Niagara Falls

 

Ich komme noch einmal auf den Maler ➱Richard Wilson zurück. Als ich an dem kleinen Post über ➱Phillis Wheatley schrieb, hatte ich noch eine Verbindung zwischen Wilson und Amerika gefunden: nämlich ein Bild der Niagara Fälle. Also dies ist es nicht, dieses wunderbar naive Bild ist von Thomas Chambers. Und ja, ich weiß, dass ich vor zwei Jahren in dem Post ➱West Point gesagt habe, dass ich demnächst noch einmal über ihn schreibe. Tue ich auch irgendwann. Aber jetzt bleibe ich erst einmal bei Richard Wilson.

Wasserfälle sind im 18. Jahrhundert ein Thema. Sie waren schon ein Jahrhundert zuvor en vogue, wir finden sie sogar in der holländischen Malerei. Obgleich wie alle wissen, dass es in ganz Holland keinen Wasserfall gibt. Der einzige Wasserfall, den Richard Wilson zuvor gemalt hatte, war der von Lydford bei Tavistock. Der ist aber nur dreißig Meter hoch, kein Vergleich mit den Niagarafällen.

Der walisische Maler Richard Wilson war nie in der neuen Welt. Jahrelang in Italien, aber nie in Amerika. Und doch hat er die Niagara Fälle gemalt. Man ist sich nicht so ganz sicher, ob das Bild wirklich von seiner Hand ist, vorsichtig setzt die Tate Gallery deshalb Studio of Richard Wilson als Zusatz dazu. Wenn er die Niagarafälle nie gesehen hat, wieso gelingt ihm dieses überzeugende Gemälde? Wilson hat als Vorlage eine Zeichnung genommen, die ein gewisser Leutnant Pierie von der Royal Irish Artillery 1768 von den Wasserfällen angefertigt hatte. Neunzig Jahre nachdem der erste Europäer Louis Hennepin das Naturwunder gesehen hatte und eine ➱Zeichnung davon gemacht hatte.

Später ist dann von William Byrne (der das Bild bei Wilson auch in Auftrag gegeben hatte) ein Stich angefertigt worden, auf dem zu lesen ist: Richard Wilson pinxit from a drawing taken on the spot by Lt. Pierie of the R.I. Artillery 1768. Über diesen Leutnant William Pierie, der in dem englischen Fort Niagara stationiert gewesen sein könnte, wissen wir nicht sehr viel.

Pieries Zeichnung gilt (sicher nicht zu Unrecht) als die erste topographisch zuverlässige Darstellung der Wasserfälle. Beinahe zeitgleich gibt es noch ein Bild der Fälle von einem Captain Thomas Davies, das sich allerdings wohl weniger um eine genaue Darstellung, als um eine romantische Version der Wirklichkeit (mit Indianern und Weißkopfadler) bemüht.

Davies‘ Darstellungen (hier die Wasserfälle im Canyon Sainte-Anne) sind irgendwie rührend, sie erinnern an den douanier Henri Rousseau. Man mag Davies in Canada (wo er lange stationiert war) heute als Künstler sehr. Was natürlich daran liegt, dass man in der Zeit keine eigenen Künstler hat. Davies wird es noch bis zum General bringen, und er wird auch noch als Zeichner und Naturforscher berühmt werden. Unser Leutnant Pierie hat keine solche Karriere. Wenn wir wenig über ihn wissen, kennen wir aber die Widmung, mit der er seine Zeichnung versehen hat: To the Rt. Honble Lady Susan O’Brien, this View of the Cataract of Niagara, with the Country Adjacent, is Most Humbly Inscribed by Her Ladyship’s most Obdt. Oblgd & Hmble Servt, Wm. Pierie.

Und nun wird es interessant. Ein irischer Leutnant und eine adlige Irin, gibt es da eine Liebesgeschichte? Für so etwas ist die Naturkulisse der Wasserfälle ja gut, wie wir aus dem Marilyn Monroe Film Niagara wissen. Es gibt eine Liebesgeschichte, aber nicht zwischen unserem topographischen Zeichner und der jungen Susan O’Brien. Mit der Widmung versucht William Pierie wohl, sich bei der feinen Gesellschaft anzubiedern. In den Treasures of the National Archives of Canada heißt es dazu lapidar: Although the O‘ Briens returned to England in 1770, Lady Susan’s royal connections and her extraordinary trip to Niagara Falls in 1766 are no doubt why Pierie dedicated this print to her. 

