschen und nicht wie in der Bewegung eingefrorene Helden des lokalen Rudersports.

Erstaunlich bei dem Bild von Monet ist, dass die beiden Damen in einem Ruderboot sitzen, das große Ähnlichkeiten mit dem Rennboot von Max Schmitt hat. In Frankreich ist die Emanzipation durch den Sport offensichtlich schon weit vorangeschritten. In der Männerwelt von Eakins wären rudernde Frauen undenkbar. Claude Monet hatte sich ein Atelierboot bauen lassen, damit er auf der Seine malen konnte. Er war nicht der einzige. Daubigny hatte auch eins, das den Namen Bottin hatte. Der Millionär ➱Gustave Caillebotte, der ein begeisterter Segler war, beginnt sogar 1882 mit dem Bootsbau und gründet 1885 ein Unternehmen mit dem Namen Chantiers Luce, wo mehr als zwanzig Segelyachten gebaut werden.

So etwas wie dieses Bild hätte Eakins in seinem ganzen Leben nicht malen können. Obgleich er den Maler (es ist ➱Winslow Homer) bewunderte. Im Gegensatz zu Eakins hat Winslow Homer nicht vergessen, dass sein Landsmann Benjamin West einst dem jungen ➱John Constable den Rat gegeben hatte: Always remember, sir, that light and shadow never stand still…in your skies… always aim at brightness… even in the darkest effects… your darks should look like the darks of silver, not of lead or of slate.

Winslow Homer hatte die Schlachtfelder des amerikanischen Bürgerkriegs als Zeichner für Zeitungen und Magazine gesehen. Thomas Eakins hatte sich vor dem Bürgerkrieg gedrückt (sein Freund Max Schmitt übrigens nicht), Eakins hatte einen substitute bezahlt. Und war nach Paris gegangen. Seinen Lehrer Jean-Léon Gérôme (My dear master Gerome who loved me) hat er immer verehrt. Dieser Salonmaler ist ja eigentlich ein schlechter Maler gewesen (hier ein bisschen Kitsch von ihm), es ist sicherlich typisch, dass ➱Sir John Henry von Schroder mehrere Gérômes besaß. Das einzige gute Bild, das Gérôme gemalt hat, ist wahrscheinlich der Tod des Marschalls Ney (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Der amerikanische Bildungssender (der einzige!) PBS hat eine Dokumentation über Eakins gedreht, diese interaktive ➱Seite gibt einen sehr guten Überblick über Leben und Werk des Malers. Darrel Sewell Curator of American Art am Philadelphia Museum of Art hat bei der Yale University Press einen ➱Ausstellungskatalog herausgegeben, der in Amerika sehr beachtet wurde. Ich besitze den natürlich, weiß aber eigentlich nicht so recht weshalb. Mein Lieblingsmaler wird Eakins nie.

Das Bild ist natürlich nicht von Eakins. Es ist zu lebendig. Und außerdem ist hier eine Frau abgebildet. Das Bild Girl in a Boat wurde von dem englischen Maler Ernest Board im Jahre 1915 gemalt. Board ist kein berühmter Maler, aber ich finde, dass dieses Bild sehr charmant ist. Ich bin durch das Bild von Max Schmitt auf die Idee gekommen, demnächst einmal über Ruderboote zu schreiben. Einen Namen hat der Post schon, er wird ‚Ruderverein‘ heißen. Ich muss zugeben, es lag nicht allein an dem Bild von Max Schmitt, es  lag auch daran, dass ich mir gerade den ersten Film von Inspector Lewis (in dem auch Ruderboote vorkommen) als DVD anschaute. Ist ja nix im Fernsehen. Falls Sie den Post ➱Inspector Lewis verpasst haben sollten, dann könnten Sie den natürlich lesen. Ist sicher auch besser als das Fernsehprogramm heute.

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