Wir wissen über die Adressatin sehr viel mehr als über William Pierie. Sie hat wirklich royal connections. Sie verkehrt bei Hofe und ist die Brautjungfer der Königin ➱Charlotte gewesen. Der berühmte Horace Walpole kennt sie (und besitzt sogar ein Medaillon von ihr). Die junge Lady heißt Lady Susan(na) Sarah Louisa O’Brien, sie ist die Tochter von Stephen Fox-Strangways, dem ersten Earl of Ilchester. Die junge Dame könnte ja brav auf einem der Landsitze wohnen, die ihrer Familie gehören, weit weg von den Niagara Fällen.

Aber nein, sie brennt mit zwanzig Jahren mit einem jungen irischen Schauspieler namens William O’Brien durch. Ein Schauspieler! Horace Walpole schreibt seinem Freund Sir Horace Mann: A melancholy affair has happened to Lord Ilchester: his eldest daughter, Lady Susan, a very pleasing girl, though not handsome, married herself two days ago at Covent Garden Church to O’Brien, a handsome young actor. Lord Ilchester doated on her, and was the most indulgent of fathers. ‚Tis a cruel blow. Eigentlich bewundert Walpole den jungen Schauspieler ein klein wenig: Cibber and O’Brien were what Garrick could never reach—coxcombs and men of fashion. Die ganze englische High Society mag O’Brien: his ease, elegance and good sense rendered him a great favourite with the public. In den Tagebüchern von James Boswell taucht er immer wieder auf. Da ist er 1763 a lively little fellow, but priggish, neun Jahre später quite the fine man about town.  Und dann heißt es: I thought him agreeable. His foppishness appeared to be only vivacity and neatness. Und der englische König, der die Brautjungfer seiner Gattin mag, lässt verlauten, er habe much compassion on this unhappy occasion gezeigt.

Hat das alles so angefangen wie auf diesem Stich nach einem Gemälde von Joshua Reynolds? Hier versucht gerade der junge Charles James Fox seine Tante Lady Sarah Lennox und seine Cousine Lady Susan Fox-Strangways zu einem Theaterbesuch zu überreden. Im Privattheater ihres Onkels im Holland House hatte Lady Susan übrigens den jungen William O’Brien kennengelernt. Charles Fox wird einer der einflussreichsten Politiker Englands werden, für Lady Sarah finden die Zeitgenossen immer das Adjektiv notorious. In der Art, wie es die Herzoginnen von Gordon oder von Devonshire sind (lesen Sie doch den Post ➱Herzoginnen, dann wissen Sie was ich meine). Sie sehen schon, in welchen Gesellschaftskreisen wir uns bewegen. Und dann die skandalöse Heirat gegen den Willen des Vaters! Er ist nicht nur Schauspieler und Fechtlehrer. Er ist auch Theaterautor, er schrieb mindestens zwei Theaterstücke, Cross-Purposes und The Duel sind erhalten. Er mag ein O’Brien sein (die ja eigentlich eine königliche Familie sind) und mit jenen O’Briens verwandt sein, die den Titel eines Viscount Clare führen, das zählt alles nicht. Er ist ein Schauspieler, a footman were preferable. I could not have believed that Lady Susan would have stooped so low, ätzt die Klatschbase Walpole. Es hilft auch nichts, dass der junge Mann seinen Beruf aufgibt.

Die Familie straft die mesalliance dadurch, dass sie die beiden nach Amerika verbannt. O’Brien said that their passage of thirty-four days had been a serious affair, worse than any tempest in the theatre, and he had begun to say his short prayers. Lady Susan had been vastly ill the whole way, but was now quite well again, schreibt der berühmte David Garrick, der William O’Brien aus Irland weggelockt und für sein Theater verpflichtet hatte.

Ihr nächster Wohnsitz ist New York. Wo das Paar weit über seine Verhältnisse lebt (William O’Brien hat diesen Hang dazu), so als wollten sie den Hinterwäldlern mal zeigen, wie die englische Aristokratie zu leben versteht. Susans Onkel Lord Holland (der Vater von Charles Fox) hat William O’Brien einen Posten als Barrack-Master in Québec verschafft, doch der bringt nur neunzig Pfund im Jahr (Lady Susan bekommt allerdings noch Geld von ihrer Familie). Die Kasernen von Québec sieht O’Brien nur ein einziges Mal, nämlich im Sommer 1766. Auf dem Weg von New York über Montreal nach Québec hat das junge Paar auch die Niagara Fälle besucht, sicherlich zur damaligen Zeit ein erstaunliches Reiseziel. Lady Susan O’Brien wird so zu einer Art Pionierin des Niagara Tourismus.

Der Tourismus zu den Fällen (hier ein rührendes Photo aus dem Jahre 1832) steckt noch in den Kinderschuhen. Im French Indian War ist dies eine umkämpfte Region. Zwar erobern die Engländer das Fort Niagara 1759, aber während der amerikanischen Revolution kommt niemand auf die Idee, Urlaub an den Wasserfällen zu machen. Es entstehen zuerst auch noch keine Motels oder Macdonald Filialen, 1791 gibt es da eine einzige Hütte, 1797 eine kleine Gastwirtschaft. Die Engländer denen ja Kanada noch gehört, haben die Flussufer zum militärischen Sperrgebiet erklärt, das verhindert den Aufbau einer Infrastruktur. Aber der Tourismus lässt sich nicht aufhalten, 1820 zählt man bei den Niagarafällen schon 60.000 Besucher im Jahr. Und es kommen natürlich auch die Maler, die Nathaniel Hawthorne in seinen Twice-Told Tales schon ironisch darstellt: He had gone with the Indian hunters to Niagara, and there, again, had flung his hopeless pencil down the precipice, feeling that he could as soon paint the roar, as aught else that goes to make up the wondrous cataract.

Auf dem Höhepunkt der amerikanischen Romantik wird ➱Thomas Cole schreiben: And Niagara! that wonder of the world!–where the sublime and beautiful are bound together in an indissoluble chain. In gazing on it we feel as though a great void had been filled in our minds–our conceptions expand–we become a part of what we behold! At our feet the floods of a thousand rivers are poured out–the contents of vast inland seas. In its volume we conceive immensity; in its course, everlasting duration; in its impetuosity, uncontrollable power. These are the elements of its sublimity. Its beauty is garlanded around in the varied hues of the water, in the spray that ascends the sky, and in that unrivalled bow which forms a complete cincture round the unresting floods. Als er die Fälle vor seiner Europareise geleitet von indianischen Führern aufsuchte, war von dieser pathetischen Emphase weit entfernt. Das weihevolle Naturerlebnis wollte sich nicht einstellen, es regnete die ganze Zeit, und der Gesamteindruck hatte nichts von Burkes ➱Erhabenenit has a horrible appearance, notierte Cole in seinem Tagebuch.

1768 erhält William O’Brien die Stellung eines Secretary und Provost-Master-General der Bermudas. Dort bleiben sie nicht lange, die Familie hat ein Einsehen. Sie dürfen zurück nach England und beziehen Stinsford House in Dorset. William O’Brien wird Schatzmeister von Dorset, was ihm ein geregeltes Einkommen sichert. Er möchte nicht mehr daran erinnert werden, dass er einmal auf den Brettern, die Welt bedeuten, gestanden hat. Ein Nachbar will gehört haben that he desired as much as possible to “sink the player,” and to “bury in oblivion those years of his life which were the most worth being remembered ashamed, perhaps, of a profession which is no disgrace to any one who conducts himself respectably in it, and in which to succeed is, generally speaking, a proof of good natural abilities and a diligent application of them.” Die Welt der O’Briens ist jetzt Stinsford und London. Als William 1815 stirbt sind die beiden fünfzig Jahre verheiratet gewesen. Glücklich verheiratet, most affectionately attached to each other, liest man immer wieder bei Zeitzeugen. Nach seinem Tod erzählt Lady Susan ihrer Nichte that he had been the object of my thoughts, affections and anxieties since nineteen years old, and must until death be the object of my regrets.

Wäre das alles nicht Stoff für einen großen Roman gewesen? Vielleicht für den englischen Schriftsteller, der aus der Gemeinde Stinsford kommt? Susan O’Brien wird bei einem örtlichen Baumeister ein Familiengrab bestellen, just large enough for our two selves only. Der Baumeister baut übrigens auch dieses Haus, in dem der Schriftsteller Thomas Hardy geboren wird. Der Baumeister ist der Großvater von Thomas Hardy, der die Geschichte der beiden Liebenden von klein auf kannte, hat den Roman ihres Lebens leider nicht geschrieben.

Aber vergessen hat er die Lady Sue nie. 1892, wenn das Herrenhaus in Stinsford (das in seinen Romanen Mellstock heißt) brennt, schreibt er in sein Tagebuch: My father when a boy-chorister in the gallery of the church used to see her, an old and lonely widow, walking in the garden in a red cloak. In das ➱Gedicht Friends Beyond haben die beiden Liebenden aber ihren Weg gefunden: And the Squire, and Lady Susan, lie in Mellstock churchyard now! Auf dem Friedhof von Stinsford liegt Thomas Hardy auch. Aber die Niagara Fälle, die hat er nie gesehen. Und mit jenem Thomas Hardy, der 1787 eine Gerberei eine halbe Meile stromaufwärts gründete, ist er auch nicht verwandt.

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